Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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#208#
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[SECHSTES HEFT]
[Lucretius. de rerum natura]
lib. IV
"[........................] rerum simulacra [........]
Quae, quasi membranae summo de corpore rerum
Dereptae, volitant ultro citroque per auras."
v. 34 sqq. [= 30. 31-32 Diels].
"Quod speciem ac formam similem gerit ejus imago,
Quojusquomque cluet de corpore fusa vagari."
v. 49 sq. [= 52 u. 53 Diels].
"Quapropter simulacra pari ratione necesse est
Immemorabile per spatium transcurrere posse
Temporis in puncto: primum, quod parvola caussa
Est procul a tergo, quae provehat atque propellat:
Deinde, quod usque adeo textura praedita rara
Mittuntur, facile ut quasvis penetrare queant res,
Et quasi permanare per aeris intervallum."
v. 192 sqq. [= 191-194.
196-198 Diels].
"[......................] fateare necesse est
Corpora, quae feriant oculos, visumque lacessant,
Perpetuoque fluant certeis ab rebus obortu;
Frigus ut a fluvieis, calor ab sole, aestus ab undeis
Aequoris, exesor moerorum litora circum:
Nec variae cessant voces volitare per auras:
Denique in os salsi venit humor saepe saporis,
Quom mare vorsamur propter; dilutaque contra
Quom tuimur misceri absinthia, tangit amaror.
Usque adeo omnibus ab rebus res quaeque fluenter
Fertur, et in cunctas dimittitur undique parteis,
Nec mora, nec requies, inter datur ulla fluundi:
Perpetuo quoniam sentimus, et omnia semper
Cernere, odorari, licet, et sentire sonare."
v. 217 sqq.[= 216-229 Diels].
"Praeterea, quoniam manibus tractata figura
In tenebreis quaedam cognoscitur esse eadem, quae
#209#
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[SECHSTES HEFT]
[Lucretius. Über die Natur der Dinge]
Buch IV
"[....................] die Bilder der Dinge [...........]
Die von der Oberfläche der Körper wie Häutchen sich schälen
Und bald hierhin, bald dorthin umher in den Lüften sich treiben."
V. 34 ff.
"Weil an Gestalt und an Form solch Abbild ähnelt dem Körper, Aus
dem dieses erfließt, wie man sagt, und ins Weite davonfliegt."
V. 49 f.
"Deshalb müssen auf ähnliche Art auch die Bilder imstand sein,
Unaussprechbare Räume in einem Moment zu durchfliegen,
Erstens, weil ununterbrochen von hinten ein freilich nur kleiner
Antrieb stets die Bilder nach vorne hin stößt und sie vortreibt,
Dann aber auch, weil im Fliegen ihr überaus zartes Gewebe
Leicht, sich zu drängen vermag durch alle beliebigen Dinge
Und durch die Räume der Luft, die dazwischen sind, gleichsam
zu fließen."
V. 192 ff.
"[..................] muß man gestehen:
Körper uns dringen ins Auge und reizen dabei uns den Sehnerv,
Ständig entströmen in dauerndem Fluß sie gewissen Stoffen,
Wie von den Flüssen die Kühle, die Glut von der Sonne,
die Brandung
Sprüht von den Wogen des Meers, das Gemäuer der Küste
zerfressend;
Unaufhörlich durchfliegen verschiedene Töne die Lüfte;
Oft auch dringt in den Mund, sobald in der Nähe des Meeres
Wir uns ergehn, der salzige Gischt, und wenn man nur zusieht,
Wie man den Wermut löset zum Mischtrank, schmeckt man das Bittre.
So fließt allenthalben aus allerhand Stoffen der Stoffe
Ständiger Strom und verteilt sich sodann nach jeglicher Seite.
Nirgends gibt es da Ruhe noch Rast im beständigen Flusse.
Denn stets wach ist ja unser Gefühl, und wir können beständig
Alles erblicken und riechen und alle Geräusche vernehmen."
V. 217 ff.
"Weiter erkennen wir stets: sobald wir im Dunkel betasten
Eine Figur mit der Hand, so ist sie die nämliche, die wir
#210# Epikureische Philosophie
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Cernitur in luce et claro candore; necesse est
Consimili caussa tactum visumque moveri."
v. 231 sqq. [= 230-233 Diels].
"Esse in imaginibus quapropter caussa videtur
Cernundi, neque posse sine heis res ulla videri."
v. 238 sq. [= 237-238 Diels].
"Propterea fit, utei videamus, quam procul absit
Res quaeque; et quanto plus aeris ante agitatur,
Et nostros oculos perterget longior aura,
Tam procul esse magis res quaeque remota videtur.
Scilicet haec summe celeri ratione geruntur,
Quale sit, ut videamus; et una, quam procul absit."
v. 251 sqq. [= 250-255 Diels].
"Sic, ubi se primum speculi projecit imago,
Dum venit ad nostras acies, procudit agitque
Aera, qui inter se quomque est oculosque locatus:
Et facit, ut prius hunc omnem sentiré queamus,
Quam speculum: sed, ubi in speculum quoque sensimus ipsum,
Continuo a nobis in eum, quae fertur, imago
Pervenit, et nostros oculos rejecta revisit:
Atque alium prae se propellens aera volvit,
Et facit, ut prius hunc, quam se, videamus: eoque
Distare a speculo tantum semota videtur."
v. 280 sqq. [= 279-288 Diels].
lib. V
"[..................] multosque per annos
Sustentata, ruet moles et machina mondi."
v. 96 sq.[= 95-96 Diels].
"Et ratio potius, quam res persuadeat ipsa,
Succidere horrísono posse omnia victa fragore."
v. 109 sq.[= 108-109 Diels].
"Quippe etenim, quorum parteis et membra videmus,
Corpore nativo in mortalibus esse figureis,
Haec eadem ferme mortalia cernimus esse,
Et nativa simul. Quapropter [..............]
............................................
[Scire licet,] coeli quoque idem terraeque fuisse
Principíale aliquod tempus, clademque futuram."
v. 241 sqq. [= 240-243.
245-246 Diels].
#211# Sechstes Heft
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Auch bei Tag und bei strahlendem Licht besehen. So muß wohl
Tast- und Gesichtsempfindung auf ähnlichen Gründen beruhen."
V. 231 ff.
"Also man sieht hieraus, daß das Sehen durch Bilder verursacht
Wird und daß nichts auf der Welt ist ohne die Bilder zu sehen."
V. 238 f.
"Daher kommt's, daß wir wissen den Abstand jeglichen Urbilds
Einzuschätzen. Je größer die vor uns erschütterte Luftschicht,
Und je länger ihr Strom durch unsere Augen hindurchstreicht,
Desto weiter entfernt erscheint uns ein jegliches Urbild.
Doch dies alles vollzieht sich natürlich so wunderbar schnelle.
Daß wir mit einem Blick die Beschaffenheit sehn und den Abstand."
V. 251 ff.
"So ist's auch mit dem Bilde des Spiegels. Sobald er es
ausschickt,
Bis es zu unseren Augen gelangt, treibt dieses die Luftschicht,
Welche sich zwischen ihm selbst und dem Blicke befindet,
nach vorne
Und bringt diese noch eher zu unserer Sinnesempfindung
Als den Spiegel. Indessen, sobald wir auch diesen erblicken.
Langt dies Bild, das im Nu zu dem Spiegel wieder zurückkehrt,
An, und von dort wird es wieder zurück zu den Augen geworfen,
Und so stößt es und wälzt es von neuem weitere Luft vor.
So kommt's, daß wir noch früher die Luft als den Spiegel
erblicken
Und dadurch das gespiegelte Bild so weit uns entfernt scheint."
V. 280 ff.
Buch V
"[......................] und es stürzet zusammen,
Was Jahrtausende hielt, die gewaltige Masse des Weltbaus."
V. 96 f.
"Möge uns mehr die Vernunft als das eigne Erlebnis belehren.
Daß auch die Welt zugrunde kann gehn in klirrendem Einsturz."
V. 109 f.
"Denn das Ganze natürlich, da dessen Glieder und Teile
Aus erschaffenem Stoffe in sterblichen Formen bestehen,
Stellt in der Regel dem Blicke sich ebenso dar als erschaffen
Und zugleich als vergänglich. Drum [........................]
..................................................
[....................weiß ich,] daß Himmel und Erde
Einst ihren Anfang hatten und einmal ihr Ende erwarten."
V. 241 ff.
#212# Epikureische Philosophie
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"Denique non [................] cernis .............
...........[...........................]
Non delubra deum, simulacraque fessa fatisci?
Nec sanctum numen fati protollere fineis
Posse? neque advorsus naturae foedera niti?"
v. 307 sqq. [= 306. 308-310 Diels].
"Praeterea, quaequomque manent aeterna, necessum est,
Aut, quia sunt solido cum corpore, respuere ictus,
Nec penetrare pati sibi quidquam, quod queat artas
Dissociare intus parteis; ut materiai
Corpora sunt, quorum naturam ostendimus ante:
Aut ideo durare aetatem posse per omnem,
Plagarum quia sunt expertia, sicut inane est,
Quod manet intactum, neque ab ictu fungitur hilum:
Aut etiam, quia nulla loci sit copia circum.
Quo quasi res possint discedere, dissolvique:
Sicut summarum summa est aeterna, neque extra
Qui locus est, quo dissiliant; neque corpora sunt, quae
Possint incidere, et valida dissolvere plaga."
v. 352 sqq. [= 351-363 Diels].
"Haud igitur leti praeclusa est janua coelo,
Nec soli, terraeque, neque altéis aequoris undeis;
Sed patet immani, et vasto respectat, hiatu."
v. 374 sqq. [= 373-375 Diels].
"Quippe etenim jam turn divôm mortalia saecla
Egregias animo facies vigilante videbant,
Et magis in somneis, mirando corporis auctu.
Heis igitur sensum tribuebant, propterea quod
Membra movere videbantur, vocesque superbas
Mittere pro facie praeclara, et viribus ampleis:
Aetemamque dabant vitam, quia semper eorum
Suppeditabatur facies, et forma manebat:
Et tamen omnino, quod tanteis viribus auctos
Non temere ulla vi convinci posse putabant.
Fortuneisque ideo longe praestare putabant,
Quod mortis timor haud quemquam vexaret eorum.
Et simul in somneis quia multa et mira videbant
Efficere, et nullum capere ipsos inde laborem."
v. 1168 sqq.
[= 1169-1182 Diels].
lib. VI [23]
#213# Sechstes Heft
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"Endlich bemerkst du nicht.....................
..........[.................................]
Daß die Tempel und Bilder der Götter zermürben und bersten,
Daß nie göttlicher Spruch des Schicksals Grenzen erweitern
Und auch nie das Gesetz der Natur vergewaltigen könne?"
V. 307 ff.
"Ferner muß alles, was ewig besteht, Trotz bieten den Stößen,
Weil entweder sein Körper durchaus massiv und solid ist
Und nicht duldet, daß irgend etwas von außen sich eindrängt,
Welches die enge Verbindung der Teile zu lockern vermöchte,
- Der Art sind, wie ich früher gezeigt, die Atome des Urstoffs -,
Oder es kann auch etwas in alle Ewigkeit dauern,
Weil es kein Schlag je trifft - so steht's mit dem stofflosen
Leeren,
Das kein Stoß je trifft, das unantastbar verharret -,
Oder es gibt auch etwas, das ringsum ohne den Raum ist,
In den sonst sich der Dinge Bestand verflüchtigt und auflöst.
- So ist das ewige All; denn es dehnt sich dort weder nach außen
Zum Entweichen der Dinge ein Raum, noch gibt es da Körper,
Die es durch kräftigen Schlag beim Hineinfall könnten
zertrümmern -."
V. 352 ff.
"So ist weder dem Himmel die Pforte des Todes verschlossen
Noch der Sonne, der Erde, den tiefen Gewässern des Meeres,
Sondern sie lauert darauf mit gewaltig geöffnetem Rachen."
V. 374 ff.
"Nämlich, es waren natürlich schon damals dem menschlichen
Geiste
Herrliche Göttergestalten von wundersam riesigem Wuchse
Teils im Wachen erschienen, jedoch noch öfter im Träume.
Diesen Gestalten nun lieh man Gefühl. Denn sie regten die
Glieder,
Wie es wenigstens schien, und sprachen erhabene Worte,
Welche der hehren Gestalt und den riesigen Kräften entsprachen.
Ewiges Leben verliehen sie ihnen, weil ständig der Götter
Bild und Gestalt den Menschen in nämlicher Weise erschienen.
Und vor allem jedoch, weil solche gewaltigen Wesen
Schwerlich besiegbar erschienen durch irgend andere Kräfte.
Drum schien ihnen ihr Leben vor andern besonders begnadet,
Weil auch nicht einen von ihnen die Furcht vor dem Tode bekümmre.
Sahen sie doch in den Träumen, wie Götter so zahlreiche Wunder
Wirkten, wobei sie doch selbst nicht die mindeste Mühe
verrieten."
V. 1168 ff.
Buch VI [23]
#214# Epikureische Philosophie
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Wie der ???? des Anaxagoras in Bewegung tritt in den Sophisten
(hier wird der ???? realiter das Nichtsein der Welt) und diese
unmittelbare d ä m o n e n h a f t e B e w e g u n g als sol-
che objektiv wird in dem D a i m o n i o n des Sokrates, so
wird wieder die praktische Bewegung des Sokrates eine allgemeine
und ideelle im Plato, und der ????, erweitert sich zu einem
Reiche von Ideen. Im Aristoteles wird dieser Prozeß wieder in die
Einzelnheit befaßt, die jetzt aber die wirkliche begriffliche
Einzelnheit ist.
Wie es in der Philosophiegeschichte Knotenpunkte gibt, die sie in
sich selbst zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in
eine Totalität befassen und so den Fortgang der graden Linie ab-
brechen, so gibt es auch Momente, in welchen die Philosophie die
Augen in die Außenwelt kehrt, nicht mehr begreifend, sondern als
eine praktische Person gleichsam Intrigen mit der Welt spinnt,
aus dem durchsichtigen Reiche des Amenthes heraustritt und sich
ans Herz der weltlichen Sirene wirft. Das ist die Fastnachtszeit
der Philosophie, kleide sie sich nun in eine Hundetracht wie der
Kyniker, in ein Priestergewand wie der Alexandriner oder in ein
duftig Frühlingskleid wie der Epikureer. Es ist ihr da wesent-
lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deuka-
lion bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so
wirft die Philosophie ihre Augen hinter sich (die Gebeine ihrer
Mutter sind leuchtende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer
Welt erstarkt ist; aber wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel
gestohlen, Häuser zu bauen und auf der Erde sich anzusiedeln an-
fängt, so wendet sich die Philosophie, die zur Welt sich erwei-
tert hat, sich biegen die erscheinende Welt. So jetzt die Hegel-
sche. 1*)
Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab-
geschlossen hat, die Bestimmtheit dieser Totalität ist bedingt
durch ihre Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form
ist, die ihr Umschlagen in ein praktisches Verhältnis zur Wirk-
lichkeit annimmt, so ist also die Totalität der Welt überhaupt
dirimiert in sich selbst, und zwar ist diese Diremtion auf die
Spitze getrieben, denn die geistige Existenz ist frei geworden,
zur Allgemeinheit bereichert, der Herzschlag ist in sich selbst
der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche der ganze Or-
ganismus ist. Die Diremtion der Welt ist erst total 2*), wenn
ihre Seiten Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene,
die einer in sich totalen Philosophie gegenübertritt. Die Er-
scheinung der Tätigkeit dieser Philosophie ist dadurch auch eine
zerrissene und widersprechend; ihre objektive Allgemeinheit kehrt
sich um in subjektive Formen des einzelnen Bewußtseins, in
-----
1*) Anschließend gibt Marx diesen Absatz in Lateinisch wieder -
2*) "total" nicht eindeutig zu entziffern
#215# Sechstes Heft
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Wie der ???? 1*) des Anaxagoras in Bewegung tritt in den Sophi-
sten (hier wird der ???? realiter das Nichtsein der Welt) und
diese unmittelbare d ä m o n e n h a f t e B e w e g u n g als
solche objektiv wird in dem D a i m o n i o n des Sokrates, so
wird wieder die praktische Bewegung des Sokrates eine allgemeine
und ideelle im Plato, und der ???? erweitert sich zu einem Reiche
von Ideen. Im Aristoteles wird dieser Prozeß wieder in die
Einzelnheit befaßt, die jetzt aber die wirkliche begriffliche
Einzelnheit ist.
Wie es in der Philosophiegeschichte Knotenpunkte gibt, die sie in
sich selbst zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in
eine Totalität befassen und so den Fortgang der graden Linie ab-
brechen, so gibt es auch Momente, in welchen die Philosophie die
Augen in die Außenwelt kehrt, nicht mehr begreifend, sondern als
eine praktische Person gleichsam Intrigen mit der Welt spinnt,
aus dem durchsichtigen Reiche des Amenthes heraustritt und sich
ans Herz der weltlichen Sirene wirft. Das ist die Fastnachtszeit
der Philosophie, kleide sie sich nun in eine Hundetracht wie der
Kyniker, in ein Priestergewand wie der Alexandriner oder in ein
duftig Frühlingskleid wie der Epikureer. Es ist ihr da wesent-
lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deuka-
lion bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so
wirft die Philosophie ihre Augen hinter sich (die Gebeine ihrer
Mutter sind leuchtende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer
Welt erstarkt ist; aber wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel
gestohlen, Häuser zu bauen und auf der Erde sich anzusiedeln an-
fängt, so wendet sich die Philosophie, die zur Welt sich erwei-
tert hat, sich gegen die erscheinende Welt. So jetzt die Hegel-
sche. 2*)
Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab-
geschlossen hat, die Bestimmtheit dieser Totalität ist bedingt
durch ihre Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form
ist, die ihr Umschlagen in ein praktisches Verhältnis zur Wirk-
lichkeit annimmt, so ist also die Totalität der Welt überhaupt
dirimiert in sich selbst, und zwar ist diese Diremtion auf die
Spitze getrieben, denn die geistige Existenz ist frei geworden,
zur Allgemeinheit bereichert, der Herzschlag ist in sich selbst
der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche der ganze Or-
ganismus ist. Die Diremtion der Welt ist erst total 3*), wenn
ihre Seiten Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene,
die einer in sich totalen Philosophie gegenübertritt. Die Er-
scheinung der Tätigkeit dieser Philosophie ist dadurch auch eine
zerrissene und widersprechend; ihre objektive Allgemeinheit kehrt
sich um in subjektive Formen des einzelnen Bewußtseins, in
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1*) (nous) Nous - 2*) anschließend gibt Marx diesen Absatz in La-
teinisch wieder - 3*) "total" nicht eindeutig zu entziffern
#216# Epikureische Philosophie
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denen sie lebendig ist. Man darf sich aber [durch] 1*) diesen
Sturm nicht irren lassen, der einer großen, einer Weltphilosophie
folgt. Gemeine Harfen klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur,
wenn der Sturm sie schlägt.
Wer diese geschichtliche Notwendigkeit nicht einsieht, der muß
konsequenterweise leugnen, daß überhaupt nach einer totalen Phi-
losophie noch Menschen leben können, oder er muß die Dialektik
des Maßes als solche für die höchste Kategorie des sich wissenden
Geistes halten und mit einigen unsren Meister falsch verstehenden
Hegelianern behaupten, daß die M i t t e l m ä ß i g k e i t
die normale Erscheinung des absoluten Geistes ist; aber eine Mit-
telmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des Absoluten
ausgibt, ist selbst ins Maßlose verfallen, nämlich in eine maß-
lose Prätension. Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begrei-
fen, wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus
Empiricus, wie nach Hegel die meistenteils bodenlos dürftigen
Versuche neuerer Philosophen ans Tageslicht treten konnten.
Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht
ganzer Feldherrn. Sie glauben durch Vermindrung der Streitkräfte
den Schaden wiederherstellen zu können, durch Zersplittrung,
durch einen Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während
Themistokles, als Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es
vollends zu verlassen und zur See, auf einem andern Elemente, ein
neues Athen zu gründen.
Auch dürfen wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata-
strophen folgt, eine eiserne ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe
sie bezeichnen, bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahr-
hunderten großer Kunstepochen gleicht. Diese beschäftigen sich,
in Wachs, Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Mar-
mor, ganz wie Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus,
hervorsprang. Titanenartig sind aber die Zeiten, die einer in
sich totalen Philosophie und ihren subjektiven Entwicklungsformen
folgen, denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist.
So folgt Rom auf die stoische, skeptische und epikureische Philo-
sophie. Unglücklich und eisern sind sie, denn ihre Götter sind
gestorben, und die neue Göttin hat unmittelbar noch die dunkele
Gestalt des Schicksals, des reinen Lichts oder der reinen Fin-
sternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch.
Der Kern des Unglücks aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die
geistige Monas, in sich ersättigt, in sich selbst nach allen Sei-
ten ideal gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne sie fertig ge-
worden ist, anerkennen darf. Das Glück
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1*) Lesung "aber [durch]" unsicher
#217# Sechstes Heft
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denen sie lebendig ist. Man darf sich aber [durch] 1*) diesen
Sturm nicht irren lassen, der einer großen, einer Weltphilosophie
folgt. Gemeine Harfen klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur,
wenn der Sturm sie schlägt.
Wer diese geschichtliche Notwendigkeit nicht einsieht, der muß
konsequenterweise leugnen, daß überhaupt nach einer totalen Phi-
losophie noch Menschen leben können, oder er muß die Dialektik
des Maßes als solche für die höchste Kategorie des sich wissenden
Geistes halten und mit einigen unsren Meister falsch verstehenden
Hegelianern behaupten, daß die M i t t e l m ä ß i g k e i t
die normale Erscheinung des absoluten Geistes ist; aber eine Mit-
telmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des Absoluten
ausgibt, ist selbst ins Maßlose verfallen, nämlich in eine maß-
lose Prätension. Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begrei-
fen, wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus
Empiricus, wie nach Hegel die meistenteils bodenlos dürftigen
Versuche neuerer Philosophen ans Tageslicht treten konnten.
Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht
ganzer Feldherrn. Sie glauben durch Vermindrung der Streitkräfte
den Schaden wiederherstellen zu können, durch Zersplittrung,
durch einen Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während
Themistokles, als Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es
vollends zu verlassen und zur See, auf einem andern Elemente, ein
neues Athen zu gründen.
Auch dürfen wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata-
strophen folgt, eine eiserne ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe
sie bezeichnen, bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahr-
hunderten großer Kunstepochen gleicht. Diese beschäftigen sich,
in Wachs, Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Mar-
mor, ganz wie Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus,
hervorsprang. Titanenartig sind aber die Zeiten, die einer in
sich totalen Philosophie und ihren subjektiven Entwicklungsformen
folgen, denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist.
So folgt Rom auf die stoische, skeptische und epikureische Philo-
sophie. Unglücklich und eisern sind sie, denn ihre Götter sind
gestorben, und die neue Göttin hat unmittelbar noch die dunkele
Gestalt des Schicksals, des reinen Lichts oder der reinen Fin-
sternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch.
Der Kern des Unglücks aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die
geistige Monas, in sich ersättigt, in sich selbst nach allen Sei-
ten ideal gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne sie fertig ge-
worden ist, anerkennen darf. Das Glück
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1*) Lesung "aber [durch]" unsicher
#218# Epikureische Philosophie
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in solchem Unglück ist daher die subjektive Form, die Modalität,
in welcher die Philosophie als subjektives Bewußtsein sich zur
Wirklichkeit verhält.
So war z.B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ih-
rer Zeit; so sucht der Nachtschmetterling, wenn die allgemeine
Sonne untergegangen ist, das Lampenlicht des Privaten.
Die andre Seite, die für den Geschichtschreiber der Philosophie
die wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philoso-
phie, ihre Transsubstantiation in Fleisch und Blut verschieden
ist, je nach der Bestimmtheit, welche eine in sich totale und
konkrete Philosophie als das Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es
ist zugleich eine Erwiderung für diejenigen, die glauben, daß,
weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für recht, d.h. für not-
wendig hielt, weil Giordano Bruno auf dem rauchigen Feuer des
Scheiterhaufens sein Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer abstrak-
ten Einseitigkeit nun schließen, daß z.B. die Hegelsche Philoso-
phie sich selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es
in philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus
der bestimmten Weise dieses Umschlagens rückgeschlossen werden
kann auf die immanente Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen
Charakter des Verlaufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum
hervortrat, ist jetzt Bestimmtheit, was an sich seiende Negati-
vität, Negation geworden. Wir sehn hier gleichsam das curriculum
vitae einer Philosophie aufs Enge, auf die subjektive Pointe ge-
bracht, wie min aus dem Tode eines Helden auf seine Lebensge-
schichte schließen kann.
Da ich das Verhältnis der epikureischen Philosophie für eine
solche Form der griechischen Philosophie halte, mag dies hier
zugleich zur Rechtfertigung dienen, wenn ich, statt aus den vor-
hergehenden griechischen Philosophien Momente als Bedingungen im
Leben der epikureischen Philosophie voranzustellen, vielmehr
rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre ei-
gentümliche Stellung aussprechen lasse.
Um die subjektive Form der platonischen Philosophie in einigen
Zügen noch weiter zu bestimmen, will ich einige Ansichten des
Herrn Professor Baur aus seiner Schrift "Das Christliche im Pla-
tonismus" näher betrachten. So erhalten wir ein Resultat, indem
zugleich gegenseitige Ansichten bestimmter geklärt werden.
"Das Christliche des Platonismus oder Sokrates und Christus." Von
D.F.C. Baur. Tübingen. 1837.
Baur sagt Seite 24:
"Sokratische Philosophie und Christentum verhalten sich demnach,
in diesem ihrem Ausgangspunkt betrachtet, zueinander wie Selbst-
erkenntnis und Sündenerkenntnis."
#219# Sechstes Heft
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in solchem Unglück ist daher die subjektive Form, die Modalität,
in welcher die Philosophie als subjektives Bewußtsein sich zur
Wirklichkeit verhält.
So war z.B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ih-
rer Zeit; so sucht der Nachtschmetterling, wenn die allgemeine
Sonne untergegangen ist, das Lampenlicht des Privaten.
Die andre Seite, die für den Geschichtschreiber der Philosophie
die wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philoso-
phie, ihre Transsubstantiation in Fleisch und Blut verschieden
ist, je nach der Bestimmtheit, welche eine in sich totale und
konkrete Philosophie als das Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es
ist zugleich eine Erwiderung für diejenigen, die glauben, daß,
weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für recht, d.h. für not-
wendig hielt, weil Giordano Bruno auf dem rauchigen Feuer des
Scheiterhaufens sein Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer abstrak-
ten Einseitigkeit nun schließen, daß z.B. die Hegelsche Philoso-
phie sich selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es
in philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus
der bestimmten Weise dieses Umschlagens rückgeschlossen werden
kann auf die immanente Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen
Charakter des Verlaufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum
hervortrat, ist jetzt Bestimmtheit, was an sich seiende Negati-
vität, Negation geworden. Wir sehn hier gleichsam das curriculum
vitae einer Philosophie aufs Enge, auf die subjektive Pointe ge-
bracht, wie man aus dem Tode eines Helden auf seine Lebensge-
schichte schließen kann.
Da ich das Verhältnis der epikureischen Philosophie für eine sol-
che Form der griechischen Philosophie halte, mag dies hier
zugleich zur Rechtfertigung dienen, wenn ich, statt aus den vor-
hergehenden griechischen Philosophien Momente als Bedingungen im
Leben der epikureischen Philosophie voranzustellen, vielmehr
rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre ei-
gentümliche Stellung aussprechen lasse.
Um die subjektive Form der platonischen Philosophie in einigen
Zügen noch weiter zu bestimmen, will ich einige Ansichten des
Herrn Professor Baur aus seiner Schrift "Das Christliche im Pla-
tonismus" näher betrachten. So erhalten wir ein Resultat, indem
zugleich gegenseitige Ansichten bestimmter geklärt werden.
"Das Christliche des Platonismus oder Sokrates und Christus." Von
D.F.C. Baur. Tübingen. 1837.
Baur sagt Seite 24:
"Sokratische Philosophie und Christentum verhalten sich demnach,
in diesem ihrem Ausgangspunkt betrachtet, zueinander wie Selbst-
erkenntnis und Sündenerkenntnis."
#220# Epikureische Philosophie
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Es scheint uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Chri-
stus, so dargestellt 1*), grade das Gegenteil von dem beweise,
was bewiesen werden soll, nämlich das Gegenteil einer Analogie
zwischen Sokrates und Christus. Selbsterkenntnis und Sündener-
kenntnis verhalten sich allerdings wie Allgemeines und Besondres,
nämlich wie Philosophie und Religion. Diese Stellung hat jeder
Philosoph, gehöre er der alten oder neuen Zeit an. Das wäre eher
die ewige Trennung beider Gebiete als ihre Einheit, allerdings
auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung eines Einen.
Das hieße weiter nichts, als der Philosoph Sokrates verhält sich
zu Christus, wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der Religion
verhält. Wird nun gar eine Ähnlichkeit, eine Analogie zwischen
der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein-
gebracht, so heißt dies nur den Widerspruch, nicht die Analogie
auf die Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auf-
faßt und wie sie mit Hegel aufgefaßt werden muß, nämlich die dia-
lektische Falle, wodurch der gemeine Menschenverstand nicht in
wohlbehäbiges Besserwissen, sondern in die ihm selbst immanente
Wahrheit aus seiner buntscheckigen Verknöcherung hineingestürzt
wird, diese Ironie ist nichts als die Form der Philosophie, wie
sie subjektiv zum gemeinen Bewußtsein sich verhält. Daß sie in
Sokrates die Form eines ironischen Menschen, Weisen hat, folgt
aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philoso-
phie zur Wirklichkeit; bei uns ist die Ironie in Fr. v. Schlegel
als allgemeine immanente Formel gleichsam als Philosophie gelehrt
worden. Aber der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebensogut He-
raklit, der auch den gemeinen Menschenverstand nicht nur verach-
tet, sondern haßt, ist selbst Thales, der lehrt, alles sei Was-
ser, während jeder Grieche wußte, daß er vom Wasser nicht leben
könnte, ist Fichte mit seinem weltschöpferischen Ich, während
selbst Nicolai einsah, daß er keine Welt schaffen könne, ist je-
der Philosoph, der die Immanenz gegen die empirische Person gel-
tend macht, ein Ironiker.
In der Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das
Subjekt, das begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, son-
dern selbst dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches
aus der Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person.
Ist also hier eine Analogie zwischen Sokrates und Christus, so
wäre es die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Chri-
stus die personifizierte Religion ist. Allein von einem allgemei-
nen Verhältnis zwischen Philosophie
-----
1*) Nach "dargestellt" gestrichen: schon in der Wurzel eine ganz
beliebige, ganz äußerliche Beziehung sei. Sie deutet allerdings
auf einen richtigen Unterschied, aber auf keine Gleichheit
#221# Sechstes Heft
-----
Es scheint uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Chri-
stus, so dargestellt 1*), grade das Gegenteil von dem beweise,
was bewiesen werden soll, nämlich das Gegenteil einer Analogie
zwischen Sokrates und Christus. Selbsterkenntnis und Sündener-
kenntnis verhalten sich allerdings wie Allgemeines und Besondres,
nämlich wie Philosophie und Religion. Diese Stellung hat jeder
Philosoph, gehöre er der alten oder neuen Zeit an. Das wäre eher
die ewige Trennung beider Gebiete als ihre Einheit, allerdings
auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung eines Einen.
Das hieße weiter nichts, als der Philosoph Sokrates verhält sich
zu Christus, wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der Religion
verhält. Wird nun gar eine Ähnlichkeit, eine Analogie zwischen
der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein-
gebracht, so heißt dies nur den Widerspruch, nicht die Analogie
auf die Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auf-
faßt und wie sie mit Hegel aufgefaßt werden muß, nämlich die dia-
lektische Falle, wodurch der gemeine Menschenverstand nicht in
wohlbehäbiges Besserwissen, sondern in die ihm selbst immanente
Wahrheit aus seiner buntscheckigen Verknöcherung hineingestürzt
wird, diese Ironie ist nichts als die Form der Philosophie wie
sie subjektiv zum gemeinen Bewußtsein sich verhält. Daß sie in
Sokrates die Form eines ironischen Menschen, Weisen hat, folgt
aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philoso-
phie zur Wirklichkeit; bei uns ist die Ironie in Fr. v. Schlegel
als allgemeine immanente Formel, gleichsam als Philosophie ge-
lehrt worden. Aber der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebenso-
gut Heraklit, der auch den gemeinen Menschenverstand nicht nur
verachtet, sondern haßt, ist selbst Thales, der lehrt, alles sei
Wasser, während jeder Grieche wußte, daß er vom Wasser nicht le-
ben könnte, ist Fichte mit seinem weltschöpferischen Ich, während
selbst Nicolai einsah, daß er keine Welt schaffen könne, ist je-
der Philosoph, der die Immanenz gegen die empirische Person gel-
tend macht, ein Ironiker.
In der Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das
Subjekt, das begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, son-
dern selbst dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches
aus der Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person.
Ist also hier eine Analogie zwischen Sokrates und Christus, so
wäre es die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Chri-
stus die personifizierte Religion ist. Allein von einem allgemei-
nen Verhältnis zwischen Philosophie
-----
1*) Nach "dargestellt" gestrichen: schon in der Wurzel eine ganz
beliebige, ganz äußerliche Beziehung sei. Sie deutet allerdings
auf einen richtigen Unterschied, aber auf keine Gleichheit
#222# Epikureische Philosophie
-----
und Religion handelt es sich hier nicht, sondern die Frage ist
vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporier-
ten Religion verhalte. Daß sie sich zueinander verhalten, ist
eine sehr vage Wahrheit oder vielmehr die allgemeine Bedingung
der Frage, nicht der besondre Grund der Antwort. Wie nun in die-
sem Streben, Christliches in Sokrates nachzuweisen, das Verhält-
nis der voranstehenden Persönlichkeiten, Christus und Sokrates,
nicht weiter bestimmt wird als zum Verhältnis eines Philosophen
zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so bricht dieselbe Leer-
heit hervor, wenn die allgemeine sittliche Gliederung der sokra-
tischen Idee, der platonische Staat, mit der allgemeinen Gliede-
rung der Idee und 1*) Christus als historische Individualität
vornehmlich mit der Kirche in Beziehung gebracht wird. 2*)
Wenn der Hegelsche Ausspruch, den Baur akzeptiert, richtig ist,
daß Plato die griechische Substantialität gegen das einbrechende
Prinzip der Subjektivität in seiner Republik geltend machte [24],
so steht ja grade Plato Christus schnurstracks gegenüber, da
Christus dies Moment der Subjektivität gegen den bestehenden
Staat geltend machte, den er als ein nur Weltliches und so Unhei-
liges bezeichnete. Daß die platonische Republik ein Ideal blieb,
die christliche Kirche Realität erlangte, war noch nicht der
wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platoni-
sche Idee der Realität nachfolgte, während die christliche ihr
voranging.
Überhaupt hieße es denn viel richtiger, daß platonische Elemente
im Christentum, als christliche im Plato sich finden, besonders
da die ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der plato-
nischen Philosophie hervorgingen, z.B. Origenes, Herennius. Wich-
tig in philosophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Re-
publik der erste Stand der Stand der Wissenden oder Weisen ist.
Ebenso verhält es sich mit dem Verhältnisse der platonischen
Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit dem Verhältnis der pla-
tonischen Wiedererinnerung zur christlichen Erneuerung des Men-
schen zu seinem ursprünglichen Bilde (S. 40), mit dem platoni-
schen Fall der Seelen und dem christlichen Sündenfall (S. 43),
Mythus von der Präexistenz der Seele.
Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein.
Platonische Seelenwandrung. Zusammenhang mit den Gestirnen.
Baur sagt Seite 83:
"Es gibt keine andere Philosophie des Altertums, in welcher die
Philosophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion
an sich trägt."
-----
1*) In der Handschrift: die - 2*) daran schließt sich folgender
durch mehrere Vertikalstriche getilgter Absatz: Sogleich wird der
wichtige Umstand übersehn, daß Platos Republik ein von ihm er-
zeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Ver-
schiednes ist.
#223# Sechstes Heft
-----
und Religion handelt es sich hier nicht, sondern die Frage ist
vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporier-
ten Religion verhalte. Daß sie sich zueinander verhalten, ist
eine sehr vage Wahrheit oder vielmehr die allgemeine Bedingung
der Frage, nicht der besondre Grund der Antwort. Wie nun in die-
sem Streben, Christliches in Sokrates nachzuweisen, das Verhält-
nis der voranstehenden Persönlichkeiten, Christus und Sokrates,
nicht weiter bestimmt wird als zum Verhältnis eines Philosophen
zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so bricht dieselbe Leer-
heit hervor, wenn die allgemeine sittliche Gliederung der sokra-
tischen Idee, der platonische Staat, mit der allgemeinen Gliede-
rung der Idee und 1*) Christus als historische Individualität
vornehmlich mit der Kirche in Beziehung gebracht wird. 2*)
Wenn der Hegelsche Ausspruch, den Baur akzeptiert, richtig ist,
daß Plato die griechische Substantialität gegen das einbrechende
Prinzip der Subjektivität in seiner Republik geltend machte [24],
so steht ja grade Plato Christus schnurstracks gegenüber, da
Christus dies Moment der Subjektivität gegen den bestehenden
Staat geltend machte, den er als ein nur Weltliches und so Unhei-
liges bezeichnete. Daß die platonische Republik ein Ideal blieb,
die christliche Kirche Realität erlangte, war noch nicht der
wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platoni-
sche Idee der Realität nachfolgte, während die christliche ihr
voranging.
Überhaupt hieße es denn viel richtiger, daß platonische Elemente
im Christentum, als christliche im Plato sich finden, besonders
da die ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der plato-
nischen Philosophie hervorgingen, z.B. Origenes, Herennius. Wich-
tig in philosophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Re-
publik der erste Stand der Stand der Wissenden oder Weisen ist.
Ebenso verhält es sich mit dem Verhältnisse der platonischen
Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit dem Verhältnis der pla-
tonischen Wiedererinnerung zur christlichen Erneuerung des Men-
schen zu seinem ursprünglichen Bilde (S. 40), mit dem platoni-
schen Fall der Seelen und dem christlichen Sündenfall (S. 43),
Mythus von der Präexistenz der Seele.
Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein.
Platonische Seelenwandrung. Zusammenhang mit den Gestirnen.
Baur sagt Seite 83:
"Es gibt keine andere Philosophie des Altertums, in welcher die
Philosophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion
an sich trägt."
-----
1*) In der Handschrift: die - 2*) daran schließt sich folgender
durch mehrere Vertikalstriche getilgter Absatz: Sogleich wird der
wichtige Umstand übersehn, daß Platos Republik ein von ihm er-
zeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Ver-
schiednes ist.
#224# Epikureische Philosophie
-----
Dies soll auch daraus hervorgehn, daß Plato die "Aufgabe der Phi-
losophie" (S. 86) bestimmt als eine ?????, ????????, ???????? der
Seele vom Leibe, als ein Sterben und ein ??????? ???????????.
"Daß diese erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der
Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des
Platonismus [...]." S. 89.
Einerseits könnte man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine
Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich
trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß
kein Philosoph die Philosophie mit mehr religiöser Begeistrung
gelehrt habe, daß keinem die Philosophie mehr die Bestimmtheit
und die Form gleichsam eines religiösen Kultus hatte. Den inten-
sivren Philosophen, wie Aristoteles, Spinoza, Hegel, hatte ihr
Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger in das empirische Ge-
fühl versenkte Form, aber deswegen ist die Begeistrung des Ari-
stoteles, wenn er die ?????? als das Beste, ?? ??????? ???
???????, preist oder wenn er die Vernunft der Natur in der Ab-
handlung ???? ??? ?????? ?????? [11] bewundert, darum ist die Be-
geistrung Spinozas, wenn er von der Betrachtung sub specie aeter-
nitatis, von der Liebe Gottes oder der libertas mentis humanae
spricht, darum ist die Begeistrung Hegels, wenn er die ewige Ver-
wirklichung der Idee, den großartigen Organismus des Geisteruni-
versums entwickelt, gediegner, wärmer, dem allgemeiner gebildeten
Geist wohltuender, darum ist jene Begeistrung zur Ekstase als ih-
rer höchsten Spitze, diese zum reinen idealen Feuer der Wissen-
schaft fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche einzelner
Gemüter, diese der beseelende Spiritus weltgeschichtlicher Ent-
wicklungen.
Kann man daher auch einerseits zugeben, daß grade in der christ-
lichen Religion als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung
mehr Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie
sich finden müssen als an die andrer alter Philosophien, so muß
umgekehrt aus demselben Grunde ebensogut behauptet werden, daß in
keiner Philosophie der Gegensatz des Religiösen und Philosophi-
schen sich deutlicher aussprechen könne, weil hier die Philoso-
phie in der Bestimmung der Religion, dort die Religion in der Be-
stimmung der Philosophie erscheint.
Ferner, die Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc.
beweisen gar nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ih-
rer empirischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Reli-
gion wäre nur der Mangel
#225# Sechstes Heft
-----
Dies soll auch daraus hervorgehn, daß Plato die "Aufgabe der Phi-
losophie" (S. 86) bestimmt als eine ?????, ????????, ???????? 1*)
der Seele vom Leibe, als ein Sterben und ein ??????? ???????????
2*).
"Daß diese erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der
Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des
Platonismus [...]." S. 89.
Einerseits könnte man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine
Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich
trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß
kein Philosoph die Philosophie mit mehr religiöser Begeistrung
gelehrt habe, daß keinem die Philosophie mehr die Bestimmtheit
und die Form gleichsam eines religiösen Kultus hatte. Den inten-
sivren Philosophen, wie Aristoteles, Spinoza, Hegel, hatte ihr
Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger in das empirische Ge-
fühl versenkte Form, aber deswegen ist die Begeistrung des Ari-
stoteles, wenn er die ?????? 3*) als das Beste, ?? ??????? ???
??????? 4*), preist, oder wenn er die Vernunft der Natur in der
Abhandlung ???? ??? ?????? ?????? 5*) [11] bewundert, darum ist
die Begeistrung Spinozas, wenn er von der Betrachtung sub specie
aeternitatis 6*), von der Liebe Gottes oder der libertas mentis
humanae 7*) spricht, darum ist die Begeistrung Hegels, wenn er
die ewige Verwirklichung der Idee, den großartigen Organismus des
Geisteruniversums entwickelt, gediegner, wärmer, dem allgemeiner
gebildeten Geist wohltuender, darum ist jene Begeistrung zur Ek-
stase als ihrer höchsten Spitze, diese zum reinen idealen Feuer
der Wissenschaft fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche
einzelner Gemüter, diese der beseelende Spiritus weltgeschichtli-
cher Entwicklungen.
Kann man daher auch einerseits zugeben, daß grade in der christ-
lichen Religion als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung
mehr Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie
sich finden müssen als an die andrer alter Philosophien, so muß
umgekehrt aus demselben Grunde ebensogut behauptet werden, daß in
keiner Philosophie der Gegensatz des Religiösen und Philosophi-
schen sich deutlicher aussprechen könne, weil hier die Philoso-
phie in der Bestimmung der Religion, dort die Religion in der Be-
stimmung der Philosophie erscheint.
Ferner, die Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc.
beweisen gar nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ih-
rer empirischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Reli-
gion wäre nur der Mangel
-----
1*) (lysis, apallage, chorismos) Erlösung, Befreiung, Absonderung
- 2 (meletan apothneskein) Trachten nach dem Tod - 3*) (theoria)
theoretische Erkenntnis - 4*) (to hediston kai ariston) das Ange-
nehmste und Beste - 5*) (peri tes physeos zoikes) Über die Natur
der Tiere - 6*) unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit - 7*) Frei-
heit des menschlichen Geistes
#226# Epikureische Philosophie
-----
an Philosophie, nämlich dies als die Aufgabe der Philosophie zu
betrachten, während es bloß die Bedingung zur Lösung derselben,
bloß der Anfang des Anfangs ist.
Endlich ist es kein Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er
diese erlösende Kraft in letzter Beziehung der Philosophie zu-
schreibt, sondern es ist die Einseitigkeit, welche ihn zu einem
Philosophen und keinem Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einsei-
tigkeit der platonischen Philosophie, sondern das, wodurch sie
einzig und allein Philosophie ist. Es ist das, wodurch er die
eben gerügte Formel von einer Aufgabe der Philosophie, die nicht
sie selbst wäre, wieder aufhebt.
"Hierin also, in dem Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten
eine von der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive]
Grundlage zu geben, liegt auch der Grund, warum Plato gerade
dann, wenn er Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-re-
ligiöse Interesse haben, sie zugleich auch in mythischer Form
darstellt." S. 94.
Ob wohl auf diese Weise irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese
Antwort nicht inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses
Grundes? Es fragt sich nämlich, wie kommt es, daß Plato das Be-
streben fühlte, dem durch Philosophie Erkannten eine positive,
zunächst mythische Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist
das Verwunderungswürdigste, was von einem Philosophen gesagt wer-
den kann, wenn er die objektive Gewalt nicht in seinem Systeme
selbst, in der ewigen Macht der Idee findet. Aristoteles nennt
daher das Mythologisieren Kenologisieren. [25]
Äußerlich kann man die Antwort hierauf in der subjektiven Form
des platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in
der Ironie. Was Ausspruch eines Individuums ist und als solcher
sich geltend macht, im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen,
das bedarf eines Halts, wodurch die subjektive Gewißheit zur ob-
jektiven Wahrheit wird.
Allein es fragt sich weiter, warum dies Mythologisieren in den
Dialogen sich findet, die vorzugsweise sittlich-religiöse Wahr-
heiten entwickeln, während der rein metaphysische "Parmenides"
frei davon ist, es fragt sich, warum die positive Grundlage eine
mythische und ein Anlehnen an Mythen ist?
Und hier springt der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklun-
gen bestimmter, sittlicher, religiöser oder selbst naturphiloso-
phischer Fragen, wie im "Timäus", langt Plato nicht aus mit sei-
ner negativen Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend,
alles in den Schoß der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle
Kühe schwarz sind [26], zu versenken; da greift Plato zur positi-
ven Auslegung des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr selbst
gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Absolute
auf der einen Seite, die abgegrenzte positive Wirklichkeit auf
der andern
#227# Sechstes Heft
-----
an Philosophie, nämlich dies als die Aufgabe der Philosophie zu
betrachten, während es bloß die Bedingung zur Lösung derselben,
bloß der Anfang des Anfangs ist.
Endlich ist es kein Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er
diese erlösende Kraft in letzter Beziehung der Philosophie zu-
schreibt, sondern es ist die Einseitigkeit, welche ihn zu einem
Philosophen und keinem Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einsei-
tigkeit der platonischen Philosophie, sondern das, wodurch sie
einzig und allein Philosophie ist. Es ist das, wodurch er die
eben gerügte Formel von einer Aufgabe der Philosophie, die nicht
sie selbst wäre, wieder aufhebt.
"Hierin also, in dem Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten
eine von der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive]
Grundlage zu geben, liegt auch der Grund, warum Plato gerade
dann, wenn er Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-re-
ligiöse Interesse haben, sie zugleich auch in mythischer Form
darstellt." S. 94.
Obwohl auf diese Weise irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese
Antwort nicht inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses
Grundes? Es fragt sich nämlich, wie kommt es, daß Plato das Be-
streben fühlte, dem durch Philosophie Erkannten eine positive,
zunächst mythische Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist
das Verwunderungswürdigste, was von einem Philosophen gesagt wer-
den kann, wenn er die objektive Gewalt nicht in seinem Systeme
selbst, in der ewigen Macht der Idee findet. Aristoteles nennt
daher das Mythologisieren Kenologisieren. [25]
Äußerlich kann man die Antwort hierauf in der subjektiven Form
des platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in
der Ironie. Was Ausspruch eines Individuums ist und als solcher
sich geltend macht, im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen,
das bedarf eines Halts, wodurch die subjektive Gewißheit zur ob-
jektiven Wahrheit wird.
Allein es fragt sich weiter, warum dies Mythologisieren in den
Dialogen sich findet, die vorzugsweise sittlich-religiöse Wahr-
heiten entwickeln, während der rein metaphysische "Parmenides"
frei davon ist, es fragt sich, warum die positive Grundlage eine
mythische und ein Anlehnen an Mythen ist?
Und hier springt der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklun-
gen bestimmter, sittlicher, religiöser oder selbst naturphiloso-
phischer Fragen, wie im "Timäus", langt Plato nicht aus mit sei-
ner negativen Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend,
alles in den Schoß der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle
Kühe schwarz sind [26], zu versenken; da greift Plato zur positi-
ven Auslegung des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr selbst
gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Absolute
auf der einen Seite, die abgegrenzte positive Wirklichkeit auf
der andern
#228# Epikureische Philosophie
-----
steht und das Positive dennoch erhalten werden soll, da wird es
zum Medium, wodurch das absolute Licht scheint, da bricht sich
das absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endli-
che, Positive deutet ein andres als sich selbst, hat in sich eine
Seele, der diese Verpuppung wunderbar ist; die ganze Welt ist
eine Welt der Mythen geworden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch
in neuster Zeit ist dies wiedergekehrt, durch ein ähnliches Ge-
setz bedingt.
Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegori-
sches Gewand ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie
der Transzendenz, einer Transzendenz, die zugleich wesentliche
Beziehung auf die Immanenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zer-
schneidet. Hier ist also allerdings Verwandtschaft platonischer
Philosophie, wie mit jeder positiven Religion, so vorzugsweise
mit der christlichen, die die vollendete Philosophie der Tran-
szendenz ist. Hier ist also auch einer der Gesichtspunkte, aus
denen eine tiefere Anknüpfung des historischen Christentums an
die Geschichte der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann.
Mit dieser positiven Auslegung des Absoluten hängt es zusammen,
daß dem Plato ein Individuum als solches, Sokrates 1*), der Spie-
gel, gleichsam der Mythus der Weisheit war, daß er ihn den Philo-
soph des Todes und der Liebe nennt. Damit ist nicht gesagt, daß
Plato den historischen Sokrates aufhob; die positive Auslegung
des Absoluten hängt zusammen mit dem subjektiven Charakter der
griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen.
Tod und Liebe sind die Mythe von der negativen Dialektik, denn
die Dialektik ist das innre einfache Licht, das durchdringende
Auge der Liebe, die innre Seele, die nicht erdrückt wird durch
den Leib der materialischen Zerspaltung, der innre Ort des Gei-
stes. Der Mythus von ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist
auch der reißende Strom, der die Vielen und ihre Grenze zer-
bricht, der die selbständigen Gestalten umwirft, alles hinabsen-
kend in das eine Meer der Ewigkeit. Der Mythus von ihr ist daher
der Tod.
Sie ist so der Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit,
der Entfaltung in den Gärten des Geistes, das Schäumen in den
sprudelnden Becher von punktuellen Samen, aus welchen die Blume
des einen Geistesfeuers hervorsprießt. Plotinus nennt sie daher
das Mittel zur ??????? der Seele, zur unmittelbaren Vereinung mit
Gott [27], ein Ausdruck, in dem beides und zugleich die ??????
des Aristoteles mit der Dialektik des Plato vereint sind. Wie
aber diese Bestimmungen in Plato und Aristoteles gleichsam
-----
1*) In der Handschrift nach "Sokrates" eine Lücke von etwa drei
Zeilen
#229# Sechstes Heft
-----
steht und das Positive dennoch erhalten werden soll, da wird es
zum Medium, wodurch das absolute Licht scheint, da bricht sich
das absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endli-
che, Positive deutet ein andres als sich selbst, hat in sich eine
Seele, der diese Verpuppung wunderbar ist; die ganze Welt ist
eine Welt der Mythen geworden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch
in neuster Zeit ist dies wiedergekehrt, durch ein ähnliches Ge-
setz bedingt.
Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegori-
sches Gewand ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie
der Transzendenz, einer Transzendenz, die zugleich wesentliche
Beziehung auf die Immanenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zer-
schneidet. Hier ist also allerdings Verwandtschaft platonischer
Philosophie, wie mit jeder positiven Religion, so vorzugsweise
mit der christlichen, die die vollendete Philosophie der Tran-
szendenz ist. Hier ist also auch einer der Gesichtspunkte, aus
denen eine tiefere Anknüpfung des historischen Christentums an
die Geschichte der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann.
Mit dieser positiven Auslegung des Absoluten hängt es zusammen,
daß dem Plato ein Individuum als solches, Sokrates 1*), der Spie-
gel, gleichsam der Mythus der Weisheit war, daß er ihn den Philo-
soph des Todes und der Liebe nennt. Damit ist nicht gesagt, daß
Plato den historischen Sokrates aufhob; die positive Auslegung
des Absoluten hängt zusammen mit dem subjektiven Charakter der
griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen.
Tod und Liebe sind die Mythe von der negativen Dialektik, denn
die Dialektik ist das innre einfache Licht, das durchdringende
Auge der Liebe, die innre Seele, die nicht erdrückt wird durch
den Leib der materialischen Zerspaltung, der innre Ort des Gei-
stes. Der Mythus von ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist
auch der reißende Strom, der die Vielen und ihre Grenze zer-
bricht, der die selbständigen Gestalten umwirft, alles hinabsen-
kend in das eine Meer der Ewigkeit. Der Mythus von ihr ist daher
der Tod.
Sie ist so der Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit,
der Entfaltung in den Gärten des Geistes, das Schäumen in den
sprudelnden Becher von punktuellen Samen, aus welchen die Blume
des einen Geistesfeuers hervorsprießt. Plotinus nennt sie daher
das Mittel zur ??????? 2*) der Seele, zur unmittelbaren Vereinung
mit Gott [27], ein Ausdruck, in dem beides und zugleich die -
?????? 3*) des Aristoteles mit der Dialektik des Plato vereint
sind. Wie aber diese Bestimmungen in Plato und Aristoteles
gleichsam
-----
1*) In der Handschrift nach "Sokrates" eine Lücke von etwa drei
Zeilen - 2*) (haplosis) Einfachmachen - 3*) (theoria) theoreti-
sche Erkenntnis
#230# Epikureische Philosophie
-----
prädeterminiert, nicht aus immanenter Notwendigkeit entwickelt
sind, so erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Be-
wußtsein bei Plotin als Zustand, der Zustand der E k s t a s e.
Ritter (in seiner "Geschichte der Philosophie alter Zeit", Erster
Teil, Hamburg 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen
Schöntuerei über den Demokrit und Leukipp, überhaupt über die
atomistische Lehre (später ebenso über den Protagoras, Gorgias
etc.). Es ist nichts leichter, als den Genuß seiner moralischen
Vortrefflichkeit sich an jedem Stoffe zu geben; am leichtesten an
den Toten. Selbst Demokrits V i e l w i s s e n wird zu einem
moralischen Vorwurf (S. 563), es wird davon gesprochen,
"wie grell der höhre, Begeisterung h e u c h e l n d e Schwung
der Rede gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner Ansicht des
Lebens und der Welt zugrunde liegt, abstechen mußte" 1*). S. 564.
Das soll doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll grade
die Gesinnung der Ansicht und nicht vielmehr umgekehrt die be-
stimmte Weise der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde
gelegen haben? Das letztere Prinzip ist nicht nur historischer,
sondern auch das einzige, wodurch die Betrachtung der Gesinnung
eines Philosophen Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen
darf. - Wir sehn da, was als System sich uns auseinandergelegt,
in der Gestalt geistiger Persönlichkeit, wir sehn gleichsam den
Demiurgos lebendig in der Mitte seiner Welt stehn.
"Von gleichem Gehalt ist auch der Grund des Demokritos, daß ein
Ursprüngliches, Ungewordnes angenommen werden müsse, denn die
Zeit und das Unendliche seien ungeworden, so daß, nach ihrem
Grunde zu fragen, heißen würde, den Anfang des Unendlichen su-
chen. Man kann hierin nur ein sophistisches Abweisen der Frage
nach dem ersten Grunde aller Erscheinungen erblicken." S. 567.
Ich kann in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abwei-
sen der Frage nach dem Grund dieser demokritischen Bestimmung
erblicken; das Unendliche ist im Atom als Prinzip gesetzt, das
liegt in dessen Bestimmung. Nach einem Grund derselben fragen,
würde 2*) allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben.
"Nur eine physische Beschaffenheit legte Demokrit den Atomen bei,
die S c h w e r e 1*) ..... Man kann auch hierin das mathemati-
sche Interesse wiedererkennen, welches die Anwendbarkeit der Ma-
thematik auf die Berechnung des Gewichts zu retten sucht." S.
568.
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1*) Hervorhebungen von Marx - 2*) in der Handschrift: wäre
#231# Sechstes Heft
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prädeterminiert, nicht aus immanenter Notwendigkeit entwickelt
sind, so erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Be-
wußtsein bei Plotin als Zustand, der Zustand der E k s t a s e.
Ritter (in seiner "Geschichte der Philosophie alter Zeit", Erster
Teil, Hamburg 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen
Schöntuerei über den Demokrit und Leukipp, überhaupt über die
atomistische Lehre (später ebenso über den Protagoras, Gorgias
etc.). Es ist nichts leichter, als den Genuß seiner moralischen
Vortrefflichkeit sich an jedem Stoffe zu geben; am leichtesten an
den Toten. Selbst Demokrits V i e l w i s s e n wird zu einem
moralischen Vorwurf (S. 563), es wird davon gesprochen,
"wie grell der höhre, Begeisterung h e u c h e l n d e Schwung
der Rede gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner Ansicht des
Lebens und der Welt zugrunde liegt, abstechen mußte" 1*). S. 564.
Das soll doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll grade
die Gesinnung der Ansicht und nicht vielmehr umgekehrt die be-
stimmte Weise der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde
gelegen haben? Das letztere Prinzip ist nicht nur historischer,
sondern auch das einzige, wodurch die Betrachtung der Gesinnung
eines Philosophen Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen
darf. - Wir sehn da, was als System sich uns auseinandergelegt,
in der Gestalt geistiger Persönlichkeit, wir sehn gleichsam den
Demiurgos lebendig in der Mitte seiner Welt stehn.
"Von gleichem Gehalt ist auch der Grund des Demokritos, daß ein
Ursprüngliches, Ungewordnes angenommen werden müsse, denn die
Zeit und das Unendliche seien ungeworden, so daß, nach ihrem
Grunde zu fragen, heißen würde, den Anfang des Unendlichen su-
chen. Man kann hierin nur ein sophistisches Abweisen der Frage
nach dem ersten Grunde aller Erscheinungen erblicken." S. 567.
Ich kann in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abwei-
sen der Frage nach dem Grund dieser demokritischen Bestimmung
erblicken; das Unendliche ist im Atom als Prinzip gesetzt, das
liegt in dessen Bestimmung. Nach einem Grund derselben fragen,
würde 2*) allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben.
"Nur eine physische Beschaffenheit legte Demokrit den Atomen bei,
die S c h w e r e 1*) ..... Man kann auch hierin das mathemati-
sche Interesse wiedererkennen, welches die Anwendbarkeit der Ma-
thematik auf die Berechnung des Gewichts zu retten sucht." S.
568.
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1*) Hervorhebungen von Marx - 2*) in der Handschrift: wäre
#232# Epikureische Philosophie
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"Daher leiteten die Atomisten die Bewegung auch von der Notwen-
digkeit ab, indem sie sich diese als die Grundlosigkeit der in
das Unbestimmte zurückgehenden Bewegung dachten." S. 570.
[IX, 19] "Demokrit aber behauptet, daß gewisse ?????? den Men-
schen sich nahen (begegnen); von diesen seien einige wohltuend,
andre schädlich einwirkend"; ????? ??? ??????? ??????? ??????
??????? ????? ?? ????? ?????? ?? ??? ??????????, ??? ??????????
???, ??? ??????? ??, ???????????? ?? ?? ???????? ???? ?????????,
??????????, ??? ????? ???????. ???? ?????? ????? ?????????
???????? ?? ???????, ?????????????? ???? [...] Sext. Empir. ad-
vers. Math. S. 311 [C-]D. [lib. VIII.]
[20] '??????????? ?? ??? ????? ????? ????? ??????? ???? ?????
????????? ?? ???? ?????????, ??? ?? ???? ???? ??? ?????
????????????, ??? ??? ??? ????????. ???' ??? ??? ??? ???? ???
????? ????????????, ??? ???? ?? ???? ?????? ?????????? ??????
????????????? ??? ??? ????????. [21] ???? ???, ?????, ?? ??
??????, ???' ?????? ????????? ? ????, ???? ??? ????? ??????????
?????, ????????????? ?? ??? ??????????? ?? ????????. ..........
??? ?????? ???, ?????, ????????? ?? ???????? ????? ?? ????, ??
???' ?????? ?????? ?? ????, ??? ?????? ?????????????????. ???? ??
??? ??? ??? ????????. l.c. S. 311 sq. [311 E-312 A. B.]
[25] '????????? ?? ?? ??? ???? ???? ?????? ????????? ?????? ????
????????? ??????? ????????? ????. ??????? ??? ???????, ????, ???
????????????? ???? ???? ?????? ?????????????, ???????? ??? ???
????????? ???????? ????? ???????? ???? ?????????????? S. 312 [D-
E]. l.c.
[58] [...] '????????? ?? ???' ??????, ?? ??? ???? ???????????,
????????? ????. ?? ?? ???? ??? ????? ??? ?????????, ???????. S.
319 [D]. l.c.
a) anima S. 321 [D-E], advers. Math. [lib. VIII = IX, 71-72.]
[III, 218] [...] '??????????? ??? ???????? ????? ??? ???? ?????,
??? ???????? ???????. ??????? ?? ??????, ?????? ?? ??? ??? ???
???????? '????????? ?? ???????????. ???????? ??, ??????? ?????.
.. [219] ?? ... ???????? ??? ????????, ? '????????? ????, ????
???? ???????? ????? ???? ??????? ????????. S. 155 [B-C]. Pyrrh.
hypot. 1. III [, 24].
"Dem Epikur aber, der die Zeit als Akzidens der Akzidenzien be-
stimmen will (???????? ???????????), kann außer vielem andern
entgegnet werden, daß alles, was irgendwie als Substanz sich ver-
hält, zu der Zahl der Substrate, der zugrunde liegenden Subjekte
gehört; was aber akzidentell genannt wird, keine Konsistenz be-
sitzt, da es nicht getrennt ist von den Substanzen. Denn es gibt
keinen Widerstand (?????????) außer dem widerstehenden Körper,
kein Nachgeben (?????) (Weichen) außer dem Weichenden und dem
Leeren etc." [advers. Math. lib. IX. S. 417 C-418 A = X, 219-
221.]
#233# Sechstes Heft
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"Daher leiteten die Atomisten die Bewegung auch von der Notwen-
digkeit ab, indem sie sich diese als die Grundlosigkeit der in
das Unbestimmte zurückgehenden Bewegung dachten." S. 570.
"Demokrit aber behauptet, daß gewisse Abbilder den Menschen sich
nahen (begegnen); von diesen seien einige wohltuend, andre schäd-
lich einwirkend; daher bittet er auch, daß ihm vernunftbegabte
Abbilder begegnen. Diese seien aber groß und riesenhaft und zwar
s c h w e r z e r s t ö r b a r, nicht a b e r u n z e r-
s t ö r b a r, sie verkünden den Menschen die Zukunft, seien
sichtbar und geben Laute von sich. Von der Vorstellung dieser Ab-
bilder ausgehend, vermuteten daher die Alten, daß es einen Gott
gebe[...]." Sextus Empiricus. Gegen die Mathematiker. S. 311.
"Aristoteles aber sagte, daß die Vorstellung von den Göttern in
den Menschen aus zwei Elementen entstanden sei, aus den seeli-
schen Vorgängen und aus den Himmelserscheinungen. Aus den seeli-
schen Vorgängen wegen der im Schlaf entstehenden göttlichen Be-
geisterung der Seele und den Weissagungen. Denn, sagt er, wenn
beim Schlafen die Seele selbständig wird, dann legt sie die eigne
Natur ab, hat Vorahnungen und sagt die Zukunft voraus.
................
Deswegen nun, sagt er, haben die Menschen vermutet, daß Gott et-
was ist, was von sich aus der Seele ähnlich sei und das Verstän-
digste von allem. Aber auch aus den Himmelserscheinungen." a.a.O.
S. 311 f.
"Epikur aber glaubt, daß die Menschen die Vorstellung von Gott
den sich im Schlafe einstellenden Phantasievorstellungen entnom-
men haben. Denn, sagt er, da im Schlaf große und menschenähnliche
Abbilder erscheinen, nahmen sie an, daß es auch in Wirklichkeit
irgendwelche derartige menschenähnliche Götter gebe." S. 312
a.a.O.
"[...] Epikur läßt, wie einige meinen, was die große Masse be-
trifft, Gott bestehen, was aber die Natur der Dinge angeht, kei-
neswegs." S. 319 a.a.O.
a) Seele. S. 321. Gegen die Mathematiker.
"[...] Aristoteles sagte, der Gott sei unkörperlich und die
Grenze des Himmels, die Stoiker aber, er sei ein Lufthauch, der
auch das häßlich Aussehende durchdringe, Epikur, er habe Men-
schengestalt, Xenophanes, er sei ein empfindungsloser Ball. .....
'das Glückselige und Unzerstörbare', sagt Epikur, 'übe weder
selbst Tätigkeiten aus, noch gebe es andern welche auf'." S. 155.
Pyrrhonische Hypotyposen. Buch III.
"Dem Epikur aber, der die Zeit als Akzidens der Akzidenzien be-
stimmen will (???????? ??????????? 1*)), kann außer vielem andern
entgegnet werden, daß alles, was irgendwie als Substanz sich ver-
hält, zu der Zahl der Substrate, der zugrunde liegenden Subjekte
gehört; was aber akzidentell genannt wird, keine Konsistenz be-
sitzt, da es nicht getrennt ist von den Substanzen. Denn es gibt
keinen Widerstand (????????? 2*)) außer dem widerstehenden Kör-
per, kein Nachgeben (????? 3*)) (Weichen) außer dem Weichenden
und dem Leeren etc." [Gegen die Mathematiker. Buch IX. S. 417.]
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1*) (symptoma symptomaton) - 2*) (antitypia) - 3*) (heixis)
#234# Epikureische Philosophie
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[X, 240] ???? ??? ??????? ???? ? '?????????, ?? ????? ????? ???'
??????????? ???????? ??? ????????, ??? ?????????? ??? ??????, ??
?? ????? ??????? ??? ????? ?? ?? ????? ?????. ......... [241]
???' ??? ? ??????, ?????????? ????? ??? ??? ??????????? ??????
???? ?????? ??????? ????????.
[244] ?????? ???? ?????? ???? ??????, ? ?? '????????? ??????????
????? ????? ????? ??? ??????
(unter diesen auxcov ist zu verstehn ?????, ???, ???????, ????,
?????, ??????? etc.)
????? ???? ??? '????????? ? ?????? ????? ?????? ????????. S. 420
[D-E] u. 421 [A. C], advers. Math. [lib. IX.]
Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe
Gesamtausgabe, Band 14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn
man den objektiven Gewinn als Maßstab der Beurteilung geltend
macht [28], so ist von der andren Seite, nach welcher historische
Erscheinungen keines solchen Lobes bedürfen, die offne, echt phi-
losophische Konsequenz zu bewundern, mit welcher der ganzen
Breite nach die Inkonsequenzen seines Prinzips an sich selbst
ausgelegt werden. Die Griechen werden ewig unsre Lehrer bleiben
wegen dieser grandiosen objektiven Naivetät, die jede Sache
gleichsam ohne Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch
ein getrübtes Licht, leuchten läßt.
Unsre Zeit vor allem hat selbst in der Philosophie sündhafte Er-
scheinungen hervorgetrieben, behaftet mit der größten Sünde, der
Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte Ab-
sicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der
Sache sich logiert.
#235# Sechstes Heft
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"Deshalb zwingt auch Epikur, da er sagt, man müsse sich den
K ö r p e r denken a l s Z u s a m m e n s e t z u n g v o n
G r ö ß e u n d G e s t a l t, W i d e r s t a n d und
Schwere, dazu, sich den existierenden Körper aus nicht existie-
renden Körpern zu denken. .............. Daher müssen,
damit die Zeit vorhanden sei, Akzidenzien sein; damit aber die
Akzidenzien vorhanden sind, muß ein zugrunde liegender Umstand da
sein, ist aber kein zugrunde liegender Umstand vorhanden, dann
kann auch nicht die Zeit vorhanden sein."
"Also wenn dieses die Zeit ist, Epikur aber sagt, ihre Akziden-
zien seien die Zeit"
(unter diesen ?????? 1*) ist zu verstehn ?????, ???, ???.
???????, ????, ?????, ??????? 2*) etc.)
"dann wird nach Epikur die Zeit selbst ihr eignes Akzidens sein."
S. 420 u. 421. Gegen die Mathematiker.
Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe
Gesamtausgabe, Band 14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn
man den objektiven Gewinn als Maßstab der Beurteilung geltend
macht [28], so ist von der andren Seite, nach welcher historische
Erscheinungen keines solchen Lobes bedürfen, die offne, echt phi-
losophische Konsequenz zu bewundern, mit welcher der ganzen
Breite nach die Inkonsequenzen seines Prinzips an sich selbst
ausgelegt werden. Die Griechen werden ewig unsre Lehrer bleiben
wegen dieser grandiosen objektiven Naivetät, die jede Sache
gleichsam ohne Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch
ein getrübtes Licht, leuchten läßt.
Unsre Zeit vor allem hat selbst in der Philosophie sündhafte Er-
scheinungen hervorgetrieben, behaftet mit der größten Sünde, der
Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte Ab-
sicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der
Sache sich logiert.
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1*) (auton) ihre - 2*) (hemera) Tag, (nyx) Nacht, (hora) Stunde,
(kinesis) Bewegung, (mone) Aufenthalt, Ruhe, (pathos) Leiden-
schaft, Affekt, (apatheia) Leidenschaftslosigkeit, Affektlosig-
keit
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