Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #371# 196 - Engels an Victor Adler - 9. Januar 1895
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       196
       
       Engels an Victor Adler
       in Wien
       
       41, Regent's Park Read, N.W.
       London, 9. Jan. 95
       Lieber Victor,
       Ich schreibe  Dir heute  eigentlich nur,  um Dir  anzuzeigen, daß
       Sonntag abend  Louise unter  Streifband ein  Ms., enthaltend drei
       Notizen an  die Redaktion der "A[rbeiter]-Z[eitung]", 10 Schwarz-
       spanierstraße, abgeschickt hat; sie enthalten
       1. etwas über Baumwollindustrie
       2. etwas über  die. Aktion  des Parliamentary Committee des Trade
       Unions Kongresses  [312]  (teilweise  schon  antizipiert  in  der
       "A[rbeiter]-Z[eitung]"). [394]
       3. etwas aus einer Pariser Korrespondenz der Mrs. Crawford. [395]
       Da Ihr früher mit Manuskriptsendungen unter Streifband Schwierig-
       keiten hattet, halte ich diese Anzeige für geboten.
       Sollte man  wieder versuchen,  Euch nachträglich Portozuschlag zu
       erheben unter  dem Vorwand, die Sendung  a l s  B r i e f  zu be-
       handeln, so  wäre es  an der Zeit, Beschwerde zu führen. Nach dem
       im englischen  Posthandbuch amtlich  gegebenen Auszug  (in Anfüh-
       rungszeichen gegeben) sind unter Streifband zu 1/2 Penny für zwei
       Unzen Porto  versendbar im  internationalen Verkehr des Weltpost-
       vereins "manuscript  of books or other literary productions" 1*).
       Das  muß  doch  auch  dort  durchzusetzen  sein,  oder  will  die
       "A[rbeiter]-Z[eitung]" freiwillig zwanzigfaches Strafporto (2 1/2
       Penny für eine 1/2 Unze) zahlen?
       Ferner. Wir  erfahren aus  Rußland, daß  im "Europäischen  Boten"
       (Vestnik Jevropy), Dezemberheft, ein äußerst scharfer, für russi-
       sche Zensurverhältnisse sogar unerhört scharfer Artikel über Ale-
       xander III.  steht [396]  - da  Deine Frau ja vollkommen russisch
       kann, wäre es nicht der Mühe wert, ihn anzusehen und womöglich zu
       verwerten? Es  wäre ja ein Hauptspaß, wenn auch in solchen Dingen
       die "Arbeiter-Zeitung"  den bürgerlichen  Blättern den  Rang  ab-
       liefe.
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       1*) Manuskripte von Büchern oder anderen schriftlichen Erzeugnis-
       sen
       
       #372# 196 - Engels an Victor Adler - 9. Januar 1895
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       Bis jetzt  sind von  der "A[rbeiter]-Z[eitung]" hier Nummer 1 und
       3-8 angekommen,  alle adressiert  an Ludwig  Freyberger, dazu ein
       Ex. Nummer 1 adressiert von Deiner Hand an mich. Der Übergang, in
       der Anordnung des Stoffes, von dem zweimal wöchentlichen zum täg-
       lichen Blatt [294] ist noch nicht ganz vollendet, man sieht aber,
       daß er  im Gang  ist und  daß die Donnerstag-Abend-Nummer und die
       Sonntagsnummer jede  mit besonderem  Charakter und für ein beson-
       deres Publikum  sich von  den anderen Nummern herausheben. Daß Du
       einstweilen keine  Zeit hast  zu Leitartikeln,  begreift sich, es
       ging Marx  bei der  "N[euen] Rheinischen]  Z[eitung]" ebenso,  im
       ganzen ersten  Monat sind  nur zwei  von ihm und im ganzen ersten
       Vierteljahr kaum fünf. Der Chefredakteur hat anfangs genug zu tun
       mit dem  Organisieren, und  das ist  das wichtigste.  Im  übrigen
       macht sich  das Blatt  schon recht  gut für  die erste Woche, was
       noch fehlt, wird sich schon finden.
       Vandervelde haben wir Deinen Auftrag am 1./1. ausgerichtet, wo er
       einen Augenblick hier war. [397]
       Laura habe  ich das  Nötige aus Deinem Brief mitgeteilt 2*), aber
       seitdem nichts  mehr darüber  gehört, vielleicht hat Lafargue Dir
       direkt geschrieben.
       Wegen "Marx  in Wien  1848" kann ich Dir nicht viel Material lie-
       fern. Ich  will mal die "N[eue] Rh[einische] Z[eitung]" wegen Da-
       ten nachsehen,  auch ob  ich Näheres  wegen Becher  finde.  [398]
       Unser Wiener  Korrespondent war ein gewisser Müller-Tellering aus
       Koblenz, fanatisch  wie alle  Koblenzer und  ein Krakeeler erster
       Klasse; nach  seiner Rückkehr  nach Deutschland  kam er erst nach
       Köln Ende  49 und  fing Krakeel  mit dem roten Becker 3*) an, kam
       dann nach  London, hatte  wegen einer  unbedeutenden persönlichen
       Geschichte (die  bei etwas weniger Verkehrtheit seinerseits durch
       zwei Minuten  Gespräch auszugleichen war) sofort Krakeel auch mit
       uns und  ließ sogleich  eine Broschüre  von Stapel: "Vorgeschmack
       der Diktatur  von Marx  und Engels."  Dann ging  er nach Amerika,
       versuchte gegen  uns zu stänkern, verscholl aber sehr bald. Seine
       Wiener Berichte  bis zum  Einzug von  Windischgrätz  waren  über-
       trieben gewaltrevolutionär,  was gegenüber  der überall mächtiger
       auftretenden Reaktion  uns ganz  recht war; was er aber über Per-
       sönlichkeiten sagte, konnten wir damals aus der Ferne nicht beur-
       teilen, war aber sicher stark durch persönliche Strömungen beein-
       flußt. Wir  mußten für  derlei in  so bewegter  Zeit eben unseren
       Korrespondenten viel  Verantwortlichkeit und  im Verhältnis  auch
       viel Freiheit lassen.
       Noch eine  politische Nachricht,  die Dir vielleicht nützen kann,
       wenn wieder  die Rede  auf derartiges  kommen sollte:  vorgestern
       abend war hier
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       2*) siehe vorl. Band, S. 357 - 3*) Hermann Becker
       
       #373# 196 - Engels an Victor Adler - 9. Januar 1895
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       politisches Gerede  von Ministerkrise; der Schatzkanzler Harcourt
       wollte abdanken.  Er desavouierte  aber gleichzeitig: die Behaup-
       tung,  w i e  s i e  a u f g e s t e l l t  s e i  (as made), sei
       absolut erfunden.  Es war  nicht wahrscheinlich,  daß ein Schatz-
       kanzler  a l l e i n  sich zurückzieht im Moment, wo er drei Mil-
       lionen Pfund  Überschuß hat,  also ein  brillantes Budget  machen
       kann. Die Sache war aber die: Harcourt ist  f ü r  Einführung von
       Diäten für  die Parlamentsmitglieder   v o r   der  Auflösung und
       findet starken  Widerstand im  Kabinett - wahrscheinlich auch bei
       der Königin  4*). Er scheint mit Rücktritt gedroht und Konzessio-
       nen in  obiger Frage erlangt zu haben, jedenfalls ist einstweilen
       alles wieder im Geleise. Du siehst, wie hier die Dinge in der of-
       fiziellen Welt wacklig stehn.
       Wegen des Geldes 5*) sind alle erforderlichen Schritte geschehen,
       ich denke  in ein  paar Tagen  wirst Du Näheres erfahren und hof-
       fentlich auch das bare erhalten.
       Louise will noch ein paar Zeilen drunterschreiben. Sie und Ludwig
       grüßen. Ditto Dich und Deine Frau
       Dein F. Engels
       
       Am 5.  d. schickten  wir Dir  drei Ex. von englischen sozialisti-
       schen Blättern: "Clarion", "Justice", "Labour Leader", (Keir Har-
       die) und  werden auch  fernerhin diverse  Nummern von  diesen von
       Zeit zu Zeit schicken, damit Du selbst wählen kannst, welches Dir
       am besten gefällt. Bitte, sieh sie an.
       
       [Nachschrift von Louise Freyberger]
       Lieber V[ictor],
       Die finanziellen Geschäfte sind nun soweit erledigt, daß das Geld
       nun bald  in Wien sein wird. Eines möchte ich doch noch ersuchen,
       laß mir  und Ludwig  eine Legitimationskarte  ausstellen.  Ludwig
       läßt sich  als temporäres  Mitglied im National-Liberal Club auf-
       nehmen, dem I. liberalen Club hier in der Nähe des Parlaments, wo
       alle Liberalen,  Radikalen M.P.  verkehren und Journalisten aller
       Schattierungen. Hier  muß man  sich für alles legitimieren können
       und Euch  schadet es  ja nichts.  Herzlichen Gruß  von  den  drei
       L.L.L. 6*)
       
       Nach: Victor Adler,
       "Aufsätze, Reden und Briefe",
       Heft 1, Wien 1922.
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       4*) Victoria -  5*) siehe vorl.  Band, S.  343/344 -  6*) Louise,
       Ludwig, Lulu

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