Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#430# 224 - Engels an Conrad Schmidt - 12. März 1895
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Engels an Conrad Schmidt
in Zürich
London, 12. März 95
41, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Schmidt,
Ihre beiden Briefe vom 13. Nov. v.J. und 1. ds. liegen vor mir.
Ich fange an mit Nr. 2 als dem aktuellsten.
Was Fireman angeht, so lassen Sie das nur gut sein. Lexis hatte
die Frage nur gestellt [458], Sie in Summe (m) / Summe (c+v)
ebenfalls [459]. Er allein ist auf dem richtigen Weg e i n e n
S c h r i t t w e i t e r g e g a n g e n, indem er die von Ih-
nen summierte Reihe m'/(c'+v') + m''/(c''+v'') + m'''/(c'''+v''')
... usw. k l a s s i f i z i e r t e, sie einteilte in die
Gruppen der Produktionszweige nach der v e r s c h i e d n e n
Z u s a m m e n s e t z u n g des Kapitals, zwischen denen nur
die Ausgleichung durch die Konkurrenz stattfindet. Daß dieser
Schritt der nächstwichtige war, zeigt Ihnen der Marxsche Text
selbst, wo bis zu jenem Punkt gradeso verfahren wird. F[ireman]s
Fehler war, daß er hier abbrach, hierbei sich beruhigte und daher
unbeachtet bleiben mußte, bis das Buch 1*) selbst erschien. -
Aber seien Sie doch nur ja ruhig. Sie können wahrhaftig zufrieden
sein. Haben Sie doch die Ursache des tendenziellen Falls der Pro-
fitrate und die Bildung des Handelsprofits selbständig gefunden,
und das nicht zu 2/3, wie Fireman die Profitrate, sondern ganz
und gar.
Wieso Sie sich bei der Profitrate auf einen Seitenweg begeben,
darüber verschafft mir, glaube ich, Ihr Brief einige Aufklärung.
Ich finde da dieselbe Art der Abweichung ins Detail und schiebe
sie auf die auf deutschen Universitäten seit 48 eingerissene
eklektische Methode des Philosophierens, die allen Überblick ver-
liert und nur zu oft in ein ziemlich end- und erfolgloses Spinti-
sieren über Einzelheiten sich verläuft. Nun hatten Sie aber grade
früher sich von den Klassikern vorwiegend mit Kant beschäftigt,
und Kant war durch den Stand des deutschen Philosophierens seiner
Zeit und
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1*) der 3. Band des "Kapitals"
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durch seinen Gegensatz zum pedantischen Wolfschen Leibnizianismus
mehr oder weniger gezwungen, in der Form diesem Wolfschen Spinti-
sieren scheinbare Konzessionen zu machen. So erkläre ich mir Ihre
Neigung, die sich auch in Ihrem brieflichen Exkurs über das Wert-
gesetz zeigt, sich in Einzelheiten zu vertiefen, wobei mir der
Gesamtzusammenhang nicht immer beachtet scheint, derart, daß Sie
das Wertgesetz zu einer Fiktion, einer notwendigen Fiktion degra-
dieren, etwa wie Kant das Dasein Gottes zu einem Postulat der
praktischen Vernunft.
Die Vorwürfe, die Sie dem Wertgesetz machen, treffen a l l e
Begriffe, vom Standpunkt der Wirklichkeit aus betrachtet. Die
Identität von Denken und Sein, um mich hegelsch auszudrücken,
deckt sich überall mit Ihrem Beispiel von Kreis und Polygon. Oder
die beiden, der Begriff einer Sache und ihre Wirklichkeit, laufen
nebeneinander wie zwei Asymptoten, sich stets einander nähernd
und doch nie zusammentreffend. Dieser Unterschied beider ist eben
der Unterschied, der es macht, daß der Begriff nicht ohne wei-
teres, unmittelbar, schon die Realität, und die Realität nicht
unmittelbar ihr eigner Begriff ist. Deswegen, daß ein Begriff die
wesentliche Natur des Begriffs hat, daß er also nicht ohne wei-
teres prima facie 2*) sich mit der Realität deckt, aus der er
erst abstrahiert werden mußte, deswegen ist er immer noch mehr
als eine Fiktion, es sei denn, Sie erklären alle Denkresultate
für Fiktionen, weil die Wirklichkeit ihnen nur auf einem großen
Umweg, und auch dann nur asymptotisch annähernd, entspricht.
Geht es der allgemeinen Profitrate anders? Sie existiert in jedem
Augenblick nur annähernd. Wenn sie sich einmal in zwei Etablisse-
ments bis aufs Tüpfelchen auf dem i realisiert, wenn beide m ei-
nem gegebnen Jahr g e n a u d i e s e l b e P r o f i t r a-
t e erwirken, so ist das purer Zufall, in Wirklichkeit wechseln
die Profitraten je nach den verschiednen Umständen von Geschäft
zu Geschäft und von Jahr zu Jahr, und die allgemeine Rate exi-
stiert nur als Durchschnitt vieler Geschäfte und einer Reihe von
Jahren. Wollten wir aber verlangen, die Profitrate solle - sage
14,876934... bis auf die 100ste Dezimalstelle in jedem Geschäft
und jedem Jahr genau gleich sein, bei Strafe der Degradation zur
Fiktion, so würden wir die Natur der Profitrate und der
ökonomischen Gesetze überhaupt arg verkennen - sie alle haben
keine andre Realität als in der Annäherung, der Tendenz, im
Durchschnitt, aber nicht in der u n m i t t e l b a r e n
Wirklichkeit. Das kommt einesteils daher, daß ihre Aktion von der
gleichzeitigen Aktion andrer Gesetze durchkreuzt wird, teilweise
aber auch von ihrer Natur als Begriffe.
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2*) auf den ersten Blick
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Oder nehmen Sie das Gesetz des Arbeitslohns, die Realisierung des
Werts der Arbeitskraft, der nur, und selbst das nicht immer, im
Durchschnitt sich verwirklicht und in jeder Lokalität, ja jeder
Branche, nach der gewohnten Lebenshaltung variiert. Oder die
Grundrente, den aus einer monopolisierten Naturkraft entspringen-
den Surplusprofit über die allgemeine Rate darstellend. Auch da
deckt sich wirklicher Surplusprofit und wirkliche Rente keines-
wegs ohne weiteres, sondern nur annähernd im Durchschnitt.
Genau so geht's mit dem Wertgesetz und der Verteilung des Mehr-
werts durch die Profitrate.
1. Beides kommt erst zur vollständigst angenäherten Realisierung
unter der Voraussetzung, daß die kapitalistische Produktion über-
all vollständig durchgeführt, d.h. die Gesellschaft reduziert ist
auf die modernen Klassen der Grundbesitzer, Kapitalisten
(Industrielle und Händler) und Arbeiter, alle Zwischenstufen aber
beseitigt. Das existiert noch nicht einmal in England und wird
nie existieren, so weit lassen wir's nicht kommen.
2. Besteht der Profit inkl. Rente aus verschiednen Bestandteilen:
a) dem Profit aus Prellerei - der sich in der algebraischen Summe
aufhebt;
b) dem Profit aus Wertsteigerung von Lagerbeständen (dem Rest
z.B. der letzten Ernte, wenn die nächste mißrät). Dies s o l l
sich theoretisch auch schließlich ausgleichen, soweit nicht schon
durch Wertfall andrer Waren aufgehoben, indem entweder die kau-
fenden Kapitalisten so viel zuschießen müssen wie die verkaufen-
den gewinnen, oder aber, bei Lebensmitteln für Arbeiter, auf die
Dauer der Lohn steigen muß. Die wesentlichsten dieser Wertsteige-
rungen sind aber n i c h t a u f d i e D a u e r, die Aus-
gleichung findet also statt nur im Durchschnitt der Jahre, und
höchst unvollkommen, notorisch auf Kosten der Arbeiter; sie pro-
duzieren mehr Mehrwert, weil ihre Arbeitskraft nicht voll bezahlt
wird;
c) der Gesamtsumme des Mehrwerts, von der aber wieder der Teil
abgeht, der d e m K ä u f e r g e s c h e n k t wird, beson-
ders in Krisen, wo die Überproduktion auf ihren wirklichen Gehalt
von gesellschaftlich notwendiger Arbeit reduziert wird.
Hieraus folgt ja schon von vornherein, daß der Gesamtprofit und
Gesamtmehrwert sich nur annähernd decken können. Nehmen Sie aber
noch hinzu, daß sowohl der Gesamtmehrwert wie das Gesamtkapital
keine konstanten, sondern variable Größen sind, die von Tag zu
Tag sich ändern, so erscheint jede andre Deckung der Profitrate
durch Summe (m) / Summe (c+v) als durch eine annähernde Reihe und
jedes andre als ein stets der Einheit zustrebendes und
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stets wieder von ihr doch sich entfernendes Zusammenfallen von
Gesamtpreis und Gesamtwert als eine pure Unmöglichkeit. Mit an-
dern Worten, die Einheit von Begriff und Erscheinung stellt sich
dar als wesentlich unendlicher Prozeß, und das ist sie, in diesem
Fall wie in allen andern.
Ist denn die Feudalität jemals ihrem Begriff entsprechend gewe-
sen? Im Westfrankenreich gegründet, in der Normandie durch die
norwegischen Eroberer weiterentwickelt, durch die französischen
Normannen in England und Süditalien fortgebildet, kam sie ihrem
Begriff am nächsten - im ephemeren Königreich Jerusalem, das in
den Assises de Jérusalem [460] den klassischsten Ausdruck der
feudalen Ordnung hinterlassen hat. War diese Ordnung deswegen
eine Fiktion, weil sie nur in Palästina eine kurzlebige Existenz
in voller Klassizität zustande brachte, und auch das nur - größ-
tenteils - auf dem Papier?
Oder sind die in der Naturwissenschaft herrschenden Begriffe Fik-
tionen, weil sie sich keineswegs immer mit der Realität decken?
Von dem Augenblick, wo wir die Evolutionstheorie akzeptieren,
entsprechen alle unsre Begriffe vom organischen Leben nur annä-
hernd der Wirklichkeit. Sonst gäbe es keine Veränderung; an dem
Tag, wo Begriff und Wirklichkeit in der organischen Welt sich ab-
solut decken, ist es am Ende mit der Entwicklung. Der Begriff
Fisch schließt ein Leben im Wasser und Atmen mit Kiemen; wie wol-
len Sie vom Fisch zum Amphibium kommen ohne Durchbrechen dieses
Begriffs? Und er ist durchbrochen worden, und wir kennen eine
ganze Reihe von Fischen, die ihre Luftblase zur Lunge weiterent-
wickelt haben und Luft atmen können. Wie wollen Sie vom eierle-
genden Reptil zum Säugetier kommen, das lebendige Junge austrägt,
ohne einen oder beide Begriffe mit der Realität in Konflikt zu
bringen? Und in Wirklichkeit haben wir in den Monotremen eine
ganze Unterklasse eierlegender Säugetiere - ich habe die Eier des
Schnabeltiers 1843 in Manchester gesehn und in hochmütiger Bor-
niertheit die Dummheit verspottet, als ob ein Säugetier Eier le-
gen könnte, und jetzt ist's bewiesen! Tun Sie also nicht dem
Wertbegriff dasselbe an, weswegen ich nachträglich das Schnabel-
tier um Verzeihung bitten mußte!
Auch in Sombarts sonst sehr gutem Artikel über den III. Band 3*)
finde ich diese Neigung, die Werttheorie abzuschwächen; er hatte
offenbar auch eine etwas andre Lösung erwartet.
Ihr Artikel im "Centralblatt" ist aber s e h r g u t, und der
Nachweis des spezifischen Unterschieds der Marxschen Profitraten-
theorie - durch die
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3*) des "Kapitals"
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quantitative Bestimmtheit - von der der alten Ökonomie sehr gut
durchgeführt. Der illustre Loria in seiner Gescheitheit sieht im
3. Band eine direkte Preisgebung der Werttheorie, und da ist Ihr
Artikel die fixe und fertige Antwort. Nun sind zwei Leute dabei
interessiert, Labriola in Rom und Lafargue, der in der "Critica
Sociale" mit Loria in Polemik steht. [481] Könnten Sie also ein
Ex. schicken an Prof. Antonio Labriola, Corso Vittorio Emmanuele
251, Rom, so würde dieser sein möglichstes tun, eine italienische
Übersetzung desselben herauszugeben; und ein zweites Ex. an Paul
Lafargue, Le Perreux, Seine, France, würde diesem den nötigen An-
halt geben und er Sie zitieren. Ich habe an beide deswegen ge-
schrieben [135], daß Ihr Artikel die Antwort auf den Hauptpunkt
fertig enthält. Können Sie die Ex. nicht besorgen, so, bitte,
zeigen Sie es mir an.
Hiermit muß ich aber schließen, sonst werde ich gar nicht fertig.
Beste Grüße. Ihr F. Engels
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