Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#398# 208 - Engels an Victor Adler - 28 Januar 1895
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208
Engels an Victor Adler
in Wien
London, 28. Jan. 95
Lieber Victor,
Meinen und unser aller besten Glückwunsch zum raschen Erfolg der
"Arbeiter-Zeitung"! [294] Ich habe es zwar erwartet, aber die Be-
stätigung durch die Tatsache ist doch auch viel wert.
Wegen der Redaktion laß Dir nur keine grauen Haare wachsen. In
den ersten Wochen bist Du als Organisator viel wichtiger denn als
eigentlicher Redakteur. Ist erst alles im richtigen Geleise, dann
wirst Du schon dahin kommen, der Zeitung den richtigen Ton beizu-
bringen. Du hast ganz recht, bis jetzt ist das Blatt noch bissel
zu ernst, etwas mehr Humor besonders auf der ersten Seite, die in
der zweiwöchentlichen Ausgabe immer sehr lustig war, könnte nicht
schaden. Indes das wird schon kommen.
Originaltelegramme aus fremden Hauptstädten könnten Euch absolut
nichts nützen. Dazu gehörte in jeder Stadt ein vollständig orga-
nisiertes Büro mit einem Chefkorrespondenten, der die Sache be-
rufsmäßig speziell für Euch betriebe; kostet hier in London 600
bis 1000 Pfund jährlich, und würde Euch doch nicht die besten
Nachrichten aus den Minister- resp. Oppositionschefkreisen besor-
gen, aus dem einfachen Grund, weil man diese Art Nachrichten nur
dann privilegiert, v o r allen andern, ehe sie Gemeingut gewor-
den, erhält, wenn man den Mitteilenden Gegendienste durch Unter-
stützung und Veröffentlichung fertig gesandter Reklameartikel
leisten kann. Das kann aber unsere Presse grade nicht. Also in
Nachrichten aus o f f i z i e l l e n Kreisen werdet Ihr nie
mit den großen Bourgeoisblättern konkurrieren können, die nicht
nur die Quellen monopolisieren, sondern auch den Nachrichten-
dienst auf großindustriellem Fuß organisieren können.
Ein Pech ist für Euch, daß Ihr Euch in den ersten Wochen mit den
kleinen Landtagen zu begnügen habt, aber der Reichsrat fängt ja
bald wieder an, und da bekommt Ihr Stoff genug, und da wird Dein
persönliches Eingreifen auch nötig werden.
Die Differenzen im hiesigen Ministerium sind nicht weit her, was
praktische Folgen angeht. Die liberale Regierung umfaßt soviel
Schattierungen
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als Köpfe. Der Liberalismus ist, seitdem die große Bourgeoisie
und mit ihr die Whigaristokraten [423] und die Universitätsideo-
logen ins konservative Lager abgeschwenkt (fing an nach 1848,
stieg nach der Reform 1867 [424], wurde sehr entschieden seit der
Homerule bill [425]), vorwiegend ein Sammelsurium aller Sekten
und Sektenschrullen dieses sektenreichen Landes. Und da jede ein-
zelne Sekte i h r e absonderliche Schrulle für die einzige
Panazee hält - ewiger Krakeel.
Mächtiger als der Krakeel aber ist die Gewißheit, daß nur Zusam-
menhalt nach außen hin sie noch ein paar Monate an der Regierung
halten kann. Und da ist's reiner Zufall, welche Strömung gerade
die Oberhand bekommt.
Von den drei Arbeiterblättern, die hier noch bestehen, habe ich
Dir abwechselnd Ex. geschickt. Da Du den "Clarion" im Tausch er-
hältst, verschone ich Dich mit diesem in Zukunft. Viel steht in
allen dreien nicht, es ist aber immer gut, wenn Du von Zeit zu
Zeit eine Nummer zu sehen bekommst. Der "Labour Leader" ist ein
Vergötterungsinstitut für Keir Hardie, er ist ein schlauer durch-
triebener Schotte, falscher Biedermann und Klüngler erster
Klasse, möglicherweise aber zu schlau und zu eitel. Seine Geld-
quellen, zur Haltung des Blatts, sind sehr zweifelhafter Natur,
was bei der Neuwahl unangenehm werden kann.
Apropos. Die Donnerstag-Abend-Nr. 1*) (konfiszierte) ist in
k e i n e m e i n z i g e n Ex. hiehergekommen. Ich möchte aber
doch den Artikel "K.M. in Wien" [398] lesen. Kannst Du mir nicht
noch ein Ex. besorgen? Übrigens ist es eine namenlose Frechheit,
anzuzeigen, die Konfiskation sei so brillant wirksam gewesen, daß
Ihr Euch die Kosten einer zweiten, ganz zwecklosen Ausgabe erspa-
ren könnt. [426] Ihr habt's gut in Österreich, sage das in Preu-
ßen, und Du bekommst gleich drei Umsturzvorlagen [355] an den
Kopf.
Wir schicken Dir, sooft Interessantes drin steht, Auszüge aus den
Pariser Briefen der Crawford. Ich mache Dich besonders aufmerksam
drauf. Sie ist seit über 40 Jahren in Paris, kennt jede Maus per-
sönlich, hat Dossiers über den Lebenslauf aller Politiker und ist
eine gute Beurteilerin von Charakteren. An Personalkenntnis kommt
ihr kein Mensch in Paris gleich, und daher wirst Du gut tun, auch
solche derartige Artikel, die augenblicklich unverwendbar sind,
für späteres Nachschlagen zurückzulegen. Sie hat noch immer und
alle ihre radikalen und republikanischen Freunde in den Schmutz
der Korruption eintauchen gesehen und ist dadurch, Bourgeoise wie
sie ist, den Sozialisten merkwürdig zugewandt worden. Nur von ei-
nem läßt sie sich nicht abbringen: daß J. Guesde ein Schwieger-
sohn von Marx ist.
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1*) der "Arbeiter-Zeitung"
#400# 208 - Engels an Victor Adler - 28 Januar 1895
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Gestern ging Dir wieder ein Auszug ihrer Korrespondenz zu. [427]
Louise freut sich besonders über die entschiedene Zurückweisung
der Frauenvereinspetitionen - siehe Clara Zetkins Artikel in Don-
nerstags-"Vorwärts"-Beilage. [428] Clara hat recht und hat die
fest und lang bekämpfte Aufnahme des Artikels doch durchgesetzt.
Bravo Clara!
Gruß von Louise und Ludwig und dem Baby, das immer vor Vergnügen
brüllt, wenn die "Arbeiter-Zeitung" kommt, und
Deinem F. E.
Nach: Victor Adler,
"Aufsätze, Reden und Briefe",
Heft 1, Wien 1922.
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