Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
zurück
#477# 250 - Engels an Laura Lafargue - 14. Mai 1895
-----
250
Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
London, 14. Mai 95
41, Regent's Park Road, N.W.
Mein liebes Löhr,
Ich war außerordentlich froh - und Louise und Ludwig waren es
auch - zu erfahren, daß Ihr beide, Du und Paul, bereit und ge-
willt seid, für eine Weile hierherzukommen, und ich hätte darauf
sofort geantwortet, wären nicht diese verteufelten Schmerzen, die
mich seit einer Woche beinahe verrückt gemacht und mich auch
jetzt noch nicht verlassen haben, so daß ich alles andere als
schmerzfrei bin und ohne jeden Geist und zu nichts zu gebrauchen.
Die Sache ist die: Vor einiger Zeit bekam ich eine Schwellung an
der rechten Seite des Halses, die sich nach einiger Zeit in em
tiefsitzendes Lymphdrüsenpaket umwandelte, das aus irgendeiner
Ursache infiltriert war. Die Schmerzen entstanden durch den di-
rekten Druck dieser Geschwulst auf den Nerv und werden natürlich
erst verschwinden, wenn dieser Druck aufhört. Im Augenblick geht
ein Resorptionsprozeß sehr befriedigend vor sich, jedoch eitern
einige dieser Drüsen und müssen wahrscheinlich geschnitten wer-
den; da sie aber so tief sitzen und nur langsam hochkommen und
wir alten Leute so langsame Gäule sind, läßt sich die Zeit für
die Operation nicht genau festsetzen, doch man hofft, es wird
noch in dieser Woche sein. Wenn das erst einmal vollbracht ist,
soll ich an die See fahren; aber der Zeitpunkt ist noch ungewiß.
Wie die Dinge nun liegen, wäre es dann nicht das beste, wenn Du,
sagen wir, im Laufe der nächsten Woche herüberkämst, und dann
könnten wir, Du und ich, uns so bald wie möglich auf den Weg nach
Eastbourne machen und uns dort in bequemen Quartieren niederlas-
sen und alles für Besucher aus London vorbereiten. Ich sage Du
und ich, weil ich vorhabe, Dich eine gute Weile hierzubehalten,
länger, als Paul sich wahrscheinlich von seinen Studien, Euren
Tieren und der Gartenarbeit trennen würde; darum wird er wohl
vorziehen, es zu machen, wie Du sagst, und hinterhergesprungen
kommen.
#478# 250 - Engels an Laura Lafargue - 14. Mai 1895
-----
Wenn ich hier heraus bin, will Louise in meinen beiden Zimmern
ein Großreinemachen veranstalten, und danach könnte sie mit ihrem
Baby kommen und sich uns eine Woche oder so anschließen; danach
könnten Tussy und Edward kommen, und dann Paul, der bis dahin
wohl seiner Einsamkeit überdrüssig sein wird, und dann können wir
alle zusammen an unsere Rückkehr nach London denken und Paul auch
unsere neue Wohnung zeigen.
Dies ist ungefähr der Plan, wie ihn ein Mann mit neuralgischen
Schmerzen im Kopf nach einer Reihe von schlaflosen Nächten unter
den gegenwärtigen unentschiedenen Bedingungen auszudenken vermag
und der daher Änderungen unterworfen ist, weil neue Umstände und
neue Ideen dies gebieten könnten. Er wird Dir hiermit untertä-
nigst zur Billigung oder, wenn nötig, Verbesserung unterbreitet.
Die Hitze ist unerträglich. 22 °C im Zimmer den ganzen Tag über -
kein Wind, Wolken und drohendes Gewitter, das leider n u r
droht. Und das 2 Monate nach diesem starken Frost!
Herzliche Grüße von den Freybergers an Euch beide. Amitiés à Paul
et au revoir. 1*)
Ich füge einen Scheck über £ 10 bei für Deine Reise hierher und
einige kleine Anschaffungen, die Du vielleicht für Deine Ausstat-
tung machen möchtest.
Laß uns also bitte wissen, wann wir Dich erwarten können.
Stets Dein F. Engels
Es gibt noch einen Grund, unnötige Verzögerungen zu vermeiden:
wir müssen v o r d e r P f i n g s t w o c h e nach East-
bourne fahren wegen der verbilligt reisenden Ausflügler usw.
Aus dem Englischen.
-----
1*) Grüße an Paul und auf Wiedersehen.
zurück