Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#481# 252 - Engels an Karl Kautsky - 21. Mai 1895
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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart [501]
London, 21. Mai 95
41, Regent's Park Road, N. W.
Lieber Baron,
Ich hätte Dir auf Deinen Brief vom 6. gleich geantwortet. Aber
eine eklige Halsdrüsenanschwellung mit viel Schmerzen und obliga-
ter Schlaflosigkeit hat mich für 14 Tage fast total arbeitsunfä-
hig gemacht. Jetzt sollst Du aber nicht länger warten.
Ihr habt damals eine "Geschichte des Sozialismus" [472] unternom-
men. Von allen lebenden Menschen gab es damals - das darf ich
wohl sagen - nur einen, dessen Mitwirkung dabei unbedingt notwen-
dig schien, und der eine war ich. Ich darf sogar sagen, daß ohne
meine Hülfe eine derartige Arbeit heute nicht anders als lücken-
haft und mangelhaft sein kann. Und das wußtet Ihr so gut wie ich.
Von allen möglicherweise brauchbaren Leuten bin ich aber grade
der einzige, der n i c h t zur Mitarbeit aufgefordert wurde.
Ihr mußtet also sehr triftige Gründe haben, wenn Ihr grade mich
ausschlosset. Ich beklage mich nicht darüber, weit entfernt. Ihr
hattet ein vollkommnes Recht, so zu handeln. Ich konstatiere nur
die Tatsache.
Was mich allerdings, doch nur für einen Augenblick, pikiert hat,
das war die sonderbare Geheimniskrämerei, womit Ihr, während alle
Welt davon sprach, mir gegenüber die Sache umhülltet. Erst durch
Dritte erfuhr ich von dem ganzen Vorhaben, erst durch den ge-
druckten Prospektus von der Anlage des Plans. Weder von Dir noch
von Ede ein Wort, es war, als hättet Ihr ein böses Gewissen. Da-
neben dann von allerlei Leuten leise Anfragen unter der Hand, wie
ich zu der Sache stehe, ob ich die Mitwirkung abgelehnt etc. Und
dann endlich, als das Schweigen nicht mehr möglich, kam der gute
Ede auf die Sache zu sprechen, mit einer Verschämtheit und Ver-
legenheit, die einer schlechteren Sache würdig gewesen wäre - wo
doch nichts Unrechtes vorlag als diese lächerliche Komödienspie-
lerei, die mir inzwischen, wie Louise bezeugen kann, manche recht
heitre Stunde gemacht hatte.
Nun gut. Ihr habt mir gegenüber eine vollendete Tatsache hinge-
stellt: eine "Geschichte des Sozialismus" ohne meine Mitwirkung.
Diese Tatsache
#482# 252 - Engels an Karl Kautsky - 21. Mai 1895
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habe ich von Anfang an akzeptiert, ohne mich zu beklagen. Aber
diese von Euch selbst geschaffne Tatsache könnt Ihr auch nicht
wieder aus der Welt schaffen, könnt sie nicht ignorieren, falls
Euch dies gelegentlich einmal paßt. Und ebensowenig kann ich sie
aus der Welt schaffen. Habt Ihr mir nach reiflicher Überlegung
die große Vorderpforte verschlossen, zu einer Zeit, wo mein Rat
und meine Hülfe Euch wesentlich nützen konnte, so bitte, verlangt
jetzt nicht von mir, daß ich durch irgendein kleines Hintertür-
chen hineinschlüpfe, um Euch aus einer Verlegenheit zu hellen.
Ich gestehe, wären die Rollen umgekehrt verteilt, ich hätte mich
sehr, sehr lange besonnen, ehe ich Dir einen Antrag gestellt wie
den vorliegenden. [502] Ist es denn so äußerst schwer einzusehn,
daß jeder die Folgen seiner eignen Handlungen auf sich nehmen
muß? As you made your bed, so you must lie in it. 1*) Ist für
mich kein Platz darin, so nur, weil Ihr's so gewollt habt.
So, das wäre abgemacht. Und nun tu mir den Gefallen und sieh
diese meine Antwort als unwiderruflich an. Laß diesen ganzen Zwi-
schenfall für uns beide tot und begraben sein. Ich werde auch mit
Ede nicht darüber sprechen, wenn er nicht davon anfängt.
Inzwischen bin ich dran, Dir für die "N[eue] Z[eit]" eine Arbeit
zu liefern, die Dir Freude machen wird: "Ergänzungen und Nach-
träge zum 'Kapital', Buch III", Nr. 1: Wertgesetz und Profitrate,
Antwort auf Sombarts und C. Schmidts Bedenken. Später folgt Nr.
2: die sehr bedeutend veränderte Rolle der Börse, seit Marx 1865
darüber schrieb. [457] Je nach Bedarf und Zeit folgt Fortsetzung.
Der erste Artikel wäre fertig, wenn mein Kopf frei gewesen.
Von Deinem Buch kann ich sagen, daß es sich bessert, je weiter
man darin kommt. Plato und das Urchristentum sind noch zu ungenü-
gend nach dem ursprünglichen Plan behandelt. Die mittelalterli-
chen Sekten schon viel besser, und zwar crescendo: am besten die
Taboriten, Münzer, die Wiedertäufer. Sehr viel wichtige ökonomi-
sche Reduktionen der politischen Ereignisse, daneben aber auch
Gemeinplätzliches, wo eine Lücke im Studium vorlag. Ich habe aus
dem Buch sehr viel gelernt; für meine Neubearbeitung des
"Bauernkriegs" ist es eine unentbehrliche Vorarbeit. [140] Die
Hauptfehler scheinen mir zwei: 1. Sehr mangelhafte Untersuchung
der Entwicklung und Rolle der ganz außerhalb der feudalen Gliede-
rung stehenden, deklassierten, fast pariamäßig gestellten Ele-
mente, die unvermeidlich mit jeder Stadtbildung aufkommen mußten
und die unterste, rechtlose Schicht jeder Stadtbevölkerung im
Mittelalter bilden, los von Markgenossenschaft,
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1*) Wie man sich bettet, so liegt man.
#483# 252 - Engels an Karl Kautsky - 21. Mai 1895
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feudaler Abhängigkeit und Zunftverband. Das ist schwer, aber es
ist die H a u p t b a s i s, denn allmählich, mit Auflösung der
Feudalbande, wird dies das Vorproletariat, das 1789 in den Pari-
ser Faubourgs 2*) die Revolution machte, absorbiert alle Auswürf-
linge der feudalen und zünftigen Gesellschaft. Du sprichst von
Proletariern, der Ausdruck schielt, und ziehst die Weber hinein,
deren Wichtigkeit Du ganz richtig schilderst - aber erst
s e i t d e m es deklassierte, nichtzünftige Weberknechte gab,
und nur s o w e i t es deren gab, kannst Du diese zu Deinem
"Proletariat" rechnen. Hier ist noch viel nachzuholen.
2. Hast Du die Weltmarktstellung - soweit davon die Rede sein
kann, die internationale ökonomische Stellung Deutschlands Ende
des XV. Jahrhunderts nicht voll erfaßt. Diese Stellung erklärt
a l l e i n, weshalb die bürgerlich-plebejische Bewegung in re-
ligiöser Form, die in England, den Niederlanden, Böhmen erlag, im
16. Jahrhundert in Deutschland einen g e w i s s e n Erfolg ha-
ben konnte: den Erfolg ihrer r e l i g i ö s e n V e r k l e i-
d u n g, während der Erfolg des bürgerlichen Inhalts dem folgen-
den Jahrhundert und den Ländern der inzwischen entstandnen neuen
Weltmarktsrichtung vorbehalten blieb: Holland und England. Das
ist ein langes Thema, das ich beim "Bauernkrieg" in extenso dar-
zustellen hoffe - war' ich erst dabei!
Im Stil fällst Du - um populär zu bleiben - bald in den Leitarti-
kel, bald in den Schulmeister. Das ließe sich vermeiden. Und
dann: Willst Du dem Janssen zulieb noch immer nicht das Wortspiel
verstehn, das U. v. Hutten mit den o b s c u r i viri trieb?
Der Witz ist ja, daß es b e i d e s heißt: obskur und obsku-
rant, und das w o l l t e Hutten sagen. [503]
Doch das alles läuft nur so mit. Du und Ede, Ihr habt beide ein
ganz neues Thema bearbeitet, und das wird nie auf den ersten
Schlag vollkommen. Ihr könnt Euch freuen, ein Buch fertiggebracht
zu haben, das sich sehn lassen kann, schon jetzt, wo doch nur so-
zusagen ein erster Entwurf vorliegt. Jetzt seid Ihr aber beide
verpflichtet, das in Arbeit genommne Gebiet nicht wieder brach-
zulegen, sondern weiterzuforschen, damit Ihr in ein paar Jahren
eine Neubearbeitung fertigbringt, die allen Ansprüchen genügt.
Von Petersburg schickt man mir russische Übersetzung Deiner alten
Arbeit über Ehe und Familie ("Kosmos"). Ich weiß nicht, von wem
gemacht. Ich schicke sie Dir.
Viele Grüße von Haus zu Haus.
Dein F. Engels
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2*) Vorstädten
#484# 252 - Engels an Karl Kautsky - 21. Mai 1895
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Noch eins. Ich habe Sorge vorgeschlagen, seine Artikel über die
amerikanische Bewegung, wenn vollendet, separat herauszugeben.
[504] Er ist darauf eingegangen, sagt aber, es werde da viel
nachzuarbeiten, zu bessern und zu ergänzen sein, wozu er vor
nächster Sommerfrische wohl keine Zeit finden werde. Meinen Vor-
schlag, die Sache bei Dietz in Anregung zu bringen, nahm er an.
Willst Du so gut sein, bei D[ietz] anzufragen, ob er Lust hat,
die Sache zu übernehmen, und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Die
Artikel sind das Beste und e i n z i g A u t h e n t i s c h e,
das wir über die amerikanische Bewegung haben, und ich halte es
für sehr wünschenswert, daß sie im Zusammenhang und separat dem
Publikum erhalten werden.
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