Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #361# 191 - Engels an Hermann Schlüter - 1. Januar 1895
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       191
       
       Engels an Hermann Schlüter
       in Hoboken
       
       41, Regent's Park Road, N.W.
       London, 1. Jan. 95
       Lieber Schlüter.
       Dein Brief  vom 11.  Aug. ist  noch unbeantwortet, und ebenso bin
       ich Dir  noch meinen  Dank  schuldig  für  das  Census-Compendium
       [220], das  ich richtig  erhalten habe. Ich bin aber mit allerlei
       Arbeit über  und über beschäftigt gewesen, und die dringende Par-
       tei- und  Geschäftskorrespondenz hat  mir fast  alle Privatkorre-
       spondenz unmöglich  gemacht, worunter  auch Sorge hat leiden müs-
       sen. Von ihm wirst Du gehört haben, daß Louise Kautsky jetzt Frau
       Dr. Freyberger  und Mutter  eines kräftigen und gesunden Mädchens
       ist, und  daß wir  allesamt nach  41, Regent's Park Road verzogen
       sind.
       Ich habe  Dir, wie  Sorge Dir gesagt haben wird, ein Ex. des III.
       Bandes "Kapital"  Adr. "Volkszeitung"  geschickt, weil  ich nicht
       weiß, ob  Deine Hobokener  Adresse noch  gültig  ist.  Jedenfalls
       schien die  "V[olkszeitung]" mir sicherer. Ich konnte aber Deinen
       Auftrag an  Ede nicht  ausführen [388],  da dieser längst für die
       "N[eue] Z[eit]"  bereits für denselben Zweck engagiert war [332],
       was ich Dir eigentlich hätte schreiben sollen, bitte entschuldige
       es.
       Hier geht's  ähnlich wie  bei Euch.  Der sozialistische  Instinkt
       wird immer stärker bei den  M a s s e n,  aber sowie's darauf an-
       kömmt, die  instinktiven Antriebe in klare Forderungen und Gedan-
       ken überzuführen, da fallen die Leute gleich auseinander, da gehn
       die einen  zur Social  Democratic Federation [10], die andern zur
       Independent Labour  Party [9], die dritten bleiben bei der Trades
       Unions Organisation  stehn, usw.  usw. Kurz,  lauter  Sekten  und
       keine Partei.  Die Führer sind fast alle ziemlich unsichre Kanto-
       nisten, die  Kandidaten für  die oberste  Führung sind sehr zahl-
       reich, aber  keineswegs hervorragend für den Posten befähigt, und
       dabei stehn  die beiden  großen bürgerlichen  Parteien und passen
       auf, den Geldbeutel in der Hand, wen sie kaufen können. Dabei ist
       die  hiesige   sogenannte  "Demokratie"   sehr  beschränkt  durch
       i n d i r e k t e   Schranken. Eine  Zeitschrift kostet horrendes
       Geld, ditto  eine Kandidatur  zum Parlament,  ditto das Leben als
       Parlamentsmitglied -  schon wegen  der enormen Korrespondenz, die
       daraus
       
       #362# 191 - Engels an Hermann Schlüter - 1. Januar 1895
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       folgt. Die  Revision der  miserabel geführten Wählerlisten kostet
       ebenfalls viel  Geld, und keine andern als die beiden offiziellen
       Parteien können  bis jetzt  die Kosten  aufbringen. Wer sich also
       nicht einer dieser Parteien verschreibt, kommt schwerlich auf die
       Liste. In allen diesen Sachen sind die Leute hier weit hinter dem
       Kontinent zurück und fangen auch an, dies zu merken; so auch, daß
       keine Stichwahl  ist, und  die relative  Majorität, oder, wie Ihr
       Amerikaner sagt,  plurality, hinreicht;  wobei alles  auf   n u r
       z w e i   Parteien eingerichtet  ist, eine  dritte höchstens  den
       Ausschlag geben kann, bis sie den andern gleich stark ist.
       Ebensowenig bringen  die hiesigen Trades Unions fertig, etwas wie
       den Berliner  Bierboykott [387]  durchzuführen -  ein  Schiedsge-
       richt, wie  das dort  eroberte, wäre  etwas hier jetzt noch Uner-
       reichbares.
       Dahingegen -  wie bei  Euch -  wissen hier die Arbeiter erst, was
       sie wollen,  so gehört  ihnen auch Staat, Land, Industrie und al-
       les.
       Dies für Dich, nicht für die "V[olkszeitung]".
       Louise grüßt  bestens, und wir beide wünschen Dir herzlich Prosit
       Neujahr!
       Dein F. Engels

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