Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #85# 50 - Engels an Laura Lafargue - 20. Juni 1893
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       50
       
       Engels an Laura Lafargue
       in Le Perreux
       
       London, 20. Juni 1893
       Mein liebes Löhr,
       Ich war erfreut, aus Deinem Brief zu entnehmen, daß es noch nicht
       zu spät war, die von mir vorgeschlagenen Änderungen, mit denen Du
       einverstanden bist, in Deinem émendé et corrigé 1*) Ravé einzufü-
       gen. [99]  Das war  einer der Gründe, weshalb ich kein besonderes
       Gewicht darauf  legte, die  Korrekturbogen hierzuhaben:  ist  der
       mise en  page 2*) erst einmal gemacht, so ist es schwierig, Ände-
       rungen einzufügen, die entweder das Herausnehmen oder das Einset-
       zen einer  oder mehrerer  Zeilen notwendig machen; in Deutschland
       zumindest hatte  ich so  manchen schweren  Kampf wegen der daraus
       entstehenden Extrakosten,  und Herr Sonnenschein fügt vorsorglich
       in den Vertrag eine präzise Begrenzung der aus Änderungen herrüh-
       renden Extrakosten  ein. Zu  Deinen beiden  Zielen - eine getreue
       Übersetzung zu  haben, und  eine, die  sich wie  ein Originalwerk
       liest -:  Du hast sie bestimmt beide erreicht, und ich sehne mich
       danach, mich  selbst in  Deinem Französisch wieder zu lesen, ohne
       ständig mit  einem Auge  auf Druckfehler und formale Dinge achten
       zu müssen.  Als ich  es las,  sagte ich Louise, es gibt nur einen
       Menschen in Paris und Umgebung, der Französisch kann, und das ist
       weder ein Franzose noch ein Mann, sondern Laura.
       Was den  Elsässer Ravé  betrifft, so werde ich ihm seine elsässi-
       schen Spracheigentümlichkeiten  verzeihen wegen seiner Landsleute
       aus der  Arbeiterklasse: 12 000  Stimmen aus  Mülhausen für Bueb,
       6200 aus  Straßburg für  Bebel (der  fast sicher hineinkommt) und
       3200 aus  Metz für  Liebknecht -  außer verschiedenen  anderen im
       ganzen Lande.  Bebel, der  in letzter Zeit mehrmals dort war, ist
       ganz verliebt in die Elsässer Arbeiter und in das Land überhaupt,
       obwohl sie  ihn Sonntag vor vierzehn Tagen in Straßburg mit ihrem
       Enthusiasmus in Hämmerles Biergarten fast körperlich erdrückt ha-
       ben.
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       1*) geänderten und verbesserten - 2*) Umbruch
       
       #86# 50 - Engels an Laura Lafargue - 20. Juni 1893
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       Unsere Wahlen  nahmen einen  glänzenden Verlauf.  [110] 1890 - 20
       Sitze, jetzt  24 beim ersten Ansturm gewonnen; 1890 - ungefähr 60
       Stichwahlen, diesmal  85. Wir haben zwei Sitze verloren und sechs
       neue gewonnen.  Unter den  85 Stichwahlen  sind 38,  wo wir  1890
       nicht in  die Stichwahl  kamen (nur  die zwei  Kandidaten mit der
       höchsten Stimmenzahl  werden zur  Stichwahl zugelassen);  und von
       den 85  haben wir auch bei 38 gute Aussichten (bei den übrigen 47
       sind wir  in einer  hoffnungslosen Minderheit,  falls kein Wunder
       geschieht), und  bei 25  von diesen 38 können wir getrost auf er-
       folgreiche Wahlen  rechnen. Doch  die Lücke,  die durch die voll-
       ständige Auflösung  der Radikalen  (Freisinnige) Partei  3*) ent-
       stand, hat zu einem solchen Zustand der Verwirrung geführt [127],
       daß wir auf eine Reihe von Überraschungen gefaßt sein müssen. Bei
       den Radikalen existiert keine Parteidisziplin mehr, und die Leute
       werden in  jedem Ort  so handeln,  wie sie  es gerade für richtig
       halten. Wenn wir beim zweiten Wahlgang unsere ganze Kraft aufbie-
       ten, könnten wir mit Unterstützung der bürgerlichen Demokraten in
       Süddeutschland und  die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zänke-
       reien ausnutzend,  wieder auf  den alten Stand von 36 Sitzen kom-
       men, so  daß wir  nur, wenn wir diese Zahl überschreiten, auf die
       aktive Unterstützung  der Radikalen, Antisemiten [122] und Katho-
       liken [17] angewiesen wären, das heißt auf die starke antimilita-
       ristische Strömung,  welche die  Bauernschaft und  die Klasse der
       Kleinbürger durchdringt.
       Die Anzahl der Sitze hat jedoch eine sehr zweitrangige Bedeutung.
       Die Hauptsache ist der Zuwachs an Stimmen, und der wird gewiß be-
       trächtlich sein.  Wir werden  bloß nichts erfahren, ehe der voll-
       ständige offizielle Wahlbericht dem Reichstag vorgelegt wird. Der
       wichtigste Teil  dieses Stimmenzuwachses  wird aus  der - relativ
       kleinen -  Zahl der  Stimmen bestehen,  die in  ganz   n e u e n,
       entlegenen Orten  auf dem  Lande abgegeben wurden; sie zeigen den
       Einfluß, den wir schon auf diese ländlichen Gebiete auszuüben be-
       ginnen, die  uns bisher unzugänglich waren, und ohne die wir kei-
       nen Sieg  erwarten können.  Wenn sie alle ausgezählt sind, glaube
       ich, werden wir etwa 2V4 Millionen Stimmen haben, mehr als je für
       eine andere Partei in Deutschland abgegeben wurden.
       Insgesamt war  die Wirkung auf die gesamte deutsche und englische
       bürgerliche Presse  ausgezeichnet, und  das konnte auch gar nicht
       anders sein. Einen solch ständigen, ununterbrochenen, unangefoch-
       tenen Fortschritt  einer Partei hat es noch in keinem Lande gege-
       ben. Und das beste daran ist, daß unser Stimmenzuwachs von 1893 -
       wie das Ausmaß und die
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       3*) in der Handschrift deutsch: (Freisinnige) Partei
       
       #87# 50 - Engels an Laura Lafargue - 20. Juni 1893
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       Verschiedenartigkeit des  neu eroberten Terrains zeigen - die si-
       chere Aussicht  auf einen  weit größeren Zuwachs bei der nächsten
       allgemeinen Wahl einschließt.
       Der neue  Gesichtspunkt der  parti ouvrier  [68] hinsichtlich des
       "Patriotismus" ist  an sich sehr vernünftig [128]; internationale
       Vereinigung kann  nur zwischen   N a t i o n e n  bestehen, deren
       Existenz, Autonomie und Unabhängigkeit in inneren Angelegenheiten
       daher schon in dem Begriff Internationalität eingeschlossen sind.
       Und der  Druck der  Pseudopatrioten mußte früher oder später eine
       Äußerung dieser  Art herausfordern,  sogar ohne  die Allianz  mit
       Millerand und  Jaurès [69],  die ohne  Zweifel auch  auf die Not-
       wendigkeit eines solchen Aktes gedrungen haben. Das Interview von
       Guesde im "Figaro" ist ausgezeichnet [129], es ist nichts dagegen
       zu sagen.  Der Aufruf des Nationalrats - hier werde ich unterbro-
       chen. Ich muß zum Bahnhof gehen. Frau Gumpert (Du weißt, Dr. Gum-
       pert starb  vor kurzem)  fährt nach  Deutschland und wird auf dem
       Wege dorthin  einige Tage bei uns verbringen, und ich muß sie vom
       Zug abholen.  Daher muß ich für ein bis zwei Tage Lebewohl sagen;
       meine Bemerkungen  zu diesem Aufruf sind nicht so wichtig, und es
       hat keine  Eile damit. Alles Gute für den ewig Reisenden 4*). Wie
       hat sich  der arme  Clemenceau doch verändert, wenn ihn sogar ein
       Déroulède aus  der Fassung bringen kann! [130] Sic transit gloria
       mundi. 5*)  Die antisemitischen  patriotischen Schreier  scheinen
       sich sowohl  in Frankreich als auch in Deutschland durchzusetzen,
       soweit es die Bürger betrifft!
       Grüße von Louise und
       Deinem alten General
       
       Aus dem Englischen.
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       4*) Paul Lafargue - 5*) So vergeht der Ruhm der Welt.

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