Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#441# 228 - Engels an Carl Hirsch - 19. März 1895
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228
Engels an Carl Hirsch
in Köln [360]
London, 19. März 95
41, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Hirsch,
Ich will Dir den Gefallen tun [486], aber nur unter zwei Bedin-
gungen: 1. Die Sache bleibt g a n z u n t e r u n s, denn
sonst krieg' ich 100 dergleichen zur Vorkritik eingeschickt; was
ich dem einen tu', kann ich dem anderen nicht abschlagen - und
dann kann ich einpacken. 2. Daß dies das letzte Mal ist, daß Du
mich um so etwas angehst. Ich bekomme mehr Sachen in einer Woche
zugeschickt, als ich in einem Monat lesen kann, aber wenn ich
dazu noch kritisieren soll, komme ich noch weit weniger durch. -
S. 4. E i n s e i t i g! Das ist in der g r o ß e n Industrie
weit weniger der Fall als in der M a n u f a k t u r. Im Gegen-
teil, die große Industrie b e s e i t i g t großenteils die Ma-
nufaktur-Verkrüppelung, wenn sie auch i h r e e i g e n e neu
erzeugt; diese letztere kann durch Intensifikation der Arbeit ge-
steigert werden. Soweit ich die große Industrie kenne, scheint
mir dieser Punkt hier m e h r betont als der Sachlage ent-
spricht. Die Teilung der Arbeit ist und bleibt die Grundursache
der Arbeitsverkrüppelung. S. 6. - "jedesmal Überproduktionen,
Krisen". - K a n n, hat die Tendenz - Realisation keineswegs
notwendig. "Schraubenbewegung" - scheint mir zu allgemein gefaßt.
Welche Produktionsweise ist hier unterstellt? "Das Minimum ge-
sellschaftlich notwendiger Arbeitszeit" - wenn das die zur Pro-
duktion des gesellschaftlichen Gesamtprodukts nötige Zeit sein
soll, hat keinen Sinn in der kapitalistischen Gesellschaft, da
bei seiner Verteilung auf die einzelnen Arbeiter die ganze indu-
strielle Reservearmee unberücksichtigt bleibt. S. 15. "Überall
da" (usw. bis zum Schluß des Satzes) - dies ist mindestens sehr
unklar ausgedrückt, und wie es da steht, ein Widerspruch. Zuerst
entspringt aus der Erhöhung der Produkte der Arbeit "ein Gewinn
an sich" und dann ein "Wertverlust, der wenigstens möglich ist".
Das geht nicht so ohne Angabe der erklärenden und einschränkenden
Mittelglieder. S. 18. "Das Kapital des Arbeiters ist er selbst."
Dies klingt sehr schön, aber das Wort Kapital verliert hier den
letzten Rest seines Sinns. Was Teufel hast Du vernünftige Dinge
in unvernünftige
#442# 228 - Engels an Carl Hirsch - 19. März 1895
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Philisterphrasen zu übersetzen; - was Du da sagst, ist mir rein
unverständlich. Ebenso unter S. 18 Nr. 2. Die Verdichtung der Ar-
beit, die aus der Verbesserung des Mechanismus folgt, heißt hier
auf einmal ungesund. Das kann sie sein, das ist sie sehr häufig
im kapitalistischen System, aber an sich selbst ist sie ebensowe-
nig ungesund wie Essen und Verdauen auf der folgenden Seite. Sie
wird nicht nur nicht aufhören, sondern wir werden sie noch bedeu-
tend steigern können, weil wir die Kompensationen für den Arbei-
ter darunter haben. Sonstige Glossen am Rand. Wenn Du später ein-
mal eine zweite Auflage machst, so würde ich Dir raten, diese im-
merhin sehr allgemeinen Auseinandersetzungen durch spezielle Bei-
spiele zu begründen, Tatsachen aus verschiedenen Industriezweigen
anzuführen und überhaupt zu sagen, auf welche Industrien Du Dich
beziehst. Z.B. von der entwickelten englischen Textilindustrie
gelten Deine Sätze nur in sehr beschränktem Maß. Dagegen mögen
sie viel mehr Geltung haben für Deutschland, wo die große Indu-
strie noch jung ist und sich eben erst in einer ganzen Reihe von
Produktionszweigen durchsetzt, unter Verdrängung alter Methoden
und plötzlicher Steigerung der Intensität der Arbeit. Das sind
aber bloß Durchgangsstadien. Die Hauptsache in solchen ökonomi-
schen und speziell industriellen Dingen ist, sich nicht durch den
lokalen Standpunkt beherrschen lassen. Als das gefaßt, was sie
sind, haben diese Durchgangsphasen ihre volle Wichtigkeit, aber
man muß auch sich bewußt sein und sagen, daß sie d a s sind und
nichts anderes. Und da hast Du ja in Deiner unmittelbarsten Nähe
die schönste Gelegenheit, alle Deine Sätze als Deduktionen der
lebendigen Wirklichkeit darzustellen, und dabei lernst Du selbst
was. - Jetzt macht's gut bei der Neuwahl in Köln [467], damit wir
wenigstens in die Neuwahl kommen. Und wenn Du mir gelegentlich
mal wieder schreibst, sag mir, ob das alte Haus, hinter Hutma-
cher, wo die "N[eue] Rh[einische] Ztg." war, noch immer Nr. 17
trägt und ob der Kleidersweater, der jetzt dort wohnt, Salomon
oder Lewi heißt, ich hab's vergessen.
Ihr führt Euren Kampf mit dem Zentrum [17] soweit ganz nett, aber
ich meine, Du könntest doch die Haltung der Lieber & Co. im
Reichstag etwas öfter in Leitartikeln annageln.
Viele Grüße.
Dein F. E.
Nach einer maschinengeschriebenen Abschrift.
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