Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#96# 54 - Engels an Franz Mehring - 14. Juli 1893
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Engels an Franz Mehring
in Berlin
London, 14. Juli 93
Lieber Herr Mehring,
Erst heute komme ich dazu, Ihnen für die mir gütigst zugesandte
"Lessing-Legende" zu danken. Ich wollte Ihnen nicht eine bloß
formelle Empfangsanzeige des Buchs schicken, sondern Ihnen auch
gleichzeitig etwas darüber - über seinen Inhalt - sagen. Daher
die Verzögerung.
Ich fange an mit dem Ende - dem Anhang "Über den historischen Ma-
terialismus", worin Sie die Haupttatsachen vortrefflich und für
jeden Unbefangnen überzeugend zusammengestellt haben. Wenn ich
etwas auszusetzen finde, ist es, daß Sie mir mehr Verdienst zu-
schreiben als mir zukommt, selbst wenn ich alles einrechne, was
ich möglicherweise selbständig ausgefunden hätte - mit der Zeit
-, was aber Marx bei seinem rascheren coup d'oeil 1*) und
weiteren Überblick viel schneller entdeckte. Wenn man das Glück
hatte, vierzig Jahre lang mit einem Mann wie Marx zusammenzu-
arbeiten, so wird man bei dessen Lebzeiten gewöhnlich nicht so
anerkannt, wie man es zu verdienen glaubt; stirbt dann der
Größere, so wird der Geringere leicht überschätzt - und das
scheint mir grade jetzt mein Fall zu sein; die Geschichte wird
das alles schließlich in Ordnung bringen, und bis dahin ist man
glücklich um die Ecke und weiß nichts mehr von nichts.
Sonst fehlt nur noch ein Punkt, der aber auch in den Sachen von
Marx und mir regelmäßig nicht genug hervorgehoben ist und in Be-
ziehung auf den uns alle gleiche Schuld trifft. Nämlich wir alle
haben zunächst das Hauptgewicht auf die A b l e i t u n g der
politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellun-
gen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den
ökonomischen Grundtatsachen gelegt und l e g e n m ü s s e n.
Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen
vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc.
zustande kommen. Das hat denn den Gegnern willkommnen Anlaß zu
Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben, wovon Paul Barth
ein schlagendes Exempel. [139]
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1*) Einblick
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Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom soge-
nannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußt-
sein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm
unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er ima-
giniert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es
ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus
dem reinen Denken ab, entweder seinem eignen oder dem seiner Vor-
gänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen
als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf
einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht,
und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles Handeln,
weil durchs Denken v e r m i t t e l t, auch in letzter Instanz
im Denken b e g r ü n d e t erscheint.
Der historische Ideolog (historisch soll hier einfach zusammen-
fassend stehn für politisch, juristisch, philosophisch, theolo-
gisch, kurz für alle Gebiete, die der G e s e l l s c h a f t
angehören und nicht bloß der Natur) - der historische Ideolog hat
also auf jedem wissenschaftlichen Gebiet einen Stoff, der sich
selbständig aus dem Denken früherer Generationen gebildet und im
Gehirn dieser einander folgenden Generationen eine selbständige,
eigne Entwicklungsreihe durchgemacht hat. Allerdings mögen äußere
Tatsachen, die dem eignen oder andern Gebieten angehören, mitbe-
stimmend auf diese Entwicklung eingewirkt haben, aber diese Tat-
sachen sind nach der stillschweigenden Voraussetzung ja selbst
wieder bloße Früchte eines Denkprozesses, und so bleiben wir im-
mer noch im Bereich des bloßen Denkens, das selbst die härtesten
Tatsachen anscheinend glücklich verdaut hat.
Es ist dieser Schein einer selbständigen Geschichte der Staats-
verfassungen, der Rechtssysteme, der ideologischen Vorstellungen
auf jedem Sondergebiet, der die meisten Leute vor allem blendet.
Wenn Luther und Calvin die offizielle katholische Religion, wenn
Hegel den Fichte und Kant, Rousseau indirekt mit seinem republi-
kanischen "Contrat social" den konstitutionellen Montesquieu
"überwindet", so ist das ein Vorgang, der innerhalb der Theolo-
gie, der Philosophie, der Staatswissenschaft bleibt, eine Etappe
in der Geschichte dieser Denkgebiete darstellt und gar nicht aus
dem Denkgebiet hinauskommt. Und seitdem die bürgerliche Illusion
von der Ewigkeit und Letztinstanzlichkeit der kapitalistischen
Produktion dazugekommen, gilt ja sogar die Überwindung der Mer-
kantilisten durch die Physiokraten und A. Smith für einen bloßen
Sieg des Gedankens; nicht für den Gedankenreflex veränderter öko-
nomischer Tatsachen, sondern für die endlich errungene richtige
Einsicht in stets und überall bestehende tatsächliche Bedingun-
gen; hätten Richard Löwenherz und Philippe Auguste den
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Freihandel eingeführt, statt sich in Kreuzzüge zu verwickeln, so
blieben uns fünfhundert Jahre Elend und Dummheit erspart.
Diese Seite der Sache, die ich hier nur andeuten kann, haben wir,
glaube ich, alle mehr vernachlässigt, als sie verdient. Es ist
die alte Geschichte: Im Anfang wird stets die Form über den In-
halt vernachlässigt. Wie gesagt, ich habe das ebenfalls getan,
und der Fehler ist mir immer erst post festum aufgestoßen. Ich
bin also nicht nur weit entfernt davon, Ihnen irgendeinen Vorwurf
daraus zu machen - dazu bin ich als älterer Mitschuldiger ja gar
nicht berechtigt, im Gegenteil -, aber ich möchte Sie doch für
die Zukunft auf diesen Punkt aufmerksam machen.
Damit zusammen hängt auch die blödsinnige Vorstellung der Ideolo-
gen: Weil wir den verschiednen ideologischen Sphären, die in der
Geschichte eine Rolle spielen, eine selbständige historische Ent-
wicklung absprechen, sprächen wir ihnen auch jede
h i s t o r i s c h e W i r k s a m k e i t ab. Es hegt hier
die ordinäre undialektische Vorstellung von Ursache und Wirkung
als starr einander entgegengesetzten Polen zugrunde, die absolute
Vergessung der Wechselwirkung. Daß ein historisches Moment, so-
bald es einmal durch andre, schließlich ökonomische Ursachen, in
die Welt gesetzt, nun auch reagiert, auf seine Umgebung und
selbst seine eignen Ursachen zurückwirken kann, vergessen die
Herren oft fast absichtlich. So Barth z.B. bei Priesterstand und
Religion, S. 475 bei Ihnen. Über Ihre Abfertigung dieses über
alle Erwartung flachen Burschen habe ich mich sehr gefreut. Und
den Mann machen sie zum Geschichtsprofessor in Leipzig! Da war
doch der alte Wachsmuth, der auch flach von Hirnkasten war, aber
einen sehr großen Sinn für Tatsachen hatte, ein ganz andrer Kerl.
Im übrigen kann ich von dem Buch nur wiederholen, was ich schon
von den Artikeln, als sie in der "N[euen] Z[eit]" erschienen,
wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung
der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja ich kann
wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die
Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnde. Man
bedauert nur, daß Sie nicht auch gleich die ganze Weiter-
entwicklung bis auf Bismarck haben mit hineinnehmen können, und
hofft unwillkürlich, daß Sie dies ein andermal tun und das Ge-
samtbild im Zusammenhang darstellen werden vom Kurfürsten Fried-
rich Wilhelm bis zum alten Wilhelm 2*). Sie haben ja doch die
Vorstudien einmal gemacht und wenigstens der Hauptsache nach so
gut wie beendigt. Und gemacht werden muß es ja doch einmal, ehe
der Rumpelkasten zusammenbricht; die
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2*) Wilhelm I.
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Auflösung der monarchisch-patriotischen Legenden ist, wenn auch
nicht grade eine notwendige Voraussetzung der Beseitigung der die
Klassenherrschaft deckenden Monarchie (da eine r e i n e, bür-
gerliche Republik in Deutschland überholt ist, ehe sie zustande
kam), aber doch einer der wirksamsten Hebel dazu.
Dann werden Sie auch mehr Raum und Gelegenheit haben, die preu-
ßische Lokalgeschichte als Stück der deutschen Gesamtmisère dar-
zustellen. Es ist das der Punkt, wo ich von Ihrer Auffassung hier
und da etwas abweiche, namentlich in der Auffassung der Vorbedin-
gungen der Zersplitterung Deutschlands und des Fehlschlagens der
deutschen bürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts. Wenn ich
dahin komme, die historische Einleitung zu meinem "Bauernkrieg"
neu zu bearbeiten, was, wie ich hoffe, nächsten Winter geschieht,
dann werde ich die bezüglichen Punkte dort entwickeln können.
[140] Nicht daß ich die von Ihnen angegebnen für unrichtig
hielte, aber ich stelle andre daneben und gruppiere etwas anders.
Beim Studium der deutschen Geschichte - die ja eine einzige fort-
laufende Misère darstellt - habe ich immer gefunden, daß das Ver-
gleichen der entsprechenden französischen Epochen erst den rech-
ten Maßstab gibt, weil dort das grade Gegenteil von dem ge-
schieht, was bei uns. Dort die Herstellung des Nationalstaats aus
den disjectis membris 3*) des Feudalstaats, grade als bei uns der
Hauptverfall. Dort eine seltne objektive Logik in dem ganzen Ver-
lauf des Prozesses, bei uns öde und stets ödere Zerfahrenheit.
Dort repräsentiert der englische Eroberer im Mittelalter in sei-
ner Einmischung zugunsten der provenzalischen Nationalität gegen
die nordfranzösische die fremde Einmischung; die Engländerkriege
stellen sozusagen den 30jährigen Krieg vor, der aber mit der Ver-
treibung der ausländischen Einmischung und der Unterwerfung des
Südens unter den Norden endigt. Dann kommt der Kampf der Zentral-
macht mit dem sich auf ausländische Besitzungen stützenden bur-
gundischen Vasallen 4*), der die Rolle von Brandenburg-Preußen
spielt, der aber mit dem Sieg der Zentralmacht endigt und die
Herstellung des Nationalstaats endgültig macht. Und grade in dem
Moment bricht bei uns der Nationalstaat vollständig zusammen
(soweit man das "deutsche Königtum" innerhalb des Heiligen Römi-
schen Reichs einen Nationalstaat nennen kann) und die Plünderung
deutsches Gebiets auf großem Maßstab fängt an. Es ist ein im
höchsten Grad für den Deutschen beschämender Vergleich, aber eben
darum um so lehrreicher, und seitdem unsre Arbeiter Deutschland
wieder in die erste
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3*) zersplitterten Gliedern - 4*) Karl der Kühne
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Reihe der geschichtlichen Bewegung gestellt haben, können wir die
Schmach der Vergangenheit etwas leichter schlucken.
Ganz besonders bezeichnend für die deutsche Entwicklung ist noch,
daß die beiden Teilstaaten, die schließlich ganz Deutschland un-
ter sich geteilt, beides keine rein deutschen, sondern Kolonien
auf erobertem slawischem Gebiet sind: Österreich eine bayrische,
Brandenburg eine sächsische Kolonie, und daß sie sich Macht i n
Deutschland verschafft haben nur dadurch, daß sie sich auf frem-
den, undeutschen Besitz stützten: Österreich auf Ungarn (von Böh-
men nicht zu sprechen), Brandenburg auf Preußen. An der am mei-
sten bedrohten Westgrenze fand so was nicht statt, an der Nord-
grenze überließ man den Dänen, Deutschland gegen die Dänen zu
schützen, und im Süden war so wenig zu schützen, daß die
Grenzwächter, die Schweizer, sich sogar selbst von Deutschland
losreißen konnten!
Doch ich gerate auf allerhand Allotria - lassen Sie sich dies Ge-
rede wenigstens zum Beweis dienen, wie anregend Ihre Arbeit auf
mich wirkt.
Nochmals herzlichen Dank und Gruß von
Ihrem F. Engels
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