Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#522# 6 - Engels an Marie Blank - 22. November 1852
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Engels an Marie Blank
in London
Manchester, 22. Nov. 1852
Liebe Marie,
Ich muß mich wirklich ungeheuer entschuldigen, daß ich Dir nicht
schon längst auf Deinen ersten Brief geantwortet habe. Aber auf
dem Comptoir, wo ich früher meine Privatkorrespondenz abzumachen
pflegte, hab' ich jetzt so viel zu tun, daß daran nicht mehr zu
denken ist, und zu Hause, mon Dieu 1*), sind meine Schreibmate-
rialien immer in so schlechtem Stand (wie z.B. meine kalligraphi-
schen Experimente am Anfang dieses Briefs beweisen), daß ich mich
kaum dazu entschließen kann, mich mit ihnen in einen Kampf einzu-
lassen. Trotzdem tu' ich es heut abend; bewundre mein Pflichtge-
fühl, und sieh meine schlechte Handschrift für einen neuen Beweis
meiner brüderlichen Liebe an.
Außerdem hatte ich noch einen andern Grund, der mich abhielt, Dir
zu schreiben. Nämlich, als Du in Deutschland warst, fiel mir ein,
daß ich Dich wegen etwas zu fragen hatte; als Du aber zurück-
kamst, konnte ich mich absolut nicht mehr darauf besinnen, was es
war. Du begreifst, daß dergleichen Gesinnungslosigkeit oder viel-
mehr Besinnungslosigkeit einem Mann von Ehrgefühl große Gewis-
sensbisse machen mußte. Aufrichtig gestanden, ich konnte es nicht
übers Herz bringen, Dir zu schreiben, solange ich über diesen
wichtigen Punkt nicht im reinen war. Dein neuer Brief aber und
eine angestrengte, durch ein welsh rabbit 2*) und einige Gläser
Sherry geschärfte Geistestätigkeit haben mich endlich wieder auf
die Beine gebracht, und ich weiß jetzt wieder, was ich Dich fra-
gen wollte. Es handelt sich nämlich um folgendes: Hab' ich Weih-
nachten oder Ostern zwei baumwollene Hemden bei Dir liegenlassen?
Diese sind nämlich seit längerer Zeit aus meiner Garderobe ver-
schwunden, und wenn sie sich dort wiedergefunden haben sollten,
so wäre mir dies ganz angenehm, indem daraus hervorginge, daß ich
keineswegs ein unordentlicher Mensch bin.
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1*) mein Gott - 2*) Toast mit geröstetem Käse
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Du fragst mich wegen Wünschen. Ma chère oeur 3*), mit Wünschen
geb' ich mich seit geraumer Zeit nicht mehr ab, dabei kommt
nichts heraus. Außerdem hab' ich wirklich kein Talent dazu, denn
wenn ich mich einmal ausnahmsweise auf der Schwachheit ertappe,
mir etwas zu wünschen, so ist es jedesmal etwas, was ich doch
nicht haben kann, und daher tu' ich besser, mir das Wünschen lie-
ber vollends abzugewöhnen. Wie Du siehst, verfalle ich auch bei
diesem Gegenstand ganz in den moralischen Ton des Predigers Salo-
monis und so, the less we say about it, the better it will be
4*). Wenn Du also vorhast, mich Weihnachten abermals durch einen
neuen Beweis Deiner Liebe zu verpflichten, so wird mein unbehol-
fenes und unausgebildetes Wünschtalent Dir schwerlich dabei zu
Hülfe kommen können, übrigens tröste ich mich mit dem Gedanken,
daß Du dieser Hülfe auch nicht bedarfst, à en juger par le passé
5*).
Ich freue mich zu hören, daß Ihr alle wohlauf seid. Einige Erkäl-
tungen abgerechnet, bin ich im ganzen auch ganz gesund gewesen
und habe namentlich keine Zahnschmerzen beim Umschlagen der Jah-
reszeit mehr gehabt, hoffentlich ist das jetzt ganz vorbei. Ich
wohne noch immer in Strangeways, aber ein paar Häuser weiter,
doch denk' ich im nächsten Monat diese Gegend zu verlassen und
mehr in die Nähe von Klein Deutschland zu ziehen, es ist hier
doch zu einsam, und diesen Winter werde ich mir zur Abwechslung
erlauben, mich etwas zu amüsieren, soweit das in diesem Kohlen-
rauch möglich ist. Seit sechs Monaten hab' ich keine Gelegenheit
mehr gefunden, mein anerkanntes Genie im Komponieren eines
Hummersalats anzuwenden - quelle horreur 6*), dabei versauert man
ja ganz. Nächstes Frühjahr werd' ich ohnehin wieder einmal ein
Buch schreiben müssen, wahrscheinlich englisch, über den ungari-
schen Krieg oder über die Romane des Herrn von Balzac seliger
oder sonst über irgend etwas. Dies ist aber ein großes Geheimnis,
sonst würd' ich's Dir gar nicht mitteilen.
Was macht Elise 7*)? Wenn sie gut kochen kann und Strümpfe stop-
fen, so könnte sie wohl nach Weihnachten herkommen und mir die
Haushaltung führen. Da Gottfried 8*), der Lautenspieler (oder war
das der Franz 9*)?), sich eine eigene Haushaltung eingerichtet
hat, so bin ich fast verpflichtet, dasselbe zu tun und ihn auszu-
stechen, was sehr leicht geht, denn Elise würde gewiß famos die
Honneurs des Hauses zu machen wissen, während der alte Perücken-
hagestolz nur eine alte, rappelige, sechs Fuß lange, knochen-
dürre,
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3*) Meine Hebe Schwester - 4*) je weniger wir darüber sprechen,
desto besser - 5*) nach der Vergangenheit zu urteilen - 6*) wie
schrecklich - 7*) Elise Engels - 8*) Gottfried Ermen - 9*) Franz
Ermen
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abschreckende, knurrige, triefäugige, schloddrige, zerzauste, ab-
gedankte Küchenmagd von einer Haushälterin hat und trotz seinem
Schöntun in Konzerten, Bällen u. dgl. doch nie eine Frau kriegt,
pauvre bonhomme que Dieu le bénisse! 10*)
Übrigens ist es Zeit, daß ich aufhöre, denn ich fange an, von
meinen Nebenmenschen und sogar von einem Mitglied der Firma al-
lerhand Böses zu reden, und das soll man nie tun, außer, wenn man
etwas dabei verdienen kann, sagt der Quäker.
Grüße Emil 11*), Elise und die Kleinen und empfiehl mich bestens
Hrn. und Frau Heilgers. Zum Begräbnis des Old Duke 12*) zu kommen
war das Wetter zu schlecht und die Arbeit auf dem Comptoir zu
dringend, wir haben nur einen halben Feiertag gemacht. Übrigens
bin ich in vier Wochen ja doch da.
Von ganzem Herzen
Dein Friedrich
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10*) der arme Kerl, Gott segne ihn! - 11*) Emil Blank - 12*) Ar-
thur Wellesley Wellington
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