Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #446# 232 - Engels an Karl Kautsky - 25. März 1895
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       232
       
       Engels an Karl Kautsky
       in Stuttgart [470]
       
       London, 25. März 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Lieber Baron,
       Dein Telegramm  sofort beantwortet:  "mit Vergnügen". Per Streif-
       band folgt  der Text  in Korrekturabzug mit Titel: Einleitung zum
       Neudruck von  Marx' "Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848/50" von
       F. E[ngels].  Daß der Inhalt im Abdruck der alten Artikel aus der
       "N[euen] Rheinischen]  Z[eitung]. Revue" besteht, ist im Text ge-
       sagt.   M e i n  Text hat einiges gelitten unter umsturzvorlagen-
       furchtsamlichen Bedenken unsrer Berliner Freunde, denen ich unter
       den Umständen wohl Rechnung tragen mußte. [455]
       Plechanow habe  ich sofort  über sein  Mißverständnis aufgeklärt.
       Daß Du  den Ferri abwiesest, war sehr recht, der Mann ist auf je-
       dem Gebiet Sensationsbelletrist und hält, wie die meisten Italie-
       ner, den  Loria für einen Riesen auf dem Gebiet der Ökonomie, was
       ihnen der  illustre durch "die wiederholte Erscheinung" (wie Rüge
       sagte) und durch eine meisterhaft organisierte Kamaraderie einge-
       bleut hat.
       Liebk[necht]s Milizrede  [471] habe ich nicht im Stenogramm gele-
       sen, nach  Zeitungsberichten läßt sich nicht urteilen. Über Miliz
       und stehendes  Heer ließe  sich ein langes und breites schreiben.
       Wenn Frankreich und Deutschland übereinkämen, ihre Armeen allmäh-
       lich in Milizheere mit gleich langer Übungszeit zu verwandeln, so
       wäre die  Sache fertig;  Rußland kann  man machen  lassen, was es
       will, und  Österreich und  Italien folgen mit Wollust. Aber wegen
       der inneren  Verhältnisse können  Frankreich und Deutschland sich
       das nicht  leisten, und  wenn sie es könnten, so geht's wegen El-
       saß-Lothringen nicht.  Und daran  scheitert  die  ganze  Milizge-
       schichte.
       Deine Vorgeschichte  des Sozialismus  [472] ist  mir  leider  bis
       heute noch  nicht zugekommen, ich bin sehr begierig darauf, nicht
       nur, wenn  auch besonders, auf die Wiedertäufer; auch in den frü-
       heren Bewegungen  ist noch so manches aufzuklären. Daß Du bei den
       Taboriten nicht auf tschechische Quellen zurückgehn konntest, ist
       sehr zu bedauern, war aber ohne einen längeren Aufenthalt in Böh-
       men und ohne besondre Zugangsgelegenheit zu
       
       #447# 232 - Engels an Karl Kautsky - 25. März 1895
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       handschriftlichem Material  absolut nicht  zu machen.  Da  findet
       sich wohl  einmal ein  junger Tscheche  an Ort und Stelle, der da
       nachhilft.
       Was ich  von Edes  Arbeit gelesen, hat mir sehr gefallen, nament-
       lich was  das Stoffliche und die hervorspringenden Gesichtspunkte
       angeht. Dagegen scheint mir die Anordnung etwas übereilt gemacht,
       doch darüber läßt sich erst urteilen, wenn man das Ganze vor sich
       hat. [172]
       Mit einer  Geschichte der  Internationale für Euch wird es starke
       Haken haben. Da müßte vor allem erst das Material aus den einzel-
       nen Ländern  gesammelt werden.  Für Spanien  gibt Mora es jetzt -
       sehr tropfenweise  - im  Feuilleton des "Socialista". Für Italien
       bis zum  Haager Kongreß  habe ich ziemlich viel, aber da hat sehr
       viel hinter  den Kulissen  gespielt. Für  Frankreich,  bis  1870,
       könnten Frankel  und  Lafargue  wohl  manches  sammeln,  für  die
       Schweiz sind  "Tagwacht", "Vorbote",  "Égalité", "Bulletin Juras-
       sien" 1*)  da. (Héritiers  "Berliner  Volks-Tribüne"-Artikel  nur
       s e h r  vorsichtig zu gebrauchen, alles unbewußt zur Entschuldi-
       gung der  Bakunisten geschrieben181;  der Mann  war so  unwissend
       über das,  was er  tat, daß  i c h  ihm erst nachher sagen mußte,
       wieso er  damit seinem geistigen Pflegevater Becker 2*) Ohrfeigen
       versetzt hatte! 3*)) Die übrigen Länder sind nebensächlich.
       Das Material,  das ich  besitze, habe  ich seit Jahren vor in der
       Biographie von  Marx zu  verwerten,  und  zwar  werde  ich  grade
       d i e s e n  w i c h t i g s t e n  T e i l  z u e r s t  machen,
       dazu nötigen  mich diverse Umstände. Erstens hab' ich in der ent-
       scheidenden Zeit 1870-72 selbst mitgetan und kann da das Material
       aus der  Erfahrung ergänzen.  Zweitens ist es doch die wichtigste
       und gleichzeitig die am wenigsten aus gedrucktem Material richtig
       darzustellende Episode in Marx' öffentlichem Leben. Drittens sind
       hier die meisten Verleumdungen zu beseitigen. Viertens bin ich 74
       Jahre alt  und muß  mich eilen. Und fünftens kann die andre Peri-
       ode, wo  Marx öffentlich  wirkte (1842-62)  ganz gut  später  und
       selbst im  Notfall von jemand anders als von mir geschildert wer-
       den, da  hier die  öffentliche Polemik bis zum "Herrn Vogt" herab
       das meiste  aufgeklärt und  Marx die  damaligen Verleumdungen der
       Vulgärdemokraten so  entschieden niedergelebt  hat, daß sie heute
       keiner Widerlegung im einzelnen mehr bedürfen.
       An diese  Arbeit, auf  die ich mich seit lange gefreut habe, gehe
       ich, sobald ich irgend kann, und zwar sind nur noch einige kleine
       Arbeiten dazwischen,  eigentlich bloß  noch die  Umarbeitung  der
       Einleitung zur Neuauflage des "Bauernkriegs" [140] (wozu ich auch
       Dein Buch brauche). Ich werde dann
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       1*) "Bulletin de  la Fédération  jurassienne de l'Association in-
       ternationale des  travailleurs" - 2*) Johann Philipp Becker - 3*)
       siehe vorl. Band, S. 11
       
       #448# 232 - Engels an Karl Kautsky - 25. März 1895
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       mir alle  Korrespondenz (die  mir riesig  Zeit wegnimmt) und alle
       Gelegenheitsarbeiten (wohl  mit Hülfe der Umsturzvorlage [355]?!)
       abschütteln, und dann wird's schon gehn.
       Deine Nachrichten über die "Arbeiter-Zeitung" sind ja sehr trübe,
       ich denke  aber, sie  schlägt sich  durch. Vielleicht  haben  die
       Leute das Ding anfangs etwas zu großartig angelegt [294] und müs-
       sen sich  jetzt knapper einrichten. Aber der  p o l i t i s c h e
       Erfolg scheint gesichert, und da müßte es doch mit dem Teufel zu-
       gehn, wenn  der finanzielle Erfolg nicht schließlich auch möglich
       würde. Eine  Wahlreform, die  uns ins Parlament bringt, halte ich
       in Östreich für absolut sicher, es sei denn, eine plötzliche all-
       gemeine Reaktionsperiode  bräche herein.  Auf eine solche scheint
       man in  Berlin gewaltsam hinzuarbeiten, aber leider weiß man dort
       selbst von  heute auf  morgen nicht, was man will. Da kann's kom-
       men, wie  bei dem  Rekruten aus Lancashire, dem der Unteroffizier
       beim Einexerzieren  kommandierte: Gewehr auf - Gewehr ab - Gewehr
       auf -  ab -  auf - ab - I winnot, schrie der Rekrut. You won't? -
       No, I  winnot. -  You refuse  to obey  your superior officer? - I
       winnot! -  And why  not? -  Because you dunnot know your own mind
       for two minutes together! 4*)
       Viele Grüße von Haus zu Haus.
       Dein F. E.
       
       Bitte, was ich Dir oben über meine Pläne gesagt, unter uns zu be-
       halten, es gibt soviel indiskrete Literaten in der Partei!
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       4*) Ich will nicht, schrie der Rekrut. - Du willst nicht? - Nein,
       ich will  nicht. - Du weigerst Dich, Deinem vorgesetzten Offizier
       zu gehorchen?  - Ich  will nicht!  - Und  warum nicht? - Weil Sie
       selbst nicht zwei Minuten lang wissen, was Sie wollen!

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