Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #416# 218 - Engels an Georgi Walentinowitsch Plechanow - 26.2.95
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       218
       
       Engels an Georgi Walentinowitsch Plechanow
       in Genf
       
       London, 26. Febr. 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       
       Mein lieber Plechanow,
       Alles ist  seit 8  Tagen geregelt.  Vera 1*) hat mir geschrieben,
       daß sie  sich gern  von Freyb[erger]  behandeln lassen würde. 2*)
       Dieser hat  sie gestern vor 8 Tagen besucht und danach noch zwei-
       mal. Er  hat eine  starke Bronchitis bei ihr festgestellt und ihr
       die notwendigen  Medikamente  verschrieben.  Aber  er  sagt,  sie
       braucht vor  allem eine reichhaltige Ernährung. Sie müßte Fleisch
       essen statt  aller möglichen  Fruchtgelees und  anderer vegetari-
       scher Kost.  F[reyberger] ist gerade hingegangen, darum werde ich
       am Schluß  dieses Briefes  nochmals auf  ihren Gesundheitszustand
       zurückkommen.
       Jetzt, da  Sie mich  ja mehr oder weniger damit beauftragt haben,
       mich um  ihre Gesundheit zu kümmern, müssen Sie mir sagen, ob sie
       Geld braucht. Wenn ja, dann möchte ich Sie bitten, mir zu gestat-
       ten, Ihnen etwas Geld für sie anzubieten, wenigstens für die Zeit
       ihrer Krankheit. Zunächst einmal würde ich Ihnen, sagen wir, fünf
       Pfund schicken,  die Sie ihr als  v o n  I h n e n  k o m m e n d
       zustellen würden, so daß ich dabei in keiner Weise in Erscheinung
       trete. Sie  könnten ihr  sagen, Sie  hätten ihr  dieses Geld  ge-
       schickt, damit sie keine Entschuldigung vorbringen kann, eine Än-
       derung ihrer  Lebensweise abzulehnen, und daß F[reyberger] gesagt
       hat, sie  muß ihre  Lebensweise unbedingt ändern. Oder denken Sie
       sich etwas anderes aus.
       Ich  werde   nicht  die  Zeit  haben,  die  Kritik  des  "???????
       ?????????" über  mein Buch  zu lesen.  Ich habe über dieses Thema
       schon in  der Nr.  vom Januar 94 genug gelesen. Was Danielson be-
       trifft, so  fürchte ich,  daß nichts mit ihm zu machen ist. [447]
       Ich habe  ihm   p e r   B r i e f  [135] den Teil über die russi-
       schen  Fragen   geschickt,  der   in  "Internationales   aus  dem
       'Volksstaat'" 3*)  erschienen ist, und vor allem das Nachwort von
       1894, das   t e i l w e i s e   direkt an seine Adresse gerichtet
       war. [448] Er hat ihn erhalten, aber wie Sie sehen, war es zweck-
       los. Es  ist ganz  unmöglich, mit dieser Generation von Russen zu
       diskutieren, zu der er gehört und die immer noch an die spontane
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       1*) Vera Iwanowna  Sassulitsch -  2*) siehe vorl.  Band, S. 405 -
       3*) in  der   Handschrift  deutsch:   "Internationales  aus   dem
       'Volksstaat'"
       
       #417# 218 - Engels an Georgi Walentinowitsch Plechanow - 26.2.95
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       kommunistische Mission glaubt, die Rußland, die wahre ?????? ????
       4*), von den anderen profanen Völkern unterscheidet.
       Übrigens, in  einem Lande  wie dem  Ihrigen, wo die moderne Groß-
       industrie auf  die ursprüngliche  Bauerngemeinde aufgepfropft ist
       und alle  Zwischenphasen der Zivilisation nebeneinander bestehen,
       in einem  Lande, das außerdem von einer mehr oder weniger wirksa-
       men geistigen chinesischen Mauer umgeben ist, die der Despotismus
       errichtet hat,  in einem  solchen Lande  darf man sich nicht wun-
       dern, wenn dort die seltsamsten und unmöglichsten Ideenverbindun-
       gen entstehen.  Sehen Sie den armen Teufel Flerowski an, der sich
       einbildet, daß Tische und Betten denken, aber kein Gedächtnis ha-
       ben. Das  ist eine  Phase, die  das Land durchmachen muß. Allmäh-
       lich, mit  dem Anwachsen  der Städte, wird die Isolierung der ta-
       lentvollen Leute  verschwinden und mit ihr diese geistigen Verir-
       rungen, die  zurückzuführen sind  auf die  Abgeschlossenheit, auf
       die Zusammenhanglosigkeit  der zufälligen Kenntnisse dieser merk-
       würdigen Denker  und auch ein wenig - bei den ????????? 5*) - auf
       die Verzweiflung, ihre Hoffnungen schwinden zu sehen. In der Tat,
       ein ex-terroristischer  ?????????, könnte  schließlich sehr  wohl
       ein Anhänger des Zarismus werden.
       Um mich auf diese Polemik einzulassen, müßte ich eine ganze Lite-
       ratur lesen, sie verfolgen und darauf antworten. Das würde jedoch
       meine ganze Zeit für ein Jahr verschlingen, und das einzige nütz-
       liche Resultat  wäre wahrscheinlich,  daß ich  das Russische viel
       besser als  jetzt beherrschen  würde; aber um dasselbe bittet man
       mich für  Italien wegen des illustren Loria. Und ich bin so schon
       genug mit Arbeit überhäuft!
       Jaurès ist  auf dem  rechten Wege.  Er  l e r n t  den Marxismus,
       man sollte  ihn nicht  allzusehr antreiben. Er hat schon ziemlich
       große Fortschritte  gemacht, viel  mehr, als ich zu hoffen wagte.
       Übrigens verlangen  wir nicht  zuviel Orthodoxie ! die Partei ist
       so groß und die Theorie von Marx so weit verbreitet, daß die mehr
       oder weniger isolierten Wirrköpfe nicht viel Unheil im Westen an-
       richten können. Bei Euch ist das anders, so wie bei uns 1845-59.
       Betreffs Nikolaus  bin ich  Ihrer Meinung. Der ??????? ?????? 6*)
       wird trotz dieses unbedeutenden Schwachkopfs kommen. [449]
       F[reyberger] kommt  gerade zurück und sagt, daß es Vera viel bes-
       ser geht  und seine Untersuchung bis jetzt absolut nichts anderes
       ergab als einen alten und vernachlässigten Bronchialkatarrh.
       Freundschaftlichst. Ihr F. E.
       
       Aus dem Französischen.
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       4*) das heilige  Rußland -  5*) Volkstümlern - 6*) Die Ständever-
       sammlung

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