Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #427# 223 - Engels an Werner Sombart - 11. März 1895
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       223
       
       Engels an Werner Sombart
       in Breslau
       
       London, 11. März 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Hochgeehrter Herr,
       Ich danke Ihnen in ergebner Erwiderung Ihrer Zeilen vom 14. v. M.
       für gütige  Einsendung Ihrer  Arbeit über Marx; ich hatte sie be-
       reits in  dem mir  von Dr. H. Braun freundlichst zugesandten Heft
       des "Archivs"  mit großem Interesse gelesen und mich gefreut, ein
       solches Verständnis  des "Kapital" 1*) endlich auch einmal an ei-
       ner deutschen  Universität zu finden. Selbstverständlich kann ich
       mich nicht mit allen den Ausdrücken identifizieren, in welche Sie
       die Marxsche  Darstellung hineinübersetzen.  Speziell  erscheinen
       mir die  auf S.  576 und  [5]77 gegebnen Umschreibungen des Wert-
       begriffs als  etwas zu  weit gefaßt: ich würde sie erstens histo-
       risch begrenzen durch ausdrückliche Beschränkung auf die ökonomi-
       sche Phase,  worin bisher  allein vom  Wert die Rede war und sein
       konnte -  auf die  Gesellschaftsformen, bei  denen Warenaustausch
       resp.  Warenproduktion  besteht;  der  ursprüngliche  Kommunismus
       kannte keinen  Wert. Und  zweitens scheint der Satz mir auch noch
       einer begrifflich  engeren Fassung  fähig. Doch das würde zu weit
       führen, in der Hauptsache haben Sie ja doch das Richtige gesagt.
       Nun appellieren Sie aber S. 586 direkt an mich, so daß ich lachen
       mußte über die gemütliche Art, wie Sie mir da die Pistole auf die
       Brust setzen.  Aber Sie  können ruhig  sein, ich werde Sie "nicht
       des Gegenteils  versichern". Die begrifflichen Übergänge, vermit-
       telst deren  Marx von den verschiednen in den einzelnen kapitali-
       stischen Geschäften  produzierten Werten von m/c = m/(c+v) zu der
       allgemeinen gleichen  Profitrate kommt,  sind dem  Bewußtsein des
       einzelnen Kapitalisten  vollständig fremd. Soweit sie eine histo-
       rische Parallele  oder eine außer unsern Köpfen bestehende Reali-
       tät haben,  finden sie diese etwa in den Übergängen der einzelnen
       Bestandteile
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       1*) dritter Band
       
       #428# 223 - Engels an Werner Sombart - 11. März 1895
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       des vom Kapitalisten A über die Profitrate resp. seinen Anteil am
       Gesamtmehrwert hinaus  produzierten Stücks Mehrwert in die Tasche
       des Kapitalisten B, dessen selbstproduzierter Mehrwert normaliter
       unter der  [auf] ihn kommenden Dividende bleibt. Aber dieser Pro-
       zeß vollzieht  sich objektiv,  in den  Dingen, bewußtlos, und wir
       können erst jetzt beurteilen, wieviel Arbeit es gekostet hat, bis
       wir das richtige Bewußtsein uns darüber errungen haben. Hätte die
       Durchschnittsprofitrate zu  ihrer Herstellung  die  b e w u ß t e
       Mitarbeit der  einzelnen Kapitalisten  erfordert, hätte  der ein-
       zelne Kapitalist   g e w u ß t,   daß er Mehrwert produziert, und
       wieviel, und  daß er in vielen Fällen von seinem Mehrwert abgeben
       muß, so wäre ja der Zusammenhang zwischen Mehrwert und Profit von
       vornherein ziemlich  klar gewesen und stände sicher schon im Adam
       Smith, wo nicht schon im Petty.
       Nach der Marxschen Auffassung geht alle bisherige Geschichte, was
       die großen  Ergebnisse angeht, bewußtlos vor sich, d.h. diese Er-
       gebnisse und  ihre weiteren  Folgen sind  nicht gewollt;  die ge-
       schichtlichen Figuranten  haben entweder  direkt etwas andres ge-
       wollt als  das Erreichte,  oder dies  Erreichte zieht wieder ganz
       andre unvorhergesehene  Folgen nach  sich. Aufs Ökonomische ange-
       wandt: die  einzelnen  Kapitalisten  jagen  jeder  für  sich  dem
       g r ö ß e r e n   Profit nach. Die bürgerliche Ökonomie entdeckt,
       daß diese  Jagd nach dem  g r ö ß e r e n  Profit jedes einzelnen
       zum Resultat  hat die  allgemeine  g l e i c h e  Profitrate, den
       annähernd   g l e i c h e n  Profitsatz für jeden. Aber weder die
       Kapitalisten noch die bürgerlichen Ökonomen sind sich bewußt, daß
       das wirkliche  Ziel dieser  Jagd die gleichmäßige prozentige Ver-
       teilung des Gesamtmehrwerts auf das Gesamtkapital ist.
       Wie aber ist der Ausgleichungsprozeß in Wirklichkeit vorgegangen?
       Das ist  ein sehr interessanter Punkt, über den Marx selbst nicht
       viel sagt.  Aber die  ganze Auffassungsweise  von Marx  ist nicht
       eine Doktrin,  sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dog-
       men, sondern  Anhaltspunkte zu  weiterer Untersuchung und die Me-
       thode   f ü r  diese Untersuchung. Hier ist also ein Stück Arbeit
       zu leisten, das M[arx] bei diesem ersten Entwurf nicht selbst be-
       arbeitet hat.  Hier haben  wir zunächst  die Angaben  S. 153-156,
       III, I 2*), die auch für Ihre Wiedergabe des Wertbegriffs wichtig
       sind und  beweisen, daß  er mehr Realität besitzt oder besaß, als
       Sie ihm  zuschreiben. Im Anfang des Austausches, als die Produkte
       sich allmählich  in Waren  verwandelten, wurde ausgetauscht annä-
       hernd   i m  V e r h ä l t n i s  d e r  W e r t e.  Die auf zwei
       Gegenstände verwandte Arbeit war eben das einzige Kriterium ihrer
       quantitativen Vergleichung. Damals also hatte der Wert eine  u n-
       m i t t e l b a r e
       
       #429# 223 - Engels an Werner Sombart - 11. März 1895
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       r e a l e   E x i s t e n z.   Daß diese  unmittelbare Verwirkli-
       chung des  Werts im  Austausch aufhörte, daß sie jetzt nicht mehr
       besteht, wissen  wir. Und  ich glaube, es wird Ihnen keine beson-
       dern Schwierigkeiten  machen, die  Mittelglieder, im  ganzen  und
       großen wenigstens,  aufzuweisen, die von jenem unmittelbar-realen
       Wert zu dem Wert der kapitalistischen Produktionsform führen, der
       so gründlich  verborgen ist,  daß unsre  Ökonomen seine  Existenz
       ruhig leugnen  können. Eine wirklich historische Darlegung dieses
       Prozesses, die allerdings tüchtiges Studium erfordert, aber dafür
       auch reichlich  lohnende Resultate  verspricht,  wäre  eine  sehr
       wertvolle Ergänzung zum "Kapital" [457].
       Schließlich muß  ich mich  noch bei  Ihnen bedanken  für die gute
       Meinung, die  Sie von  mir haben,  wenn Sie der Ansicht sind, ich
       hätte aus dem III. Band etwas Besseres machen können, als er ist.
       Ich kann aber diese Meinung nicht teilen und glaube meine Pflicht
       getan zu  haben, indem  ich Marx  in Marx' Worten gab, selbst auf
       die Gefahr hin, dem Leser etwas mehr eignes Denken zuzumuten.
       Hochachtungsvoll und ergebenst F. Engels

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