Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#367# 194 - Engels an Paul Stumpf - 3. Januar 1895
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194
Engels an Paul Stumpf
in Mainz
41, Regent's Park Road, N.W.
London, 3. Jan. 95
Lieber Alter,
Deine Gratulation zu meinem vollendeten 74sten (Du bist so lie-
benswürdig, mich ein Jahr jünger zu machen) erwidre ich, wie Du
siehst, mit einem kräftigen Prosit Neujahr. Hoffentlich trifft
uns das nächste noch beide gesund und munter, ich habe nämlich so
ein Gelüst, noch so eben ins neue Jahrhundert hineinzugucken, so
gegen den 1. Januar 1901 bin ich dann aber auch total verschlis-
sen, und dann kann's losgehn.
Der Parteikrakeel hat mich nicht sehr gerührt, es ist viel bes-
ser, so etwas kommt von Zeit zu Zeit und wird richtig ausge-
tratscht, als daß die Leute einschlafen. Eben die stetig wach-
sende, unaufhaltsame Ausdehnung der Partei bringt es mit sich,
daß die neuen Elemente schwerer zu verdauen sind als die früher
zugeströmten. Die Arbeiter der Großstädte, also die intelligente-
sten und gewecktesten, haben wir ja schon, was jetzt kommt, sind
entweder Arbeiter der Kleinstädte oder Landdistrikte, oder Stu-
denten, Kommis usw., oder mit dem Untergang ringende Kleinbürger
und ländliche Hausindustrielle, die noch ein Stückchen Land zu
eigen oder in Pacht haben, und jetzt obendrein auch noch richtige
Kleinbauern. Und da in der Tat unsre Partei die einzige wirklich
fortschrittliche Partei ist, die einzige dazu, die stark genug
ist, auch Fortschritte zu erzwingen, so liegt die Versuchung nah,
auch den rebellisch werdenden verschuldeten Mittel- und Großbauer
ein bißchen mit Sozialismus zu bearbeiten, namentlich in solchen
Gegenden, wo diese Leute auf dem Land vorherrschen. Dabei wird
dann auch wohl über die Grenze des unsrer Partei prinzipiell Er-
laubten hinausgegangen, das gibt dann einigen Krakeel, aber unsre
Partei hat eine so gesunde Konstitution, daß das alles nichts
schadet. Im Ernst ist keiner so dumm, sich von der großen Masse
der Partei trennen zu wollen, und keiner so eingebildet zu glau-
ben, er könne n e b e n unsrer großen Partei noch ein kleines
Privatparteichen, ähnlich wie die schwäbischen Volksparteiler
[390], bilden, die es ja glücklich von sieben Schwaben auf elf
Schwaben gebracht
#368# 194 - Engels an Paul Stumpf - 3. Januar 1895
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haben. All dieser Krakeel dient nur zur Enttäuschung der Bour-
geois, die auf eine Spaltung nun seit 20 Jahren immer von neuem
rechnen und ebenfalls seit 20 Jahren dafür sorgen, daß es bei uns
nicht einmal zur Gefahr einer Spaltung kommt. So auch jetzt mit
der Umsturzvorlage [355], mit der Erhebung Liebknechts zum
Vertreter der Rechte des Reichstags und der Reichsverfassung
[367] und mit den Drohungen mit Staatsstreich und Rechtsbruch von
oben. Sicher passieren auch bei uns Dummheiten, aber um solchen
Gegnern möglich zu machen, uns zu besiegen, dazu müßten wir von
einer gradezu rindviehmäßigen Dummheit sein, wie sie heutzutage
für alles Geld in der Welt nicht mehr zu kaufen ist. Sonst wäre
Dein Plan, der jungen Generation auch einmal das Ruder in der
Partei zu überlassen, damit sie sich festreiten, gar so übel
nicht; ich glaube aber, sie kommen auch ohne dies Experiment zu
Verstand und Erfahrung.
Wie Du aus der Adresse siehst, bin ich, wie man bei uns sagt, ein
Häuschen weiter gezogen, es ist viel besser und kommoder und
liegt ganz nah am Parkeingang.
Ich hoffe, der Heilig Geist, wo wir seinerzeit diverse Schoppen
vertilgten [391], floriert immer noch, ich möchte wohl einmal
wieder an einem heißen Sommertag in dem gotischen Gewölbe mich
abkühlen. Wer weiß, was noch geschieht, man soll nichts für un-
möglich erklären.
Also nochmals Prosit Neujahr und herzlichen Gruß von
Deinem F. Engels
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