Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#394# 206 - Engels an Ferdinand Tönnies - 24. Januar 1895
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206
Engels an Ferdinand Tönnies
in Kiel
41, Regent's Park Road, N.W.
London, 24. Jan. 95
Verehrter Herr Professor,
Ich habe Ihnen noch meinen Dank abzustatten für gütige Zusendung
Ihrer Kritik des Barthschen Buchs und des interessanten Artikels
über Pestalozzi. [416] Wegen der Verspätung muß mich Überbeschäf-
tigung, verschärft durch einen Umzug (bitte die veränderte
Adresse zu beachten!) entschuldigen.
Herrn Barth scheinen Sie mir etwas glimpflich zu behandeln, bei
mir wenigstens wäre er weniger gut weggekommen. Man muß sich al-
lerdings daran gewöhnen, daß in der literarischen Debatte der
Gegner advokatenmäßig das unterdrückt, was ihm nicht paßt, und
Ungehöriges hereinzieht, wenn er glaubt, den Leser dadurch blen-
den zu können. Aber bei Herrn Barth geschieht das doch in einer
Weise und bis zu einem Grad, die die Frage aufdrängen: ist dies
einfache Unwissenheit und Vernageltheit oder absichtliche, wis-
sentliche Entstellung? Um nur von seinem Abschnitt über Marx zu
reden, wie sind da die horrenden Mißverständnisse zu erklären,
die fast alle unbegreiflich sind bei einem Mann, der doch meinen
"Anti-Dühring" und "Feuerbach" gelesen haben will, wo sie hinrei-
chend Vorbeugung gefunden haben? Und was sagen zu dem verrückten,
mir untergeschobnen Kausalzusammenhang p. 135: "in Frankreich war
der Calvinismus besiegt worden, d e s h a l b war im 18. Jahr-
hundert das Christentum unfähig geworden, irgendeiner progressi-
ven Klasse als ideologische Verkleidung zu dienen"? Stelle ich
das Original, "Feuerbach" S. 65 1*), daneben, so ist es mir fast
unmöglich, hier nicht an bewußte Verdrehung zu glauben.
Interessiert haben mich Ihre Bemerkungen über Auguste Comte. Was
diesen "Philosophen" angeht, so ist meiner Ansicht nach noch ein
wesentliches Stück Arbeit zu tun. Comte war 5 Jahre lang Sekretär
und Intimus von Saint-Simon. Dieser letztere litt positiv an Ge-
dankenreichtum; er war
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1*) Siehe Band 21 unserer Ausgabe, S. 305
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Genie und Mystiker zugleich. Klares Herausarbeiten, Ordnen, Sy-
stematisieren war nicht seine Sache. So zog er sich in Comte
einen Mann heran, der vielleicht nach des Meisters Tod diese
übersprudelnden Ideen der Welt geordnet vorlegen sollte; die ma-
thematische Schulung und Denkweise Comtes mochten ihn dazu beson-
ders geeignet scheinen lassen im Gegensatz zu den schwärmerischen
andern Schülern. Nun aber brach Comte plötzlich mit dem "Meister"
und zog sich von der Schule zurück; nach längerer Zeit trat er
dann mit seiner "positiven Philosophie" hervor. [417] In diesem
System finden sich drei bezeichnende Elemente: 1. eine Reihe ge-
nialer Gedanken, die aber fast regelmäßig mehr oder weniger ver-
dorben werden durch mangelhafte Entwicklung, entsprechend 2. ei-
ner mit jener Genialität in schroffem Widerspruch stehenden en-
gen, philiströsen Anschauungsweise; 3. eine durchaus saint-simo-
nistischer Quelle entspringende, aber alles Mystizismus entklei-
dete, aufs äußerste vernüchterte hierarchisch-organisierte Reli-
gionsverfassung mit einem förmlichen Papst an der Spitze, so daß
Huxley vom Comtismus sagen konnte, er sei Catholicism without
Christianity [418].
Ich möchte nun wetten, daß Nr. 3 uns die Lösung des sonst
unbegreiflichen Widerspruchs von Nr. 1 und Nr. 2 gibt; daß Comte
alle seine genialen Ideen von Saint-Simon übernommen, sie aber
bei der Gruppierung in der ihm persönlich eignen Art verballhornt
hat: indem er sie des anhaftenden Mystizismus entkleidete, hat er
sie gleichzeitig auf ein niederes Niveau herabgezogen, sie nach
eignen Kräften philiströs verarbeitet. Von sehr vielen läßt sich
der saint-simonistische Ursprung leicht nachweisen, und ich bin
überzeugt, dies würde auch noch bei anderm gelingen, fände sich
jemand, es ernstlich in Angriff zu nehmen. Es wäre sicher schon
längst entdeckt, wären nicht Saint-Simons eigne Schriften nach
1830 vollständig überwuchert worden durch den Lärm der École und
Réligion saint-simoniennes 2*), die einzelne Seiten der Lehre des
Meisters hervorhoben und entwickelten auf Kosten der großartigen
Gesamtauffassung.
Dann möchte ich noch einen Punkt berichtigen, die Note auf S.
513. [419] Marx war nie Generalsekretär der Internationale, son-
dern nur Sekretär für Deutschland und Rußland. Und von den Comti-
sten in London war keiner bei der Gründung der Internationale be-
teiligt. Professor E. Beesly hat um die Zeit der Kommune sich in
der Presse um die Verteidigung der Internationale gegen die dama-
ligen heftigen Angriffe sehr verdient gemacht; auch Fred. Harri-
son hat die Kommune öffentlich verteidigt. [420] Aber wenige
Jahre darauf wurden die Comtisten bedeutend kühler gegen die
Arbeiterbewegung;
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2*) saint-simonistischen Schule und Religion
#396# 206 - Engels an Ferdinand Tönnies - 24. Januar 1895
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die Arbeiter wurden jetzt zu mächtig, es galt, zur Aufrecht-
haltung des richtigen Gleichgewichts zwischen Kapitalisten und
Arbeitern (beide sind ja producteurs 3*) im Sinn Saint-Simons
[421]) jetzt wieder die ersteren zu unterstützen, und seitdem
sind die Comtisten in Beziehung auf die Arbeiterfrage ganz stille
geworden.
Hochachtungsvoll Ihr F. Engels
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3*) Produzenten
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