Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #63# 35 - Engels an George William Lamplugh - 11. April 1893
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       Engels an George William Lamplugh
       in Port Erin [93]
       
       122, Regent's Park Road, N.W.
       London, 11. April 93
       
       Mein lieber Lamplugh,
       Haben Sie  Dank, daß Sie alle Förmlichkeiten beiseite lassen, und
       ich, wie Sie sehen, mache es ebenso. Wir hätten uns sehr gefreut,
       Sie mit  Ihrer Frau  und Ihren Kindern bei uns zu sehen, aber ich
       weiß, was  London für einen Mann bedeutet, der es mit seiner gan-
       zen Familie besucht, und so werden wir Sie dieses Mal entschuldi-
       gen, aber dies ist das letzte Mal.
       Ich freue mich, daß Ihnen Ihr Leben als Landmesser so erstaunlich
       zusagt. Das  muß eine  große Erleichterung  für Sie sein nach der
       langweiligen Arbeit im Büro und an der Getreidebörse von East Ri-
       ding. Ich  würde auch eine kurze Zeit daran Gefallen finden, aber
       nur für  eine kurze  Zeit. Auf die Dauer könnte ich es nicht ohne
       die Bewegung  einer großen  Stadt aushalten.  Ich habe  immer  in
       großen Städten  gelebt. Die Natur ist großartig, und als Abwechs-
       lung von  der Bewegung  der Geschichte  bin ich immer gern zu ihr
       zurückgekehrt, aber  die Geschichte  scheint mir doch großartiger
       als die  Natur. Die  Natur hat  Millionen Jahre gebraucht, um be-
       wußte Lebewesen  hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten
       Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; be-
       wußt nicht  nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ih-
       rer Handlungen  als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im
       voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das
       beinahe erreicht. Und diesen Prozeß zu beobachten, diese sich nä-
       hernde Herausbildung  von etwas  in der  Geschichte unserer  Erde
       noch nie  Dagewesenem, scheint  mir ein  Schauspiel, das  des Be-
       trachtens wert  ist, und während meines ganzen vergangenen Lebens
       konnte ich  die Augen  nicht davon  wenden. Aber es ist ermüdend,
       besonders wenn  man glaubt, daß man berufen ist, an diesem Prozeß
       mitzuwirken; und  dann erweist  sich das  Studium der  Natur  als
       große Erleichterung und als Heilmittel. Denn schließlich sind Na-
       tur und  Geschichte die  beiden Komponenten, durch die wir leben,
       weben und sind.
       Herzliche Grüße von allen Freunden hier.
       Immer Ihr F. Engels
       
       Aus dem Englischen.

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