Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #412# 217 - Engels an Paul Lafargue - 26. Februar 1895
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       217
       
       Engels an Paul Lafargue
       in Le Perreux
       
       [London] 26. Februar 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Mein lieber Lafargue,
       Ich sende  Ihnen  r e g i s t e r e d  1*) das Manuskript mit ei-
       nigen Bemerkungen  zurück -  die Übersetzung ist wie immer ausge-
       zeichnet. [444]  Es gab  eine Verzögerung  von einigen Tagen: man
       will in  Berlin die  3 Artikel  von Marx  über die  Ereignisse in
       Frankreich 1848/49  abdrucken (die 1850 in der "Neuen Rheinischen
       Zeitung. [Politisch-ökonomische]  Revue" veröffentlicht  wurden),
       und das kann nicht ohne Einleitung geschehen [433]; sie ist ziem-
       lich lang  geworden, denn  außer einer allgemeinen Übersicht über
       die Ereignisse  seit dieser Zeit mußte noch erklärt werden, warum
       wir damals berechtigt waren, auf einen bevorstehenden und endgül-
       tigen Sieg  des Proletariats  zu rechnen, warum es nicht dazu kam
       und inwieweit  die Ereignisse dazu beigetragen haben, daß wir die
       Dinge heute  anders sehen  als damals.  Das ist wichtig wegen der
       neuen Gesetze,  die uns in Deutschland drohen. [355] Eine Kommis-
       sion des  Reichstags bemüht  sich, alle  Artikel des Strafgesetz-
       buchs in  Kautschukartikel umzuwandeln,  die sich anwenden lassen
       oder nicht,  je nachdem,  zu welcher politischen Partei der Ange-
       klagte gehört. Die Rechtfertigung einer als Verbrechen usw. ange-
       sehenen Tatsache  soll bestraft werden, wenn sie unter Vorausset-
       zungen erfolgt ist, die zu der Annahme berechtigen, daß der Ange-
       klagte provozieren oder zur Nachahmung anreizen wollte! usw. usw.
       Mit anderen  Worten: Sie  als Sozialist werden bestraft, wenn Sie
       etwas gesagt  haben, was jeder Konservative, Liberale oder Kleri-
       kale ungestraft  hätte sagen  können. Die  Klerikalen in der Kom-
       mission sind schlimmer als die Regierung selber. Stellen Sie sich
       vor, sie  fordern zwei  Jahre Gefängnis für jeden, der öffentlich
       oder in  der Presse  die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit
       der Seele leugnet!
       Diese Wut  der Reaktion  ist völlig sinnlos und absolut unerklär-
       lich, man  nähme  denn  an,  daß  alle  diese  Herren  von  einem
       S t a a t s s t r e i c h   bedroht wären.  Dieser  Staatsstreich
       wird von  h o h e n  B e a m t e n  offen gepredigt.
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       1*) eingeschrieben
       
       #413# 217 - Engels an Paul Lafargue - 26. Februar 1895
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       Konstantin Rößler,  Legationsrat,  hat  ihn  in  einer  Broschüre
       gefordert, der  General a.D. von Boguslawski hat eben das gleiche
       getan. Die Liberalen und die Klerikalen wissen, daß ihnen bei ei-
       nem derartigen Regierungsbeschluß nichts anderes übrigbliebe, als
       sich zu  unterwerfen. Angesichts  der 2 Millionen sozialistischer
       Wähler haben  diese Herren nicht den Mut, einem Staatsstreich of-
       fen entgegenzutreten  - die  Regierung entwaffnet  sie mit dieser
       Drohung, sie werden zu allem ihre Stimme geben, um die Verfassung
       und den  Frieden im Innern zu "retten"! Sie werden sehen, daß sie
       alle Steuern, alle Kriegsschiffe, alle neuen Regimenter, die Wil-
       helm 2*)  fordert, bewilligen werden - wenn sich nicht die Wähler
       einmischen. Denn  die bürgerlichen  Abgeordneten bei  uns sind so
       feige, daß ihnen sogar der Mut zur Feigheit fehlen könnte.
       Auf alle Fälle gehen wir mit großen Schritten einer Krisis entge-
       gen, wenn  es überhaupt eine Krisis geben kann in diesem Deutsch-
       land der  Bourgeoisie, wo sich alles abstumpft. Gewiß ist, daß es
       für unsere Freunde eine neue Periode von Verfolgungen geben wird.
       Was unsere  Politik betrifft,  so muß  sie darin bestehen, uns im
       entsprechenden Augenblick nicht provozieren zu lassen; wir würden
       ohne Aussicht  auf Erfolg  kämpfen und  bluten müssen  wie  Paris
       1871, während  wir unsere  Kräfte in  zwei oder  drei Jahren ver-
       doppeln könnten  wie unter  dem Ausnahmegesetz [143]. Heute würde
       unsere Partei  allein gegen  all die  anderen kämpfen, die in der
       Regierung unter  der Fahne  der sozialen Ordnung vereint sind; in
       zwei bis  drei Jahren  werden wir die durch die Steuer ruinierten
       Bauern und  Kleinbürger auf  unserer Seite  haben. Das Hauptkorps
       liefert keine  Vorpostengefechte, es hält sich für den kritischen
       Augenblick bereit.
       Nun, wir werden sehen, wie das endet.
       Welche Ironie,  daß Sie,  einer der am besten französisch Schrei-
       benden unserer  Zeit,  dazu  verurteilt  sind,  fast  ständig  in
       Deutsch zu  veröffentlichen! und  in was  für einem  Deutsch! Die
       Übersetzer in  Berlin und  Stuttgart sind von einer echt germani-
       schen Schwerfälligkeit,  nur Adler wird Ihnen gerecht, aber nicht
       immer wird  er Zeit  haben, selbst  zu übersetzen. Zum Trost kann
       ich Ihnen  sagen, daß  ich immer  ein wenig  französischen Esprit
       einatme, wenn  ich Ihren  Übersetzer in Gedanken zurückübersetze,
       bisweilen gelingt das.
       Seit 15 Tagen sind wir ohne Wasser, das unter der Straße liegende
       Leitungsrohr ist  eingefroren; sonst  aber, im  Hause, ist  alles
       wohlauf. Eine Woche lang hatten wir fast gar kein Gas, die Paraf-
       fine mit C4, C5, C6 und
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       2*) Wilhelm II.
       
       #414# 217 - Engels an Paul Lafargue - 26. Februar 1895
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       mehr Kohlenstoff  hatten sich  durch die  Kälte in den Röhren als
       feste Körper niedergeschlagen. Das war eine der Perioden, wo Lon-
       don in  die Barbarei zurückgeschleudert wird. Und dann versichert
       der "Standard",  gerade dies sei der Beweis, daß England den Gip-
       fel der Zivilisation erreicht hat!
       Danken Sie  Laura für ihre schöne Übersetzung; den Brief, den Sie
       mir von  ihr versprochen  haben, habe  ich noch  nicht  erhalten,
       hoffe aber,  daß sie  das Ex.  des III. Bd. 3*) bekommen hat, das
       ich ihr am 1. Januar für Deville geschickt habe.
       Grüße von Freybergers.
       Freundschaftlichst Ihr F. E.
       
       Das "Vorwort"  des 3.  Bd. ist - von Martignetti ins Italienische
       übersetzt -  in der  "Rassegna" erschienen [393]; Labriola hat es
       durchgesehen und die Stellen über Loria mit einer Wonne wiederge-
       geben, die  in fast jeder Zeile zum Ausdruck kommt. Loria seiner-
       seits hat  den 3.  Bd. in  der "Nuova  Antologia" mit einer Ober-
       flächlichkeit ohnegleichen  kritisiert. Der 1. Band: Napoleon I.,
       der 2.:  der König  von Rom,  schwindsüchtig, der 3.: Louis Bona-
       parte III.  - In Deutschland hat Werner Sombart, Prof. in Berlin,
       ein etwas  eklektischer Marxist,  einen guten Artikel über den 3.
       Bd. geschrieben.
       Was ist  mit dem  1. Mai?  Man spricht in diesem Zusammenhang nur
       von den  Allemanisten [71].  Und wie  steht es um die Vereinigung
       oder Trennung  der Gruppen, besonders in bezug auf Eure? Vaillant
       hat mir  wieder geschrieben, er will meine Meinung über seine Ge-
       setzentwürfe wissen.  4*) Ich  habe  noch  keine  Zeit  gefunden,
       Jaurès' Vortrag über den Materio-Idealismus [416] zu lesen.
       
       Aus dem Französischen.
       
       
       [Vorschläge von  Engels zur  französischen Übersetzung seiner Ar-
       beit "Zur Geschichte des Urchristentums"] [446]
       
       p. 17
       Dans la  formation du christianisme tel qu'il a été élevé au rang
       de religion d'Etat par Constantin, l'école de Philon d'Alexandrie
       et la philosophie vulgaire gréco-romaine, platonique et notamment
       stoïque, ont  eu leur  puissante part. Cette part est loin d'être
       établie dans les détails etc. etc.
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       3*) des "Kapitals" - 4*) siehe vorl. Band. S. 419-421
       
       #415# 217 - Engels an Paul Lafargue - 26. Februar 1895
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       p. 34
       Quelle sainte  indignation n'a  pas  provoqué  après  1830,  dans
       l'Allemagne  d'alors,   ce  pieux   pouponnet  de,   comme  Heine
       l'appelait, la  réhabilitation de la chair S. Simonienne! La plus
       indignée fut la gent aristocratique qui dominait alors (Je ne dis
       pas la  classe aristocratique vu qu'en 1830 il n'existait pas en-
       core de classes chez nous) qui etc.
                                    ---
       même page,  dernier mot  conception -  ce mot ne prêterait-il cas
       trop au calembourg ici? 5*)
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       5*)
       S. 17
       Der gewaltige Anteil, den die philonische Schule Alexandriens und
       die griechisch-römische  Vulgärphilosophie -  platonische und na-
       mentlich stoische  - an der Herausbildung des Christentums haben,
       das unter  Konstantin Staatsreligion  wurde, ist noch lange nicht
       im einzelnen festgestellt usw. usw.
       S. 34
       Welch greuliches Entsetzen rief nicht in Deutschland, der damali-
       gen "frommen  Kinderstube", wie  Heine es  nannte, nach  1830 die
       saint-simonistische rehabilitation  de la  chair hervor!  Und  am
       greulichsten waren  entsetzt jene  damals herrschenden  vornehmen
       Stände (ich  sage nicht  aristokratische Klasse, denn Klassen gab
       es 1830 noch nicht bei uns), die usw.
                                    ---
       Dieselbe Seite,  letztes Wort: conception - gibt dieses Wort hier
       nicht zuviel Anlaß zu Kalauern?

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