Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #424# 222 - Engels an Richard Fischer - 8. März 1895
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       222
       
       Engels an Richard Fischer
       in Berlin
       
       [London] 8. März 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Lieber Fischer,
       Ich habe Euren schweren Bedenken nach Möglichkeit Rechnung getra-
       gen, obwohl ich beim besten Willen nicht einsehen kann, worin die
       Bedenklichkeit bei  etwa der  Hälfte besteht. [450] Ich kann doch
       nicht annehmen, daß Ihr Euch mit Leib und Seele der absoluten Ge-
       setzlichkeit, der  Gesetzlichkeit unter  allen Umständen, der Ge-
       setzlichkeit auch  gegenüber den  von ihren  Urhebern gebrochenen
       Gesetzen, kurz  der Politik  des Hinhaltens der linken Backe dem,
       der auf  die rechte gehauen hat, zu verschreiben beabsichtigt. Im
       "Vorwärts" wird die Revolution allerdings manchmal mit ebensoviel
       Kraftaufwand verleugnet,  wie früher  - vielleicht auch nächstens
       wieder -  gepredigt. Aber  das kann  ich doch nicht für maßgebend
       halten.
       Ich bin der Ansicht, daß Ihr nichts dadurch gewinnt, wenn Ihr den
       absoluten Verzicht aufs Dreinschlagen predigt. Glauben tut's kein
       Mensch, und keine Partei irgendeines Landes geht so weit, auf das
       Recht zu  verzichten, der  Ungesetzlichkeit mit den Waffen in der
       Hand zu widerstehn.
       Auch muß  ich darauf Rücksicht nehmen, daß auch Ausländer - Fran-
       zosen, Engländer, Schweizer, Österreicher, Italiener etc. - meine
       Sachen lesen,  und vor  denen kann ich mich platterdings nicht so
       weit kompromittieren.
       Ich habe also Eure Änderungen akzeptiert mit folgenden Ausnahmen:
       1. Fahne 9, bei den Massen, heißt es jetzt: "sie müssen begriffen
       haben, für  was sie eintreten sollen" 1*). - 2. folgender Absatz:
       der   g a n z e   Satz vom Losschlagen gestrichen, Euer Vorschlag
       enthielt  eine  tatsächliche  Unrichtigkeit.  Das    S c h l a g-
       w o r t   vom Losschlagen  gebrauchen Franzosen,  Italiener  etc.
       alle Tage,  nur ist's  weniger Ernst. - 3. Fahne 10: "Der sozial-
       demokratische Umsturz,  der   a u g e n b l i c k l i c h   davon
       lebt", wollt  Ihr das   "a u g e n b l i c k l i c h"  fort, also
       eine augenblickliche  in eine  dauernde, eine  relative  in  eine
       absolut
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       1*) Vgl. Band 22 unserer Ausgabe, S. 523
       
       #425# 222 - Engels an Richard Fischer - 8. März 1895
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       geltende Taktik  verwandeln. Das  tue ich  nicht, kann  ich nicht
       tun, ohne  mich unsterblich  zu blamieren.  Ich vermeide also die
       Stellung des  Gegensatzes und  sage: "Der sozialdemokratische Um-
       sturz, dem  es gerade  jetzt  s e h r  g u t  b e k o m m t,  daß
       er die Gesetze hält" 2*).
       Warum Ihr  den Hinweis  auf Bismarcks  Vorgang 1866  beim Verfas-
       sungsbruch gefährlich  findet, ist  mir absolut unerfindlich. Das
       ist doch  ein argumentum ad hominem 3*) wie kein zweites. Jedoch,
       ich tue Euch den Gefallen.
       So, weiter  kann ich  aber   a b s o l u t  nicht gehen. Ich habe
       mein möglichstes  getan, Euch  Ungelegenheiten in  der Debatte zu
       ersparen. Aber  Ihr tätet  besser, den  Standpunkt zu wahren, daß
       die Verpflichtung  zur Gesetzlichkeit eine juristische, keine mo-
       ralische ist, wie Euch das der Boguslawski (der ein langes s hat)
       ja so  schön vorgemacht  hat; und  daß sie vollends aufhört, wenn
       die Machthaber  die Gesetze  brechen. Ihr habt aber - oder wenig-
       stens dieser  und jener unter Euch - die Schwäche gehabt, dem An-
       spruch der  Gegner nicht gehörig entgegenzutreten: die Verpflich-
       tung zur Gesetzlichkeit auch als eine  m o r a l i s c h e  anzu-
       erkennen, als  eine unter  allen Umständen bindende, statt zu sa-
       gen: Ihr  habt die  Macht, ihr  macht die Gesetze, übertreten wir
       sie, so  könnt ihr uns nach diesen Gesetzen behandeln, wir müssen
       das ertragen und damit ist's aus, wir haben weiter keine Pflicht,
       ihr weiter  kein Recht.  So haben's  die Katholiken gemacht unter
       den Maigesetzen,  so die Altlutheraner in Meißen, so jener menno-
       nitische Soldat, der in allen Zeitungen figuriert, und den Stand-
       punkt dürft  Ihr nicht  verleugnen. Die Umsturzvorlage [355] geht
       sowieso in  die Brüche,  sowas ist  gar nicht  zu formulieren und
       noch weniger  durchzuführen, und  haben die  Leute die  Macht, so
       knebeln und zwiebeln sie Euch doch in irgendeiner Weise.
       Wenn Ihr  aber den  Leuten in der Regierung klarmachen wollt, daß
       wir nur  deshalb warten  wollen, weil  wir noch nicht stark genug
       sind, uns  selbst zu helfen, und weil die Armee noch nicht gründ-
       lich verseucht  ist -  ja, dann liebe Leute, warum renommiert Ihr
       dann alle  Tage in  den Blättern  mit den Riesenfortschritten und
       Erfolgen der  Partei? Die Leute wissen ja so gut wie wir, daß wir
       mit Macht dem Sieg entgegenrücken, daß wir in ein paar Jahren un-
       widerstehlich werden,  und deswegen wollen sie uns schon jetzt an
       den Kragen, leider wissen sie nicht wie. Daran können unsre Reden
       nichts ändern,  das wissen  sie alles  so gut  wie wir und ebenso
       wissen sie,  daß,   h a b e n   wir die Macht, wir sie gebrauchen
       werden, wie's uns dient und nicht ihnen.
       Also wenn's  zur Generaldebatte  im Plenum  kommt, denkt a bissel
       daran, daß  Ihr das  Recht des Widerstands ebensogut wahrt wie es
       Boguslawski
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       2*) vgl. Band 22 unserer Ausgabe, S. 525 - 3*) einleuchtendes Ar-
       gument
       
       #426# 222 - Engels an Richard Fischer - 8. März 1895
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       uns gewahrt hat, daß Ihr auch alte Revolutionäre, Franzosen, Ita-
       liener, Spanier,  Ungarn, Engländer unter Euren Zuhörern habt und
       daß, wer  weiß wie bald, die Zeit wiederkommen kann, wo Ernst ge-
       macht wird mit der Streichung des "gesetzlich", die anno Tobak in
       Wyden vollzogen  wurde. [259]  Seht doch die Österreicher an, die
       so direkt  wie möglich  mit der  Gewalt drohen,  wenn's Wahlrecht
       nicht bald  kommt! [456] Denkt an Eure eigenen Ungesetzlichkeiten
       unter dem  Sozialistengesetz [143],  das man Euch wieder anhängen
       möchte! Gesetzlichkeit  so lange  und so  weit sie uns paßt, aber
       keine Gesetzlichkeit um jeden Preis, selbst nicht in der Phrase!
       Dein F. E.
       
       Verdeutschung der Zitate (die meisten  s i n d' s  schon im Text)
       jetzt zu spät, schon im Bogen umgebrochen.
       D i e   K o r r e k t u r  g e h t  n a c h  H a m b u r g  v o n
       h i e r.
       
       Nach: "International Review of Social History",
       Amsterdam, Vol. XII, Part. 2, 1967.

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