Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#388# 204 - Engels an Laura Lafargue - 19. Januar 1895
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204
Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
41, Regent's Park Road, N.W.
London, 19. Jan. 95
Mein liebes Löhr,
Dein letzter Brief hat mich wirklich erschreckt. Ich habe, aller-
dings ziemlich erfolglos, versucht, mir die in meinem Brief an
Dich vom 29. Dez. gebrauchten Worte ins Gedächtnis zurückzurufen;
doch soweit ich mich erinnern kann, ist darin kein Wort, das Dich
hätte verletzen können. Wenn nun im Ton dieses Briefes wirklich
irgend etwas ist, das Dich befremdet, so ist das ganz gegen mei-
nen Willen und ohne Absicht geschehen.
Es würde mir niemals einfallen, noch ist es mir jemals auch nur
für einen Augenblick eingefallen, daran zu zweifeln, daß es Dei-
nerseits richtig oder angemessen ist, jederzeit zu fragen, welche
Schritte ich unternommen habe oder zu unternehmen beabsichtige,
damit bei meinem Tode gesichert ist, daß die Papiere Mohrs, die
Du mir anvertraut hast, an Euch, die rechtmäßigen Eigentümer, zu-
rückgehen. 1*) Und nie habe ich je irgend etwas an den Ausdrücken
auszusetzen gefunden, in denen Du hierüber zu Tussy gesprochen
hast. Daher scheint es mir auch so überaus merkwürdig, daß ich
Dir in einem Ton geschrieben haben sollte, der Dir Grund zur Be-
schwerde geben könnte.
Ich war allerdings gereizt durch die A r t, in der Tussy sich
veranlaßt sah, mir die Frage zu stellen, und unter diesen Umstän-
den hielt ich mich für verpflichtet, mit ihr darüber zu reden.
Als ich es tat, sagte ich ihr, n i c h t n u r e i n m a l,
s o n d e r n d r e i- o d e r v i e r m a l, daß ich nicht
ein Wort gegen Deinen Brief einzuwenden habe, weder, was seinen
Inhalt noch seine Ausdrucksweise angeht. Jedenfalls hatten Tussy
und ich eine Aussprache, die, soviel ich weiß, alles, was mit
dieser Sache zusammenhängt, regelte, und wir blieben gute Freunde
wie bisher; ich würde es jedoch unendlich bedauern, wenn durch
irgendwelche unbedachten Worte meinerseits oder durch andere Um-
stände dieser kleine Zwischenfall seine Schatten bis nach Le Per-
reux geworfen hätte.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 505-511
#389# 204 - Engels an Laura Lafargue - 19. Januar 1895
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Inzwischen sind die Dinge bei Euch zu einer Krisis gekommen. Ich
wollte darüber ausführlich schreiben, aber Bebel bat mich plötz-
lich um historisches Material über die verschiedenen und recht
häufigen Unruhen hier in England, die beigelegt werden, ohne daß
jemals der Versuch gemacht wird, das Gesetzbuch mit verschärften
Strafgesetzen oder Ausnahmegesetzen zu belasten. Er ist in dem
Ausschuß über die Umsturzvorlage 2*) [355] und braucht es dafür,
so mußte ich alles andere liegenlassen und das Material mit der
heutigen Post wegschicken, ehe die üblichen Sonntagsverzögerungen
der Post es aufhalten.
Jedenfalls haben unsere 50 französischen sozialistischen Depu-
tierten Glück. In weniger als 18 Monaten haben sie drei Ministe-
rien und einen Präsidenten zu Fall gebracht. [410] Das beweist,
was eine sozialistische Minderheit in einem Parlament erreichen
kann, das, wie das französische oder englische, wirklich die
oberste Macht im Lande ist. Unsere Leute in Deutschland können
eine ähnliche Macht nur durch eine Revolution erlangen; der Bank-
rott der Zentrumspartei [17] würde sie jedoch zum aus-
schlaggebenden Faktor des Reichstags machen, und von ihnen würde
das politische Gleichgewicht abhängen.
Wie kläglich ist doch Casimirs Rückzug! Nach der Prahlerei bei
seinem Amtsantritt, nun bei der ersten ernsten Schwierigkeit aus-
zukneifen! [411] Es sieht aus, als ob unsere bürgerlichen Helden
im einzelnen genau so degeneriert sind wie ihre Klasse insgesamt.
In Deutschland scheint das gleiche Prinzip zu herrschen; Bebel
will offenbar nicht glauben, daß von Koller und Co. die Männer
sind, die einen coup d'état bis zu Ende durchführen könnten; es
sieht überall aus wie in der Geschichte von Bérangers altem Nar-
ren, der Babette umwarb und zu spät herausfand, daß die Tage, wo
er Mädchen umwerben konnte, vorüber sind. [412]
Mir scheint jedoch der größte Erfolg der zu sein, daß die Skan-
dalaffären der opportunistischen Majorität wieder aufgedeckt wor-
den sind, daß Raynal festgenagelt worden ist und daß es wahr-
scheinlich unmöglich ist, die Sache wieder zu vertuschen. [413]
Die offensichtliche Korruption aller anderen Parteien muß, beson-
ders in Frankreich, Wunder wirken zugunsten unserer Partei und
sollte uns großartige und unerhoffte Erfolge sichern bei den
nächsten allgemeinen Wahlen, die jetzt nicht mehr sehr fern sein
können, denn wer kann mit der jetzigen Kammer regieren?
Ça chauffe! 3*) Und weder Félix Faure noch der junge Wilhelm 4*)
werden imstande sein, das Feuer zu ersticken.
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2*) in der Handschrift deutsch: Umsturzvorlage - 3*) Das zündet!
- 4*) Wilhelm II.
#390# 204 - Engels an Laura Lafargue - 19. Januar 1895
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An Paul werde ich schreiben, sobald ich nur einen Augenblick Zeit
finde. Dank für die Zeitungen, die ich nach dem Lesen an Tussy
weitergeschickt habe.
Immer Dein F. Engels
Aus dem Englischen.
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