Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #379# 201 - Engels an Hermann Engels - 12. Januar 1895
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       201
       
       Engels an Hermann Engels
       in Barmen
       
       41, Regent's Park Road, N.W.
       London, 12. Jan. 95
       Lieber Hermann,
       Also endlich!  Doch ich  habe keine  Zeit, mich zu entschuldigen.
       Vor allem meinen Dank für Deine Mitteilungen, die mich wieder ei-
       nigermaßen au fait 1*) gesetzt haben. Ich revanchiere mich, indem
       ich Dir auch gleich allerlei erzähle. Vor allem entdeckst Du oben
       eine veränderte Adresse. Dies trägt sich zu wie folgt.
       Vor etwas  über einem Jahr verlobte sich meine Hausgenossin, Frau
       Kautsky, mit  einem Landsmann,  einem jungen,  äußerst  tüchtigen
       Wiener Arzt,  Dr. Freyberger, der sich seit 2 Jahren hier nieder-
       gelassen hat;  und bald trat das Verlangen ein, der Verlobung ein
       Ende zu  machen durch  eine Heirat.  Da ich  aber kein  Verlangen
       hatte, mich  auf meine alten Tage in fremde Hände zu überliefern,
       so arrangierten wir uns, alle drei zusammenzuziehn, und damit kam
       das Bedürfnis  für ein  größeres Haus. Einstweilen heirateten die
       jungen Leutchen  anfangs Februar,  und wir blieben in 122, fanden
       aber bald ein sehr schönes, großes und ausnehmend wohlfeiles Haus
       in einem  weit besseren Teil derselben Straße und nahmen es. Seit
       Anfang Oktober  sind wir  darin, und  Anfang November  beschenkte
       Louise mit  seltner Pünktlichkeit  ihren Herrn  Gemahl mit  einem
       kleinen Mädchen.
       Das Haus  liegt etwa 500 Schritt näher zur Stadt hin, 100 Schritt
       von Primrose  Hill und weniger vom Eingang zum Regent's Park, hat
       unten  im   basement  2*)   außer  Küche   etc.  ein  gemütliches
       Frühstückszimmer, zu  ebner Erde  Salon und  Speisezimmer, wo man
       bequem 24  Menschen am  Tisch haben  kann, auf  dem ersten  Stock
       vornheraus mein  Arbeitszimmer -  3 Fenster  Front und doch recht
       gut zu  heizen -, nach hinten mein ebenfalls großes Schlafzimmer;
       2. Stock: 4 Zimmer, die die Familie Freyberger bewohnt; 3. Stock,
       dito 4  Zimmer für  Mägde, Fremde,  Rumpelkammer  etc.  Vorn  ein
       Gärtchen, hinten  ein größeres,  für hier  schon ganz nettes. Das
       ganze
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       1*) in Kenntnis - 2*) Kellergeschoß
       
       #380# 201 - Engels an Hermann Engels - 12. Januar 1895
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       kostet jährlich £ 85, wo ich früher £ 60 zu zahlen hatte! Das Ge-
       heimnis ist,  daß der  landlord in Lancashire wohnt und kein Geld
       auslegen, sondern nur welches einnehmen will. Ich habe also ca. £
       200 für  Reparaturen vorgeschossen  und zahle dafür während 2 1/2
       Jahr keine  Miete, wohne  das Geld  ab. Der  letzte Bewohner, ein
       Arzt, zahlte  £ 130;  da siehst Du, wie hier der Wert von Häusern
       schwankt.
       Diese Hausgeschichte  wickelte sich  im Laufe des Sommers ab, und
       da ich das Haus auf eine lease 3*) von 7 Jahren mit dem Recht der
       Erneuerung auf  weitere 7 Jahre nahm, so war dieserhalb und wegen
       der Sicherstellung meines Vorschusses eine langwierige Advokaten-
       verhandlung nötig,  die mich  hinderte, mich  weit von  London zu
       entfernen. Ich  bin also  bloß etwa 5 Wochen in Eastbourne an der
       Südküste gewesen.  [314] Das  ist doch der schönste Seeplatz, den
       ich kenne,  es wird in der Tat schon eine See-Vorstadt von London
       für Leute,  die nicht  öfter als  ein paarmal  die Woche hie- her
       nach London zu kommen brauchen.
       Bitte gratuliere  Elsbeth 4*) nochmals nachträglich zu ihrer Ver-
       lobung und  Walter 5*)  zum hoffentlich glücklich bestandenen Ex-
       amen. Ich  bin Walter  eigentlich noch einen Brief schuldig, aber
       die Entschuldigung  dafür muß  ich ihm leider auch schuldig blei-
       ben, ebensogut wie Dir. Nix for ungut!
       Also nun  zum Sherry.  Les jours  se suivent et ne se ressemblent
       pas 6*), und so geht's mit den Weinjahren; den  a l t e n  Sherry
       wieder zu  verschaffen, das  geht über  unsre Kräfte. Ich wartete
       auf den  Besuch von Brett, meiner Quelle, er kam aber viel später
       als gewöhnlich. Nun habe ich ihn gebeten, mir 3 Probeflaschen von
       Sherry, so  ähnlich wie  möglich dem  ersten Dir  gesandten, in 3
       Qualitäten zu  schicken. Das  Kistchen ist soeben angekommen. Ich
       bringe es Montag auf die Continental Parcels Express, Du wirst es
       wahrscheinlich per  Fahrpost erhalten,  für  den  internationalen
       Postverkehr überschreitet  es die Gewichtsgrenze von 7 Pfund. Ich
       würde Dir  nun raten, beim Probieren von der Dir gefälligen Sorte
       1/2 Flasche abzuziehn und dort zu behalten. Die Flaschen sind nu-
       meriert 1,  2, 3, die Angabe der Nr. genügt zur Bestellung. Preis
       für alle  drei 42/-  das Dutzend,  oder 3/6 d. die Flasche franko
       London. Versendung  würde ich,  wenn nicht anders instruiert, per
       direkten Dampfer nach Köln oder Düsseldorf besorgen.
       Noch eins.  Da jetzt  weniger Zahlungen für meine Rechnung drüben
       zu machen  sind, summiert  sich mein  Saldo bei Euch wieder mehr.
       Der Umzug  hat auch  Geld gekostet,  außer dem  Vorschuß  an  den
       landlord, wenn Du mir
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       3*) Pacht - 4*) Elsbeth Engels - 5*) Walter Engels - 6*) Die Tage
       folgen einander, doch sie gleichen sich nicht
       
       #381# 201 - Engels an Hermann Engels - 12. Januar 1895
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       also im  Lauf dieses  Monats sage £ 40 kannst zukommen lassen, so
       wird's mir angenehm sein.
       Zum Schluß  kann ich Dir die angenehme Mitteilung machen, daß ich
       endlich ein  alter Mann  geworden bin. Voriges Frühjahr hatte ich
       eine Bronchitis,  die, so  leicht sie  war, doch  unter 6  Wochen
       nicht weggehn wollte; und ferner habe ich im letzten Jahr viel an
       Magendrücken, Verstopfung etc. gelitten. Da habe ich's Freyberger
       endlich wohl glauben müssen, daß ich mir die alten Sparjitzen 7*)
       nicht mehr  erlauben darf.  Und wenn mich vor dem Spiegel eine um
       sich greifende  Glatzenkrone immer verächtlicher ansieht, so kann
       ich mich  nicht länger  vor der Einsicht verschließen, daß 74 und
       47 zwei  sehr verschiedne Dinge sind. Essen und Trinken sind sehr
       beschränkt worden,  und auch  gegen Erkältungen muß ich allerhand
       ungewohnte Schutzmaßregeln  mir gefallen lassen. Nun, es muß auch
       so gehn, der Humor geht mir darum doch nicht aus.
       So, jetzt  hab' ich mich hoffentlich revanchiert. Bitte grüß Emma
       8*) und Deine Kinder und Enkel, sowie Rudolph 9*) und Hedwig 10*)
       nebst Familien herzlich.
       Stets Dein alter Friedrich
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       7*) Scherze -  8*) Emma Engels - 9*) Rudolph Engels - 10*) Hedwig
       Boelling

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