Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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Vorwort
Der neununddreißigste Band der Werke von Karl Marx und Friedrich
Engels enthält Engels' Briefe aus den letzten zweieinhalb Jahren
seines Lebens - von Januar 1893 bis Juli 1895.
Diese Jahre gehören zu dem Zeitabschnitt, in dem sich der unmit-
telbare Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum
Monopolkapitalismus zu vollziehen begann. Die Produktion nahm
einen weiteren Aufschwung und konzentrierte sich in Großbetrie-
ben; die Bildung von Monopolen ging weiter voran. Die koloniale
Expansion nahm zu, und der Kampf der Kolonialmächte um Einfluß-
sphären verschärfte sich. Die Blockbildung der europäischen Groß-
mächte, auf der einen Seite der Dreibund - Deutschland, Öster-
reich und Italien - und auf der anderen Seite die sich festigende
Allianz zwischen Rußland und Frankreich war ein Ausdruck der sich
zuspitzenden Widersprüche.
In der ersten Hälfte der neunziger Jahre setzte sich der Auf-
schwung der organisierten Arbeiterbewegung fort. Immer breitere
Kreise des kämpfenden Proletariats eigneten sich die Ideen des
wissenschaftlichen Kommunismus an. Die programmatischen Dokumente
der wichtigsten sozialistischen Parteien Europas beruhten im we-
sentlichen auf marxistischer Grundlage. "Der Marxismus", stellte
W.I. Lenin fest, "trug bereits unbestreitbar über alle anderen
Ideologien in der Arbeiterbewegung den Sieg davon." (W.I. Lenin,
Werke, Berlin 1963, Band 15, S. 20.)
Auch in seinen letzten Lebensjahren widmete Engels dem Kampf der
Arbeiterklasse größte Aufmerksamkeit und stand in enger Verbin-
dung mit den führenden Persönlichkeiten der revolutionären prole-
tarischen Bewegung. Die Briefe dieses Bandes widerspiegeln, wie
sich die internationalen Beziehungen von Engels erweiterten und
welch hervorragende Rolle er im Kampf um die Durchsetzung des
Marxismus in der Arbeiterbewegung
#VI# Vorwort
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und um die ideologische und organisatorische Festigung der II.
Internationale spielte.
Engels setzte seine umfangreiche Korrespondenz mit den alten
Kampfgefährten und Freunden fort und knüpfte gleichzeitig engere
Verbindungen zu angesehenen Führern der Arbeiterbewegung wie G.W.
Plechanow, Antonio Labriola, Filippo Turati. Er stand im Brief-
wechsel mit Sozialisten fast aller europäischer Staaten und der
USA.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit konzentrierte sich Engels
weiterhin auf die Herausgabe des dritten Bandes des "Kapitals".
Bei dem von Marx hinterlassenen Manuskript dieses Bandes handelte
es sich um einen kaum bearbeiteten Rohentwurf. Seine Herausgabe
erforderte von Engels die Lösung außerordentlich komplizierter
wissenschaftlicher Probleme. Er mußte nicht nur das Material sy-
stematisieren, sondern auch viele Passagen vollenden, ganze Kapi-
tel neu schreiben sowie umfangreiche Zusätze und Anmerkungen ma-
chen. Dabei ging Engels auf neue Erscheinungen und Aspekte im in-
ternationalen Wirtschaftsleben ein, die mit dem unmittelbaren
Übergang zum Imperialismus zutage traten. Dadurch konnte er "bis
zu einem gewissen Grad die Aufgaben unserer, der imperialisti-
schen Epoche vorwegnehmen". (W.I. Lenin, Werke, Berlin 1960, Band
25, S. 456.)
Engels bemühte sich stets, den Stil und die Formulierungen von
Marx möglichst beizubehalten. "Ich ... glaube, meine Pflicht ge-
tan zu haben, indem ich Marx in Marx' Worten gab, selbst auf die
Gefahr hin, dem Leser etwas mehr eignes Denken zuzumuten",
schrieb er am 11. März 1895 an Werner Sombart.
Engels arbeitete fast zehn Jahre lang am dritten Band des
"Kapitals", der im Dezember 1894 erschien. Seine Veröffentlichung
war von gewaltiger Bedeutung für die Arbeiterbewegung. Ebenso wie
die beiden vorangegangenen Bände trug auch der dritte, der den
"Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion" behandelt, wesent-
lich dazu bei, die Arbeiterklasse mit den ökonomischen Lehren von
Marx bekannt zu machen und den sozialistischen Parteien besonders
in ökonomischen Fragen zu klaren Erkenntnissen zu verhelfen. Es
ist Engels zu danken, daß mit der Herausgabe des zweiten und des
dritten Bandes des "Kapitals" Marx' ökonomische Theorie zum er-
sten Mal in geschlossener Form vorlag. W.I. Lenin würdigte die
hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen von Engels, indem er
sagte, er habe "seinem genialen Freunde mit der Herausgabe von
Band II und III des 'Kapitals' ein großartiges Denkmal gesetzt,
auf dem er, ohne es beabsichtigt zu haben, seinen eigenen Namens-
zug mit unauslöschlichen Lettern eingetragen hat. In der Tat,
diese beiden Bände des 'Kapitals' sind das Werk
#VII# Vorwort
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von zweien: von Marx und von Engels". (W.I. Lenin, Werke, Berlin
1961, Band 2, S. 12.) Durch die Herausgabe des dritten Bandes des
"Kapitals" zerriß auch das ganze Lügengewebe der bürgerlichen
Kritiker, die hartnäckig behauptet hatten, Marx sei am Ende sei-
nes Lebens mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten in eine Sack-
gasse geraten und habe angeblich überhaupt keinen dritten Band
geschrieben.
In vielen Briefen erläuterte und kommentierte Engels Probleme des
dritten Bandes des "Kapitals", z.B. die Bildung der
Durchschnittsprofitrate auf der Grundlage des Wertgesetzes, den
Produktionspreis usw. Sehr interessant sind in dieser Hinsicht
die Briefe an Conrad Schmidt vom 12. März und 6. April 1895 sowie
der Brief an Werner Sombart vom 11. März 1895. Engels wies darin
nach, daß die Versuche der bürgerlichen Ökonomen, einen Wider-
spruch zwischen dem ersten und dem dritten Band des "Kapitals" zu
konstruieren, völlig haltlos sind. In diesen wie auch in anderen
Briefen analysierte Engels kritisch einige Arbeiten bürgerlicher
Ökonomen, die einzelne Thesen der marxistischen politischen Öko-
nomie zu widerlegen versuchten. Die betreffenden Briefe stehen in
engem Zusammenhang mit der von Engels geschriebenen Ergänzung zum
dritten Band des "Kapitals", die den Titel "Wertgesetz und Pro-
fitrate" trägt (siehe Band 25 unserer Ausgabe, S. 895-917).
Während der Arbeit am dritten Band gab Engels überdies 1893 die
zweite deutsche Auf läge des zweiten Bandes des "Kapitals" her-
aus, förderte die Übersetzung des ersten Bandes ins italienische,
führte Verhandlungen über die Übersetzung des zweiten und dritten
Bandes ins Französische und sorgte dafür, daß der dritte Band in
kurzer Frist ins Russische übersetzt werden konnte.
Engels trug sich außerdem nach wie vor mit der Absicht, den vier-
ten Band des "Kapitals" - die "Theorien über den Mehrwert" - für
den Druck fertigzustellen. In einem Brief an Laura Lafargue be-
merkte er am 28. März 1895, daß er dies als eine seiner wichtig-
sten Aufgaben betrachte. Zum letzten Mal erwähnte Engels die
"Theorien über den Mehrwert" im Brief an Stephan Bauer vom 10.
April 1895. Wie aus diesem Brief zu entnehmen ist, hoffte Engels
noch 1895, daß es ihm vergönnt sein werde, dieses Werk von Marx
herauszugeben.
Auch in seinen letzten Lebensjahren verfolgte Engels aufmerksam
die Entwicklung in den führenden kapitalistischen Staaten und
analysierte die ökonomische Entwicklung einzelner Länder sowie
das kapitalistische System insgesamt; daraus zog er Schlußfolge-
rungen für den Kampf der Arbeiterklasse sowie für die praktische
Politik der sozialistischen Parteien
#VIII# Vorwort
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und entwickelte die ökonomische Theorie von Marx schöpferisch
weiter. Am 24. Januar 1893 schrieb er in seinem Brief an August
Bebel über die veränderte Rolle der Börse und bestimmte das Ver-
hältnis der Arbeiterklasse gegenüber dieser Institution. Diese
Thesen legte Engels seiner 1895 entworfenen Artikeldisposition
über die Rolle der Börse unter den neuen Bedingungen zugrunde.
(Siehe Band 25 unserer Ausgabe, S. 917-919.)
Engels stellte wichtige neue Züge der ökonomischen Entwicklung am
Ausgang des 19. Jahrhunderts fest: Die Konkurrenz zwischen den
stärksten kapitalistischen Staaten verschärfte sich, England
hatte seine Monopolstellung auf dem Weltmarkt infolge des raschen
Wachstums der Industrie in Deutschland und in den Vereinigten
Staaten von Amerika verloren, militaristische Tendenzen und kolo-
niale Expansion nahmen zu, die Elemente des Staatskapitalismus
vermehrten sich, der Protektionismus dehnte sich aus, die Steuern
wurden erhöht. Wie die weitere Entwicklung bewies, waren diese
und andere Erscheinungen kennzeichnend für den Übergang des Kapi-
talismus in ein neues, das imperialistische Stadium. Engels
kritisierte in diesem Zusammenhang die Reden einiger Sozialisten,
besonders der französischen, die nicht begriffen, daß die Errich-
tung des Staatsmonopols für die Getreideeinfuhr und ähnliche Maß-
nahmen nicht zur Verbesserung der Lage der Werktätigen, sondern
zu verschärfter Ausbeutung und zu noch größerer Korruption des
Staatsapparats führen mußten (siehe vorl. Band, S. 392).
Sehr bedeutungsvoll sind die Briefe, in denen so grundlegende
Fragen des historischen Materialismus dargelegt und konkretisiert
werden wie das dialektische Verhältnis von Ursache und Wirkung in
der gesellschaftlichen Entwicklung, das Verhältnis von gesell-
schaftlichem Sein und gesellschaftlichem Bewußtsein und von Basis
und Überbau. Wie schon in den vorangegangenen Jahren wandte sich
Engels gegen die Verflachung und Verfälschung des Marxismus. Er
trat gegen die Behauptung auf, daß für die materialistische Ge-
schichtsauffassung nur das ökonomische Moment, der Entwicklungs-
stand der Produktivkräfte, das einzige bestimmende Moment der ge-
sellschaftlichen Entwicklung wäre, eine Behauptung, die auch
heute noch zum Arsenal der Marxverfälscher gehört. Engels zeigte,
daß der gesellschaftliche Überbau, einmal von der ökonomischen
Basis hervorgebracht, selbst aktiv zu wirken beginnt. "Es ist
nicht, daß die ökonomische Lage U r s a c h e, a l l e i n
a k t i v ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es
ist Wechselwirkung auf Grundlage der i n l e t z t e r
I n s t a n z stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendig-
keit" (siehe vorl. Band, S. 206). Am 14. Juli 1893 schrieb er an
Franz Mehring: "Daß ein historisches Moment,
#IX# Vorwort
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sobald es einmal durch andre, schließlich ökonomische Ursachen,
in die Welt gesetzt, nun auch reagiert, auf seine Umgebung und
selbst seine eignen Ursachen zurückwirken kann, vergessen die
Herren oft fast absichtlich." Engels unterstrich dabei, daß die-
ser Auffassung "die ordinäre undialektische Vorstellung von Ursa-
che und Wirkung als starr einander entgegengesetzten Polen" zu-
grunde hegt.
In dem Brief an W. Borgius vom 25. Januar 1894, von dem früher
irrtümlich angenommen wurde, er sei an H. Starkenburg gerichtet,
ging Engels auf das dialektische Verhältnis von Notwendigkeit und
Zufall in der Geschichte ein. Er wies nach, daß sich durch alle
Zufälligkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung hindurch
letztlich die ökonomische Notwendigkeit durchsetzt, daß der Zu-
fall einerseits die Ergänzung und andererseits die Erscheinungs-
form der Notwendigkeit ist.
Auch seine historischen Studien setzte Engels in den neunziger
Jahren fort. Im Juni/Juli 1894 schrieb er die Arbeit "Zur Ge-
schichte des Urchristentums" (siehe Band 22 unserer Ausgabe, S.
447-473), die zu den grundlegenden Werken des wissenschaftlichen
Atheismus gehört. "Ich habe mich mit dem Gegenstand getragen seit
1841", bemerkte er in seinem Brief an Karl Kautsky vom 28.Juli
1894. Und am 2I.Mai 1895, als er Kautskys Schrift "Von Plato bis
zu den Wiedertäufern", die dieser für den ersten Band der
"Geschichte des Sozialismus in Einzeldarstellungen" verfaßt
hatte, analysierte, betonte er, daß es notwendig sei, die Rolle
und Entwicklung "der untersten, rechtlosen Schicht jeder Stadtbe-
völkerung" in den Massenbewegungen des 15. und 16. Jahrhunderts
gründlicher zu untersuchen sowie die ökonomischen Wurzeln dieser
Bewegungen in Deutschland Ende des 15. Jahrhunderts voll zu be-
rücksichtigen.
Das Anwachsen der internationalen Arbeiterbewegung und die Festi-
gung des Klassenbewußtseins der Arbeiterklasse erforderten die
fortschreitende Verbreitung marxistischen Gedankenguts. Aus die-
sem Grunde widmete Engels der Wiederherausgabe und Übersetzung
Marxscher Schriften und seiner eigenen Arbeiten auch weiterhin
viel Zeit. Engels begrüßte die Herausgabe von grundlegenden Wer-
ken des wissenschaftlichen Kommunismus in Sprachen, in denen sie
bis dahin noch nicht erschienen waren. Er war sehr erfreut, als
er die Nachricht vom bevorstehenden Erscheinen des "Manifests der
Kommunistischen Partei" in tschechischer Sprache erhielt (siehe
vorl. Band, S. 59). Und am 23. November 1894 schrieb er an den
armenischen Sozialisten J.N. Atabekjanz: "Ich danke Ihnen bestens
für Ihre Übersetzung meiner 'Entwicklung des Sozialismus' und
neuerdings des 'Kommunistischen Manifests' in Ihre armenische
Muttersprache."
#X# Vorwort
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Aus Briefen an Laura Lafargue, Filippo Turati, Victor Adler und
an andere geht hervor, daß Engels in vielen Fällen die Überset-
zungen selbst redigierte oder im Manuskript überprüfte.
Engels ging stets auf die wissenschaftlich-theoretischen Fragen
ein, die die Vertreter der jüngeren Generation an ihn herantru-
gen. Er nahm sich die Zeit, ihnen schwierige Probleme der Theorie
des Marxismus zu erläutern, mit ihnen darüber zu korrespondieren,
Literaturhinweise zu geben u.a.m. (siehe die Briefe an W.J.
Schmuilow vom 7. Februar 1893, an Conrad Schmidt vom 12.März und
6.April 1895 u.a.).
Von den sozialistischen Publizisten und Journalisten verlangte
Engels hohes Verantwortungsbewußtsein und Gewissenhaftigkeit.
"Unser Arbeiterpublikum", schrieb er am 20. Januar 1893 an den
Schweizer Journalisten Louis Héritier, "muß die wenigen Stunden,
die es der Lektüre widmen kann, der Ruhe und dem Schlaf entzie-
hen; es hat also ein Recht darauf zu fordern, daß alles, was wir
ihm bieten, das Ergebnis gewissenhafter Arbeit ist..."
Entrüstet wandte sich Engels gegen alle Entstellungen des Marxis-
mus, insbesondere wenn "Passagen aus den Schriften und dem Brief-
wechsel von Marx in höchst widersprüchlicher Weise ausgelegt"
wurden (siehe vorl. Band, S. 75), und man "vor keiner Verzerrung
und keinem unfairen Manöver" zurückschreckte, "um eine einmal
eingenommene Position zu verteidigen" (siehe vorl. Band, S. 328).
Um sich über die Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung
und der politischen und ökonomischen Lage in den verschiedenen
Ländern zu informieren, las Engels fast alle bedeutenden soziali-
stischen Zeitungen und Zeitschriften jener Zeit. Außerdem arbei-
tete er an mehreren von ihnen ständig mit ("Vorwärts", "Die Neue
Zeit", "Arbeiter-Zeitung", "Le Socialiste", "Critica Sociale"
u.a.). Am 17. Dezember 1894 teilte Engels Laura Lafargue mit, daß
er "die Bewegung in fünf großen und einer Reihe kleiner Länder
Europas und in den USA" verfolge, und zu "diesem Zweck erhalte
ich an T a g e s z e i t u n g e n 3 deutsche, 2 englische, 1
italienische und ab 1. Januar die Wiener Tageszeitung, insgesamt
7. An W o c h e n z e i t u n g e n erhalte ich 2 aus Deutsch-
land, 7 aus Österreich, I aus Frankreich, 3 aus Amerika (2 in
Englisch, 1 in Deutsch), 2 italienische und je eine in Polnisch,
Bulgarisch, Spanisch und Tschechisch; davon sind drei in Spra-
chen, die ich erst allmählich lerne." Außerdem erhielt Engels aus
Rußland und einigen anderen Ländern eine Reihe von Zeitschriften.
Über wichtige Pressemitteilungen informierte er des öfteren die
Führer der deutschen und der österreichischen Partei sowie ande-
rer sozialistischer Parteien und trug zum Presseaustausch unter
ihnen bei.
#XI# Vorwort
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Der zum Teil ausgedehnte Briefwechsel mit führenden Sozialisten
fast aller europäischer Länder - so z.B. mit dem Mitbegründer der
österreichischen Sozialdemokratischen Partei, Victor Adler, dem
führenden Mitglied der italienischen Sozialistischen Partei, Fil-
ippo Turati, und mit dem Propagandisten des Marxismus in Italien,
Antonio Labriola, dem Vertreter der Sozialistischen Arbeiterpar-
tei Spaniens, Pablo Iglesias, sowie die Korrespondenz und der
persönliche Kontakt mit der Vertreterin der Polnischen Soziali-
stischen Partei, Maria Mendelson - zeugt auch davon, daß Engels
über die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Europa genau in-
formiert und durch Kenntnis der Zeitgeschehnisse in den entspre-
chenden Ländern in der Lage war, den Parteien mit Rat und Hilfe
zur Seite zu stehen.
Der überwiegende Teil der Briefe beschäftigt sich mit Fragen der
Taktik der Arbeiterbewegung und Problemen des Kampfes der prole-
tarischen Parteien. In diesen Briefen wird deutlich, wie sehr En-
gels um die ideologische und organisatorische Festigung der Ar-
beiterparteien bemüht war, wie er bei der Überwindung von Dogma-
tismus und Sektierertum half und einen unversöhnlichen Kampf ge-
gen alle Spielarten des Opportunismus führte.
Eine wichtige Aufgabe war die Festigung der 1889 gegründeten
neuen Internationale. Die Entwicklung der internationalen Bezie-
hungen zwischen den sozialistischen Parteien der verschiedenen
Länder und die richtige Verbindung der nationalen mit den inter-
nationalen Aufgaben gehörten zu den wichtigsten Fragen in der in-
ternationalen Arbeiterbewegung. Dieser Problematik widmete Engels
besondere Aufmerksamkeit. In seinem Brief an Laura Lafargue vom
20. Juni 1893 betonte Engels ausdrücklich, daß Beziehungen zwi-
schen den sozialistischen Parteien nur auf dem Prinzip der vollen
Gleichberechtigung beruhen können. Eine "internationale Ver-
einigung kann nur zwischen N a t i o n e n bestehen, deren Exi-
stenz, Autonomie und Unabhängigkeit in inneren Angelegenheiten
daher schon in dem Begriff Internationalität eingeschlossen
sind". Ganz entschieden aber wandte er sich gegen die unbegründe-
ten Hegemonieansprüche in der internationalen Arbeiterbewegung,
die von einzelnen Parteien bisweilen erhoben wurden. Nicht die
subjektiven Wünsche ihrer Führer bestimmen die Stellung dieser
oder jener Partei in der internationalen Arbeiterbewegung, er-
klärte Engels, sondern entscheidend ist die objektive Rolle, wel-
che die Partei im Befreiungskampf der Arbeiterklasse spielt. En-
gels stellte nicht in Abrede, daß in der einen oder anderen
Etappe des Kampfes einzelne Parteien die revolutionäre Avantgarde
der Bewegung bilden können, wies jedoch darauf hin, daß der Sturz
des Kapitalismus im internationalen Maßstab auf keinen Fall die
Sache nur einer Partei sein kann. "... weder Franzosen noch Deut-
sche
#XII# Vorwort
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noch Engländer", konkretisierte er diese Gedanken in seinem Brief
an Paul Lafargue am 27. Juni 1893, "werden den Ruhm genießen, den
Kapitalismus allein gestürzt zu haben; ... Die Befreiung des Pro-
letariats kann nur eine internationale Aktion sein..."
Engels war sich bewußt, daß die Arbeiterbewegung ein solches Ni-
veau erreicht hatte, das gemeinsame praktische Schritte der ver-
schiedenen nationalen Formationen der Arbeiterklasse möglich
machte. Er betonte jedoch, daß diese Schritte vorher von allen
Teilnehmern beraten werden müßten und nur in freiwilligem Zusam-
menwirken durchzuführen seien. "Unbedingte Voraussetzung für jede
internationale Aktion", schrieb er an Paul Lafargue, "muß sein,
daß man sich im voraus über den Inhalt und die Form verständigt.
Es scheint mir unzulässig, daß eine Nationalität allein öffent-
lich die Initiative ergreift und dann die anderen auffordert, ihr
zu folgen." (Siehe vorl. Band, S. 190.)
Wiederholt sprach Engels davon, daß es ein großer Fehler wäre,
Probleme der Arbeiterbewegung eines beliebigen Landes getrennt
von den gemeinschaftlichen Aufgaben des gesamten internationalen
Proletariats zu lösen. Er empfahl den Sozialisten, stets daran zu
denken, daß jeder ihrer Schritte auch für ihre Klassenbrüder in
den anderen Ländern von Bedeutung ist und sie verpflichtet sind,
dies zu berücksichtigen. Engels wies darauf hin, daß die Tätig-
keit einer Partei unvermeidlich auch die Parteien anderer Länder
beeinflußt, daß "... die in e i n e m Land eroberten Erfolge
auf alle andern mächtig zurückwirken" (siehe vorl. Band, S. 141).
Hiervon ausgehend, empfahl Engels den sozialistischen Parteien,
ihre Taktik untereinander abzustimmen.
Engels maß der weiteren Festigung der internationalen proletari-
schen Beziehungen, den internationalen Kongressen und Konferen-
zen, vor allem aber den direkten Kontakten und Begegnungen der
Vertreter der Parteien große Bedeutung bei. Als besonders wichtig
erachtete er die Herstellung ständiger Verbindungen zwischen den
beiden größten Abteilungen der Arbeiterklasse auf dem Kontinent -
den französischen Sozialisten und den deutschen Sozialdemokraten.
Diese Verbindungen betrachtete er als starke Barriere gegen die
chauvinistischen Bestrebungen der reaktionären Kräfte in beiden
Ländern. In diesem Zusammenhang riet er Paul Lafargue am 13. Ok-
tober 1893: "Es ist also wichtig, daß Sie ... alles tun, um die
Position, die Sie der deutschen Partei gegenüber immer eingenom-
men haben, aufrechtzuerhalten: die Position ihres Hauptverbünde-
ten in Frankreich... Selbstverständlich werde ich mein Möglich-
stes tun, um das enge Bündnis zwischen der deutschen Partei und
Ihrer Partei in Frankreich weiterhin zu
#XIII# Vorwort
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sichern..." Das war damals besonders wichtig, da sich bereits
zwei einander gegenüberstehende aggressive Militärblocks der
großen europäischen Staaten herausbildeten.
Umfassende Hilfe leistete Engels bei der Vorbereitung der ersten
Kongresse der II. Internationale. Ein Höhepunkt des Züricher Kon-
gresses im August 1893 war Engels' Auftreten am letzten Verhand-
lungstag. Er hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er auf die
Notwendigkeit hinwies, gemeinsam zu einem einheitlichen Stand-
punkt zu gelangen, um die Einheit und die Schlagkraft des inter-
nationalen Proletariats zu stärken. Seine Eindrücke vom Züricher
Kongreß spiegeln sich in Briefen an Laura Lafargue vom 21. August
1893, an Friedrich Adolph Sorge vom 7. Oktober 1893 und in ande-
ren Briefen wider.
In verschiedenen Briefen trat Engels gegen sektiererische Tenden-
zen und Fehler einiger sozialistischer Parteien und Organisatio-
nen auf. Er erläuterte, daß zu den theoretischen Wurzeln des Sek-
tierertums die dogmatische Auslegung des Marxismus als eine Summe
ein für allemal gegebener, unveränderlicher Wahrheiten und Thesen
gehöre, die unter beliebigen Bedingungen anwendbar seien. Er ver-
urteilte jene Sozialisten, die nicht beachteten, daß sich die Ar-
beiterbewegung keineswegs immer nach ihren subjektiven Vorstel-
lungen entwickelt, und stellte fest, daß zum Beispiel in den Ver-
einigten Staaten von Amerika, wo der Kampf der Arbeiterklasse in
Formen vor sich ging, die sich in vielem von denen des europäi-
schen Kontinents unterschieden, einige Führer der Sozialistischen
Arbeiter-Partei von Nord-Amerika die unterschiedlichen Entwick-
lungsbedingungen nicht begriffen und sich deswegen von den Massen
des kämpfenden Proletariats lösten.
Es genügt nicht, bemerkte Engels, wenn sich eine sozialistische
Partei ein marxistisches Programm gibt. Das bringt an und für
sich noch keinen Erfolg, wenn sie es nicht versteht, sich in ih-
rer praktischen Tätigkeit auf die grundlegenden Thesen des Mar-
xismus zu stützen und den Marxismus richtig anzuwenden. Er ver-
wies auf das sektiererische Verhalten der Social Democratic Fe-
deration und der Sozialistischen Arbeiter-Partei von Nord-Ame-
rika. Engels stellte fest, daß diese beiden Organisationen die
"Marxsche Theorie der Entwicklung auf eine starre Orthodoxie
heruntergebracht" haben, "zu der die Arbeiter sich nicht aus ih-
rem eignen Klassengefühl heraus emporarbeiten sollen, sondern die
sie als Glaubensartikel sofort und ohne Entwicklung herunterzu-
würgen haben" (siehe vorl. Band, S. 245). Die Social Democratic
Federation "hat es fertiggebracht", schrieb Engels am 10. Novem-
ber 1894 an seinen Freund F.A. Sorge, "unsre Theorie
#XIV# Vorwort
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in das starre Dogma einer rechtgläubigen Sekte zu verwandeln",
sie "ist engherzig abschließend und hat dabei, dank Hyndman, in
der internationalen Politik eine durchaus faule Tradition, die
zwar von Zeit zu Zeit erschüttert wird, mit der aber noch immer
nicht gebrochen ist".
Immer wieder betonte Engels, wie gefährlich es für eine soziali-
stische Arbeiterpartei ist, schablonenhaft und dogmatisch die
konkreten Aufgaben zu formulieren. Er wies darauf hin, daß die
Mannigfaltigkeit der Bedingungen, unter denen die Sozialisten in
den verschiedenen Ländern wirken müssen, ebenso viele mannigfache
Wege und Mittel zur Erreichung des einheitlichen Zieles erfor-
dert. Wenn die Eroberung der politischen Macht für und durch die
Arbeiterklasse das nächste Ziel ist, erläuterte er, "so kann der
Meinungsstreit über die dabei anzuwendenden Mittel und Methoden
des Kampfs unter aufrichtigen Leuten, die ihre fünf Sinne beiein-
ander haben, kaum noch zu prinzipiellen Differenzen führen"
(siehe vorl. Band, S. 46).
Engels wertete es als Sektierertum, als die Leitung der Social
Democratic Federation den Beschluß faßte, für 1896, drei Tage vor
dem Internationalen Sozialistischen Arbeiter- und Gewerkschafts-
kongreß in London, "einen rein sozialistischen Kongreß" abzuhal-
ten. In seinen Briefen an Pablo Iglesias zwischen dem 9. und 14.
August, an Eduard Bernstein vom 14. August, an Filippo Turati vom
16. August und an Paul Lafargue vom 22. August 1894 erklärte er,
daß der Beschluß der Social Democratic Federation falsch sei und
ernsthaften Schaden bringe, da er verhindere, daß die dem bewuß-
ten Klassenkampf noch fernstehenden Arbeiter in die sozialisti-
sche Bewegung hineingezogen werden. "Das", so schrieb er an Tu-
rati, "könnte die Delegierten des großen Kongresses, die von den
noch nicht rein sozialistischen Gruppen entsandt werden, nur -
und mit Recht - verärgern. Und da wir aus Erfahrung wissen, daß
diese Gruppen allein durch die Tatsache ihrer Anwesenheit auf un-
seren Kongressen unbewußt in den sozialistischen Kreis hineinge-
zogen werden, ... sollten wir da so engstirnig sein, uns diese
Tür zu verschließen?" (Siehe vorl. Band, S. 290.)
Im Zusammenhang mit fehlerhaften und opportunistischen Auffassun-
gen einiger sozialistischer Führer ging Engels auf die Problema-
tik des Verhältnisses von Demokratie und Sozialismus im proleta-
rischen Befreiungskampf und auf die Stellung der Arbeiterklasse
zum Kampf um die demokratische Republik ein. Ziel der nächsten
Etappe des Klassenkampfes konnte damals zunächst nur die Erkämp-
fung einer demokratischen Republik sein, nur diese konnte Aus-
gangspunkt und Voraussetzung für den Kampf des Proletariats um
die politische Macht bilden. "Wenn etwas feststeht, so ist es
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dies", erklärte er, "daß unsre Partei und die Arbeiterklasse nur
zur Herrschaft kommen kann unter der Form der demokratischen Re-
publik". Engels zeigte auf, daß es ein großer Irrtum sei anzuneh-
men, man könne in Deutschland "auf gemütlich-friedlichem Weg die
Republik einrichten, und nicht nur die Republik, sondern die kom-
munistische Gesellschaft" (siehe Band 22 unserer Ausgabe, S.
235). Gleichzeitig warnte er vor Illusionen, daß durch die bür-
gerliche Republik einzelne sozialistische Maßnahmen verwirklicht
werden könnten die Republik", schrieb Engels an Paul Lafargue am
6. März 1894, "wird wie jede andere Regierungsform durch ihren
Inhalt bestimmt; solange sie die Herrschaftsform der
B o u r g e o i s i e ist, ist sie uns genau so feindlich wie
irgendeine Monarchie (abgesehen von den F o r m e n dieser
Feindseligkeit)." In seinem Brief an Hermann Schlüter vom 1. Ja-
nuar 1895 charakterisierte Engels die bürgerliche Scheindemokra-
tie in England und verwies darauf, wie die herrschenden Klassen
die Rechte der Werktätigen durch "i n d i r e k t e Schranken"
zunichte machen.
In dem Maße, wie sich die Entwicklungstendenzen zum Imperialismus
verstärkten, traten auch die opportunistischen Kräfte immer deut-
licher und aktiver hervor. Als in Deutschland der Führer der bay-
rischen Sozialdemokraten, Georg von Vollmar, und andere auf dem
Frankfurter Parteitag im Oktober 1894 erneut ihre opportunisti-
schen Auffassungen vertraten, schrieb Engels an Wilhelm Lieb-
knecht, daß dies ein Anzeichen für das "Vordringen des kleinbür-
gerlichen Elements in der Partei" sei (siehe vorl. Band, S. 331).
Vollmar entwickelte auch opportunistische Anschauungen in der
Agrarfrage, die einigen Thesen des auf dem Kongreß in Nantes im
September 1894 angenommenen Agrarprogramms der französischen
Sozialisten, das, wie Vollmar behauptete, die Billigung von En-
gels gefunden habe, nahekamen.
Wie intensiv Engels sich bemühte, den französischen und deutschen
Sozialisten klarzumachen, daß ihre Vorstellungen in der Agrar-
frage fehlerhaft waren, lassen die folgenden Zeilen erkennen:
"...die considérant des Agrarprogramms von Nantes, die es als
Pflicht der Sozialisten erklärt, das bäuerliche Eigentum zu er-
halten und zu s c h ü t z e n, und sogar das der fermiers und
métayers, die T a g l ö h n e r b e s c h ä f t i g e n, ist
mehr als die meisten Menschen außerhalb Frankreichs werden
schlucken können " (siehe vorl. Band, S. 299), Engels nannte Ge-
org von Vollmars Versuche, das Programm von Nantes schematisch
auf Deutschland, und zwar zugunsten der Mittel- und Großbauern,
anzuwenden, einen Angriff auf sozialistische Grundprinzipien. Zu-
gleich wies er auf die Notwendigkeit hin, unter den werktätigen
Bauern als den natürlichen Verbündeten der Arbeiterklasse im
Kampf gegen den
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Kapitalismus sozialistische Propaganda zu betreiben (siehe vorl.
Band, S. 309).
Um den europäischen sozialistischen Parteien bei der Ausarbeitung
eines marxistischen Agrarprogramms zu helfen und den gefährlichen
opportunistischen Ansichten in dieser Frage entgegenzutreten,
schrieb Engels im November 1894 die Arbeit "Die Bauernfrage in
Frankreich und Deutschland" (siehe Band 22 unserer Ausgabe, S.
483-505), die zu den grundlegenden marxistischen Arbeiten über
die Agrarfrage gehört und eine wichtige Waffe im Kampf gegen den
Opportunismus in der Agrarfrage bildet. Die von Engels in seinem
Aufsatz dargelegten Prinzipien wurden von W.I. Lenin bei der Aus-
arbeitung seines Genossenschaftsplans der sozialistischen Umge-
staltung des Dorfes allseitig weiterentwickelt.
Die Fragen der deutschen Arbeiterbewegung nahmen in Engels' Brie-
fen breiten Raum ein. Die deutsche Sozialdemokratie war die
stärkste und bestorganisierte sozialistische Partei in Europa.
"Einen solch ständigen, ununterbrochenen, unangefochtenen Fort-
schritt einer Partei hat es noch in keinem Lande gegeben", äu-
ßerte er am 20. Juni 1893 in einem Brief an Laura Lafargue. Viele
Briefe an Bebel, Liebknecht und an andere bekannte Arbeiterführer
zeigen, daß Engels ständig über ihre vielseitige Tätigkeit infor-
miert war, ihnen seine großen Erfahrungen vermittelte, ihnen
wichtige Hinweise gab und ihnen half, Mängel und Fehler zu besei-
tigen. Engels war fest überzeugt, daß die revolutionären marxi-
stischen Kräfte der Partei es verstehen werden, den Opportunismus
Vollmars und seiner Anhänger zu überwinden (siehe vorl. Band, S.
335). Aus einer Reihe von Briefen, z.B. an Paul Lafargue vom 22.
November, an Wilhelm Liebknecht vom 24. November, an Friedrich
Adolph Sorge vom 4. und 12. Dezember sowie an Victor Adler vom
14. Dezember 1894, ist ersichtlich, daß Engels alles tat, um die
Absichten der Opportunisten aufzudecken. Er unterstützte ener-
gisch die Partei unter August Bebel in ihrem Kampf gegen die Op-
portunisten. Engels war der Ansicht, daß jedes Verschweigen der
bestehenden Differenzen nur den Opportunisten zum Vorteil gerei-
che, und sprach sich eindeutig für eine offene Diskussion aus,
die das wahre Wesen der Ansichten Vollmars und seiner Anhänger
aufdecken würde. Er war entschieden dagegen, daß man "jede wirk-
liche innere Streitfrage wegleugnet und totschweigt" (siehe vorl.
Band, S. 332), und kritisierte Liebknecht, der die bestehenden
Differenzen nicht offen austragen wollte, um die Einheit der Par-
tei zu wahren. Engels hielt die grobe Verletzung der Parteidiszi-
plin durch die bayrischen Opportunisten, die 1894 auf dem Frank-
furter Parteitag der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer eige-
nen, vorher ausgearbeiteten Plattform
#XVII# Vorwort
-----
erschienen waren, für absolut unzulässig. Er wies darauf hin, daß
die Partei einen kompromißlosen Kampf gegen die Opportunisten
führen müsse und nicht davor zurückschrecken dürfe, sich von un-
belehrbaren Opportunisten auch organisatorisch zu trennen.
Auch Fragen der parlamentarischen Taktik berührte Engels in sei-
nen Briefen. Er betonte, daß es für sozialistische Parteien mög-
lich, in bestimmten Fällen sogar notwendig ist, vorübergehend mit
bürgerlich-demokratischen Parteien zusammenzugehen, um bestimmte
praktische Ziele zu erreichen. Bedingung sei jedoch immer, daß
die organisatorische und ideologische Selbständigkeit der sozia-
listischen Parteien erhalten bleibt. Dem Kampf für das allgemeine
Wahlrecht, der sich in jenen Jahren in Belgien und Österreich
entfaltete, maß Engels große Bedeutung bei (vgl. vorl. Band, S.
140 und 302). Er betrachtete ihn nicht nur als ein Mittel, um
günstigere Voraussetzungen für die Tätigkeit des Vortrupps der
Arbeiterklasse zu schaffen, sondern sah in ihm auch einen Weg,
die politische Aktivität der breiten Massen der Werktätigen zu
steigern und sie in den Befreiungskampf einzubeziehen. Mit Genug-
tuung schrieb er: "...es wird bald kein europäisches Parlament
mehr geben ohne Arbeitervertreter" (siehe vorl. Band, S. 224).
Große Aufmerksamkeit widmete Engels der Arbeiterbewegung in
Frankreich und der französischen Arbeiterpartei. Davon zeugt
seine ausgedehnte Korrespondenz mit Laura und Paul Lafargue, sein
Brief an Jules Guesde und seine Verbindungen zu anderen französi-
schen Sozialisten. Immer wieder kam er darauf zurück, daß die
französische Arbeiterpartei zum Kern der Bewegung in Frankreich
werden müsse, um den sich alle anderen sozialistischen Gruppie-
rungen und Organisationen scharen. Eine wesentliche Rolle konnte
seiner Meinung nach dabei die Parlamentsfraktion der französi-
schen Arbeiterpartei spielen. "Diesmal muß es uns gelingen",
schrieb er am 14. April 1893 an Jules Guesde, "eine kleine, feste
Gruppe ins Palais Bourbon zu bringen, ... so daß alle verstreuten
Elemente gezwungen wären, sich um sie zusammenzuschließen" (siehe
vorl. Band, S. 65). Die Zusammenarbeit mit den anderen soziali-
stischen Gruppen in der Deputiertenkammer dürfe jedoch nicht dazu
führen, daß die organisatorische Selbständigkeit der Partei auf-
gegeben werde.
Positiv wertete Engels die Wahlerfolge der französischen Soziali-
sten, warnte jedoch nachdrücklich davor, die parlamentarische
Tätigkeit zu überschätzen. Er mahnte zur Vorsicht hinsichtlich
der Bildung einer gemeinsamen sozialistischen Fraktion, zu der
auch die ehemaligen radikalen Sozialisten gehören sollten. Er
befürchtete, die kleinbürgerlichen Elemente
#XVIII# Vorwort
-----
könnten in einer gemeinsamen Fraktion die Oberhand gewinnen, und
warnte die Führer der französischen Arbeiterpartei vor Zugeständ-
nissen in prinzipiellen Fragen: "...haltet die Möglichkeit im
Auge, daß hier bürgerliche Elemente vorliegen, mit denen ihr in
prinzipiellen Konflikt kommen könnt" (siehe vorl. Band, S. 272).
Die Schaffung einer einheitlichen revolutionären proletarischen
Partei betrachtete Engels als eine der wichtigsten Voraussetzun-
gen für weitere Erfolge der französischen Sozialisten. Eine dau-
erhafte Einheit könne jedoch nur allmählich, im Verlauf des ge-
meinsamen Kampfes erreicht werden, "...die Fortschritte der Par-
tei", schrieb er am 22.Januar 1895 an Paul Lafargue, "werden
zunächst die internen und traditionellen Streitigkeiten abschwä-
chen und dann verschwinden lassen."
Lebhaft interessierte sich Engels für die Entwicklung der engli-
schen Arbeiterbewegung. Wie in früheren Jahren sah er die vor-
dringlichste Aufgabe in der Bildung einer politisch selbständigen
proletarischen Massenpartei, da die Herstellung der politischen
Selbständigkeit der Arbeiterklasse die Grundfrage der Arbeiterbe-
wegung Englands war. Engels ging auf einige der Hemmnisse ein,
die der Herausbildung einer revolutionären Partei im Wege stan-
den. Dazu gehörten u.a. das sektiererische Verhalten und der Dog-
matismus der Führer der Social Democratic Federation.
Die englischen Sozialisten hatten es noch nicht verstanden, den
spontanen Drang der Arbeiterklasse zum Sozialismus richtig auszu-
nutzen, die tägliche Arbeit in den Trade-Unions - der Massenorga-
nisation des englischen Proletariats - auf dieses Ziel hinzulen-
ken. "Der Masseninstinkt, daß die Arbeiter eine eigne Partei bil-
den müssen gegen beide offizielle Parteien, wird immer stärker«..
Aber die alten traditionellen Erinnerungen verschiedner Art und
der Mangel an Leuten, die diesen Instinkt in bewußte Aktionen um-
zusetzen und über das ganze Land zusammenzufassen imstande wären,
befördern das Verharren in diesem Vorstadium der Unbestimmtheit
des Gedankens und der lokalen Isoliertheit der Aktion." (Siehe
vorl. Band, S. 307/308.)
Ein weiteres Hemmnis für die Entwicklung der sozialistischen
Arbeiterbewegung in England war der starke bürgerliche Einfluß,
der besonders von der Fabian Society ausging, dem "vollendeten
Ausdruck des Opportunismus und einer liberalen Arbeiterpolitik"
(W.I. Lenin, Werke, Berlin 1960, Band 21, S. 258). Zwar hatten
die Fabier, wie Engels bemerkte, "mit großem Fleiß unter allerlei
Schund auch manche gute Propagandaschrift" herausgebracht, sie
leugneten aber den Klassenkampf und die Notwendigkeit der prole-
tarischen Revolution. Nach ihrer Vorstellung vom Sozialismus
#XIX# Vorwort
-----
sollte nicht die Nation, sondern die "Kommune" Eigentümerin der
Produktionsmittel werden. Ihre Taktik, diesen "Munizipalsozia-
lismus" zu erreichen, bestand darin, "die Liberalen nicht als
Gegner entschieden zu bekämpfen, sondern ... to p e r m e a t e
Liberalism with Socialism", d.h. den Liberalismus mit Sozialismus
zu d u r c h d r i n g e n. (Siehe vorl. Band, S. 8.)
Engels begrüßte die Gründung der Independent Labour Party im Ja-
nuar 1893: "Die Independent Labour Party ... hat weniger fixe
Vorurteile mitgebracht, hat gute Elemente - die Arbeiter des Nor-
dens entscheiden - und ist soweit der unverfälschteste Ausdruck
der augenblicklichen Bewegung." (Siehe vorl. Band, S. 53.) Sie
entsprang dem Drang nach politischer Selbständigkeit der Arbei-
terklasse, der besonders in den Industriebezirken Nordenglands
immer mehr zugenommen hatte. Mitte der neunziger Jahre verlor die
Independent Labour Party jedoch ihren proletarischen Charakter
und geriet immer mehr auf den Weg des Opportunismus.
Auch die Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika
war ständiger Gegenstand der Korrespondenz zwischen Engels und
seinen Kampfgefährten in den USA. Engels analysierte die objekti-
ven Ursachen dafür, warum die sozialistischen Ideen in das Be-
wußtsein des Proletariats dieses größten kapitalistischen Landes
nur sehr langsam eindrangen. Das waren u.a. die rasche ökonomi-
sche Entwicklung des Landes und die damit verbundene bedeutend
bessere materielle Lage der Arbeiter gegenüber ihren Klassenbrü-
dern in Europa sowie das Vorhandensein einer großen Anzahl von
Einwanderern verschiedener Nationalitäten. Diese Faktoren ermög-
lichten es der Bourgeoisie, die verschiedenen Gruppen des Prole-
tariats gegeneinander auszuspielen; zudem erlaubte das Zweipar-
teiensystem den herrschenden Klassen, die Entwicklung einer drit-
ten großen Partei zu unterdrücken. Über die in Amerika lebenden
deutschen Sozialisten bemerkte Engels, daß sie oft versuchen,
"sofort alles Vorgefundene umzustoßen und neuzugestalten", und
sich nicht bemühten, "die amerikanischen Verhältnisse ordentlich
kennenzulernen. Alles das", schrieb Engels, "tut sicher sehr viel
Schaden, aber andrerseits ist doch auch nicht zu leugnen, daß die
amerikanischen Verhältnisse sehr große und eigentümliche Schwie-
rigkeiten für eine s t e t i g e Entwicklung einer Arbeiterpar-
tei einschließen." (Siehe vorl. Band, S. 173.)
Auch in den letzten Jahren seines Lebens unterhielt Engels enge
freundschaftliche Beziehungen zu den russischen Revolutionären.
Besonders mit den Führern der Gruppe "Befreiung der Arbeit" -
G.W. Plechanow und V.I. Sassulitsch - stand er in ständiger Ver-
bindung. Mit welcher Wärme er sich den russischen Marxisten zu-
wandte, wie er sie bei der
#XX# Vorwort
-----
Herausgabe der russischen Übersetzung marxistischer Werke unter-
stützte, mit welcher Bereitschaft er ihren Bitten entgegenkam und
wie sehr er sich auch um ihr persönliches Wohlergehen sorgte, ist
in seinen Briefen an sie immer wieder zu spüren. Plechanow und
Sassulitsch waren für ihn die Verkörperung der neuen Generation
der russischen Sozialisten, die endgültig mit den Ideen der
Volkstümler gebrochen hatte und auf dem Boden des Marxismus
stand. Er stellte sie jener Generation gegenüber, "die immer noch
an die spontane kommunistische Mission glaubt, die Rußland, die
wahre ?????? ???? von den anderen profanen Völkern unterscheidet"
(siehe vorl. Band, S. 416/417).
Von besonderem Interesse sind Engels' Briefe an N.F. Danielson
und G.W. Plechanow, in denen er Kritik an den Auffassungen der
Volkstümler übte, denen zufolge die russische Obschtschina die
Grundlage der künftigen ökonomischen Entwicklung Rußlands bilden
werde. Engels, der die Probleme Rußlands seit dem Krimkrieg ver-
folgt hatte, wies überzeugend nach, daß die Entwicklung der Wirt-
schaft Rußlands in immer rascherem Tempo den kapitalistischen Weg
ging, der zum Verfall der Obschtschina führte; er wies ferner
nach, daß die Theorien der Volkstümler über einen besonderen
nichtkapitalistischen Entwicklungsweg Rußlands und über die
russische Obschtschina reine Illusion waren. Engels betonte, daß
auf Grund der in Rußland vorhandenen starken Überreste des Feuda-
lismus und des vorzugsweise kleinbäuerlichen Charakters der Land-
wirtschaft die Entwicklung des Kapitalismus von besonders
scharfen sozialen Konflikten begleitet sein und den werktätigen
Massen ungeheure Leiden auferlegen werde. Hierin sah er eine der
Ursachen, die das Heranreifen einer revolutionären Situation in
Rußland beschleunigen würden. Am 17. Oktober 1893 und am 9. Ja-
nuar 1895 kritisierte Engels in seinen Briefen an N.F. Danielson
den russischen "legalen Marxisten" P.B. Struve, weil dieser die
kapitalistische Produktionsweise in Rußland idealisierte und Marx
als Anhänger des Malthusianismus hinzustellen versuchte.
Diese Gedanken von Engels finden sich auch in den Auffassungen
W.I. Lenins wieder, als er die Volkstümler und den "legalen Mar-
xismus" bekämpfte.
Engels glaubte fest daran, daß es in Rußland in naher Zukunft zu
einer Revolution kommen werde. "Und wenn der Teufel der Revolu-
tion einen beim Kragen hätte, so hat er Nikolai II.", schrieb er
am 8. Februar 1895 an G.W. Plechanow. Der Machtantritt des neuen
Zaren, bemerkte er in einem Brief an Laura Lafargue am 12. Novem-
ber 1894, "läßt auf die unentschlossene Herrschaft eines Mannes
schließen, der in den Händen von Leuten, die sich
#XXI# Vorwort
-----
mit gegenseitigen Intrigen ins Gehege kommen, zum bloßen Spiel-
ball wird, und das ist nötig, um das russische despotische System
endlich zu vernichten".
Sehr aufmerksam und nicht ohne Sorge beobachtete Engels die poli-
tischen Beziehungen der europäischen Länder. Die Fragen der Au-
ßenpolitik nehmen daher in seinen Briefen einen nicht geringen
Raum ein. Wiederholt erklärte Engels, die Außenpolitik der herr-
schenden Klassen könne der revolutionären Arbeiterbewegung nicht
gleichgültig sein. Aus der Situation der neunziger Jahre folgerte
er, daß die drohende Gefahr eines Krieges zwischen den beiden ag-
gressiven Blöcken in Europa - dem Dreibund (Deutschland, Öster-
reich und Italien) einerseits und dem französisch-russischen
Bündnis andererseits - zugenommen hatte. Engels mahnte die
sozialistischen Parteien, es sei ihre Pflicht, eine gemeinsame
Linie in außenpolitischen Fragen auszuarbeiten, die den aggressi-
ven Bestrebungen der herrschenden Klassen entgegenwirkt. Als er
mit Bebel über diese Fragen seine Meinung austauschte, betonte
er, daß ein bewaffneter Konflikt, an dem eine europäische Groß-
macht beteiligt sei, eine Lokalisierung des Krieges unwahrschein-
lich erscheinen lasse, daß lokale Kriege unvermeidlich zum Vor-
spiel eines gesamteuropäischen Zusammenstoßes würden. "Der näch-
ste Krieg ... läßt sich aber absolut nicht lokalisieren, sie wer-
den - die Kontinentalen wenigstens - alle in den ersten Monaten
hineingerissen..." (siehe vorl. Band, S. 27).
Engels' Schlußfolgerung, ein künftiger Krieg werde in seinen Aus-
maßen und seiner Zerstörungskraft alle vorangegangenen Kriege
übertreffen, ist ein Musterbeispiel wissenschaftlicher Prognose.
"Bei der totalen Umwälzung in der Rüstung seit 1870 und infolge-
dessen auch der Taktik ist der Ausgang eines Krieges, bei dem so
viele unbekannte Faktoren auftreten werden und alle vorher aufge-
stellten Berechnungen auf imaginären Größen beruhen, absolut un-
gewiß", schrieb er am 22. Januar 1895 an Paul Lafargue.
Der Kampf gegen den drohenden Krieg war eine der Hauptaufgaben
der Sozialisten in allen Ländern. Engels verneinte kategorisch,
daß die Arbeiterklasse an einem Krieg interessiert sei. In einem
solchen Krieg sehen die herrschenden Klassen ein Mittel zur Fe-
stigung ihrer reaktionären Herrschaft und zur Unterdrückung der
revolutionären Bewegung, vor allem zur Zerschlagung der soziali-
stischen Parteien, stellte er fest. "Wir können augenblicklich
einen Krieg absolut nicht brauchen, wir haben sichrere Mittel
voranzukommen, die der Krieg nur stören würde" (siehe vorl. Band,
S. 10).
Auf Bebels Bitte, sich darüber zu äußern, welche Haltung die
sozialdemokratische Reichstagsfraktion in der bevorstehenden
Reichstagsdebatte
#XXII# Vorwort
-----
über die Militärvorlage der Regierung beziehen solle, schrieb En-
gels im Februar 1893 die auch heute noch hochaktuelle Artikelse-
rie "Kann Europa abrüsten?" In ihr formulierte Engels den ersten
konkreten Abrüstungsvorschlag des Proletariats. Engels erkannte,
daß bei einer konsequenten, von Aktionen der Volksmassen unter-
stützten antimilitaristischen Politik eine schrittweise Abrü-
stung, eine Einschränkung des Wettrüstens unter den Bedingungen
der Herrschaft des Kapitalismus möglich sei. Als Alternative zu
den stehenden Heeren erhob Engels die Forderung nach einer auf
allgemeiner Volksbewaffnung beruhenden Miliz, nach einer demokra-
tischen Wehrorganisation. Allerdings - so meinte Engels - würden
die europäischen Regierungen den Vorschlägen ohne Zwang nie zu-
stimmen, denn das stehende Heer sollte "nicht so sehr gegen den
äußern wie gegen den innern Feind" eingesetzt werden (siehe Band
22 unserer Ausgabe, S. 371). Welche große Hilfe Engels den fran-
zösischen Sozialisten erwies, als sie ihren Gesetzentwurf über
die Ablösung des stehenden Heeres durch ein Milizsystem vorberei-
teten, ist aus seinem Brief vom 3. Januar 1894 an Paul Lafargue
zu ersehen, in dem er seinen Standpunkt zu dieser Frage noch ein-
mal erläuterte und Lafargues Aufmerksamkeit auf die Artikelserie
"Kann Europa abrüsten?" lenkte. Alles dies sind Beispiele dafür,
wie sehr Engels stets bestrebt war, die marxistischen Prinzipien
der Strategie und Taktik zu erläutern und zu helfen, sie entspre-
chend den neuen Kampfbedingungen anzuwenden.
Bei der Analyse der internationalen Lage und der inneren Situa-
tion in den wichtigsten Ländern Europas kam Engels zu der Schluß-
folgerung, daß eine politische Krise heranreift. ".. .es wird
kritisch in ganz Europa", schrieb er am 16. Januar 1895 an Sorge.
Gespannt verfolgte er alle Ereignisse, die von der Zersetzung in
den herrschenden Klassen zeugten - wie z.B. den "Panama-Skandal"
in Frankreich, die Korruption angesehener Regierungsbeamter in
Italien, die Widersprüche zwischen den verschiedenen Grup-
pierungen der Bourgeoisie und des Junkertums in Deutschland. En-
gels schloß die Möglichkeit nicht aus, daß alle diese Erscheinun-
gen bei einer raschen Entwicklung und weiteren Erfolgen der so-
zialistischen Arbeiterbewegung in verhältnismäßig kurzer Zeit
günstige Voraussetzungen für den revolutionären Kampf des Prole-
tariats schaffen könnten. Er empfahl den Führern der sozialisti-
schen Parteien nachdrücklich, ihre ganze Tätigkeit auf eine sol-
che Perspektive auszurichten (siehe die Briefe an Victor Adler
vom 11. Oktober 1893 und 22.Dezember 1894 u.a.).
In einigen Briefen äußerte sich Engels über den Japanisch-Chine-
sischen Krieg 1894/95 und wies darauf hin, daß dieser, wie er
auch ausgehen
#XXIII# Vorwort
-----
möge, zum Zusammenbruch des traditionellen, beschränkten ökonomi-
schen Systems Chinas führen und einen mächtigen Anstoß zur Ent-
wicklung des Kapitalismus in diesem Lande geben werde.
Einen wichtigen Platz im revolutionären Erbe der Begründer des
wissenschaftlichen Kommunismus nimmt die letzte theoretische Ar-
beit von Engels ein, seine Einleitung zu Marx' Werk "Die Klassen-
kämpfe in Frankreich 1848 bis 1850". In dieser Einleitung unter-
suchte er die Kampfbedingungen und Kampfformen der Arbeiterklasse
in den neunziger Jahren und leitete daraus Aufgaben für die Ar-
beiterklasse ab. Dabei legte Engels großen Wert darauf zu zeigen,
wie wichtig die Marxsche Analyse des Verlaufs und der Lehren der
Revolution von 1848/49 ist und verallgemeinerte die Erfahrungen,
die das Proletariat im Verlauf seines Kampfes, vor allem in
Deutschland gesammelt hatte. Die Einleitung "ist ziemlich lang
geworden", schrieb Engels am 26. Februar 1895 an Paul Lafargue,
"denn außer einer allgemeinen Übersicht über die Ereignisse seit
dieser Zeit mußte noch erklärt werden, warum wir damals berech-
tigt waren, auf einen bevorstehenden und endgültigen Sieg des
Proletariats zu rechnen, warum es nicht dazu kam und inwieweit
die Ereignisse dazu beigetragen haben, daß wir die Dinge heute
anders sehen als damals". Engels betonte, besonders auch in sei-
nem Brief an Richard Fischer vom 8. März 1895, daß die Partei auf
ihrem Weg zur Eroberung der politischen Macht alle legalen Mittel
und - falls notwendig - auch andere anwenden müsse, um die Mehr-
heit des Volkes für die Ziele der Sozialdemokratie zu gewinnen
und die herrschenden Klassen zu isolieren. Engels' Einleitung
wurde noch zu seinen Lebzeiten, besonders aber nach seinem Tode,
von Opportunisten im antimarxistischen Sinne ausgelegt. Bei ihrer
Veröffentlichung im "Vorwärts" wurde die Einleitung so verstüm-
melt wiedergegeben, daß Engels am 1. April 1895 empört an Kautsky
schrieb, man habe die Einleitung im "Vorwärts" "derartig zurecht-
gestutzt", daß er "als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit
quand même dastehe".
Sehr interessant sind die Briefe, in denen Engels seine Reise
nach dem europäischen Kontinent und seine Eindrücke vom Züricher
Kongreß 1893 wiedergibt (siehe die Briefe an Hermann Engels vom
16. August, an Laura Lafargue vom 21. und 31. August, 18. und 30.
September, an Julie Bebel vom 3. Oktober, an F.A. Sorge vom 7.
Oktober). Sie schildern nicht nur die großen Veränderungen, die
in den letzten zwei Jahrzehnten auf dem Kontinent vor sich gegan-
gen waren, sondern enthalten auch eine klare Einschätzung der Ar-
beiterbewegung in den verschiedenen Ländern. Aus ihnen spricht
Stolz auf den Kampfgeist der proletarischen Massen, den uner-
schütterlichen
#XXIV# Vorwort
-----
Glauben an den Endsieg, an die Kräfte und Möglichkeiten der Ar-
beiterklasse. "Das ist das Wichtigste: Selbstbewußtsein, Selbst-
vertrauen der Klasse" (siehe vorl. Band, S. 30).
Voller Freude schrieb er an Laura Lafargue: "Die Bewegung in
Österreich und Deutschland hat meine höchsten Erwartungen über-
troffen... Unsere Leute dort sind eine Macht, und das wissen
nicht nur sie, sondern auch ihre Gegner. In Wien war ich auf ei-
ner Versammlung von etwa 6000, ... und Du kannst mir glauben, daß
es ein Vergnügen war, diese Menschen zu sehen und zu hören ...
Wenn man ... die ausgezeichnete Organisation sieht, die Begeiste-
rung erlebt, den unverwüstlichen Humor, der aus der Siegesgewiß-
heit quillt, muß man mitgerissen werden..." (siehe vorl. Band, S.
124/125).
Diese Briefe sind auch von besonderem biographischen Interesse;
sie zeigen Engels nicht nur als Kämpfer und Theoretiker, sondern
auch als großherzigen, bescheidenen, feinfühligen Menschen, der
immer bereit war, seinen Gefährten beizustehen. Aus den Briefen
und aus anderen in den Band aufgenommenen Materialien ist zu er-
sehen, wie sich Engels väterlich um die Töchter von Marx sorgte,
wie er ihnen bis zum Tode der treueste Freund und Helfer war und
wieviel Energie und Kraft er aufwandte, um den literarischen
Nachlaß seines Freundes zu bewahren und zu veröffentlichen.
Trotz seines hohen Alters und seines sich verschlechternden Ge-
sundheitszustandes war Engels voll schöpferischer Pläne. An
Freunde und Kampfgefährten schrieb er wiederholt von seiner Ab-
sicht, in allernächster Zeit Ferdinand Lassalles Briefe an Marx
mit Anmerkungen und einem eigenen Vorwort herauszugeben. Sein
Buch "Der deutsche Bauernkrieg" wollte er völlig umarbeiten, da
es seit Jahren vergriffen war und als erste Arbeit nach dem drit-
ten Band des "Kapitals" neu herauskommen sollte. Er hoffte, den
letzten Band des "Kapitals" - die "Theorien über den Mehrwert" -
druckfertig machen zu können. Möglichst bald wollte er noch eine
Biographie von Marx schreiben, in erster Linie über Marx' Leben
und Wirken in den Jahren 1842 bis 1852 und in den Jahren der I.
Internationale (siehe vorl. Band, S. 347). Engels hatte mit den
Vorbereitungen zur Herausgabe der gesammelten Werke von Marx be-
gonnen. Aber seine schwere Erkrankung hinderte ihn daran, diese
Pläne zu verwirklichen. Am 5. August 1895 verschied Engels. Die
internationale Arbeiterbewegung erlitt damit einen unersetzlichen
Verlust.
Bis zum letzten Atemzug seines inhaltsreichen und erfüllten Le-
bens hat Engels aufopferungsvoll am Kampf der Arbeiterklasse
teilgenommen. Mit brennendem Interesse hat er alle Wendungen, je-
den Fortschritt und jeden
#XXV# Vorwort
-----
Rückschlag dieses Kampfes verfolgt. Sein ganzes Wissen, sein
Weitblick, seine großen Erfahrungen und der ganze Gedankenreich-
tum seines theoretischen Werkes beeinflußten in starkem Maße den
Kampf der internationalen Arbeiterbewegung und ihrer einzelnen
Abteilungen. In seinem Nachruf auf Engels schrieb W.I. Lenin:
"Nach seinem Freunde Karl Marx war Engels der bedeutendste Ge-
lehrte und Lehrer des modernen Proletariats in der ganzen zivili-
sierten Welt." (W.I. Lenin, Werke, Berlin 1961, Band 2, S. 5.)
*
Dieses Vorwort folgt im wesentlichen dem Vorwort zu Band 39 der
zweiten russischen Ausgabe. Dieser Band beschließt die Veröffent-
lichung der Briefe von Marx und Engels in 13 Bänden (Band 27-39),
die einen wichtigen Teil der Werkausgabe darstellen. Die Bände
27-39 sind die vollständigste aller vorhandenen Publikationen des
brieflichen Nachlasses von Marx und Engels aus der Zeit von 1842
bis 1895.
Der vorliegende Band enthält ebenso wie die anderen Briefbände
eine beträchtliche Anzahl von Briefen, die erstmalig in deutscher
Sprache veröffentlicht werden. Dabei handelt es sich vorrangig um
Briefe an Laura und Paul Lafargue, um Briefe an die italienischen
Sozialisten Filippo Turati, Pasquale Martignetti und Antonio La-
briola, an die polnischen Sozialisten Witold Jodko-Narkiewicz und
Boleslaw Antoni Jedrzejowski sowie an einige Sozialisten anderer
Länder. Ferner werden in diesem letzten Band Engels' Testament,
ein Nachtrag zu seinem Testament und ein Brief von Engels an
seine Testamentsvollstrecker veröffentlicht. Alle drei aus dem
Englischen übersetzten Dokumente wurden unter Berücksichtigung
bereits vorhandener Übersetzungen überprüft und neu bearbeitet.
Als Nachträge werden 16 Briefe von Marx und Engels aus den Jahren
1846 bis 1880 aufgenommen, die das Institut für Marxismus-
Leninismus beim ZK der SED erst in letzter Zeit erhalten hat.
Darunter befinden sich 6 Briefe von Marx an den Berliner Verleger
Franz Duncker und 1 Brief von Marx an den ungarischen General Mór
Perczel.
Als Beilagen zu diesem Band veröffentlichen wir 2 Briefe, die im
Auftrage von Engels in dessen letztem Lebensjahr geschrieben wur-
den, sowie 3 weitere Materialien, die Einblick in das Leben und
Wirken von Friedrich Engels geben.
262 Briefe des vorliegenden Bandes werden nach den Photokopien
der Handschrift gebracht. Ein sorgfältiger Vergleich mit diesen
Unterlagen
#XXVI# Vorwort
-----
ermöglichte es, in einigen Fällen Entzifierungsfehler früherer
Ausgaben zu berichtigen. Von 25 Briefen liegen uns nur Photoko-
pien der Entwürfe vor, über den Verbleib der Briefe sind wir
nicht unterrichtet. Wir weisen diese Fälle im Kopf der Texte aus.
Alle in den Entwürfen gestrichenen Wörter, Satzteile und Sätze
wurden gewissenhaft überprüft. Soweit sie im Vergleich mit dem
übrigen Text des Entwurfs mehr oder anderes aussagen, werden sie
in Fußnoten wiedergegeben.
Von 28 Briefen besitzen wir keine Handschriften. Sie werden nach
Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, 5
Briefe nach hand- und maschinengeschriebenen Abschriften ge-
bracht. Die jeweiligen Redaktionsunterlagen werden im Fuß des
Briefes vermerkt. 54 Briefe sind in englischer, 59 in französi-
scher, 2 in italienischer, 3 in spanischer, 1 Brief in russischer
und 1 Brief in bulgarischer Sprache geschrieben. Sie wurden ins
Deutsche übersetzt, bereits vorliegende Übersetzungen neu über-
prüft. Für die Wortwahl bei Übersetzungen wurden entsprechende
deutschsprachige Texte aus Briefen und Werken von Engels zum Ver-
gleich herangezogen. Alle eingestreuten Wörter aus anderen Spra-
chen blieben in der Originalfassung. Sie werden in Fußnoten er-
klärt. Von Engels angeführte Zitate wurden - soweit Quellen zu-
gänglich waren - überprüft, fremdsprachige Zitate in Fußnoten
übersetzt.
Rechtschreibung und Zeichensetzung sind, soweit vertretbar,
modernisiert. Der Lautstand und die Silbenzahl in den deutsch-
sprachigen Briefen wurden nicht verändert. Allgemein übliche Ab-
kürzungen wurden beibehalten. Alle anderen in der Handschrift ab-
gekürzten Wörter wurden ausgeschrieben, wobei die Ergänzung von
Namen und Zeitungstiteln sowie von solchen abgekürzten Wörtern,
die nicht völlig eindeutig sind, durch eckige Klammern kenntlich
gemacht wird. Alle Wörter und Satzteile in eckigen Klammern stam-
men von der Redaktion. Offensichtliche Schreib- und Druckfehler
wurden stillschweigend korrigiert; in allen anderen Fällen wird
in den Fußnoten die Schreibweise der Handschrift angegeben.
Pseudonyme sowie Bei- und Spitznamen sind entweder durch Fußnoten
oder durch 'Verweise im Personenverzeichnis erklärt.
Zur Erläuterung wurden dem Band Anmerkungen beigefügt, auf die im
Text durch hochgestellte Ziffern in eckigen Klammern hingewiesen
wird. Sie sollen sowohl Verbindungen zu den Arbeiten von Engels
herstellen - vor allem zu den 1893 bis 1895 entstandenen Werken,
die im Band 22 unserer Ausgabe veröffentlicht sind - als auch Da-
ten aus dem Leben und der Tätigkeit von Marx und Engels vermit-
teln sowie Erläuterungen zu einzelnen Fakten und Personen geben.
Unser Prinzip war hierbei, Quellen auszunutzen,
#XXVII# Vorwort
-----
die nicht jedem Leser ohne weiteres zur Verfügung stehen, z.B.
zeitgenössische Publikationen, Briefe dritter Personen an Engels
usw. In einzelnen Fällen wurden wir hierbei durch Fachwissen-
schaftler der Deutschen Demokratischen Republik und aus dem Aus-
land unterstützt, denen wir an dieser Stelle unseren Dank sagen.
In vielen Anmerkungen werden Auszüge aus Briefen von Arbeiterfüh-
rern zitiert und hierdurch zum Teil erstmalig einem größeren Le-
serkreis zugänglich gemacht. Als Grundlage dienten hierbei sowohl
die dem Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED zur
Verfügung stehenden Photokopien der Handschriften dieser Briefe,
die größtenteils vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK
der KPdSU freundlicherweise überlassen wurden, als auch in Ein-
zelfällen einschlägige Publikationen, vor allem die des Interna-
tionalen Instituts für Sozialgeschichte zu Amsterdam.
Ferner enthält der Band ein Literaturverzeichnis, ein Personen-
verzeichnis, ein Verzeichnis literarischer Namen, eine Auf-
stellung der Briefe, deren Datierung gegenüber früheren Ausgaben
auf Grund neuer Erkenntnisse verändert wurde.
Zum besseren inhaltlichen Erschließen der Briefe von Marx und En-
gels wurde dem Band ein Sachregister für die Bände 27 bis 39 bei-
gefügt. Dieses Sachregister fußt auf dem im gleichen Band der
russischen Ausgabe enthaltenen Sachregister. Es erleichtert dem
Leser, den Reichtum der in der Korrespondenz verstreut enthalte-
nen wichtigen Gedanken von Marx und Engels zu den verschiedensten
Problemen der marxistischen Theorie und der internationalen Ar-
beiterbewegung aufzufinden. Unter den Schlagworten M a r x und
E n g e l s findet der Benutzer zahlreiche Hinweise über das
persönliche Leben sowie über die Tätigkeit und Rolle der Begrün-
der des wissenschaftlichen Kommunismus in der Arbeiterbewegung.
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED
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