Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #473# 247 - Engels an Franz Mehring - Ende April 1895
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       247
       
       Engels an Franz Mehring
       in Berlin
       
       London [Ende April 1895]
       41, Regent's Park Road, N.W.
       Geehrter Herr Mehring,
       Mit vieler  Freude und  mit Dank nehme ich Ihr Anerbieten an, mir
       bei Aufstöberung  alter Arbeiten  von Marx für eine Neuherausgabe
       behülflich  zu   sein.  Die   nächste  Schwierigkeit  machte  die
       "Rh[einische] Ztg."  von 1842, die ich in der Berliner Bibliothek
       zwar vermutete,  aber über  deren  wirkliches  Vorhandensein  ich
       trotz mehrfacher  Anfragen nichts Sicheres erfuhr. Jetzt ist die-
       ser Punkt erledigt, und wir können anfangen.
       Bis Oktober 42 war M[arx] in Bonn; als ich Ende Sept. oder Anfang
       Okt. auf  der Rückreise  von Berlin  durchkam, war auf der Redak-
       tion, soviel ich mich erinnere, nur M. Heß und Dr. Rave, ein ehe-
       maliger Redakteur  der "Elberf[elder]  Ztg." (die  damals, glaub'
       ich, anders  hieß); Rutenberg war, glaub' ich, schon ausgewiesen;
       doch bin  ich darüber  nicht sicher.  Als ich gegen Ende Nov. auf
       der Durchreise nach England wieder vorsprach, traf ich Marx dort,
       und hatten  wir bei  der Gelegenheit unser erstes sehr kühles Zu-
       sammentreffen; Marx  war inzwischen gegen die Bauers aufgetreten,
       d.h. hatte sich dagegen erklärt, daß die "Rh[einische] Z[eitung]"
       vorwiegend ein  Vehikel für  t h e o l o g i s c h e  Propaganda,
       Atheismus etc.  statt für politische Diskussion und Aktion werde,
       und ebenso  gegen den  Edgar Bauerschen,  auf bloßer  Lust am "am
       weitesten gehn"  beruhenden Phrasen-Kommunismus,  der  dann  auch
       bald bei  Edgar durch  andre  extrem  klingende  Phrasen  ersetzt
       wurde; da  ich mit den Bauers korrespondierte, galt ich für ihren
       Alliierten, während M[arx] mir verdächtigt war von jenen.
       Nach allen  meinen Erinnerungen trat M[arx] am 1. Jan. 43 von der
       Redaktion en chef zurück - wenigstens offiziell. Das hindert aber
       nicht, daß  er bis  in den  Februar hinein  unter der Hand an der
       Zeitung mitgearbeitet  haben mag.  Ebenso glaube  ich  sicher  zu
       sein, daß  der Ukas,  wonach die Zeitung am 31. März 43 einzugehn
       habe, spätestens am 31. Dez, ihr zugestellt worden ist; dann fin-
       gen Verhandlungen  an, die  negatives Resultat  lieferten;  daher
       Veröffentlichung des Ukases erst 28. Jan. und ebenso der
       
       #474# 247 - Engels an Franz Mehring - Ende April 1895
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       eingeführten Oberzensur,  die schon  länger tatsächlich bestanden
       hatte; eine  Zeitlang sogar  dreifache Zensur: 1. der gewöhnliche
       Zensor, 2. der von Berlin hergesandte Assessor von Saint-Paul, 3.
       der Regierungspräsident.  Saint-Paul war  noch mit  beim Leichen-
       schmaus der  Zeitung. Die  Schwankung am  12./18. Febr.  würde so
       ziemlich mit Marx' Abreise von Köln zusammenfallen. [497]
       Wenn Sie  durch Vergleichung  dieser Daten mit der Zeitung selbst
       noch einiges nähere feststellen resp. berichtigen können, so wäre
       das für Ihre wie meine Arbeit sehr erwünscht.
       Mit den  Moselartikeln [490]  wird es sich wohl so verhalten, wie
       Sie sagen.  Marx war  damals an Köln gefesselt und konnte persön-
       lich unmöglich Material der Art sammeln.
       Der Artikel,  von dem  ich Fischer sprach 1*), ist in der Tat der
       in Ruges "Anekdota" über eine Zensur-Instruktion 2*).
       Eine der  besten Arbeiten  in der  "Rh[einischen] Z[eitung]"  ist
       noch im Feuilleton eine lange Kritik der Geschichte der Französi-
       schen Revolution  von Leo.  Sie ist  von Marx' Freund C.F. Köppen
       (der auch  über den  alten Fritz 3*) und nordische Mythologie ge-
       schrieben) und  gibt (zum  ersten Mal in irgendeiner Sprache) die
       richtige Erklärung der Schreckenszeit.
       Daß Sie  die Zeit vor 48 sehr gründlich studiert haben, haben mir
       einige Zitate  und Rückblicke  in  Ihren  Artikeln  der  "N[euen]
       Z[eit]" schon  bewiesen. Ich bin froh, daß die Bearbeitung dieser
       Zeit sowie der späteren für Deutschland Ihnen zugefallen ist.
       Möglicherweise findet  sich auch  in der  Zeit vor Okt. 42 in der
       Beilage hier  und da  noch etwas von Marx, kleineren Mitteilungen
       aus Bonn im Hauptblatt nachzuspüren, verlohnt sich wohl nicht der
       Mühe.
       Zur Vernichtung  der "Freien  Volksbühne" mein  herzlichstes Bei-
       leid! Der  Umsturz von  oben durfte  an diesem Institut unmöglich
       vorübergehn! [498]
       Nochmals besten Dank!
       Mit aufrichtiger Hochachtung
       Ihr F. Engels
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       1*) Siehe vorl.  Band, S.  471 - 2*) Karl Marx: "Bemerkungen über
       die neueste preußische Zensurinstruktion" - 3*) Friedrich II.

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