Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


       zurück

       #454# 236 - Engels an Paul Lafargue - 3. April 1895
       -----
       236
       
       Engels an Paul Lafargue
       in Le Perreux
       
       London, den 3. April 95
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Mein lieber Lafargue,
       Ich hatte Ihre Hälfte des Buchs [306] noch nicht zu Ende gelesen,
       als mich  Kautskys I.  Bd. der "Geschichte des Sozialismus" [472]
       erreichte sowie  verschiedene italienische Zeitschriften (von La-
       briola), die  Loria betrafen,  und ein  Haufen  russischer  Zeit-
       schriften (von  N. D[anielson]). Man überschüttet mich mit Zusen-
       dungen. Aber  ich habe  Ihr Buch trotzdem zu Ende gelesen. Es ist
       stilistisch glänzend, enthält sehr treffende historische Darstel-
       lungen, Wahres  und Originelles, aber am besten ist, daß es nicht
       dem Buch  eines deutschen  Professors ähnelt,  in dem  das  Wahre
       nicht originell und das Originelle nicht wahr ist. Sein Hauptman-
       gel ist,  daß Sie sich wahrscheinlich zu sehr beeilt haben, damit
       fertig zu  werden; die  Gliederung, vor allem die Abschnitte über
       das feudale und das kapitalistische Eigentum, könnte sorgfältiger
       gemacht sein,  besonders für das Pariser Publikum, das an leichte
       und selbst  faulen Lesern angepaßte Lektüre gewöhnt ist; denn ge-
       rade der  Pariser besteht  auf seinem  Recht auf  Faulheit [479].
       Viele sehr  gute Passagen werden vielleicht einen Teil ihrer Wir-
       kungskraft verlieren,  weil sie gewissermaßen in Klammern gesetzt
       sind oder  weil Sie es zu sehr dem Leser selbst überlassen haben,
       Schlußfolgerungen zu ziehen und zu einem Ergebnis zu kommen.
       Was den  Stoff selbst betrifft, so bezieht sich mein Haupteinwand
       auf das Kapitel über den Kommunismus in der Blutsverwandtschafts-
       famili [480].  Dort legen  Sie, wie  mir scheint, die Betonung zu
       sehr auf die Form, unter der sich diese Phase bis auf unsere Tage
       i n   F r a n k r e i c h   erhalten hat,  und auf die Form ihrer
       Auflösung in  diesem Land.  Die Form der parçonnerie, in der sich
       die Gemeinschaft  der Blutsverwandten  in Frankreich so lange ge-
       halten hat, ist selbst schon eine  U n t e r s t u f e  der alten
       g r o ß e n  Familiengenossenschaft, die sich bis auf unsere Tage
       in der   Z a d r u g a   der Serben und Bulgaren fortgesetzt hat.
       Dieser Form ist, das scheint gewiß, in Rußland und in Deutschland
       usw. die   b ä u e r l i c h e   G e m e i n d e  vorausgegangen;
       als sie sich
       
       #455#
       -----
       Titelblatt mit Widmung von Engels an G.W. Plechanow
       
       #456#
       -----
       
       #457# 236 - Engels an Paul Lafargue - 3. April 1895
       -----
       auflöste, ist  die slawische  Zadruga, die deutsche Hausgenossen-
       schaft 1*)  (Genealogie der lex Alamannorum [481]) in die Gemein-
       schaft der  getrennten Familien übergegangen (oder im Anfang wohl
       oft  -   und  heute  noch  in  Rußland  -  in  parçonneries)  mit
       g e t r e n n t   b e w i r t s c h a f t e t e n   Feldern, aber
       d e r   p e r i o d i  s c h e n  V e r t e i l u n g  u n t e r-
       w o r f e n   - das bedeutet, was daraus entstand, ist die russi-
       sche   m i r,   die deutsche  M a r k g e n o s s e n s c h a f t
       2*) gewesen.  Die viel  stärker eingeschränkte  Gemeinschaft meh-
       rerer Familien, die sich in Frankreich erhalten hat, war, wie mir
       scheint, nur  ein integrierender Teil der Markgenossenschaft 2*),
       zumindest im  Norden (dem  f r ä n k i s c h e n  Teil); im Süden
       (dem alten  Aquitanien) hat sie vielleicht eine Einheit gebildet,
       die ihre  Länder nur  unter dem Oberbesitz des  S e i g n e u r s
       besaß, ohne  der Kontrolle der  Dorf g e m e i n d e  unterworfen
       zu sein.  Diese speziell französische Form konnte allein, als sie
       sich auflöste,  mit einem  einzigen  Sprung  in  das  persönliche
       Eigentum an Grund und Boden übergehen. 3*)
       Das ist  eine Frage, die noch eines sehr gründlichen Studiums be-
       darf. Von  Ihnen erfahre  ich von diesem speziellen Charakter des
       Kommunismus in der Blutsverwandtschaftsfamilie in Frankreich, und
       da Sie  nun einmal  mit Leib  und Seele  dabei sind,  könnten Sie
       nichts Besseres tun, als dieses vielversprechende Studium fortzu-
       setzen. *)
       Kleine errata:
       S. 338 lassen Sie das Wasser durch die peruanischen Wasserleitun-
       gen   h o c h b r i n g e n;   da es in Peru aber Wasser fast nur
       "im Herzen der Berge" gibt, und Ihre Wasserleitungen speziell ge-
       baut wurden,  um es  dorthin zu  leiten, müßte es also Meerwasser
       sein?
       S. 354, Terra Salica - Guérard irrt sich außerordentlich, wenn er
       das Wort Sala von Haus ableitet. [482] Die fränkischen Salier wa-
       ren also  Franken, die  in Häusern  wohnten? Sie nannten sich Sa-
       lier, saliques, nach dem kleinen Territorium in Holland, Salland,
       wo sich  die Gruppe,  die Belgien und Frankreich zwischen den Ar-
       dennen und  der Loire eroberte, für die Eroberung formiert hatte;
       dieser Name existiert auch heute noch. Zu der Zeit, als das Sali-
       sche Gesetz  erlassen wurde  (gegen 400) [483] war die sala noch,
       wie Sie  selber festgestellt  haben,  b e w e g l i c h e s  E i-
       g e n t u m  bei den Germanen.
       ---
       *) Man muß  die Dreiteilung Frankreichs beachten: das eigentliche
       Frankreich bis  zur Loire,  mit starkem germanischen Einfluß; den
       burgundischen Teil  östlich von Saône und Rhône, weniger germani-
       siert; Aquitanien,  zwischen Meer,  Loire und  Rhône mit geringem
       germanischem Einfluß.
       -----
       1*) In der  Handschrift deutsch:  Hausgenossenschaft - 2*) in der
       Handschrift deutsch:  Markgenossenschaft - 3*) vgl. Band 21 unse-
       rer Ausgabe, S. 61-63
       
       #458# 236 - Engels an Paul Lafargue - 3. April 1895
       -----
       S. 386, "ein anderer liebt es, Schlingen zu legen oder Heuschrec-
       ken (sauterelles)  zuzurichten". Hat man 1787 in Berry Heuschrec-
       ken gegessen?  - Ich  suche in meinem Wörterbuch und finde saute-
       rolle, Vogelfalle.
       S. 393,  Partages noirs  - im  Russischen tschornoï, schwarz wird
       für   s c h m u t z i g  angewandt und zweitens für volkstümlich,
       einfach, gewöhnlich.  Tschornoï narod,  das schwarze  Volk =  die
       Volksmasse, das  "niedere Volk".  Tschornoï perediel,  le partage
       noir, bedeutet  also vielmehr  allgemeine, allumfassende  Vertei-
       lung, wobei  jedermann seinen  Anteil bekommt, selbst der Ärmste.
       Und in  diesem Sinne hatte eine Narodnik-Zeitung (Freund der Bau-
       ern) in  der Schweiz den Titel "Tschornoï perediel", was die Ver-
       teilung der   a d l i g e n  G ü t e r  unter die Bauern bedeuten
       sollte.
       Das ist  alles, was  ich bemerkt habe, und es wird Ihnen reichen.
       Was Yves Guyot angeht, so wasche ich meine Hände in Unschuld.
       Liebknecht hat  mir gerade  einen schönen Streich gespielt. [455]
       Er hat  meiner Einleitung  zu den  Artikeln  von  Marx  über  das
       Frankreich von  1848 bis  1850 alles  das entnommen, was ihm dazu
       dienen konnte,  die um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung
       verwerfende Taktik  zu stützen, die es ihm seit einiger Zeit, be-
       sonders in  diesem Augenblick zu predigen beliebt, wo man in Ber-
       lin Ausnahmegesetze  [355] vorbereitet. Diese Taktik aber predige
       ich nur  für das  h e u t i g e  D e u t s c h l a n d,  und dann
       noch   m i t   e r h e b l i c h e n  V o r b e h a l t e n.  Für
       Frankreich, Belgien, Italien, Österreich eignet sich diese Taktik
       in ihrer  Gesamtheit nicht,  und für  Deutschland kann  sie schon
       morgen unanwendbar  werden. Ich bitte Sie also, den vollständigen
       Artikel abzuwarten,  ehe Sie urteilen - wahrscheinlich wird er in
       der "N[euen]  Z[eit]" erscheinen,  und ich  erwarte von einem Tag
       zum andern  Exemplare der  Broschüre.  Es  ist  bedauerlich,  daß
       L[ie]bk[necht] nur  schwarz oder weiß sieht. Die Nuancen existie-
       ren für ihn nicht.
       Übrigens geht  es in  Deutschland heiß  her, das  verspricht  ein
       großartiges Ende  des Jahrhunderts. Dieser kleine Wilhelm ist un-
       bezahlbar mit  seiner "Entrüstung". [475] Unsere Leute werden ihm
       im Reichstag  antworten, wo es keine Majestätsbeleidigungen gibt,
       dessen können Sie sicher sein.
       Ich wollte  Ihnen noch  über vieles schreiben, aber wenn es nötig
       ist, fällt  es einem nicht ein. So langsam wird man alt. Also le-
       ben Sie  wohl! ich muß, bevor die Post abgeht, noch einige Zeilen
       an Laura  schreiben. Grüße von den Freybergers (deren Kleine wun-
       derbar gedeiht) und von
       Ihrem F. Engels
       
       Aus dem Französischen.

       zurück