Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
zurück
#449# 233 - Engels an Laura Lafargue - 28. März 1895
-----
233
Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
London, 28. März 95
41, Regent's Park Road, N.W.
Mein liebes Löhr,
Wenn bei Euch Überschwemmungsgefahr bestand, so war es bei uns
genau umgekehrt - vier Wochen ohne Wasser, und nach dem Frost war
als Folge die Kanalisation verstopft. Das war ein schönes Durch-
einander. London wurde durch diesen Monat harten Frostes in die
Barbarei zurückgeschleudert, und der "Standard" gratulierte uns
mit echt britischem Konservatismus dazu, daß der Ausfall der Was-
serversorgung ein Beweis für die hier erreichte hohe Zivilisation
sei, während er die unzivilisierten Städte des Kontinents bemit-
leidete, in denen die Wasserleitungen nicht eingefroren waren.
Nun, Gott sei Dank, es ist vorbei.
Du murrst über die mythische Einigkeit und die realen Zänkereien
der französischen Sozialisten - verglichen mit den englischen
sind sie Waisenknaben in dieser Kunst. Sie sind besonders inter-
essant - die englischen Sozialisten meine ich -, da die Social
Democratic Federation [10] und die Independent Labour Party [9]
einander unter dem Deckmantel angeblicher Harmonie bekämpfen.
Diese Harmonie geht genau so weit wie ihr gemeinsamer Haß gegen
John Burns und gestattet der Social Democratic Federation, Keir
Hardie einzuladen, auf ihrem Kommune-Meeting zu sprechen. Auf
diesem Meeting richtet K. H[ardie] (lies seine Rede im "Labour
Leader") versteckte Angriffe gegen die Social Democratic Federa-
tion, worauf diese in der "Justice" antwortet [473]. Die Social
Democratic Federation sagt, daß die Independent Labour Party
keine Daseinsberechtigung besitze, da die Social Democratic Fe-
deration die einzig wahre orthodoxe Kirche sei; und die Indepen-
dent Labour Party sagt, die Social Democratic Federation müßte
sich von der Independent Labour Party absorbieren lassen. Ihre
neueste Heldentat vollbrachten sie bei den Wahlen zum County
Council [453], wo beide Organisationen Kandidaten aufstellten,
und zwar nur gegen die "Progressiven"; das Resultat war: 1 300
Stimmen z u s a m m e n g e n o m m e n von 486 000 und die
Wahl von 4 Gemäßigten (Konservativen),
#450# 233 - Engels an Laura Lafargue - 28. März 1895
-----
die ehemalige Sitze der Progressiven einnehmen, dazu das Tri-
umphgeschrei sowohl in der "Justice" als auch im "Labour Leader",
daß s i e die Progressiven geschlagen hätten. [474] Stell Dir
vor, die Pariser Sozialisten stimmten m i t Klerikalen, Monar-
chisten und Opportunisten [20] g e g e n die Parteien, die eine
autonome Verwaltung für Paris fordern, und Du hast das genaue
Gegenstück zu der Wahl der Sozialisten in London. Doch - eine Un-
terstützung der Progressiven hätte bedeutet, John Burns' gutes
Verhalten im County Council anzuerkennen und die Politik von Sid-
ney Webb und der Fabians [11] zu billigen, die, mögen sie auch
als S o z i a l i s t e n Stümper sein, in der Kom-
munalverwaltung wirklich gute Arbeit leisten und energisch und
geschickt für ein autonomes London kämpfen. Und so ziehen die
"Sozialisten" es vor, die Partei zu unterstützen, die London die
Selbstregierung verweigert und mit aller Kraft darum kämpft, den
County Council machtlos zu erhalten. Der County Council ist jetzt
das nächstliegende, am besten und leichtesten zu erobernde Stück
Regierungsmaschinerie - die Arbeiterklasse könnte es morgen ha-
ben, wenn sie einig wäre. Und was würde das Parlament mit einem
sozialistischen autonomen Londoner Rat sein!
Die Berliner veröffentlichen erneut Mohrs Artikel aus der "Revue
der N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]" über Frankreich 1848 bis
1850, und ich habe eine Einleitung dazu geschrieben, die wahr-
scheinlich erst in der "N[euen] Zeit" erscheinen wird. Sie hat
etwas unter dem, wie ich glaube, übertriebenen Verlangen unserer
Berliner Freunde gelitten, nichts zu sagen, was als Mittel be-
nutzt werden könnte, die Annahme der Umsturzvorlage 1*) [355] im
Reichstag zu unterstützen. Unter diesen Umständen mußte ich nach-
geben. [455] Aber diese Umsturzvorlage 1*) und der absolut unge-
wisse Stand der Dinge in Deutschland - so großartig er für den
allgemeinen Fortschritt unserer Partei sein mag - bringt einen
großen Teil meiner Vorhaben durcheinander. Wie Du sicher weißt,
war ich dabei, die Lassalle-Korrespondenz fertigzumachen [200];
dazu muß ich eine Menge alter Papiere, Briefe usw. durchsehen.
Wenn jedoch die neue Vorlage durchkommt, werden weder die Briefe
noch meine Notizen und die "Einleitung" in Deutschland gedruckt
werden können. Und ein Wiederabdruck unserer alten Artikel von
1843-52 wird ebenfalls unmöglich sein. So bin ich gezwungen, dies
alles zu vernachlässigen, bis wir etwas klarer sehen können, wie
der Hase läuft 2*). In der Zwischenzeit beschäftige ich mich mit
Bd. IV des "Kapitals" [88], indem ich die schon von K. K[autsky]
abgeschriebenen Teile lese und korrigiere, und werde dann mit
Tussy die Fortsetzung ihrer Arbeit vereinbaren.
-----
1*) In der Handschrift deutsch: Umsturzvorlage - 2*) in der Hand-
schrift deutsch: wie der Hase läuft
#451# 233 - Engels an Laura Lafargue - 28. März 1895
-----
Die Dinge in Deutschland werden entschieden kritisch. Die letzte
Eskapade von Jung-Wilhelm 3*) - seine tiefste Entrüstung 4*) über
die Anti-Bismarck-Abstimmung des Reichstags [475] - birgt ernst-
hafte Gefahrenmomente. Erstens als ein Symptom; es zeigt, daß bei
ihm jetzt nicht nur "eine Schraube locker ist", sondern daß sein
ganzer Mechanismus in Unordnung zu geraten beginnt. Dann als ein
défi 5*). Ich zweifle nicht daran, daß unsere Partei darauf im
Reichstag antworten wird, und obgleich es für den Augenblick
scheinen mag, als sei die Sache begraben, i s t d e r K o n-
f l i k t d a und wird wieder auftauchen. Ohne Zweifel stehen
wir in Deutschland einem modernen Karl I. gegenüber, einem von
Cäsarenwahnsinn 6*) besessenen Mann.
Dann sieh Dir an, was für Verwirrung der Kerl in den Reihen der
bürgerlichen Parteien stiftet. Dem konservativen Junker 7*)
schmeichelt er zeitweilig, und zeitweilig stößt er ihn zurück;
ihrem Geschrei nach staatlich gesicherten Renten kann er nicht
entsprechen; die Allianz zwischen der Landaristokratie und den
großen Fabrikbesitzern, die Bismarck 1878 mit Hilfe seiner
Schutzzölle begründete, ist wegen entgegengesetzter ökonomischer
Interessen in die Brüche gegangen. [476] Die katholische Partei
[17], die mit ihren 100 Abgeordneten das politische Gleichgewicht
im Reichstag bestimmte, befand sich auf dem besten Wege, sich zur
Abstimmung für die Umsturzvorlage 8*) verleiten zu lassen, als
die Bismarck-Abstimmung und der Entrüstungskaiser 9*) sie sofort
wieder in die Opposition zurückwarf - und das bedeutet, die Spal-
tung des katholischen Zentrums in einen aristokratisch-bourgeoi-
sen Flügel und einen demokratischen, einen Flügel der Arbeiter
und Bauern zu beschleunigen. Überall Verwirrung und Uneinigkeit,
die Wilhelm zu einem coup d'état treiben, um sein göttliches
Recht auf absolute Macht zu behaupten und vom allgemeinen Wahl-
recht loszukommen; auf der anderen Seite der stille und unwider-
stehliche Vormarsch unserer Partei, der sich bei jeder Wahl für
ein beliebiges durch die Stimmen der Arbeiter erreichbares Amt
zeigt. Das sieht kritisch aus - qui vivra verra! 10*)
In einigen Tagen werde ich an Paul wegen seiner Hälfte des
Doppelbett-Buchs schreiben 11*). Er hat einen merkwürdigen Bett-
genossen. [306]
Immer Dein F. Engels
Aus dem Englischen.
-----
3*) Wilhelm II. - 4*) in der Handschrift deutsch: tiefste Entrü-
stung - 5*) eine Herausforderung - 6*) in der Handschrift
deutsch: Cäsarenwahnsinn - 7*) in der Handschrift deutsch: Junker
- 8*) in der Handschrift deutsch: Umsturzvorlage - 9*) in der
Handschrift deutsch: Entrüstungskaiser - 10*) die Zukunft wird es
lehren! - 11*) siehe vorl. Band, S. 454
zurück