Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #71# 41 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 17. Mai 1893
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       41
       
       Engels an Friedrich Adolph Sorge
       in Hoboken
       
       London, 17. Mai 1893
       Lieber Sorge,
       Die Geschichte  mit Lincoln  fiel vor, als ich noch in Manchester
       war -  Ende 1864 -, ich erinnere mich ihrer aber nur noch dunkel,
       und unter  meinen und  den M[arx]schen  Papieren ist mir auch nie
       Lincolns Antwort zu Gesicht gekommen. [107] Möglich, daß sie sich
       irgendwo versteckt findet, wenn ich einmal dazu komme, den kolos-
       salen Wust  zu ordnen  und zu  verarbeiten, aber  ohne 3-4 Wochen
       daranzusetzen ist  daran nicht  zu denken.  Alles was  ich finden
       kann, ist  in Eichhoffs Broschüre über die Internationale, Berlin
       1868 (nach Notizen und Materialien von Marx), p. 53 folgendes:
       "Die durch  die Abstimmung vom 8. Nov. 1864 gesicherte Wiederwahl
       Lincolns  gab   dem  Generalrat   Gelegenheit  zu   einer  Glück-
       wunschadresse. Gleichzeitig  berief er Massenmeetings für die Sa-
       che der Union. Deshalb hat Lincoln in seinem Antwortschreiben die
       Dienste der Internationalen Arbeiter-Assoziation für die gute Sa-
       che ausdrücklich anerkannt."
       Ich kann überhaupt nur sagen, daß meine Materiale über die Inter-
       nationale Arbeiterassoziation   v o r  7 0  sehr mangelhaft sind,
       ein Teil  der Generalratsprotokolle,  M[arx]'s und  Leßners, auch
       teilweise Beckers  1*) Sammlungen von  Zeitungsausschnitten, end-
       lich M  [arx]'s Briefe an mich. Nicht einmal die amtlichen Akten-
       stücke des Generalrats, Proklamationen etc. habe ich vollständig,
       geschweige die  Korrespondenz der  Sekretäre, die diese fast alle
       behalten.  Offizielle   Kongreßprotokolle  existieren   überhaupt
       nicht. Trotzdem ist es weit besser, als was irgendein andrer hat,
       und wird verarbeitet, sobald ich kann. Aber wann?
       Mit dem  3.Band 2*)  geht's stetig  voran. Ich  bin an den beiden
       letzten Abschnitten 3*) und glaube die Hauptschwierigkeit auch da
       hinter mir zu haben. Für einige Wochen Arbeit ist aber immer noch
       dran. Dann geht's an die Schlußredaktion, ich möchte noch vor den
       Sommerferien einen Teil zum
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       1*) Johann Philipp  Becker -  2*) des "Kapitals" - 3*) siehe Band
       25 unserer Ausgabe, S. 627-821 und 822-919
       
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       Druck abschicken, weiß aber nicht, ob's gelingt. Die Schlußredak-
       tion kann  besorgt werden,  während schon  gedruckt wird. Und die
       Sache wird  dringend, die  Dinge  schauen  aus,  als  ob  wir  in
       Deutschland Zeiten voll Unruhe und Kampf bekommen sollten, da muß
       das Ding vorher fertiggestellt sein.
       Meine Ansichten  über die deutschen Angelegenheiten kannst Du aus
       dem Interview  im "Figaro"  4*) sehn, das ich Dir mit dieser Post
       schicke. Es  ist, wie alle Interviews, im Wortlaut hie und da et-
       was abgeblaßt,  im Zusammenhang hie und da lückenhaft, aber sonst
       korrekt  wiedergegeben.   Unter  unsern   Leuten  in  Deutschland
       herrscht eine ganz ausgezeichnete Stimmung, für sie ist die Wahl-
       bewegung ein  wahres Glück  und ein Vergnügen trotz aller Müh und
       Anstrengung, die  es kostet.  Bebel, der Ostern 8 Tage hier war -
       nach der  Brüsseler Konferenz [73] -, schreibt wie neugeboren, er
       ist außer  in Hamburg  in Straßburg  im Elsaß aufgestellt, wo wir
       1890 4800  gegen 8200  Stimmen hatten,  und viele  Französischge-
       sinnte werden  für ihn stimmen. Wir haben ca. 100-110 Wahlkreise,
       wo wir  mit über 1/3 der Gesamtstimmen eintreten werden (nach den
       1890er Resultaten gerechnet), und ich denke, wir kommen in ca. 80
       Wahlkreisen gleich  durch oder  in die  Stichwahl. Wieviel in der
       letzteren hängenbleiben, hängt ab vom Gegenkandidaten. Gegen Kon-
       servative [108] oder Nationalliberale [109] haben wir große Chan-
       cen, gegen  Freisinnige [47] weniger, gegen Zentrum [17] sehr we-
       nige, falls  der Kandidat  der Gegner  fest in  Beziehung auf die
       Militärfrage [48]. Bebel hofft auf 50-60 Sitze in allem. [110]
       Die  Stimmung   in  Deutschland   hat  sich  sehr  geändert,  die
       Bourgeoispresse mag noch schreien im alten Ton, aber der Respekt,
       den sich unsre Leute im Reichstag erzwungen haben, hat ihnen eine
       ganz andre  Stellung verschafft.  Dazu kann  man die  Augen nicht
       verschließen vor der stetig anschwellenden Macht der Partei. Wenn
       wir bei  den nächsten  Wahlen  wieder  starkes  Wachstum  zeigen,
       wächst einerseits  der Respekt, andrerseits aber auch die Furcht.
       Und die treibt dann die Herren Spießbürger einmütig ins Lager der
       Regierung.
       Hier war  die Maifeier  sehr nett; aber sie wird schon etwas all-
       tägliches oder vielmehr alljährliches; die erste Frische ist weg.
       Die Borniertheit des Trades Council [102] und der sozialistischen
       Sekten -  Fabians [11]  und Social  Democratic Federation  [10] -
       zwang uns  wieder zwei  Demonstrationen auf,  aber alles  verlief
       nach Wunsch,  und wir - das Achtstundenkomité [101] - hatten weit
       mehr Zulauf als die vereinigte Opposition. Namentlich unsre
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       4*) "Interview Friedrich Engels' mit dem Korrespondenten der Zei-
       tung 'Le Figaro' vom 8. Mai 1893"
       
       #73# 41 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 17. Mai 1893
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       internationale Tribüne  [111] war  sehr gut mit Publikum versehn.
       Ich rechne,  daß im  ganzen 240 000 Menschen im Park waren, davon
       wir 140 000 und die Opposition höchstens 100 000 hatte.
       Champion mit  seinen  Tory-  und  Liberal-Unionist-Geldern  [112]
       (angeblich £ 100 für je 100 Arbeiterkandidaten, die sich in hoff-
       nungslosen Wahlkreisen  aufstellen wollen,  bloß um den Liberalen
       Stimmen zu  entziehn) ist  gründlich blamiert worden durch unsern
       alten Maltman  Barry. Dieser  Ochse, aber  schottische Spekulant,
       ist unter  die Tories  gegangen, deren  bezahlter Agent er einge-
       standnermaßen ist, und scheint dem Champion, dem die Herren Geld-
       tories doch  nicht recht trauen, als stiller Kompagnon und Aufse-
       her, was  die Jesuiten  Socius nennen, zur Seite gestellt. Er hat
       nun während Ch[ampion]s Krankheit den "Labour Elector" allein re-
       digiert und  da so  renommistisch aus  der Schule geschwätzt, daß
       das Spielchen  total verdorben  und die  Independent Labour Party
       [9] einstweilen  vor der Gefahr gesichert ist, der Spielball die-
       ser Herren  zu werden. Leider ist Aveling seit einem Monat ernst-
       lich krank,  bei den unendlichen Klüngeleien hier ist er schlecht
       zu entbehren. Er ist in Hastings, sich etwas auskurieren.
       Wenn wir starken Stimmenzuwachs in Deutschland haben, so wird das
       auch in Frankreich gut auf die Herbstwahlen [52] wirken. Wenn un-
       sre Leute  dort ein Dutzend in die Kammer bringen (im Departement
       du Nord  rechnen sie  allein auf  4 Sitze),  so ist  ein Kern da,
       stark genug,  die Blanquisten  [72] und Allemanisten [71] zum An-
       schluß zu zwingen.
       Ich freue  mich, daß  es Deiner  Frau und Dir wieder besser geht.
       Herzliche Grüße an sie und Dich von L. Kautsky und
       Deinem F. Engels

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