Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#7# 5 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 18. Januar 1893
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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken
London, 18. Jan. 93
Lieber Sorge,
Ich schicke Dir heute 2 alte Nrn. der eingegangnen "Berliner
Volks-Tribüne", die andern sind im Weihnachtstrubel verlegt wor-
den, falls ich sie finde, schicke ich sie Dir nach. Grund der
Nichtsendung war der Bakunin-Artikel, der zuletzt mich zu einer
Antwort zwang, da mußte ich die Nr. hierbehalten für eine etwaige
Polemik. Im letzten (13ten 1*)) Artikel, der leider verlegt -
diese hat Dir Frau K[autsky], wie uns jetzt einfällt, inzwischen
zugeschickt - 2*), wird noch mehr anarchistischer Lügenkram wie-
derholt, und der Verfasser nennt sich - ein gewisser Héritier
(junger Genfer, den sich der alte J. Ph. Becker am Busen großge-
zogen hat), sucht auch auf meine Antwort sich zu rechtfertigen -
verlogen. Da er mir schrieb, antworte ich ihm und zeige ihm an,
daß, wenn er in dem angekündigten Opus ebenso verfährt, ich ihm
derb auf die Finger hauen werde. [8]
Hier war in Bradford Konferenz der Indépendant Labour Party [9],
die Du aus der "Workman's Times" kennst. Die Social Democratic
Federation [10] einerseits, die Fabians [11] andrerseits haben
bei ihrem sektiererischen Verhalten den sozialistischen Andrang
in den Provinzen nicht zu absorbieren vermocht, so war die Stif-
tung einer 3. Partei ganz gut. Nun aber ist der Andrang nament-
lich in den Industriebezirken des Nordens so groß geworden, daß
diese neue Partei schon gleich auf diesem ersten Kongreß stärker
auftrat als Social Democratic Federation oder Fabians, wo nicht
stärker als beide zusammen. Und da die M a s s e n der Mitglie-
der entschieden sehr gut, da der Schwerpunkt in den Provinzen
liegt, nicht im Klüngelzentrum London, und das Programm im Haupt-
punkt das unsre, so hatte Aveling recht, sich anzuschließen und
einen Sitz in der Exekutive anzunehmen. Wenn hier die kleinlichen
Privatstrebereien und Intrigen der Londoner Gerngroße etwas im
Zaum gehalten werden und die Taktik nicht z u verkehrt aus-
fällt, kann es der Independent Labour Party gelingen, die Massen
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1*) In der Handschrift: 12ten - 2*) diese Einfügung wurde von En-
gels nachträglich am Rande vermerkt
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der Social Democratic Federation und in den Provinzen auch den
Fabians abspenstig zu machen und dadurch Einheit zu erzwingen.
Die Social Democratic Federation hat Hyndman total in den Hinter-
grund geschoben. Sie ist bei seiner Intrigenpolitik so schlecht
gefahren, daß - unter Andrang der Provinzdelegierten - H[yndman]
bei seinen eignen Leuten ganz in Verruf gekommen. Ein Versuch auf
dem Unemployed Committee, wo auch andre mitarbeiteten, durch
rrrevolutionäre Großmäuligkeit sich wieder populär zu machen (wo-
bei seine persönliche Feigheit seinen besten Freunden all-
bekannt!), hat nur dazu geführt, Tussy und Aveling auf demselben
Committee größeren Einfluß zu verschaffen. Die Social Democratic
Federation pocht nur auf ihre Anciennetät als ä l t e s t e
sozialistische Organisation hier, ist aber sonst viel toleranter
gegen andre geworden, hat das Schimpfen eingestellt und fühlt
sich überhaupt bedeutend mehr als was sie ist, nämlich weit
kleiner als sie sich stellte.
Die Fabians sind hier in London eine Bande von Strebern, die Ver-
stand genug haben, die Unvermeidlichkeit der sozialen Umwälzung
emzusehn, die aber dem rohen Proletariat unmöglich diese Riesen-
arbeit allein anvertrauen können und deshalb die Gewohnheit ha-
ben, sich an die Spitze zu stellen; Angst vor der Revolution ist
ihr Grundprinzip. Sie sind die "Jebildeten" par excellence. Ihr
Sozialismus ist Munizipalsozialismus; die K o m m u n e, nicht
die Nation, soll wenigstens vorläufig Eigentümerin der Produkti-
onsmittel werden. Dieser ihr Sozialismus wird dann dargestellt
als eine äußerste, aber unvermeidliche Konsequenz des bürgerli-
chen Liberalismus, und daher folgt ihre Taktik, die Liberalen
nicht als Gegner entschieden zu bekämpfen, sondern sie zu sozia-
listischen Konsequenzen fortzutreiben, ergo mit ihnen zu mogeln,
to p e r m e a t e Liberalism with Socialism 3*), und den Libe-
ralen sozialistische Kandidaten nicht entgegenzustellen, sondern
aufzuhängen und aufzuzwingen resp. aufzulügen. Daß sie dabei ent-
weder selbst belogen und betrogen sind oder den Sozialismus belü-
gen, sehn sie natürlich nicht ein.
Sie haben mit großem Fleiß unter allerlei Schund auch manche gute
Propagandaschrift geleistet und in der Tat das Beste, was die
Engländer in dieser Beziehung geleistet. Aber sowie sie auf ihre
spezifische Taktik kommen: den Klassenkampf zu vertuschen, wird's
faul. Daher auch ihr fanatischer Haß gegen Marx und uns alle -
wegen des Klassenkampfs.
Die Leute haben natürlich viel bürgerlichen Anhang und daher
Geld, und haben in den Provinzen viel tüchtige Arbeiter, die mit
der Social
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3*) den Liberalismus mit Sozialismus zu durchdringen
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Democratic Federation nichts zu tun haben wollten. Aber 5/6 der
Provinzialmitglieder stehn mehr oder weniger auf unserm Stand-
punkt und werden im kritischen Moment entschieden abfallen. Sie
haben sich in Bradford - wo sie vertreten - entschieden mehrmals
gegen die Londoner Exekutive der Fabians erklärt.
Du siehst, es ist ein kritischer Punkt für die hiesige Bewegung,
und aus der neuen Organisation kann etwas werden. Sie war einen
Augenblick nahe daran, unter Champions, der bewußt oder unbewußt
ebenso für die Tories arbeitet wie die Fabians für die Liberalen,
- also unter Champions und seines Dir von Haag [12] her bekannten
Bundesgenossen Maltman Barrys Fittiche zu geraten (Barry ist
jetzt geständiger und ständiger bezahlter Tory-Agent und manager
of the Socialistic Wing of the Conservatives! 4*)) - siehe
"Workman's Times" von Nov. und Dez., aber Ch[ampion] hat schließ-
lich vorgezogen, seinen "Labour Elector" wieder herauszugeben und
sich damit in Gegensatz zur "W[orkman's] T[imes]" und zur neuen
Partei gestellt.
Keir Hardie hat einen gescheiten Streich begangen, indem er sich
an die Spitze dieser neuen Partei stellte, und John Burns, dessen
absolute Untätigkeit außerhalb seines Wahlbezirks ihm ohnehin
schon viel geschadet, beging eine neue Eselei, daß er sich auch
hier zurückhielt. Ich fürchte, er reitet sich in eine unhaltbare
Lage fest.
Daß auch hier Leute wie K. Hardie, Shaw Maxwell und andre aller-
lei persönliche Ambitions-Nebenzwecke verfolgen, versteht sich am
Rand. Aber die daher entspringende Gefahr nimmt ab im Verhältnis,
wie die Partei selbst massenhafter und stärker wird, und ist
schon verringert durch die Notwendigkeit, den konkurrierenden
Sekten keine Blößen zu geben. Der Sozialismus ist in den Indu-
striebezirken in den letzten Jahren enorm in die Massen gedrun-
gen, und auf diese Massen rechne ich, daß sie die Führer schon in
Ordnung halten werden. Natürlich, Dummheiten wird's genug geben,
auch Klüngeleien aller Art, wenn's nur gelingt, sie in den gehö-
rigen Grenzen zu halten.
Schlimmstenfalls hat die Gründung der neuen Organisation den Vor-
teil, daß bei d r e i konkurrierenden Sekten leichter eine Ei-
nigung herbeizuführen als bei zwei, die sich polarisch entgegen-
stehn.
Was Du am 23. Dez. wegen Polen schreibst: Seit Kronstadt sind die
Preußen auf einen Krieg mit Rußland gefaßt, daher po-
len f r e u n d l i c h (haben uns auch Beweise davon gegeben).
[13] Dies werden die betreffenden Polen
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4*) des sozialistischen Flügels der Konservativen!
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haben benutzen wollen, u m d e n K r i e g z u p r o v o-
z i e r e n, d e r s i e m i t H ü l f e D e u t s c h-
l a n d s b e f r e i e n s o l l. Das will man aber in Berlin
k e i n e n f a l l s, und wenn der Coup losgehn sollte, wird
Caprivi sie entschieden im Stich lassen. W i r können augen-
blicklich einen Krieg absolut nicht brauchen, wir haben sichrere
Mittel voranzukommen, die der Krieg nur stören würde.
Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich auch von Frau K[autsky],
die Dir am Samstag schrieb, leider zu spät für die Post.
Dein F. E.
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