Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844


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       #208#
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       [SECHSTES HEFT]
       
       [Lucretius. de rerum natura]
       
       lib. IV
       
       "[........................] rerum simulacra [........]
       Quae, quasi membranae summo de corpore rerum
       Dereptae, volitant ultro citroque per auras."
                                     v. 34 sqq. [= 30. 31-32 Diels].
       "Quod speciem ac formam similem gerit ejus imago,
       Quojusquomque cluet de corpore fusa vagari."
                                     v. 49 sq. [= 52 u. 53 Diels].
       "Quapropter simulacra pari ratione necesse est
       Immemorabile per spatium transcurrere posse
       Temporis in puncto: primum, quod parvola caussa
       Est procul a tergo, quae provehat atque propellat:
       Deinde, quod usque adeo textura praedita rara
       Mittuntur, facile ut quasvis penetrare queant res,
       Et quasi permanare per aeris intervallum."
                                     v. 192 sqq. [= 191-194.
                                     196-198 Diels].
       "[......................] fateare necesse est
       Corpora, quae feriant oculos, visumque lacessant,
       Perpetuoque fluant certeis ab rebus obortu;
       Frigus ut a fluvieis, calor ab sole, aestus ab undeis
       Aequoris, exesor moerorum litora circum:
       Nec variae cessant voces volitare per auras:
       Denique in os salsi venit humor saepe saporis,
       Quom mare vorsamur propter; dilutaque contra
       Quom tuimur misceri absinthia, tangit amaror.
       Usque adeo omnibus ab rebus res quaeque fluenter
       Fertur, et in cunctas dimittitur undique parteis,
       Nec mora, nec requies, inter datur ulla fluundi:
       Perpetuo quoniam sentimus, et omnia semper
       Cernere, odorari, licet, et sentire sonare."
                                     v. 217 sqq.[= 216-229 Diels].
       "Praeterea, quoniam manibus tractata figura
       In tenebreis quaedam cognoscitur esse eadem, quae
       
       #209#
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       [SECHSTES HEFT]
       
       [Lucretius. Über die Natur der Dinge]
       
       Buch IV
       
       "[....................] die Bilder der Dinge [...........]
       Die von der Oberfläche der Körper wie Häutchen sich schälen
       Und bald hierhin, bald dorthin umher in den Lüften sich treiben."
                                     V. 34 ff.
       "Weil an  Gestalt und an Form solch Abbild ähnelt dem Körper, Aus
       dem dieses erfließt, wie man sagt, und ins Weite davonfliegt."
                                     V. 49 f.
       "Deshalb müssen auf ähnliche Art auch die Bilder imstand sein,
       Unaussprechbare Räume in einem Moment zu durchfliegen,
       Erstens, weil ununterbrochen von hinten ein freilich nur kleiner
       Antrieb stets die Bilder nach vorne hin stößt und sie vortreibt,
       Dann aber auch, weil im Fliegen ihr überaus zartes Gewebe
       Leicht, sich zu drängen vermag durch alle beliebigen Dinge
       Und durch die Räume der Luft, die dazwischen sind, gleichsam
                                                       zu fließen."
                                     V. 192 ff.
       "[..................] muß man gestehen:
       Körper uns dringen ins Auge und reizen dabei uns den Sehnerv,
       Ständig entströmen in dauerndem Fluß sie gewissen Stoffen,
       Wie von den Flüssen die Kühle, die Glut von der Sonne,
                                                 die Brandung
       Sprüht von den Wogen des Meers, das Gemäuer der Küste
                                                zerfressend;
       Unaufhörlich durchfliegen verschiedene Töne die Lüfte;
       Oft auch dringt in den Mund, sobald in der Nähe des Meeres
       Wir uns ergehn, der salzige Gischt, und wenn man nur zusieht,
       Wie man den Wermut löset zum Mischtrank, schmeckt man das Bittre.
       So fließt allenthalben aus allerhand Stoffen der Stoffe
       Ständiger Strom und verteilt sich sodann nach jeglicher Seite.
       Nirgends gibt es da Ruhe noch Rast im beständigen Flusse.
       Denn stets wach ist ja unser Gefühl, und wir können beständig
       Alles erblicken und riechen und alle Geräusche vernehmen."
                                     V. 217 ff.
       "Weiter erkennen wir stets: sobald wir im Dunkel betasten
       Eine Figur mit der Hand, so ist sie die nämliche, die wir
       
       #210# Epikureische Philosophie
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       Cernitur in luce et claro candore; necesse est
       Consimili caussa tactum visumque moveri."
                                     v. 231 sqq. [= 230-233 Diels].
       "Esse in imaginibus quapropter caussa videtur
       Cernundi, neque posse sine heis res ulla videri."
                                     v. 238 sq. [= 237-238 Diels].
       "Propterea fit, utei videamus, quam procul absit
       Res quaeque; et quanto plus aeris ante agitatur,
       Et nostros oculos perterget longior aura,
       Tam procul esse magis res quaeque remota videtur.
       Scilicet haec summe celeri ratione geruntur,
       Quale sit, ut videamus; et una, quam procul absit."
                                     v. 251 sqq. [= 250-255 Diels].
       "Sic, ubi se primum speculi projecit imago,
       Dum venit ad nostras acies, procudit agitque
       Aera, qui inter se quomque est oculosque locatus:
       Et facit, ut prius hunc omnem sentiré queamus,
       Quam speculum: sed, ubi in speculum quoque sensimus ipsum,
       Continuo a nobis in eum, quae fertur, imago
       Pervenit, et nostros oculos rejecta revisit:
       Atque alium prae se propellens aera volvit,
       Et facit, ut prius hunc, quam se, videamus: eoque
       Distare a speculo tantum semota videtur."
                                     v. 280 sqq. [= 279-288 Diels].
       
       lib. V
       
       "[..................] multosque per annos
       Sustentata, ruet moles et machina mondi."
                                     v. 96 sq.[= 95-96 Diels].
       "Et ratio potius, quam res persuadeat ipsa,
       Succidere horrísono posse omnia victa fragore."
                                     v. 109 sq.[= 108-109 Diels].
       "Quippe etenim, quorum parteis et membra videmus,
       Corpore nativo in mortalibus esse figureis,
       Haec eadem ferme mortalia cernimus esse,
       Et nativa simul. Quapropter [..............]
       ............................................
       [Scire licet,] coeli quoque idem terraeque fuisse
       Principíale aliquod tempus, clademque futuram."
                                     v. 241 sqq. [= 240-243.
                                     245-246 Diels].
       
       #211# Sechstes Heft
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       Auch bei Tag und bei strahlendem Licht besehen. So muß wohl
       Tast- und Gesichtsempfindung auf ähnlichen Gründen beruhen."
                                     V. 231 ff.
       "Also man sieht hieraus, daß das Sehen durch Bilder verursacht
       Wird und daß nichts auf der Welt ist ohne die Bilder zu sehen."
                                     V. 238 f.
       "Daher kommt's, daß wir wissen den Abstand jeglichen Urbilds
       Einzuschätzen. Je größer die vor uns erschütterte Luftschicht,
       Und je länger ihr Strom durch unsere Augen hindurchstreicht,
       Desto weiter entfernt erscheint uns ein jegliches Urbild.
       Doch dies alles vollzieht sich natürlich so wunderbar schnelle.
       Daß wir mit einem Blick die Beschaffenheit sehn und den Abstand."
                                     V. 251 ff.
       "So ist's auch mit dem Bilde des Spiegels. Sobald er es
                                                   ausschickt,
       Bis es zu unseren Augen gelangt, treibt dieses die Luftschicht,
       Welche sich zwischen ihm selbst und dem Blicke befindet,
                                                     nach vorne
       Und bringt diese noch eher zu unserer Sinnesempfindung
       Als den Spiegel. Indessen, sobald wir auch diesen erblicken.
       Langt dies Bild, das im Nu zu dem Spiegel wieder zurückkehrt,
       An, und von dort wird es wieder zurück zu den Augen geworfen,
       Und so stößt es und wälzt es von neuem weitere Luft vor.
       So kommt's, daß wir noch früher die Luft als den Spiegel
                                                      erblicken
       Und dadurch das gespiegelte Bild so weit uns entfernt scheint."
                                     V. 280 ff.
       
       Buch V
       
       "[......................] und es stürzet zusammen,
       Was Jahrtausende hielt, die gewaltige Masse des Weltbaus."
                                     V. 96 f.
       "Möge uns mehr die Vernunft als das eigne Erlebnis belehren.
       Daß auch die Welt zugrunde kann gehn in klirrendem Einsturz."
                                     V. 109 f.
       "Denn das Ganze natürlich, da dessen Glieder und Teile
       Aus erschaffenem Stoffe in sterblichen Formen bestehen,
       Stellt in der Regel dem Blicke sich ebenso dar als erschaffen
       Und zugleich als vergänglich. Drum [........................]
       ..................................................
       [....................weiß ich,] daß Himmel und Erde
       Einst ihren Anfang hatten und einmal ihr Ende erwarten."
                                     V. 241 ff.
       
       #212# Epikureische Philosophie
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       "Denique non [................] cernis .............
       ...........[...........................]
       Non delubra deum, simulacraque fessa fatisci?
       Nec sanctum numen fati protollere fineis
       Posse? neque advorsus naturae foedera niti?"
                                     v. 307 sqq. [= 306. 308-310 Diels].
       "Praeterea, quaequomque manent aeterna, necessum est,
       Aut, quia sunt solido cum corpore, respuere ictus,
       Nec penetrare pati sibi quidquam, quod queat artas
       Dissociare intus parteis; ut materiai
       Corpora sunt, quorum naturam ostendimus ante:
       Aut ideo durare aetatem posse per omnem,
       Plagarum quia sunt expertia, sicut inane est,
       Quod manet intactum, neque ab ictu fungitur hilum:
       Aut etiam, quia nulla loci sit copia circum.
       Quo quasi res possint discedere, dissolvique:
       Sicut summarum summa est aeterna, neque extra
       Qui locus est, quo dissiliant; neque corpora sunt, quae
       Possint incidere, et valida dissolvere plaga."
                                    v. 352 sqq. [= 351-363 Diels].
       "Haud igitur leti praeclusa est janua coelo,
       Nec soli, terraeque, neque altéis aequoris undeis;
       Sed patet immani, et vasto respectat, hiatu."
                                    v. 374 sqq. [= 373-375 Diels].
       "Quippe etenim jam turn divôm mortalia saecla
       Egregias animo facies vigilante videbant,
       Et magis in somneis, mirando corporis auctu.
       Heis igitur sensum tribuebant, propterea quod
       Membra movere videbantur, vocesque superbas
       Mittere pro facie praeclara, et viribus ampleis:
       Aetemamque dabant vitam, quia semper eorum
       Suppeditabatur facies, et forma manebat:
       Et tamen omnino, quod tanteis viribus auctos
       Non temere ulla vi convinci posse putabant.
       Fortuneisque ideo longe praestare putabant,
       Quod mortis timor haud quemquam vexaret eorum.
       Et simul in somneis quia multa et mira videbant
       Efficere, et nullum capere ipsos inde laborem."
                                    v. 1168 sqq.
                                    [= 1169-1182 Diels].
       
       lib. VI [23]
       
       #213# Sechstes Heft
       -----
       "Endlich bemerkst du nicht.....................
       ..........[.................................]
       Daß die Tempel und Bilder der Götter zermürben und bersten,
       Daß nie göttlicher Spruch des Schicksals Grenzen erweitern
       Und auch nie das Gesetz der Natur vergewaltigen könne?"
                                    V. 307 ff.
       "Ferner muß alles, was ewig besteht, Trotz bieten den Stößen,
       Weil entweder sein Körper durchaus massiv und solid ist
       Und nicht duldet, daß irgend etwas von außen sich eindrängt,
       Welches die enge Verbindung der Teile zu lockern vermöchte,
       - Der Art sind, wie ich früher gezeigt, die Atome des Urstoffs -,
       Oder es kann auch etwas in alle Ewigkeit dauern,
       Weil es kein Schlag je trifft - so steht's mit dem stofflosen
                                                              Leeren,
       Das kein Stoß je trifft, das unantastbar verharret -,
       Oder es gibt auch etwas, das ringsum ohne den Raum ist,
       In den sonst sich der Dinge Bestand verflüchtigt und auflöst.
       - So ist das ewige All; denn es dehnt sich dort weder nach außen
       Zum Entweichen der Dinge ein Raum, noch gibt es da Körper,
       Die es durch kräftigen Schlag beim Hineinfall könnten
                                             zertrümmern -."
                                    V. 352 ff.
       "So ist weder dem Himmel die Pforte des Todes verschlossen
       Noch der Sonne, der Erde, den tiefen Gewässern des Meeres,
       Sondern sie lauert darauf mit gewaltig geöffnetem Rachen."
                                    V. 374 ff.
       "Nämlich, es waren natürlich schon damals dem menschlichen
                                                           Geiste
       Herrliche Göttergestalten von wundersam riesigem Wuchse
       Teils im Wachen erschienen, jedoch noch öfter im Träume.
       Diesen Gestalten nun lieh man Gefühl. Denn sie regten die
                                                        Glieder,
       Wie es wenigstens schien, und sprachen erhabene Worte,
       Welche der hehren Gestalt und den riesigen Kräften entsprachen.
       Ewiges Leben verliehen sie ihnen, weil ständig der Götter
       Bild und Gestalt den Menschen in nämlicher Weise erschienen.
       Und vor allem jedoch, weil solche gewaltigen Wesen
       Schwerlich besiegbar erschienen durch irgend andere Kräfte.
       Drum schien ihnen ihr Leben vor andern besonders begnadet,
       Weil auch nicht einen von ihnen die Furcht vor dem Tode bekümmre.
       Sahen sie doch in den Träumen, wie Götter so zahlreiche Wunder
       Wirkten, wobei sie doch selbst nicht die mindeste Mühe
                                                  verrieten."
                                                 V. 1168 ff.
       
       Buch VI [23]
       
       #214# Epikureische Philosophie
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       Wie der  ???? des  Anaxagoras in  Bewegung tritt in den Sophisten
       (hier wird  der ????  realiter das  Nichtsein der Welt) und diese
       unmittelbare   d ä m o n e n h a f t e  B e w e g u n g  als sol-
       che objektiv  wird in  dem   D a i m o n i o n   des Sokrates, so
       wird wieder  die praktische Bewegung des Sokrates eine allgemeine
       und ideelle  im Plato,  und der  ????, erweitert  sich  zu  einem
       Reiche von Ideen. Im Aristoteles wird dieser Prozeß wieder in die
       Einzelnheit befaßt,  die jetzt  aber die  wirkliche  begriffliche
       Einzelnheit ist.
       Wie es in der Philosophiegeschichte Knotenpunkte gibt, die sie in
       sich selbst  zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in
       eine Totalität  befassen und so den Fortgang der graden Linie ab-
       brechen, so  gibt es auch Momente, in welchen die Philosophie die
       Augen in  die Außenwelt kehrt, nicht mehr begreifend, sondern als
       eine praktische  Person gleichsam  Intrigen mit  der Welt spinnt,
       aus dem  durchsichtigen Reiche  des Amenthes heraustritt und sich
       ans Herz  der weltlichen Sirene wirft. Das ist die Fastnachtszeit
       der Philosophie,  kleide sie sich nun in eine Hundetracht wie der
       Kyniker, in  ein Priestergewand  wie der Alexandriner oder in ein
       duftig Frühlingskleid  wie der  Epikureer. Es  ist ihr da wesent-
       lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deuka-
       lion bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so
       wirft die  Philosophie ihre  Augen hinter sich (die Gebeine ihrer
       Mutter sind  leuchtende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer
       Welt erstarkt  ist; aber wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel
       gestohlen, Häuser  zu bauen und auf der Erde sich anzusiedeln an-
       fängt, so  wendet sich  die Philosophie, die zur Welt sich erwei-
       tert hat,  sich biegen die erscheinende Welt. So jetzt die Hegel-
       sche. 1*)
       Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab-
       geschlossen hat,  die Bestimmtheit  dieser Totalität  ist bedingt
       durch ihre  Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form
       ist, die  ihr Umschlagen  in ein praktisches Verhältnis zur Wirk-
       lichkeit annimmt,  so ist  also die  Totalität der Welt überhaupt
       dirimiert in  sich selbst,  und zwar  ist diese Diremtion auf die
       Spitze getrieben,  denn die  geistige Existenz ist frei geworden,
       zur Allgemeinheit  bereichert, der  Herzschlag ist in sich selbst
       der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche der ganze Or-
       ganismus ist.  Die Diremtion  der Welt  ist erst  total 2*), wenn
       ihre Seiten  Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene,
       die einer  in sich  totalen Philosophie  gegenübertritt. Die  Er-
       scheinung der  Tätigkeit dieser Philosophie ist dadurch auch eine
       zerrissene und widersprechend; ihre objektive Allgemeinheit kehrt
       sich um in subjektive Formen des einzelnen Bewußtseins, in
       -----
       1*) Anschließend gibt  Marx diesen  Absatz in Lateinisch wieder -
       2*) "total" nicht eindeutig zu entziffern
       
       #215# Sechstes Heft
       -----
       Wie der  ???? 1*)  des Anaxagoras in Bewegung tritt in den Sophi-
       sten (hier  wird der  ???? realiter  das Nichtsein  der Welt) und
       diese unmittelbare  d ä m o n e n h a f t e  B e w e g u n g  als
       solche objektiv  wird in dem  D a i m o n i o n  des Sokrates, so
       wird wieder  die praktische Bewegung des Sokrates eine allgemeine
       und ideelle im Plato, und der ???? erweitert sich zu einem Reiche
       von Ideen.  Im Aristoteles  wird  dieser  Prozeß  wieder  in  die
       Einzelnheit befaßt,  die jetzt  aber die  wirkliche  begriffliche
       Einzelnheit ist.
       Wie es in der Philosophiegeschichte Knotenpunkte gibt, die sie in
       sich selbst  zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in
       eine Totalität  befassen und so den Fortgang der graden Linie ab-
       brechen, so  gibt es auch Momente, in welchen die Philosophie die
       Augen in  die Außenwelt kehrt, nicht mehr begreifend, sondern als
       eine praktische  Person gleichsam  Intrigen mit  der Welt spinnt,
       aus dem  durchsichtigen Reiche  des Amenthes heraustritt und sich
       ans Herz  der weltlichen Sirene wirft. Das ist die Fastnachtszeit
       der Philosophie,  kleide sie sich nun in eine Hundetracht wie der
       Kyniker, in  ein Priestergewand  wie der Alexandriner oder in ein
       duftig Frühlingskleid  wie der  Epikureer. Es  ist ihr da wesent-
       lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deuka-
       lion bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so
       wirft die  Philosophie ihre  Augen hinter sich (die Gebeine ihrer
       Mutter sind  leuchtende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer
       Welt erstarkt  ist; aber wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel
       gestohlen, Häuser  zu bauen und auf der Erde sich anzusiedeln an-
       fängt, so  wendet sich  die Philosophie, die zur Welt sich erwei-
       tert hat,  sich gegen  die erscheinende Welt. So jetzt die Hegel-
       sche. 2*)
       Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab-
       geschlossen hat,  die Bestimmtheit  dieser Totalität  ist bedingt
       durch ihre  Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form
       ist, die  ihr Umschlagen  in ein praktisches Verhältnis zur Wirk-
       lichkeit annimmt,  so ist  also die  Totalität der Welt überhaupt
       dirimiert in  sich selbst,  und zwar  ist diese Diremtion auf die
       Spitze getrieben,  denn die  geistige Existenz ist frei geworden,
       zur Allgemeinheit  bereichert, der  Herzschlag ist in sich selbst
       der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche der ganze Or-
       ganismus ist.  Die Diremtion  der Welt  ist erst  total 3*), wenn
       ihre Seiten  Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene,
       die einer  in sich  totalen Philosophie  gegenübertritt. Die  Er-
       scheinung der  Tätigkeit dieser Philosophie ist dadurch auch eine
       zerrissene und widersprechend; ihre objektive Allgemeinheit kehrt
       sich um in subjektive Formen des einzelnen Bewußtseins, in
       -----
       1*) (nous) Nous - 2*) anschließend gibt Marx diesen Absatz in La-
       teinisch wieder - 3*) "total" nicht eindeutig zu entziffern
       
       #216# Epikureische Philosophie
       -----
       denen sie  lebendig ist.  Man darf  sich aber  [durch] 1*) diesen
       Sturm nicht irren lassen, der einer großen, einer Weltphilosophie
       folgt. Gemeine Harfen klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur,
       wenn der Sturm sie schlägt.
       Wer diese  geschichtliche Notwendigkeit  nicht einsieht,  der muß
       konsequenterweise leugnen,  daß überhaupt nach einer totalen Phi-
       losophie noch  Menschen leben  können, oder  er muß die Dialektik
       des Maßes als solche für die höchste Kategorie des sich wissenden
       Geistes halten und mit einigen unsren Meister falsch verstehenden
       Hegelianern behaupten,  daß  die    M i t t e l m ä ß i g k e i t
       die normale Erscheinung des absoluten Geistes ist; aber eine Mit-
       telmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des Absoluten
       ausgibt, ist  selbst ins  Maßlose verfallen, nämlich in eine maß-
       lose Prätension. Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begrei-
       fen, wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus
       Empiricus, wie  nach Hegel  die meistenteils  bodenlos  dürftigen
       Versuche neuerer Philosophen ans Tageslicht treten konnten.
       Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht
       ganzer Feldherrn.  Sie glauben durch Vermindrung der Streitkräfte
       den Schaden  wiederherstellen  zu  können,  durch  Zersplittrung,
       durch einen  Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während
       Themistokles, als  Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es
       vollends zu verlassen und zur See, auf einem andern Elemente, ein
       neues Athen zu gründen.
       Auch dürfen  wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata-
       strophen folgt,  eine eiserne  ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe
       sie bezeichnen,  bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahr-
       hunderten großer  Kunstepochen gleicht.  Diese beschäftigen sich,
       in Wachs,  Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Mar-
       mor, ganz  wie Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus,
       hervorsprang. Titanenartig  sind aber  die Zeiten,  die einer  in
       sich totalen Philosophie und ihren subjektiven Entwicklungsformen
       folgen, denn  riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist.
       So folgt Rom auf die stoische, skeptische und epikureische Philo-
       sophie. Unglücklich  und eisern  sind sie,  denn ihre Götter sind
       gestorben, und  die neue  Göttin hat unmittelbar noch die dunkele
       Gestalt des  Schicksals, des  reinen Lichts  oder der reinen Fin-
       sternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch.
       Der Kern  des Unglücks aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die
       geistige Monas, in sich ersättigt, in sich selbst nach allen Sei-
       ten ideal  gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne sie fertig ge-
       worden ist, anerkennen darf. Das Glück
       -----
       1*) Lesung "aber [durch]" unsicher
       
       #217# Sechstes Heft
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       denen sie  lebendig ist.  Man darf  sich aber  [durch] 1*) diesen
       Sturm nicht irren lassen, der einer großen, einer Weltphilosophie
       folgt. Gemeine Harfen klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur,
       wenn der Sturm sie schlägt.
       Wer diese  geschichtliche Notwendigkeit  nicht einsieht,  der muß
       konsequenterweise leugnen,  daß überhaupt nach einer totalen Phi-
       losophie noch  Menschen leben  können, oder  er muß die Dialektik
       des Maßes als solche für die höchste Kategorie des sich wissenden
       Geistes halten und mit einigen unsren Meister falsch verstehenden
       Hegelianern behaupten,  daß  die    M i t t e l m ä ß i g k e i t
       die normale Erscheinung des absoluten Geistes ist; aber eine Mit-
       telmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des Absoluten
       ausgibt, ist  selbst ins  Maßlose verfallen, nämlich in eine maß-
       lose Prätension. Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begrei-
       fen, wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus
       Empiricus, wie  nach Hegel  die meistenteils  bodenlos  dürftigen
       Versuche neuerer Philosophen ans Tageslicht treten konnten.
       Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht
       ganzer Feldherrn.  Sie glauben durch Vermindrung der Streitkräfte
       den Schaden  wiederherstellen  zu  können,  durch  Zersplittrung,
       durch einen  Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während
       Themistokles, als  Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es
       vollends zu verlassen und zur See, auf einem andern Elemente, ein
       neues Athen zu gründen.
       Auch dürfen  wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata-
       strophen folgt,  eine eiserne  ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe
       sie bezeichnen,  bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahr-
       hunderten großer  Kunstepochen gleicht.  Diese beschäftigen sich,
       in Wachs,  Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Mar-
       mor, ganz  wie Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus,
       hervorsprang. Titanenartig  sind aber  die Zeiten,  die einer  in
       sich totalen Philosophie und ihren subjektiven Entwicklungsformen
       folgen, denn  riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist.
       So folgt Rom auf die stoische, skeptische und epikureische Philo-
       sophie. Unglücklich  und eisern  sind sie,  denn ihre Götter sind
       gestorben, und  die neue  Göttin hat unmittelbar noch die dunkele
       Gestalt des  Schicksals, des  reinen Lichts  oder der reinen Fin-
       sternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch.
       Der Kern  des Unglücks aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die
       geistige Monas, in sich ersättigt, in sich selbst nach allen Sei-
       ten ideal  gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne sie fertig ge-
       worden ist, anerkennen darf. Das Glück
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       1*) Lesung "aber [durch]" unsicher
       
       #218# Epikureische Philosophie
       -----
       in solchem  Unglück ist daher die subjektive Form, die Modalität,
       in welcher  die Philosophie  als subjektives  Bewußtsein sich zur
       Wirklichkeit verhält.
       So war  z.B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ih-
       rer Zeit;  so sucht  der Nachtschmetterling,  wenn die allgemeine
       Sonne untergegangen ist, das Lampenlicht des Privaten.
       Die andre  Seite, die  für den Geschichtschreiber der Philosophie
       die wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philoso-
       phie, ihre  Transsubstantiation in  Fleisch und  Blut verschieden
       ist, je  nach der  Bestimmtheit, welche  eine in  sich totale und
       konkrete Philosophie  als das  Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es
       ist zugleich  eine Erwiderung  für diejenigen,  die glauben, daß,
       weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für recht, d.h. für not-
       wendig hielt,  weil Giordano  Bruno auf  dem rauchigen  Feuer des
       Scheiterhaufens sein  Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer abstrak-
       ten Einseitigkeit  nun schließen, daß z.B. die Hegelsche Philoso-
       phie sich  selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es
       in philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus
       der bestimmten  Weise dieses  Umschlagens rückgeschlossen  werden
       kann auf  die immanente  Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen
       Charakter des Verlaufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum
       hervortrat, ist  jetzt Bestimmtheit,  was an sich seiende Negati-
       vität, Negation  geworden. Wir sehn hier gleichsam das curriculum
       vitae einer  Philosophie aufs Enge, auf die subjektive Pointe ge-
       bracht, wie  min aus  dem Tode  eines Helden  auf seine Lebensge-
       schichte schließen kann.
       Da ich  das Verhältnis  der epikureischen  Philosophie  für  eine
       solche Form  der griechischen  Philosophie halte,  mag dies  hier
       zugleich zur  Rechtfertigung dienen, wenn ich, statt aus den vor-
       hergehenden griechischen  Philosophien Momente als Bedingungen im
       Leben  der  epikureischen  Philosophie  voranzustellen,  vielmehr
       rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre ei-
       gentümliche Stellung aussprechen lasse.
       Um die  subjektive Form  der platonischen  Philosophie in einigen
       Zügen noch  weiter zu  bestimmen, will  ich einige  Ansichten des
       Herrn Professor  Baur aus seiner Schrift "Das Christliche im Pla-
       tonismus" näher  betrachten. So  erhalten wir ein Resultat, indem
       zugleich gegenseitige Ansichten bestimmter geklärt werden.
       "Das Christliche des Platonismus oder Sokrates und Christus." Von
       D.F.C. Baur. Tübingen. 1837.
       Baur sagt Seite 24:
       
       "Sokratische Philosophie  und Christentum verhalten sich demnach,
       in diesem  ihrem Ausgangspunkt betrachtet, zueinander wie Selbst-
       erkenntnis und Sündenerkenntnis."
       
       
       #219# Sechstes Heft
       -----
       in solchem  Unglück ist daher die subjektive Form, die Modalität,
       in welcher  die Philosophie  als subjektives  Bewußtsein sich zur
       Wirklichkeit verhält.
       So war  z.B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ih-
       rer Zeit;  so sucht  der Nachtschmetterling,  wenn die allgemeine
       Sonne untergegangen ist, das Lampenlicht des Privaten.
       Die andre  Seite, die  für den Geschichtschreiber der Philosophie
       die wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philoso-
       phie, ihre  Transsubstantiation in  Fleisch und  Blut verschieden
       ist, je  nach der  Bestimmtheit, welche  eine in  sich totale und
       konkrete Philosophie  als das  Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es
       ist zugleich  eine Erwiderung  für diejenigen,  die glauben, daß,
       weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für recht, d.h. für not-
       wendig hielt,  weil Giordano  Bruno auf  dem rauchigen  Feuer des
       Scheiterhaufens sein  Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer abstrak-
       ten Einseitigkeit  nun schließen, daß z.B. die Hegelsche Philoso-
       phie sich  selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es
       in philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus
       der bestimmten  Weise dieses  Umschlagens rückgeschlossen  werden
       kann auf  die immanente  Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen
       Charakter des Verlaufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum
       hervortrat, ist  jetzt Bestimmtheit,  was an sich seiende Negati-
       vität, Negation  geworden. Wir sehn hier gleichsam das curriculum
       vitae einer  Philosophie aufs Enge, auf die subjektive Pointe ge-
       bracht, wie  man aus  dem Tode  eines Helden  auf seine Lebensge-
       schichte schließen kann.
       Da ich das Verhältnis der epikureischen Philosophie für eine sol-
       che Form  der  griechischen  Philosophie  halte,  mag  dies  hier
       zugleich zur  Rechtfertigung dienen, wenn ich, statt aus den vor-
       hergehenden griechischen  Philosophien Momente als Bedingungen im
       Leben  der  epikureischen  Philosophie  voranzustellen,  vielmehr
       rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre ei-
       gentümliche Stellung aussprechen lasse.
       Um die  subjektive Form  der platonischen  Philosophie in einigen
       Zügen noch  weiter zu  bestimmen, will  ich einige  Ansichten des
       Herrn Professor  Baur aus seiner Schrift "Das Christliche im Pla-
       tonismus" näher  betrachten. So  erhalten wir ein Resultat, indem
       zugleich gegenseitige Ansichten bestimmter geklärt werden.
       "Das Christliche des Platonismus oder Sokrates und Christus." Von
       D.F.C. Baur. Tübingen. 1837.
       Baur sagt Seite 24:
       
       "Sokratische Philosophie  und Christentum verhalten sich demnach,
       in diesem  ihrem Ausgangspunkt betrachtet, zueinander wie Selbst-
       erkenntnis und Sündenerkenntnis."
       
       #220# Epikureische Philosophie
       -----
       Es scheint  uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Chri-
       stus, so  dargestellt 1*),  grade das  Gegenteil von dem beweise,
       was bewiesen  werden soll,  nämlich das  Gegenteil einer Analogie
       zwischen Sokrates  und Christus.  Selbsterkenntnis und  Sündener-
       kenntnis verhalten sich allerdings wie Allgemeines und Besondres,
       nämlich wie  Philosophie und  Religion. Diese  Stellung hat jeder
       Philosoph, gehöre  er der alten oder neuen Zeit an. Das wäre eher
       die ewige  Trennung beider  Gebiete als  ihre Einheit, allerdings
       auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung eines Einen.
       Das hieße  weiter nichts, als der Philosoph Sokrates verhält sich
       zu Christus,  wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der Religion
       verhält. Wird  nun gar  eine Ähnlichkeit,  eine Analogie zwischen
       der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein-
       gebracht, so  heißt dies  nur den Widerspruch, nicht die Analogie
       auf die Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auf-
       faßt und wie sie mit Hegel aufgefaßt werden muß, nämlich die dia-
       lektische Falle,  wodurch der  gemeine Menschenverstand  nicht in
       wohlbehäbiges Besserwissen,  sondern in  die ihm selbst immanente
       Wahrheit aus  seiner buntscheckigen  Verknöcherung hineingestürzt
       wird, diese  Ironie ist  nichts als die Form der Philosophie, wie
       sie subjektiv  zum gemeinen  Bewußtsein sich  verhält. Daß sie in
       Sokrates die  Form eines  ironischen Menschen,  Weisen hat, folgt
       aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philoso-
       phie zur  Wirklichkeit; bei uns ist die Ironie in Fr. v. Schlegel
       als allgemeine immanente Formel gleichsam als Philosophie gelehrt
       worden. Aber  der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebensogut He-
       raklit, der  auch den gemeinen Menschenverstand nicht nur verach-
       tet, sondern  haßt, ist  selbst Thales, der lehrt, alles sei Was-
       ser, während  jeder Grieche  wußte, daß er vom Wasser nicht leben
       könnte, ist  Fichte mit  seinem weltschöpferischen  Ich,  während
       selbst Nicolai  einsah, daß er keine Welt schaffen könne, ist je-
       der Philosoph,  der die Immanenz gegen die empirische Person gel-
       tend macht, ein Ironiker.
       In der  Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das
       Subjekt, das  begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, son-
       dern selbst  dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches
       aus der Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person.
       Ist also  hier eine  Analogie zwischen  Sokrates und Christus, so
       wäre es  die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Chri-
       stus die personifizierte Religion ist. Allein von einem allgemei-
       nen Verhältnis zwischen Philosophie
       -----
       1*) Nach "dargestellt"  gestrichen: schon in der Wurzel eine ganz
       beliebige, ganz  äußerliche Beziehung  sei. Sie deutet allerdings
       auf einen richtigen Unterschied, aber auf keine Gleichheit
       
       #221# Sechstes Heft
       -----
       Es scheint  uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Chri-
       stus, so  dargestellt 1*),  grade das  Gegenteil von dem beweise,
       was bewiesen  werden soll,  nämlich das  Gegenteil einer Analogie
       zwischen Sokrates  und Christus.  Selbsterkenntnis und  Sündener-
       kenntnis verhalten sich allerdings wie Allgemeines und Besondres,
       nämlich wie  Philosophie und  Religion. Diese  Stellung hat jeder
       Philosoph, gehöre  er der alten oder neuen Zeit an. Das wäre eher
       die ewige  Trennung beider  Gebiete als  ihre Einheit, allerdings
       auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung eines Einen.
       Das hieße  weiter nichts, als der Philosoph Sokrates verhält sich
       zu Christus,  wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der Religion
       verhält. Wird  nun gar  eine Ähnlichkeit,  eine Analogie zwischen
       der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein-
       gebracht, so  heißt dies  nur den Widerspruch, nicht die Analogie
       auf die Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auf-
       faßt und wie sie mit Hegel aufgefaßt werden muß, nämlich die dia-
       lektische Falle,  wodurch der  gemeine Menschenverstand  nicht in
       wohlbehäbiges Besserwissen,  sondern in  die ihm selbst immanente
       Wahrheit aus  seiner buntscheckigen  Verknöcherung hineingestürzt
       wird, diese  Ironie ist  nichts als  die Form der Philosophie wie
       sie subjektiv  zum gemeinen  Bewußtsein sich  verhält. Daß sie in
       Sokrates die  Form eines  ironischen Menschen,  Weisen hat, folgt
       aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philoso-
       phie zur  Wirklichkeit; bei uns ist die Ironie in Fr. v. Schlegel
       als allgemeine  immanente Formel,  gleichsam als  Philosophie ge-
       lehrt worden.  Aber der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebenso-
       gut Heraklit,  der auch  den gemeinen  Menschenverstand nicht nur
       verachtet, sondern  haßt, ist selbst Thales, der lehrt, alles sei
       Wasser, während  jeder Grieche wußte, daß er vom Wasser nicht le-
       ben könnte, ist Fichte mit seinem weltschöpferischen Ich, während
       selbst Nicolai  einsah, daß er keine Welt schaffen könne, ist je-
       der Philosoph,  der die Immanenz gegen die empirische Person gel-
       tend macht, ein Ironiker.
       In der  Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das
       Subjekt, das  begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, son-
       dern selbst  dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches
       aus der Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person.
       Ist also  hier eine  Analogie zwischen  Sokrates und Christus, so
       wäre es  die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Chri-
       stus die personifizierte Religion ist. Allein von einem allgemei-
       nen Verhältnis zwischen Philosophie
       -----
       1*) Nach "dargestellt"  gestrichen: schon in der Wurzel eine ganz
       beliebige, ganz  äußerliche Beziehung  sei. Sie deutet allerdings
       auf einen richtigen Unterschied, aber auf keine Gleichheit
       
       #222# Epikureische Philosophie
       -----
       und Religion  handelt es  sich hier  nicht, sondern die Frage ist
       vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporier-
       ten Religion  verhalte. Daß  sie sich  zueinander verhalten,  ist
       eine sehr  vage Wahrheit  oder vielmehr  die allgemeine Bedingung
       der Frage,  nicht der besondre Grund der Antwort. Wie nun in die-
       sem Streben,  Christliches in Sokrates nachzuweisen, das Verhält-
       nis der  voranstehenden Persönlichkeiten,  Christus und Sokrates,
       nicht weiter  bestimmt wird  als zum Verhältnis eines Philosophen
       zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so bricht dieselbe Leer-
       heit hervor,  wenn die allgemeine sittliche Gliederung der sokra-
       tischen Idee,  der platonische Staat, mit der allgemeinen Gliede-
       rung der  Idee und  1*) Christus  als historische  Individualität
       vornehmlich mit der Kirche in Beziehung gebracht wird. 2*)
       Wenn der  Hegelsche Ausspruch,  den Baur akzeptiert, richtig ist,
       daß Plato  die griechische Substantialität gegen das einbrechende
       Prinzip der Subjektivität in seiner Republik geltend machte [24],
       so steht  ja grade  Plato Christus  schnurstracks  gegenüber,  da
       Christus dies  Moment der  Subjektivität  gegen  den  bestehenden
       Staat geltend machte, den er als ein nur Weltliches und so Unhei-
       liges bezeichnete.  Daß die platonische Republik ein Ideal blieb,
       die christliche  Kirche Realität  erlangte, war  noch  nicht  der
       wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platoni-
       sche Idee  der Realität  nachfolgte, während  die christliche ihr
       voranging.
       Überhaupt hieße  es denn viel richtiger, daß platonische Elemente
       im Christentum,  als christliche  im Plato sich finden, besonders
       da die  ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der plato-
       nischen Philosophie hervorgingen, z.B. Origenes, Herennius. Wich-
       tig in  philosophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Re-
       publik der  erste Stand  der Stand der Wissenden oder Weisen ist.
       Ebenso verhält  es sich  mit dem  Verhältnisse  der  platonischen
       Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit dem Verhältnis der pla-
       tonischen Wiedererinnerung  zur christlichen  Erneuerung des Men-
       schen zu  seinem ursprünglichen  Bilde (S.  40), mit dem platoni-
       schen Fall  der Seelen  und dem  christlichen Sündenfall (S. 43),
       Mythus von der Präexistenz der Seele.
       Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein.
       Platonische Seelenwandrung. Zusammenhang mit den Gestirnen.
       Baur sagt Seite 83:
       
       "Es gibt  keine andere  Philosophie des Altertums, in welcher die
       Philosophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion
       an sich trägt."
       -----
       1*) In der  Handschrift: die  - 2*) daran schließt sich folgender
       durch mehrere Vertikalstriche getilgter Absatz: Sogleich wird der
       wichtige Umstand  übersehn, daß  Platos Republik  ein von ihm er-
       zeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Ver-
       schiednes ist.
       
       #223# Sechstes Heft
       -----
       und Religion  handelt es  sich hier  nicht, sondern die Frage ist
       vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporier-
       ten Religion  verhalte. Daß  sie sich  zueinander verhalten,  ist
       eine sehr  vage Wahrheit  oder vielmehr  die allgemeine Bedingung
       der Frage,  nicht der besondre Grund der Antwort. Wie nun in die-
       sem Streben,  Christliches in Sokrates nachzuweisen, das Verhält-
       nis der  voranstehenden Persönlichkeiten,  Christus und Sokrates,
       nicht weiter  bestimmt wird  als zum Verhältnis eines Philosophen
       zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so bricht dieselbe Leer-
       heit hervor,  wenn die allgemeine sittliche Gliederung der sokra-
       tischen Idee,  der platonische Staat, mit der allgemeinen Gliede-
       rung der  Idee und  1*) Christus  als historische  Individualität
       vornehmlich mit der Kirche in Beziehung gebracht wird. 2*)
       Wenn der  Hegelsche Ausspruch,  den Baur akzeptiert, richtig ist,
       daß Plato  die griechische Substantialität gegen das einbrechende
       Prinzip der Subjektivität in seiner Republik geltend machte [24],
       so steht  ja grade  Plato Christus  schnurstracks  gegenüber,  da
       Christus dies  Moment der  Subjektivität  gegen  den  bestehenden
       Staat geltend machte, den er als ein nur Weltliches und so Unhei-
       liges bezeichnete.  Daß die platonische Republik ein Ideal blieb,
       die christliche  Kirche Realität  erlangte, war  noch  nicht  der
       wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platoni-
       sche Idee  der Realität  nachfolgte, während  die christliche ihr
       voranging.
       Überhaupt hieße  es denn viel richtiger, daß platonische Elemente
       im Christentum,  als christliche  im Plato sich finden, besonders
       da die  ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der plato-
       nischen Philosophie hervorgingen, z.B. Origenes, Herennius. Wich-
       tig in  philosophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Re-
       publik der  erste Stand  der Stand der Wissenden oder Weisen ist.
       Ebenso verhält  es sich  mit dem  Verhältnisse  der  platonischen
       Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit dem Verhältnis der pla-
       tonischen Wiedererinnerung  zur christlichen  Erneuerung des Men-
       schen zu  seinem ursprünglichen  Bilde (S.  40), mit dem platoni-
       schen Fall  der Seelen  und dem  christlichen Sündenfall (S. 43),
       Mythus von der Präexistenz der Seele.
       Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein.
       Platonische Seelenwandrung. Zusammenhang mit den Gestirnen.
       Baur sagt Seite 83:
       
       "Es gibt  keine andere  Philosophie des Altertums, in welcher die
       Philosophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion
       an sich trägt."
       -----
       1*) In der  Handschrift: die  - 2*) daran schließt sich folgender
       durch mehrere Vertikalstriche getilgter Absatz: Sogleich wird der
       wichtige Umstand  übersehn, daß  Platos Republik  ein von ihm er-
       zeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Ver-
       schiednes ist.
       
       #224# Epikureische Philosophie
       -----
       Dies soll auch daraus hervorgehn, daß Plato die "Aufgabe der Phi-
       losophie" (S. 86) bestimmt als eine ?????, ????????, ???????? der
       Seele vom Leibe, als ein Sterben und ein ??????? ???????????.
       
       "Daß diese  erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der
       Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des
       Platonismus [...]." S. 89.
       
       Einerseits könnte  man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine
       Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich
       trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß
       kein Philosoph  die Philosophie  mit mehr  religiöser Begeistrung
       gelehrt habe,  daß keinem  die Philosophie  mehr die Bestimmtheit
       und die  Form gleichsam eines religiösen Kultus hatte. Den inten-
       sivren Philosophen,  wie Aristoteles,  Spinoza, Hegel,  hatte ihr
       Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger in das empirische Ge-
       fühl versenkte  Form, aber  deswegen ist die Begeistrung des Ari-
       stoteles, wenn  er die  ?????? als  das  Beste,  ??  ???????  ???
       ???????, preist  oder wenn  er die  Vernunft der Natur in der Ab-
       handlung ???? ??? ?????? ?????? [11] bewundert, darum ist die Be-
       geistrung Spinozas, wenn er von der Betrachtung sub specie aeter-
       nitatis, von  der Liebe  Gottes oder  der libertas mentis humanae
       spricht, darum ist die Begeistrung Hegels, wenn er die ewige Ver-
       wirklichung der  Idee, den großartigen Organismus des Geisteruni-
       versums entwickelt, gediegner, wärmer, dem allgemeiner gebildeten
       Geist wohltuender, darum ist jene Begeistrung zur Ekstase als ih-
       rer höchsten  Spitze, diese  zum reinen idealen Feuer der Wissen-
       schaft fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche einzelner
       Gemüter, diese  der beseelende  Spiritus weltgeschichtlicher Ent-
       wicklungen.
       Kann man  daher auch einerseits zugeben, daß grade in der christ-
       lichen Religion  als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung
       mehr Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie
       sich finden  müssen als  an die andrer alter Philosophien, so muß
       umgekehrt aus demselben Grunde ebensogut behauptet werden, daß in
       keiner Philosophie  der Gegensatz  des Religiösen und Philosophi-
       schen sich  deutlicher aussprechen  könne, weil hier die Philoso-
       phie in der Bestimmung der Religion, dort die Religion in der Be-
       stimmung der Philosophie erscheint.
       Ferner, die  Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc.
       beweisen gar  nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ih-
       rer empirischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Reli-
       gion wäre nur der Mangel
       
       #225# Sechstes Heft
       -----
       Dies soll auch daraus hervorgehn, daß Plato die "Aufgabe der Phi-
       losophie" (S. 86) bestimmt als eine ?????, ????????, ???????? 1*)
       der Seele  vom Leibe, als ein Sterben und ein ??????? ???????????
       2*).
       
       "Daß diese  erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der
       Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des
       Platonismus [...]." S. 89.
       
       Einerseits könnte  man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine
       Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich
       trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß
       kein Philosoph  die Philosophie  mit mehr  religiöser Begeistrung
       gelehrt habe,  daß keinem  die Philosophie  mehr die Bestimmtheit
       und die  Form gleichsam eines religiösen Kultus hatte. Den inten-
       sivren Philosophen,  wie Aristoteles,  Spinoza, Hegel,  hatte ihr
       Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger in das empirische Ge-
       fühl versenkte  Form, aber  deswegen ist die Begeistrung des Ari-
       stoteles, wenn  er die  ?????? 3*)  als das Beste, ?? ??????? ???
       ??????? 4*),  preist, oder  wenn er die Vernunft der Natur in der
       Abhandlung ????  ??? ??????  ?????? 5*) [11] bewundert, darum ist
       die Begeistrung  Spinozas, wenn er von der Betrachtung sub specie
       aeternitatis 6*),  von der  Liebe Gottes oder der libertas mentis
       humanae 7*)  spricht, darum  ist die  Begeistrung Hegels, wenn er
       die ewige Verwirklichung der Idee, den großartigen Organismus des
       Geisteruniversums entwickelt,  gediegner, wärmer, dem allgemeiner
       gebildeten Geist  wohltuender, darum ist jene Begeistrung zur Ek-
       stase als  ihrer höchsten  Spitze, diese zum reinen idealen Feuer
       der Wissenschaft fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche
       einzelner Gemüter, diese der beseelende Spiritus weltgeschichtli-
       cher Entwicklungen.
       Kann man  daher auch einerseits zugeben, daß grade in der christ-
       lichen Religion  als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung
       mehr Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie
       sich finden  müssen als  an die andrer alter Philosophien, so muß
       umgekehrt aus demselben Grunde ebensogut behauptet werden, daß in
       keiner Philosophie  der Gegensatz  des Religiösen und Philosophi-
       schen sich  deutlicher aussprechen  könne, weil hier die Philoso-
       phie in der Bestimmung der Religion, dort die Religion in der Be-
       stimmung der Philosophie erscheint.
       Ferner, die  Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc.
       beweisen gar  nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ih-
       rer empirischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Reli-
       gion wäre nur der Mangel
       -----
       1*) (lysis, apallage, chorismos) Erlösung, Befreiung, Absonderung
       - 2 (meletan  apothneskein) Trachten nach dem Tod - 3*) (theoria)
       theoretische Erkenntnis - 4*) (to hediston kai ariston) das Ange-
       nehmste und  Beste - 5*) (peri tes physeos zoikes) Über die Natur
       der Tiere  - 6*) unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit - 7*) Frei-
       heit des menschlichen Geistes
       
       #226# Epikureische Philosophie
       -----
       an Philosophie,  nämlich dies  als die Aufgabe der Philosophie zu
       betrachten, während  es bloß  die Bedingung zur Lösung derselben,
       bloß der Anfang des Anfangs ist.
       Endlich ist  es kein  Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er
       diese erlösende  Kraft in  letzter Beziehung  der Philosophie zu-
       schreibt, sondern  es ist  die Einseitigkeit, welche ihn zu einem
       Philosophen und keinem Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einsei-
       tigkeit der  platonischen Philosophie,  sondern das,  wodurch sie
       einzig und  allein Philosophie  ist. Es  ist das,  wodurch er die
       eben gerügte  Formel von einer Aufgabe der Philosophie, die nicht
       sie selbst wäre, wieder aufhebt.
       
       "Hierin also,  in dem  Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten
       eine von  der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive]
       Grundlage zu  geben, liegt  auch der  Grund, warum  Plato  gerade
       dann, wenn er Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-re-
       ligiöse Interesse  haben, sie  zugleich auch  in mythischer  Form
       darstellt." S. 94.
       
       Ob wohl  auf diese Weise irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese
       Antwort nicht  inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses
       Grundes? Es  fragt sich  nämlich, wie kommt es, daß Plato das Be-
       streben fühlte,  dem durch  Philosophie Erkannten  eine positive,
       zunächst mythische  Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist
       das Verwunderungswürdigste, was von einem Philosophen gesagt wer-
       den kann,  wenn er  die objektive  Gewalt nicht in seinem Systeme
       selbst, in  der ewigen  Macht der  Idee findet. Aristoteles nennt
       daher das Mythologisieren Kenologisieren. [25]
       Äußerlich kann  man die  Antwort hierauf  in der subjektiven Form
       des platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in
       der Ironie.  Was Ausspruch  eines Individuums ist und als solcher
       sich geltend macht, im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen,
       das bedarf  eines Halts, wodurch die subjektive Gewißheit zur ob-
       jektiven Wahrheit wird.
       Allein es  fragt sich  weiter, warum  dies Mythologisieren in den
       Dialogen sich  findet, die  vorzugsweise sittlich-religiöse Wahr-
       heiten entwickeln,  während der  rein metaphysische  "Parmenides"
       frei davon  ist, es fragt sich, warum die positive Grundlage eine
       mythische und ein Anlehnen an Mythen ist?
       Und hier  springt der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklun-
       gen bestimmter,  sittlicher, religiöser oder selbst naturphiloso-
       phischer Fragen,  wie im "Timäus", langt Plato nicht aus mit sei-
       ner negativen  Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend,
       alles in  den Schoß  der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle
       Kühe schwarz sind [26], zu versenken; da greift Plato zur positi-
       ven Auslegung  des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr selbst
       gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Absolute
       auf der  einen Seite,  die abgegrenzte  positive Wirklichkeit auf
       der andern
       
       #227# Sechstes Heft
       -----
       an Philosophie,  nämlich dies  als die Aufgabe der Philosophie zu
       betrachten, während  es bloß  die Bedingung zur Lösung derselben,
       bloß der Anfang des Anfangs ist.
       Endlich ist  es kein  Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er
       diese erlösende  Kraft in  letzter Beziehung  der Philosophie zu-
       schreibt, sondern  es ist  die Einseitigkeit, welche ihn zu einem
       Philosophen und keinem Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einsei-
       tigkeit der  platonischen Philosophie,  sondern das,  wodurch sie
       einzig und  allein Philosophie  ist. Es  ist das,  wodurch er die
       eben gerügte  Formel von einer Aufgabe der Philosophie, die nicht
       sie selbst wäre, wieder aufhebt.
       
       "Hierin also,  in dem  Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten
       eine von  der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive]
       Grundlage zu  geben, liegt  auch der  Grund, warum  Plato  gerade
       dann, wenn er Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-re-
       ligiöse Interesse  haben, sie  zugleich auch  in mythischer  Form
       darstellt." S. 94.
       
       Obwohl auf  diese Weise  irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese
       Antwort nicht  inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses
       Grundes? Es  fragt sich  nämlich, wie kommt es, daß Plato das Be-
       streben fühlte,  dem durch  Philosophie Erkannten  eine positive,
       zunächst mythische  Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist
       das Verwunderungswürdigste, was von einem Philosophen gesagt wer-
       den kann,  wenn er  die objektive  Gewalt nicht in seinem Systeme
       selbst, in  der ewigen  Macht der  Idee findet. Aristoteles nennt
       daher das Mythologisieren Kenologisieren. [25]
       Äußerlich kann  man die  Antwort hierauf  in der subjektiven Form
       des platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in
       der Ironie.  Was Ausspruch  eines Individuums ist und als solcher
       sich geltend macht, im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen,
       das bedarf  eines Halts, wodurch die subjektive Gewißheit zur ob-
       jektiven Wahrheit wird.
       Allein es  fragt sich  weiter, warum  dies Mythologisieren in den
       Dialogen sich  findet, die  vorzugsweise sittlich-religiöse Wahr-
       heiten entwickeln,  während der  rein metaphysische  "Parmenides"
       frei davon  ist, es fragt sich, warum die positive Grundlage eine
       mythische und ein Anlehnen an Mythen ist?
       Und hier  springt der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklun-
       gen bestimmter,  sittlicher, religiöser oder selbst naturphiloso-
       phischer Fragen,  wie im "Timäus", langt Plato nicht aus mit sei-
       ner negativen  Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend,
       alles in  den Schoß  der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle
       Kühe schwarz sind [26], zu versenken; da greift Plato zur positi-
       ven Auslegung  des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr selbst
       gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Absolute
       auf der  einen Seite,  die abgegrenzte  positive Wirklichkeit auf
       der andern
       
       #228# Epikureische Philosophie
       -----
       steht und  das Positive  dennoch erhalten werden soll, da wird es
       zum Medium,  wodurch das  absolute Licht  scheint, da bricht sich
       das absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endli-
       che, Positive deutet ein andres als sich selbst, hat in sich eine
       Seele, der  diese Verpuppung  wunderbar ist;  die ganze  Welt ist
       eine Welt  der Mythen geworden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch
       in neuster  Zeit ist  dies wiedergekehrt, durch ein ähnliches Ge-
       setz bedingt.
       Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegori-
       sches Gewand  ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie
       der Transzendenz,  einer Transzendenz,  die zugleich  wesentliche
       Beziehung auf  die Immanenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zer-
       schneidet. Hier  ist also  allerdings Verwandtschaft platonischer
       Philosophie, wie  mit jeder  positiven Religion,  so vorzugsweise
       mit der  christlichen, die  die vollendete  Philosophie der Tran-
       szendenz ist.  Hier ist  also auch  einer der Gesichtspunkte, aus
       denen eine  tiefere Anknüpfung  des historischen  Christentums an
       die Geschichte  der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann.
       Mit dieser  positiven Auslegung  des Absoluten hängt es zusammen,
       daß dem Plato ein Individuum als solches, Sokrates 1*), der Spie-
       gel, gleichsam der Mythus der Weisheit war, daß er ihn den Philo-
       soph des  Todes und  der Liebe nennt. Damit ist nicht gesagt, daß
       Plato den  historischen Sokrates  aufhob; die  positive Auslegung
       des Absoluten  hängt zusammen  mit dem  subjektiven Charakter der
       griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen.
       Tod und  Liebe sind  die Mythe  von der negativen Dialektik, denn
       die Dialektik  ist das  innre einfache  Licht, das durchdringende
       Auge der  Liebe, die  innre Seele,  die nicht erdrückt wird durch
       den Leib  der materialischen  Zerspaltung, der innre Ort des Gei-
       stes. Der Mythus von ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist
       auch der  reißende Strom,  der die  Vielen und  ihre Grenze  zer-
       bricht, der  die selbständigen Gestalten umwirft, alles hinabsen-
       kend in  das eine Meer der Ewigkeit. Der Mythus von ihr ist daher
       der Tod.
       Sie ist  so der  Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit,
       der Entfaltung  in den  Gärten des  Geistes, das  Schäumen in den
       sprudelnden Becher  von punktuellen  Samen, aus welchen die Blume
       des einen  Geistesfeuers hervorsprießt.  Plotinus nennt sie daher
       das Mittel zur ??????? der Seele, zur unmittelbaren Vereinung mit
       Gott [27],  ein Ausdruck,  in dem  beides und zugleich die ??????
       des Aristoteles  mit der  Dialektik des  Plato vereint  sind. Wie
       aber diese Bestimmungen in Plato und Aristoteles gleichsam
       -----
       1*) In der  Handschrift nach  "Sokrates" eine Lücke von etwa drei
       Zeilen
       
       #229# Sechstes Heft
       -----
       steht und  das Positive  dennoch erhalten werden soll, da wird es
       zum Medium,  wodurch das  absolute Licht  scheint, da bricht sich
       das absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endli-
       che, Positive deutet ein andres als sich selbst, hat in sich eine
       Seele, der  diese Verpuppung  wunderbar ist;  die ganze  Welt ist
       eine Welt  der Mythen geworden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch
       in neuster  Zeit ist  dies wiedergekehrt, durch ein ähnliches Ge-
       setz bedingt.
       Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegori-
       sches Gewand  ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie
       der Transzendenz,  einer Transzendenz,  die zugleich  wesentliche
       Beziehung auf  die Immanenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zer-
       schneidet. Hier  ist also  allerdings Verwandtschaft platonischer
       Philosophie, wie  mit jeder  positiven Religion,  so vorzugsweise
       mit der  christlichen, die  die vollendete  Philosophie der Tran-
       szendenz ist.  Hier ist  also auch  einer der Gesichtspunkte, aus
       denen eine  tiefere Anknüpfung  des historischen  Christentums an
       die Geschichte  der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann.
       Mit dieser  positiven Auslegung  des Absoluten hängt es zusammen,
       daß dem Plato ein Individuum als solches, Sokrates 1*), der Spie-
       gel, gleichsam der Mythus der Weisheit war, daß er ihn den Philo-
       soph des  Todes und  der Liebe nennt. Damit ist nicht gesagt, daß
       Plato den  historischen Sokrates  aufhob; die  positive Auslegung
       des Absoluten  hängt zusammen  mit dem  subjektiven Charakter der
       griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen.
       Tod und  Liebe sind  die Mythe  von der negativen Dialektik, denn
       die Dialektik  ist das  innre einfache  Licht, das durchdringende
       Auge der  Liebe, die  innre Seele,  die nicht erdrückt wird durch
       den Leib  der materialischen  Zerspaltung, der innre Ort des Gei-
       stes. Der Mythus von ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist
       auch der  reißende Strom,  der die  Vielen und  ihre Grenze  zer-
       bricht, der  die selbständigen Gestalten umwirft, alles hinabsen-
       kend in  das eine Meer der Ewigkeit. Der Mythus von ihr ist daher
       der Tod.
       Sie ist  so der  Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit,
       der Entfaltung  in den  Gärten des  Geistes, das  Schäumen in den
       sprudelnden Becher  von punktuellen  Samen, aus welchen die Blume
       des einen  Geistesfeuers hervorsprießt.  Plotinus nennt sie daher
       das Mittel zur ??????? 2*) der Seele, zur unmittelbaren Vereinung
       mit Gott  [27], ein  Ausdruck, in  dem beides  und zugleich die -
       ?????? 3*)  des Aristoteles  mit der  Dialektik des Plato vereint
       sind. Wie  aber  diese  Bestimmungen  in  Plato  und  Aristoteles
       gleichsam
       -----
       1*) In der  Handschrift nach  "Sokrates" eine Lücke von etwa drei
       Zeilen -  2*) (haplosis)  Einfachmachen - 3*) (theoria) theoreti-
       sche Erkenntnis
       
       #230# Epikureische Philosophie
       -----
       prädeterminiert, nicht  aus immanenter  Notwendigkeit  entwickelt
       sind, so  erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Be-
       wußtsein bei Plotin als Zustand, der Zustand der  E k s t a s e.
       Ritter (in seiner "Geschichte der Philosophie alter Zeit", Erster
       Teil, Hamburg 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen
       Schöntuerei über  den Demokrit  und Leukipp,  überhaupt über  die
       atomistische Lehre  (später ebenso  über den  Protagoras, Gorgias
       etc.). Es  ist nichts  leichter, als den Genuß seiner moralischen
       Vortrefflichkeit sich an jedem Stoffe zu geben; am leichtesten an
       den Toten.  Selbst Demokrits   V i e l w i s s e n  wird zu einem
       moralischen Vorwurf (S. 563), es wird davon gesprochen,
       
       "wie grell  der höhre, Begeisterung  h e u c h e l n d e  Schwung
       der Rede  gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner Ansicht des
       Lebens und der Welt zugrunde liegt, abstechen mußte" 1*). S. 564.
       
       Das soll  doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll grade
       die Gesinnung  der Ansicht  und nicht  vielmehr umgekehrt die be-
       stimmte Weise  der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde
       gelegen haben?  Das letztere  Prinzip ist nicht nur historischer,
       sondern auch  das einzige,  wodurch die Betrachtung der Gesinnung
       eines Philosophen  Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen
       darf. -  Wir sehn  da, was als System sich uns auseinandergelegt,
       in der  Gestalt geistiger  Persönlichkeit, wir sehn gleichsam den
       Demiurgos lebendig in der Mitte seiner Welt stehn.
       
       "Von gleichem  Gehalt ist  auch der Grund des Demokritos, daß ein
       Ursprüngliches, Ungewordnes  angenommen werden  müsse,  denn  die
       Zeit und  das Unendliche  seien ungeworden,  so daß,  nach  ihrem
       Grunde zu  fragen, heißen  würde, den  Anfang des Unendlichen su-
       chen. Man  kann hierin  nur ein  sophistisches Abweisen der Frage
       nach dem ersten Grunde aller Erscheinungen erblicken." S. 567.
       
       Ich kann  in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abwei-
       sen der  Frage nach  dem Grund  dieser demokritischen  Bestimmung
       erblicken; das  Unendliche ist  im Atom  als Prinzip gesetzt, das
       liegt in  dessen Bestimmung.  Nach einem  Grund derselben fragen,
       würde 2*) allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben.
       
       "Nur eine physische Beschaffenheit legte Demokrit den Atomen bei,
       die  S c h w e r e  1*) ..... Man kann auch hierin das mathemati-
       sche Interesse  wiedererkennen, welches die Anwendbarkeit der Ma-
       thematik auf  die Berechnung  des Gewichts  zu retten  sucht." S.
       568.
       -----
       1*) Hervorhebungen von Marx - 2*) in der Handschrift: wäre
       
       #231# Sechstes Heft
       -----
       prädeterminiert, nicht  aus immanenter  Notwendigkeit  entwickelt
       sind, so  erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Be-
       wußtsein bei Plotin als Zustand, der Zustand der  E k s t a s e.
       Ritter (in seiner "Geschichte der Philosophie alter Zeit", Erster
       Teil, Hamburg 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen
       Schöntuerei über  den Demokrit  und Leukipp,  überhaupt über  die
       atomistische Lehre  (später ebenso  über den  Protagoras, Gorgias
       etc.). Es  ist nichts  leichter, als den Genuß seiner moralischen
       Vortrefflichkeit sich an jedem Stoffe zu geben; am leichtesten an
       den Toten.  Selbst Demokrits   V i e l w i s s e n  wird zu einem
       moralischen Vorwurf (S. 563), es wird davon gesprochen,
       
       "wie grell  der höhre, Begeisterung  h e u c h e l n d e  Schwung
       der Rede  gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner Ansicht des
       Lebens und der Welt zugrunde liegt, abstechen mußte" 1*). S. 564.
       
       Das soll  doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll grade
       die Gesinnung  der Ansicht  und nicht  vielmehr umgekehrt die be-
       stimmte Weise  der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde
       gelegen haben?  Das letztere  Prinzip ist nicht nur historischer,
       sondern auch  das einzige,  wodurch die Betrachtung der Gesinnung
       eines Philosophen  Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen
       darf. -  Wir sehn  da, was als System sich uns auseinandergelegt,
       in der  Gestalt geistiger  Persönlichkeit, wir sehn gleichsam den
       Demiurgos lebendig in der Mitte seiner Welt stehn.
       
       "Von gleichem  Gehalt ist  auch der Grund des Demokritos, daß ein
       Ursprüngliches, Ungewordnes  angenommen werden  müsse,  denn  die
       Zeit und  das Unendliche  seien ungeworden,  so daß,  nach  ihrem
       Grunde zu  fragen, heißen  würde, den  Anfang des Unendlichen su-
       chen. Man  kann hierin  nur ein  sophistisches Abweisen der Frage
       nach dem ersten Grunde aller Erscheinungen erblicken." S. 567.
       
       Ich kann  in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abwei-
       sen der  Frage nach  dem Grund  dieser demokritischen  Bestimmung
       erblicken; das  Unendliche ist  im Atom  als Prinzip gesetzt, das
       liegt in  dessen Bestimmung.  Nach einem  Grund derselben fragen,
       würde 2*) allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben.
       
       "Nur eine physische Beschaffenheit legte Demokrit den Atomen bei,
       die  S c h w e r e  1*) ..... Man kann auch hierin das mathemati-
       sche Interesse  wiedererkennen, welches die Anwendbarkeit der Ma-
       thematik auf  die Berechnung  des Gewichts  zu retten  sucht." S.
       568.
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       1*) Hervorhebungen von Marx - 2*) in der Handschrift: wäre
       
       #232# Epikureische Philosophie
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       "Daher leiteten  die Atomisten  die Bewegung auch von der Notwen-
       digkeit ab,  indem sie  sich diese  als die Grundlosigkeit der in
       das Unbestimmte zurückgehenden Bewegung dachten." S. 570.
       
       [IX, 19]  "Demokrit aber  behauptet, daß  gewisse ?????? den Men-
       schen sich  nahen (begegnen);  von diesen seien einige wohltuend,
       andre schädlich  einwirkend"; ?????  ??? ???????  ???????  ??????
       ??????? ?????  ?? ?????  ?????? ?? ??? ??????????, ??? ??????????
       ???, ???  ??????? ??, ???????????? ?? ?? ???????? ???? ?????????,
       ??????????,  ???  ?????  ???????.  ????  ??????  ?????  ?????????
       ???????? ??  ???????, ??????????????  ???? [...] Sext. Empir. ad-
       vers. Math. S. 311 [C-]D. [lib. VIII.]
       [20] '???????????  ?? ???  ????? ?????  ????? ???????  ???? ?????
       ?????????  ??   ????  ?????????,  ???  ??  ????  ????  ???  ?????
       ????????????, ???  ??? ???  ????????. ???'  ??? ???  ??? ???? ???
       ????? ????????????,  ??? ????  ?? ????  ?????? ??????????  ??????
       ????????????? ???  ??? ????????.  [21] ????  ???,  ?????,  ??  ??
       ??????, ???'  ?????? ?????????  ? ????, ???? ??? ????? ??????????
       ?????, ????????????? ?? ??? ??????????? ?? ????????. ..........
       ??? ??????  ???, ?????,  ????????? ??  ???????? ????? ?? ????, ??
       ???' ?????? ?????? ?? ????, ??? ?????? ?????????????????. ???? ??
       ??? ??? ??? ????????. l.c. S. 311 sq. [311 E-312 A. B.]
       [25] '?????????  ?? ?? ??? ???? ???? ?????? ????????? ?????? ????
       ????????? ???????  ????????? ????. ??????? ??? ???????, ????, ???
       ????????????? ????  ???? ??????  ?????????????, ????????  ??? ???
       ????????? ????????  ????? ???????? ???? ?????????????? S. 312 [D-
       E]. l.c.
       [58] [...]  '????????? ??  ???' ??????,  ?? ??? ???? ???????????,
       ????????? ????.  ?? ??  ???? ??? ????? ??? ?????????, ???????. S.
       319 [D]. l.c.
       a) anima S. 321 [D-E], advers. Math. [lib. VIII = IX, 71-72.]
       [III, 218]  [...] '??????????? ??? ???????? ????? ??? ???? ?????,
       ??? ????????  ???????. ???????  ?? ??????,  ?????? ?? ??? ??? ???
       ???????? '?????????  ?? ???????????.  ???????? ??, ??????? ?????.
       .. [219]  ?? ...  ???????? ???  ????????, ? '????????? ????, ????
       ???? ????????  ????? ????  ??????? ????????. S. 155 [B-C]. Pyrrh.
       hypot. 1. III [, 24].
       
       
       "Dem Epikur  aber, der  die Zeit als Akzidens der Akzidenzien be-
       stimmen will  (???????? ???????????),  kann außer  vielem  andern
       entgegnet werden, daß alles, was irgendwie als Substanz sich ver-
       hält, zu  der Zahl der Substrate, der zugrunde liegenden Subjekte
       gehört; was  aber akzidentell  genannt wird, keine Konsistenz be-
       sitzt, da  es nicht getrennt ist von den Substanzen. Denn es gibt
       keinen Widerstand  (?????????) außer  dem widerstehenden  Körper,
       kein Nachgeben  (?????) (Weichen)  außer dem  Weichenden und  dem
       Leeren etc."  [advers. Math.  lib. IX.  S. 417  C-418 A = X, 219-
       221.]
       
       #233# Sechstes Heft
       -----
       "Daher leiteten  die Atomisten  die Bewegung auch von der Notwen-
       digkeit ab,  indem sie  sich diese  als die Grundlosigkeit der in
       das Unbestimmte zurückgehenden Bewegung dachten." S. 570.
       "Demokrit aber  behauptet, daß gewisse Abbilder den Menschen sich
       nahen (begegnen); von diesen seien einige wohltuend, andre schäd-
       lich einwirkend;  daher bittet  er auch,  daß ihm vernunftbegabte
       Abbilder begegnen.  Diese seien aber groß und riesenhaft und zwar
       s c h w e r   z e r s t ö r b a r,   nicht   a b e r   u n z e r-
       s t ö r b a r,   sie verkünden  den Menschen  die Zukunft,  seien
       sichtbar und geben Laute von sich. Von der Vorstellung dieser Ab-
       bilder ausgehend,  vermuteten daher  die Alten, daß es einen Gott
       gebe[...]." Sextus Empiricus. Gegen die Mathematiker. S. 311.
       "Aristoteles aber  sagte, daß  die Vorstellung von den Göttern in
       den Menschen  aus zwei  Elementen entstanden  sei, aus den seeli-
       schen Vorgängen  und aus den Himmelserscheinungen. Aus den seeli-
       schen Vorgängen  wegen der  im Schlaf entstehenden göttlichen Be-
       geisterung der  Seele und  den Weissagungen.  Denn, sagt er, wenn
       beim Schlafen die Seele selbständig wird, dann legt sie die eigne
       Natur  ab,   hat  Vorahnungen   und  sagt   die  Zukunft  voraus.
       ................
       Deswegen nun,  sagt er, haben die Menschen vermutet, daß Gott et-
       was ist,  was von sich aus der Seele ähnlich sei und das Verstän-
       digste von allem. Aber auch aus den Himmelserscheinungen." a.a.O.
       S. 311 f.
       "Epikur aber  glaubt, daß  die Menschen  die Vorstellung von Gott
       den sich  im Schlafe einstellenden Phantasievorstellungen entnom-
       men haben. Denn, sagt er, da im Schlaf große und menschenähnliche
       Abbilder erscheinen,  nahmen sie  an, daß es auch in Wirklichkeit
       irgendwelche derartige  menschenähnliche  Götter  gebe."  S.  312
       a.a.O.
       "[...] Epikur  läßt, wie  einige meinen,  was die große Masse be-
       trifft, Gott  bestehen, was aber die Natur der Dinge angeht, kei-
       neswegs." S. 319 a.a.O.
       a) Seele. S. 321. Gegen die Mathematiker.
       "[...] Aristoteles  sagte, der  Gott  sei  unkörperlich  und  die
       Grenze des  Himmels, die  Stoiker aber, er sei ein Lufthauch, der
       auch das  häßlich Aussehende  durchdringe, Epikur,  er habe  Men-
       schengestalt, Xenophanes, er sei ein empfindungsloser Ball. .....
       'das Glückselige  und Unzerstörbare',  sagt  Epikur,  'übe  weder
       selbst Tätigkeiten aus, noch gebe es andern welche auf'." S. 155.
       Pyrrhonische Hypotyposen. Buch III.
       "Dem Epikur  aber, der  die Zeit als Akzidens der Akzidenzien be-
       stimmen will (???????? ??????????? 1*)), kann außer vielem andern
       entgegnet werden, daß alles, was irgendwie als Substanz sich ver-
       hält, zu  der Zahl der Substrate, der zugrunde liegenden Subjekte
       gehört; was  aber akzidentell  genannt wird, keine Konsistenz be-
       sitzt, da  es nicht getrennt ist von den Substanzen. Denn es gibt
       keinen Widerstand  (????????? 2*))  außer dem widerstehenden Kör-
       per, kein  Nachgeben (?????  3*)) (Weichen)  außer dem Weichenden
       und dem Leeren etc." [Gegen die Mathematiker. Buch IX. S. 417.]
       -----
       1*) (symptoma symptomaton) - 2*) (antitypia) - 3*) (heixis)
       
       
       #234# Epikureische Philosophie
       -----
       [X, 240]  ???? ??? ??????? ???? ? '?????????, ?? ????? ????? ???'
       ??????????? ????????  ??? ????????, ??? ?????????? ??? ??????, ??
       ?? ?????  ??????? ???  ????? ??  ?? ?????  ?????. ......... [241]
       ???' ???  ? ??????,  ?????????? ?????  ??? ??? ??????????? ??????
       ???? ?????? ??????? ????????.
       [244] ??????  ???? ?????? ???? ??????, ? ?? '????????? ??????????
       ????? ????? ????? ??? ??????
       (unter diesen  auxcov ist  zu verstehn ?????, ???, ???????, ????,
       ?????, ??????? etc.)
       ????? ????  ??? '????????? ? ?????? ????? ?????? ????????. S. 420
       [D-E] u. 421 [A. C], advers. Math. [lib. IX.]
       
       Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe
       Gesamtausgabe, Band  14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn
       man den  objektiven Gewinn  als Maßstab  der Beurteilung  geltend
       macht [28], so ist von der andren Seite, nach welcher historische
       Erscheinungen keines solchen Lobes bedürfen, die offne, echt phi-
       losophische Konsequenz  zu  bewundern,  mit  welcher  der  ganzen
       Breite nach  die Inkonsequenzen  seines Prinzips  an sich  selbst
       ausgelegt werden.  Die Griechen  werden ewig unsre Lehrer bleiben
       wegen dieser  grandiosen  objektiven  Naivetät,  die  jede  Sache
       gleichsam ohne  Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch
       ein getrübtes Licht, leuchten läßt.
       Unsre Zeit  vor allem hat selbst in der Philosophie sündhafte Er-
       scheinungen hervorgetrieben,  behaftet mit der größten Sünde, der
       Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte Ab-
       sicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der
       Sache sich logiert.
       
       #235# Sechstes Heft
       -----
       "Deshalb zwingt  auch Epikur,  da er  sagt, man  müsse  sich  den
       K ö r p e r   denken  a l s  Z u s a m m e n s e t z u n g  v o n
       G r ö ß e   u n d    G e s t a l t,    W i d e r s t a n d    und
       Schwere, dazu,  sich den  existierenden Körper aus nicht existie-
       renden Körpern zu denken. .............. Daher müssen,
       damit die  Zeit vorhanden  sei, Akzidenzien  sein; damit aber die
       Akzidenzien vorhanden sind, muß ein zugrunde liegender Umstand da
       sein, ist  aber kein  zugrunde liegender  Umstand vorhanden, dann
       kann auch nicht die Zeit vorhanden sein."
       "Also wenn  dieses die  Zeit ist, Epikur aber sagt, ihre Akziden-
       zien seien die Zeit"
       (unter diesen  ??????  1*)  ist  zu  verstehn  ?????,  ???,  ???.
       ???????, ????, ?????, ??????? 2*) etc.)
       "dann wird nach Epikur die Zeit selbst ihr eignes Akzidens sein."
       S. 420 u. 421. Gegen die Mathematiker.
       
       Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe
       Gesamtausgabe, Band  14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn
       man den  objektiven Gewinn  als Maßstab  der Beurteilung  geltend
       macht [28], so ist von der andren Seite, nach welcher historische
       Erscheinungen keines solchen Lobes bedürfen, die offne, echt phi-
       losophische Konsequenz  zu  bewundern,  mit  welcher  der  ganzen
       Breite nach  die Inkonsequenzen  seines Prinzips  an sich  selbst
       ausgelegt werden.  Die Griechen  werden ewig unsre Lehrer bleiben
       wegen dieser  grandiosen  objektiven  Naivetät,  die  jede  Sache
       gleichsam ohne  Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch
       ein getrübtes Licht, leuchten läßt.
       Unsre Zeit  vor allem hat selbst in der Philosophie sündhafte Er-
       scheinungen hervorgetrieben,  behaftet mit der größten Sünde, der
       Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte Ab-
       sicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der
       Sache sich logiert.
       -----
       1*) (auton) ihre  - 2*) (hemera) Tag, (nyx) Nacht, (hora) Stunde,
       (kinesis) Bewegung,  (mone) Aufenthalt,  Ruhe,  (pathos)  Leiden-
       schaft, Affekt,  (apatheia) Leidenschaftslosigkeit,  Affektlosig-
       keit
       

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