Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#39# 20 - Engels an Paul Lafargue - 25. Februar 1893
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20
Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 25. Febr. 1893
Mein lieber Lafargue,
Wie die Zeit vergeht! der alte Harney erinnerte mich heute morgen
daran, daß gestern der Jahrestag der Februarrevolution war - "Es
lebe die Republik!", mein Gott, wir haben jetzt so viele andere
Jahrestage zu feiern, daß man diese halbbürgerlichen Daten ver-
gißt. Unvorstellbar, daß es in fünf Jahren ein halbes Jahrhundert
her sein wird, seit sich dies ereignet hat. Damals begeisterte
man sich für die Republik - république mit kleinem r; seit man
sie mit einem großen R schreibt, ist sie nichts mehr wert, außer
als beinahe überlebte historische Etappe.
Ihre Rede war sehr gut, und ich bedauere nur, daß sie nicht zwei
Monate früher gehalten worden ist. Aber besser spät als niemals;
ich wundere mich nicht, daß Kammer und Presse sie unzeitgemäß ge-
funden haben; wenn wir ihr placet 1*) abwarten wollten, würde uns
niemals das Wort erteilt werden. [67] Was die Radikal-Sozialisten
à la Millerand und Cie angeht, so muß dem Bündnis mit ihnen unbe-
dingt die Tatsache zugrunde liegen, daß unsere Partei [68] eine
besondere Partei ist und sie dies anerkennen müssen. [69] Das
schließt keineswegs eine gemeinsame Aktion bei den nächsten Wah-
len aus -, vorausgesetzt, daß die Verteilung der Sitze, die ge-
meinsam erstritten werden, sich nach dem wirklichen Kräftever-
hältnis vollzieht; diese Herren pflegen den Löwenanteil für sich
zu fordern.
Wenn Ihre Reden in der Kammer nicht mehr die gleiche Resonanz
finden wie vordem, so darf Sie das nicht entmutigen. Sehen Sie
sich unsere Freunde in Deutschland an, sie sind jahrelang ausge-
zischt worden, und jetzt beherrschen die 36 den Reichstag. Bebel
hat mir geschrieben: wenn wir achtzig oder hundert (auf 400 Mit-
glieder) wären, würde der Reichstag unmöglich sein. Es gibt keine
Debatte worüber auch immer, bei der wir nicht intervenieren, und
alle Parteien hören uns an. Die Debatte über die
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1*) ihre Erlaubnis
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sozialistische Organisation der Zukunft hat fünf Tage gedauert,
und Bebels Rede ist in 3 u n d e i n e r h a l b e n
M i l l i o n E x e m p l a r e n angefordert worden. Jetzt
werden sie die ganze Debatte als Broschüre à fünf Pfennig drucken
lassen, und die ohnehin schon ungeheure Wirkung wird verdoppelt
werden! [41]
Ihr habt vollkommen recht, wenn Ihr die Wahlen vorbereitet. Wir
müßten mindestens 20 Sitze erobern. Ihr habt den ungeheuren Vor-
teil, durch die Gemeindewahlen den M i n d e s t stand Eurer
Kräfte an jedem Ort zu kennen; denn ich nehme an, daß Ihr seit
dem letzten Mai [70] beträchtlich gewonnen habt. Das wird Euch
bei der Verteilung der Kandidaturen zwischen Euch und den Radi-
kal-Sozialisten sehr helfen. Aber vielleicht zieht Ihr es vor,
Eure Kandidaturen überall da aufzustellen, wo Ihr eine Chance
habt, unter dem Vorbehalt, sie wenn nötig in der Stichwahl zugun-
sten der Radikalen zurückzuziehen, falls letztere mehr Stimmen
erhalten sollten.
Bei den Wahlen ist das Wichtigste, ein für allemal festzustellen,
daß es unsere Partei ist, die in Frankreich den Sozialismus re-
präsentiert, und daß alle anderen mehr oder weniger sozialisti-
schen Fraktionen - Broussisten [539, Allemanisten [71], Blanqui-
sten [72] - reine und unreine - nur durch die zeitweilige Zer-
splitterung in einer mehr oder weniger frühen Phase der prole-
tarischen Bewegung neben uns eine Rolle spielen konnten; daß aber
jetzt die Periode der Kinderkrankheiten vorüber und das französi-
sche Proletariat sich seiner historischen Rolle voll bewußt ge-
worden ist. Wenn wir 20 Mandate haben, werden die anderen zusam-
men nicht soviel haben, denn sie werden mehr verlieren als gewin-
nen. Und dann geht es vorwärts. Inzwischen s o r g e n S i e
f ü r I h r e W i e d e r w a h l: mir scheint, daß Ihre häu-
fige Abwesenheit von der Kammer nicht sehr dazu beigetragen haben
kann, sie zu sichern. [51]
Der Panama ist nicht tot, das steht fest. [6] Und es ist eine
Schande, daß man den Royalisten und ihren zweifelhaften Verbünde-
ten die Sorge und die Ehre für die Enthüllungen überläßt. Diese
könnten sich keine bessere Losung wünschen als: Nieder mit den
Dieben! und wenn die große Masse der d u m m e n Provinz ihnen
gegen die Republikaner recht gibt, so hat die Feigheit der
r a d i k a l e n Republikaner [21] ihnen zu diesem Erfolg ver-
holfen. Sie sagen, daß die Republik nicht in Gefahr ist, daß die
Deputierten mit dieser Gewißheit aus den Ferien zurückgekehrt
sind; dann muß man alle Kräfte anwenden und sich durch das
Schweigen nicht mit den Dieben identifizieren lassen. Sie haben
ganz recht: die politische Inferiorität der ganzen Bourgeoisie
übertrifft jede Vorstellung.
Das einzige Land, in dem die Bourgeoisie noch ein wenig gesunden
Menschenverstand hat, ist England. Hier hat die Bildung der unab-
hängigen Arbeiterpartei [9] (obwohl erst im Keim) und ihre Aktion
bei den Wahlen
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von Lancashire und Yorkshire 2*) der Regierung arg eingeheizt;
sie rührt sich, sie macht für eine liberale Regierung unerhörte
Dinge. Die registration bill 1. vereinheitlicht das Wahlrecht für
alle Parlaments-, Gemeindewahlen usw., 2. erhöht die Anzahl der
Arbeiterstimmen mindestens um 20-30%, 3. nimmt die Kosten für die
Wählerlisten von den Schultern der Kandidaten und überträgt sie
der Regierung. Die Zahlung von Diäten an die Abgeordneten ist für
die nächste Session zugesichert 159außerdem eine Menge von juri-
stischen und wirtschaftlichen Maßnahmen zugunsten der Arbeiter.
Endlich erkennen die Liberalen, daß sie sich gegenwärtig die
Macht nur sichern können, wenn sie die politische Macht der Ar-
beiterklasse stärken, die ihnen natürlich danach den Stuhl vor
die Tür setzen wird. Andererseits sind die Torys augenblicklich
von einer grenzenlosen Stupidität. Aber ist die Homerule erst
einmal Gesetz geworden, dann werden sie einsehen, daß ihnen
nichts anderes übrigbleibt, als um den Besitz der Macht in die
Schranken zu treten; und dazu gibt es nur ein einziges Mittel:
die Stimmen der Arbeiter durch politische und ökonomischeZuge-
ständnisse zu gewinnen; also können Liberale und Konservative
nichts anderes tun, als die Macht der Arbeiterklasse stärken, als
den Augenblick beschleunigen, der sowohl die einen als auch die
anderen unmöglich werden läßt.
Unter den hiesigen Arbeitern geht es vorwärts. Die Arbeiter be-
ginnen, sich mehr und mehr ihrer Kraft bewußt zu werden und er-
kennen, daß es, um sie zu nutzen, nur ein Mittel gibt, d.h. die
Bildung einer unabhängigen Partei.
Gleichzeitig gewinnt der Internationalismus an Boden. Schließlich
geht es überall voran.
In Deutschland ist die Auflösung des Reichstags noch immer mög-
lich; sie verliert indessen an Wahrscheinlichkeit, alle Welt
fürchtet sich davor, nur wir nicht. Wir würden 50-60 Mandate ha-
ben. [48]
Am 26. März wird in Brüssel eine internationale Konferenz zur
Vorbereitung des Züricher Kongresses stattfinden. [73] Werden Sie
hinfahren?
Good riddance to your taenia 3*), und schonen Sie Ihr Gedärm,
beinahe hätte ich einen Irish bull 4*) gemacht und gesagt: das
ist pures Gold wert!
Freundschaftlichst Ihr F. Engels
Aus dem Französischen.
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2*) siehe vorl. Band, S. 29/30 - 3*) Ein Glück, daß Sie den Band-
wurm los sind - 4*) Kalauer
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