Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
zurück
#236#
-----
Epikureische Philosophie
SIEBTES HEFT
Cicero
I. de natura deorum
II. Tusculanarum quaestionum libri V [29]
Cicero. De natura deorum
lib. I
C. VIII[, 18]. "Tum Vellejus, fidenter sane, ut (sc. Epicurei)
solent isti, nihil tam verens, quam ne dubitare aliqua de re vi-
deretur: tanquam modo ex deorum concilio, et ex Epicuri intermun-
diis descendisset" etc. etc.
C. XIII[, 32]. Sehr schön ist die Stelle des Antisthenes:
"in eo libro, qui physicus inscribitur, populareis deos multos,
naturalem unum esse dicens [...]."
C. XIV[, 36] heißt es vom Stoiker Zeno:
"Cum vero Hesiodi theogoniam interpretatur, tollit omnino usita-
tas, praeeeptasque cognitiones deorum: neque enim Jovem, neque
Junonem, neque Vestam, neque quemquam, qui ita appelletur, in
deorum habet numero: sed rebus inanimis, atque mutis, per quandam
significationem haec docet tributa nomina."
C. XV[, 41] heißt es von dem Stoiker Chrysippus:
"[...] in secundo autem (sc. libro de natura deorum) vult Orphei,
Musaei, Hesiodi, Homerique fabellas accommodare ad ea, quae ipse
primo librode diis immortali- bus dixerit: ut etiam veterrimi
poetae, qui haec ne suspicati quidem sint, Stoici fuisse videan-
tur."
"Quem Diogenes Babylonius consequens in eo libro, qui inscribitur
de Minerva, partum Jovis, ortumque virginis ad physiologiam tra-
ducens, dejungit a fabula."
C. XVI[, 43]. "[...] solus (sc. Epicurus) enim vidit, primum esse
deos, quod in omnium animis eorum notionem impressisset ipsa na-
tura, quae est enim gens, aut quod genus hominum, quod non habeat
sine doctrina anticipationem quandam deorum? quam
#237#
-----
Epikureische Philosophie
SIEBTES HEFT
Cicero
I. Über die Natur der Götter
II. Tuskulanische Gespräche. Fünf Bücher [29]
Cicero. Über die Natur der Götter
Buch I
Kap. VIII. "Da [sagte] Vellejus, ganz selbstsicher, wie sie
selbst (d.h. die Epikureer) es gewöhnt sind, nichts so sehr
fürchtend, als daß es scheinen könnte, er sei über etwas im Zwei-
fel, so als wäre er eben aus dem Rat der Götter und aus den In-
termundien des Epikur herabgestiegen" etc. etc.
Kap. XIII. Sehr schön ist die Stelle des Antisthenes:
"In dem Buch, das 'Über die Natur' überschrieben ist, sagt er,
Volksgötter gäbe es viele, aber nur einen natürlichen Gott
[...]."
Kap. XIV heißt es vom Stoiker Zeno:
"Wenn er aber Hesiods 'Theogonie' erklärt, hebt er die herkömmli-
chen und allgemein angenommenen Vorstellungen von den Göttern
gänzlich auf; denn weder Jupiter, noch Juno, noch Vesta, niemand,
der so genannt wird, zählt er zu den Göttern, sondern er lehrt,
diese Namen seien unbeseelten und stummen Dingen in einer gewis-
sen Bedeutung beigelegt worden."
Kap. XV heißt es von dem Stoiker Chrysippus:
"[...] Im zweiten aber (d.h. Buch über die Natur der Götter) will
er die Mythen des Orpheus, Musäus, Hesiod und Homer an das anpas-
sen, was er selbst im ersten Buch über die unsterblichen Götter
gesagt hat; damit sogar die ältesten Dichter, die dies nicht ein-
mal geahnt haben, so erscheinen, als wären sie Stoiker gewesen."
"Ihm folgend überträgt Diogenes der Babylonier in dem Buch, das
'Über Minerva' überschrieben ist, die Entbindung Jupiters und die
Geburt der jungfräulichen Göttin auf die Physiologie und trennt
sie vom Mythus."
Kap. XVI. "[...] er allein (d.h. Epikur) nämlich hat gesehen, daß
zuerst deswegen Götter sein müssen, weil die Natur selbst in die
Seelen aller den Begriff von ihnen eingeprägt habe. Denn welches
Volk oder welches Geschlecht von Menschen gibt es, das nicht
schon ohne Belehrung einen gewissen Vorbegriff von den Göttern
hätte? Diesen
#238# Epikureische Philosophie
-----
appellat ???????? Epicurus, i.e., anteceptam animo rei quandam
informationem, sine qua nec intelligi quidquam, nec quaeri, nec
disputari potest. Cujus rationis vim, atque utilitatem ex illo
coelesti Epicuri, de regula, et judicio volumine accepimus."
C. XVII[, 44]. "... intelligi necesse est, esse deos, quoniam in-
sitas eorum, vel potius innatas cognitiones habemus. de quo autem
omnium natura consentit, id verum esse necesse est.... [45] quod
si ita est, vere exposita illa sententia est ab Epicuro, Quod ae-
ternum, beatumque sit, id nec habere ipsum negotii quidquam, nec
exhibere alteri: itaque neque ira, neque gratia teneri, quod,
quae taha essent, imbecilla essent omnia. .. .habet [...] venera-
tionem justam quidquid excellit [...]."
C. XVIII [,46]. "...a natura habemus omnes omnium gentium speciem
nullam aliam, nisi humanam, deorum ... sed, ne omnia revocentur
ad primas notiones, ratio hoc idem ipsa declarat [47] ... quae
figura ... humana potest esse pulchrior? [48] hominis esse specie
deos confitendum est. [49] Nec tamen ea species corpus est, sed
quasi corpus: nec habet sanguinem, sed quasi sanguinem."
[C. XVIII-XIX Pl.] "Epicurus ... qui [...] sic tractet, ut [...]
doceat, earn esse vim et naturam deorum, ut primum non sensu, sed
mente cernatur: nec soliditate quadam, necadnumeruin, ut ea, quae
ille propter firmitatem ????????? adpellat, sedimaginibus, simi-
litudine, et transitione perceptis."
C. XIX. "Cum infinita simillimarum imaginum species ex innumera-
bilibus individuis existat, et ad eos affluat, cum maximis volup-
tatibus in eas imagines mentem intentam, infixamque nostram in-
telligentiam, capere quae sit et beata natura et aeterna. [50]
Summa vero vis infinitatis et magna, ac diligenti contemplatione
dignissima est: in qua intelligi necesse est, earn esse naturam,
ut omnia omnibus paribus paria respondeant : hanc ????????? ap-
pellat Epicurus, id est, aequabilem tributionem. Ex hac igitur
illud efficitur, si mortalium tanta multitudo sit, esse immorta-
lium non minorem: et si, quae interimant, innumerabilia sint,
etiam ea, quae conservent, infinita esse debere. Et quaerere a
nobis, Balbe, soletis, quae vita deorum sit, quaeque ab iis dega-
tur aetas. [51] Ea videlicet, qua nihil beatius, nihil omnibus
bonis affluentius cogitari potest: nihil enim agit: nullis occu-
pationibus est implicatus: nulla opera molitur: sua sapientia et
virtute gaudet: habet exploratum fore se semper cum in maximis,
tum in aeternis voluptatibus."
C. XX[, 52]. "Hunc deum rite beatum dixerimus, vestrum vero labo-
riosissimum: sive enim ipse mundus, deus est, quid potest esse
minus quietum, quam nullo puncto temporis intermisso, versari
circum axem coeli admirabili celeritate? nisi quietum
#239# Siebtes Heft
-----
nennt Epikur ???????? 1*), das heißt einen vorgefaßten Begriff
von einer Sache, ohne den weder etwas begriffen, noch untersucht,
noch erörtert werden kann. Die Bedeutung und die Nützlichkeit
dieser Überlegung haben wir aus der unvergleichlichen Schrift
Epikurs über die Regel und das Urteil erfahren."
Kap. XVII. "... so ist es notwendig, sich vorzustellen, daß es
Götter gibt, da wir von ihnen eingewurzelte oder besser angebo-
rene Vorstellungen haben. Worin aber die Natur aller überein-
stimmt, das muß wahr sein. ... Wenn dem so ist, dann ist der Satz
Epikurs richtig: 'Was ewig und glücklich sei, das habe weder
selbst eine Tätigkeit, noch gebe es einem andern etwas zutun: da-
her empfinde es weder Zorn noch Zuneigung, weil ja alles, was so
sei, schwach sei'. ... es genießt [...] gerechte Verehrung alles,
was sich auszeichnet [...]."
Kap. XVIII. "... von Natur stellen wir uns alle, Angehörige aller
Völker, die Götter nicht anders vor als in Menschengestalt ...
Aber damit nicht alles auf die ersten Eindrücke zurückgeführt
wird, läßt dasselbe auch der Verstand selbst deutlich werden ...
welche Gestalt... kann schöner sein als die menschliche? so muß
man zugeben, daß die Götter ein menschliches Äußeres haben. Den-
noch ist dieses Äußere kein Körper, sondern ein Quasikörper und
hat kein Blut, sondern Quasiblut."
"Epikur ... der [...] so darstellt, daß er [...] lehrt, die Kraft
und die Natur der Götter seien derart, daß sie erstens nicht mit
den Sinnen, sondern mit dem Verstand erfaßt werden, und zwar
nicht als etwas Dichtes noch einer Zahl nach wie all das, was er
wegen seiner Festigkeit ????????? 2*) nennt, sondern durch Bil-
der, die durch Vergleich und Übertragung wahrgenommen werden."
Kap. XIX. "Da eine unendlich große Zahl von Erscheinungen ähn-
lichster Bilder aus unzähligen Atomen entstehe und auf die Götter
überströme, begreife unser mit größter Lust auf diese Bilder auf-
merksame Geist und auf sie gerichteter Verstand, was ein glückse-
liges und ewiges Wesen sei. Das höchste Prinzip der Unendlichkeit
aber ist einer langen und sorgfältigen Betrachtung ganz besonders
würdig; hierbei muß man erkennen, daß die Natur so beschaffen
sei, daß immer Gleiches Gleichem entspricht; das nennt Epikur
???????? 3*), das heißt gleichmäßige Verteilung. Hieraus ergibt
sich daher, daß, wenn die Zahl der Sterblichen so und so groß
ist, die der Unsterblichen nicht geringer sei; und wenn die ver-
nichtenden Kräfte zahllos sind, müssen auch die erhaltenden
Kräfte unbegrenzt sein. Auch pflegt ihr uns, Balbus, zu fragen,
was für ein Leben die Götter führen und wie sie ihr Leben zubrin-
gen. Es ist offenbar so, daß man sich nichts Glückseligeres als
dies denken kann, nichts, wo es größeren Überfluß an allen Gütern
gibt. Denn ein Gott tut nichts: er ist in keine Geschäfte verwic-
kelt: er plagt sich mit keiner Arbeit: er freut sich seiner Weis-
heit und Tugend: er weiß sicher, daß er ständig in größter und in
ewiger Lust leben wird."
Kap. XX. "Diesen Gott können wir mit Recht einen glücklichen nen-
nen, euren jedoch einen sehr geplagten. Denn sei es, die Welt
selbst ist Gott, was kann es geben, das weniger Ruhe bietet, als
ohne jede Unterbrechung mit staunenerregender Schnelligkeit sich
um die Himmelsachse zu drehen? Ohne Ruhe aber gibt es keine
Glückseligkeit.
-----
1*) prolepsis) - 2*) (steremnia) - 3*) (isomania)
#240# Epikureische Philosophie
-----
autem nihil beatum est, sive in ipso mundo deus inest aliquis,
qui regat, qui gubernet, qui cursus astrorum, mutationes tempo-
rum, rerum vicissitudines. ordinesque conservet, terras et maria
contemplans, hominum commoda, vitasque tueatur: nae ille est im-
plicatus molestis negotiis, et operosis. [53] Nos autem beatam
vitam in animi securitate, et in omnium vacatione munerum poni-
mus: docuit enim nos idem, qui caetera, naturaeffectum esse mun-
dum: nihil opus fuisse fabrica; tamque eam rem esse facilem, quam
vos effici negetis sine divina posse sollertia, ut innumerabileis
natura mundos effectura sit, efficiat, effecerit. Quod quia que-
madmodum natura efficere sine aliqua mente possit, non videtis:
ut tragici poetae, cum explicare argumenti exitum non potestis,
confugitis ad deum. [54] Cujus operam profecto non desideraretis,
si immensam, et intermi- natam in omneis parteis magnitudinem re-
gionum videretis: in quam seinjiciens animus, et intendens, ita
late longeque peregrinatur, ut nullam tarnen oram ultimi videat,
in qua possit insistere. In hac igitur immensitate latitudinum,
longitudinum, altitudinum, infinita vis innumerabilium volitat
atomorum: quae, interjecto inani, cohaerescunt tarnen Mer se et
aliae alias apprehendentes continuanturex quo efficiuntur hae
rerum formae, atque figurae: quas vos effici [posse] sine folli-
bus, et incudibus non putatis. Itaque imposuistis in cervicibus
nostris sempiternum dominum, quem dies et nocteis timeremus. Quis
enim non timeat omnia providentem et cogitantem, et animadverten-
tem, et omnia ad se pertinere putantem, curiosum et plenum nego-
tii deum? [55] Hinc vobis exstitit primum illa fatalis necessi-
tas, quam ?????????? dicitis: ut, quidquid accidat, id ex aeterna
veritate, causarumque continuatione fluxisse dicatis. Quanti
autem haec philosophia aestimanda est, cui, tanquam aniculis, et
iis quidem indoctis, fato fieri videantur omnia? Sequitur ???????
vestra, quae latine divinatio dicitur: qua tanta imbueremur su-
perstitione, si vos audire vellemus, ut haruspices, augures, ha-
rioli, vates, et conjectores nobis essent colendi. [56] His ter-
roribus ab Epicuro soluti, et in libertatem vindicati, nec metui-
mus eos, quos intelligimus, nec sibi fingere ullam molestiam, nec
alteri quaerere: et pie, sancteque colimus naturam excellentem,
atque praestantem."
C.XXI. Nun kömmt Cottas Entgegnung.
[58] "[...] judico ... [a] te dictum esse dilucide: neque senten-
tiis solum copiose, sed verbis etiam ornatius, quam solent ce-
stri."
C.XXIII[, 62]. "quod enim omnium gentium generumque hominibus ita
videretur, id satis magnum esse argumentum dixisti, cur esse deos
confiteremur: quod cum leve per
#241# Siebtes Heft
-----
Sei es aber, daß in der Welt selbst ein Gott ist, der regiert,
der lenkt, der den Lauf der Sterne, den Wechsel der Jahre, den
Wandel und den geordneten Gang der Dinge aufrechterhält, seine
Blicke über Länder und Meere schweifen läßt und der Menschen
Glück und Leben schützt: wirklich, jener ist in beschwerliche und
mühsame Geschäfte verwickelt. Wir aber verlegen das glückliche
Leben in die Gemütsruhe und in das Freisein von allen Pflichten.
Denn derselbe hat uns neben allem anderen gelehrt, die Natur habe
die Welt hervorgebracht und eine künstliche Schöpfung wäre nicht
nötig gewesen; und die Sache, von der ihr sagt, sie könne nicht
ohne göttliche Kunstfertigkeit entstehen, sei so leicht, daß die
Natur zahllose Welten hervorbringen werde, hervorbringe und her-
vorgebracht habe. Weil ihr nicht seht, auf welche Weise dies die
Natur, ohne Denkvermögen zu besitzen, hervorbringen könne, nehmt
ihr, wie tragische Dichter, wenn ihr den Ausgang einer Sache
nicht erklären könnt, Zuflucht zu einem Gott. Dessen Wirken wür-
det ihr sicher nicht vermissen, wenn ihr die gewaltige und nach
allen Seiten unbegrenzte Weite des Raumes sehen würdet, in die
sich der Geist hineinstürzt und in der er einen Weg sucht, wobei
er so weit und breit umherirrt, daß er trotzdem keine äußerste
Grenze sieht, an der er haltmachen könne. In diesen unermeßlichen
Breiten, Längen und Höhen fliegen unendlich viele Atome umher,
die, obwohl der leere Raum zwischen ihnen liegt, trotzdem unter
sich zusammenhängen und eins ins andere greifend eine ununterbro-
chene Folge bilden, woraus diese Formen und Gestalten der Dinge
entstehen, von denen ihr glaubt, daß sie nicht ohne Blasebälge
und Ambosse entstehen [können]. Daher habt ihr uns einen ewigen
Herrn in den Nacken gesetzt, den wir Tag und Nacht fürchten müs-
sen. Denn wer soll nicht einen Gott fürchten, der alles voraus-
sieht, bedenkt und bemerkt und glaubt, daß sich alles auf ihn be-
ziehe, sich um alles kümmert und voller Tätigkeit ist? Daraus ist
euch zuerst jene schicksalhafte Notwendigkeit entstanden, die ihr
????????? 1*) nennt, so daß ihr sagt, was auch immer geschehe,
das sei aus der ewigen Wahrheit und aus dem Zusammenhang der Ur-
sachen geflossen. Was soll man aber von dieser Philosophie hal-
ten, welcher, wie alten und zwar ungelehrten Vetteln, alles durch
das Fatum zu geschehen scheint? Es folgt daraus ??????? 2*), die
lateinisch divinatio heißt, durch die wir, wenn wir auf euch hö-
ren wollten, von einem so großen Aberglauben erfüllt werden wür-
den, daß wir die Eingeweideschauer, Vogelflugdeuter, Wahrsager,
Seher und Traumdeuter verehren müßten. Von diesem Schrecken sind
wir vom Epikur erlöst, in Freiheit gesetzt worden und fürchten
nicht die, von denen wir einsehen, daß sie weder sich irgendeinen
Verdruß bereiten noch einem andern einen zu schaffen suchen, und
verehren fromm und mit heiliger Scheu die erhabene und großartige
Natur."
Kap. XXI. Nun kömmt Cottas Entgegnung.
"[...] ich meine ... du hast klar gesprochen und nicht nur gedan-
kenreich, sondern auch in wohlgesetzteren Worten, als es eure An-
hänger zu tun pflegen."
Kap. XXIII. "Denn daß Menschen aller Völker und Klassen dieser
Meinung wären, hast du behauptet, sei ein hinreichend starkes Ar-
gument dafür, warum wir
-----
1*) (heimarmene) - 2*) (mantike)
#242# Epikureische Philosophie
-----
se, [tum] etiam falsum est." ... (Cotta, postquam narravit,
Protagorae, qui deos negaret, libros in concione exustos ipsumque
agro exterminatum,) [63] "ex quo equidem existimo, tardiores ad
hanc sententiam profitendam multos esse factos, quippe cum poenam
ne dubitatio quidem effugere potuisset."
C. XXIV[, 66]. "[...] ista enim flagitia Democriti sive etiam
ante Leucippi, esse corpuscula quaedam laevia, alia aspera:
rotunda alia, partim autem angulata, curvata quaedam, et quasi
adunca: ex his effectum esse coelum, atque terram, nulla cogente
natura sed concursu quodam fortuito. .... [67] Ista igitur est
Veritas? Nam de vita beata nihil repugno: quam tu ne in deo
quidem esse censes, nisi plane otio langueat. ..................
Concedam igitur, ex individuis constare omnia. Quid ad rem? [68]
deorum enim natura quaeritur. Sint sane ex atomis: non igitur
aeterni: quia enim ex atomis sit, id natum aliquando sit. Si
natum, nulli dii ante, quam nati: et si ortus est deorum,
interitus sit, necesse est, ut tu paullo ante de Piatonis mundo
disputabas. Ubi igitur illud vestrum beatum et aeternum? quibus
duobus verbis significatis deum. Quod cum efficere vultis, in
dumeta correpitis: ita enim dicebas, non corpus esse [in deo],
sed quasi corpus: nec sanguinem, sed quasi sanguinem."
C. XXV[, 69]. "Hoc persaepe facitis, ut, cum aliquid non verisi-
mile dicatis, et effugere reprehensionem velitis, efferatis ali-
quid, quod omnino ne fieri quidem possit: ut satius fuerit illud
ipsum, de quo ambigebatur, concedere: quam tarn impudenter resi-
stere: velut Epicurus, cum videret, si atomi ferrentur in locum
inferiorem suopte pondere, nihil fore in nostra potestate, quod
esset earum motus certus, et necessarius: invenit quo modo neces-
sitatem effugeret, quod videlicet Democritum fugerat: alt atomum,
cum pondere et gravitate directo deorsum feratur, dechnare paul-
lulum. [70] Hoc dicere turpius est, quam illud, quod vult, non
posse defendere."
Es ist eine wesentlich merkwürdige Erscheinung, daß der Zyklus
der 3 griechischen philosophischen Systeme, die den Schluß der
reinen griechischen Philosophie bilden, das epikureische, stoi-
sche, skeptische System die Hauptmomente ihrer Systeme aufnehmen
als vorgefundne aus der Vergangenheit. So ist die stoische Natur-
philosophie großenteils heraklitisch, ihre Logik analog mit Ari-
stoteles, so daß schon Cicero bemerkt,
"Stoici cum Peripateticis re concinere videntur, verbis discre-
pare [...]". de nat. deor.1. I. c. VII[, 16].
#243# Siebtes Heft
-----
zugeben müßten, daß es Götter gibt; ist dies schon an sich ein
schwaches Argument, so ist es auch noch falsch." ... (Cotta,
nachdem er erzählt hat, die Bücher des Protagoras, der die Götter
leugnete, seien in der Volksversammlung verbrannt und er selbst
sei aus dem Lande vertrieben worden, [sagte weiter:]) "Hierdurch
jedenfalls meine ich, sind viele veranlaßt worden, beim öffentli-
chen Bekennen dieser Meinung zurückhaltender zu sein, da ja nicht
einmal der Zweifel der Strafe hatte entgehen können."
Kap. XXIV. "Denn die schandbaren Behauptungen Demokrits oder auch
vorher Leukipps, es gäbe Körperchen, einige wären glatt, andere
rauh, noch andere rund, teilweise aber wären sie eckig, einige
gebogen und quasi hakenförmig; aus diesen seien Himmel und Erde
entstanden, nicht von einem Wesen erzwungen, sondern durch ein
zufälliges Zusammenstoßen. ... Dies also ist die Wahrheit? Denn
wegen des glücklichen Lebens widerspreche ich in nichts, von dem
du meinst, daß es nicht einmal die Gottheit habe, wenn sie nicht
ganz in Muße erschlafft ist. .................. Ich will also zu-
geben, daß alles aus unteilbaren Körpern besteht. Was tut das zur
Sache? Denn es wird nach der Natur der Götter gefragt. Sollen sie
meinetwegen aus Atomen bestehen. Also sind sie nicht ewig. Denn
was aus Atomen besteht, das ist irgendwann einmal entstanden.
Wenn sie aber entstanden sind, gab es keine Götter, bevor sie
entstanden sind. Und wenn es ein Entstehen der Götter gibt, muß
es notwendigerweise auch ein Vergehen geben, wie du eben über
Platos Welt behauptetest. Wo ist also jenes euer glückseliges und
ewiges Wesen, mit welchen beiden Ausdrücken ihr Gott bezeichnet?
Wenn ihr das beweisen wollt, begebt ihr euch in em Dickicht. Denn
du sagtest, keinen Körner habe [Gott], sondern einen Quasikörper,
kein Blut, sondern Quasiblut."
Kap. XXV. "Dies tut ihr sehr oft, daß ihr, wenn ihr etwas Unwahr-
scheinliches sagt und dem Tadel entgehen möchtet, etwas vor-
bringt, was überhaupt nicht geschehen kann, so daß es besser ge-
wesen wäre, das, worum der Streit ging, zu konzedieren, als so
unverschämt darauf zu bestehen. So zum Beispiel Epikur; da er
einsah, daß, wenn die Atome durch ihr eigenes Gewicht abwärts ge-
trieben würden, nichts in unserer Gewalt stände, weil ihre Bewe-
gung bestimmt und notwendig ist: erfand er ein Mittel, der Not-
wendigkeit zu entgehen, was offenbar dem Demokrit entgangen war;
er sagt, das Atom, obgleich es durch Gewicht und Schwere von oben
nach unten getrieben wird, weiche ein klein wenig aus. Dies zu
behaupten, ist schmählicher, als das, was er will, nicht vertei-
digen zu können."
Es ist eine wesentlich merkwürdige Erscheinung, daß der Zyklus
der 3 griechischen philosophischen Systeme, die den Schluß der
reinen griechischen Philosophie bilden, das epikureische, stoi-
sche, skeptische System die Hauptmomente ihrer Systeme aufnehmen
als vorgefundne aus der Vergangenheit. So ist die stoische Natur-
philosophie großenteils heraklitisch, ihre Logik analog mit Ari-
stoteles, so daß schon Cicero bemerkt,
"es scheint, die Stoiker stimmen mit den Peripatetikern in der
Sache überein, in den Worten aber weichen sie von ihnen ab". Über
die Natur der Götter. Buch I. Kap. VII.
#244# Epikureische Philosophie
-----
Die Naturphilosophie des Epikur ist den Grundzügen nach demokri-
tisch, die Moral analog mit den Kyrenaikern. Die Skeptiker end-
lich sind die Gelehrten unter den Philosophen, ihre Arbeit ist
das Entgegenstellen, also auch das Aufnehmen der vorgefundnen,
verschiednen Behauptungen. Sie haben einen gleichmachenden, ap-
planierenden gelehrten Blick auf die Systeme hinter sich geworfen
und damit den Widerspruch und Gegensatz herausgestellt. Auch ihre
Methode hat an der eleatischen, sophistischen und vorakademischen
Dialektik den allgemeinen Prototyp. Und dennoch sind diese Sy-
steme originell und ein Ganzes.
Aber nicht nur, daß sie vollständige Baustücke zu ihrer Wissen-
schaft vorfanden; die lebendigen Geister ihrer Geisterreiche sind
diesen selbst gleichsam als Propheten vorhergegangen. Die Persön-
lichkeiten, die zu ihrem System gehören, waren historische Perso-
nen, System war dem System gleichsam das Inkorporierte. So Ari-
stipp, Antisthenes, die Sophisten und andre.
Wie dies zu begreifen? 1*)
Was Aristoteles bei der "ernährenden Seele" bemerkt:
??????????? ?? ????? ??? ??? ????? ???????, ?? ?? ???? ??????
???????? ?? ???? ???????, Aristot. de anima 1. II, c. II [413a
31-32],
ist ebenso bei der epikureischen Philosophie ins Auge zu fassen,
teils sie selbst zu begreifen, teils Epikurs eigne scheinbare Ab-
surditäten, wie die Ungeschicklichkeit seiner spätem Beurteiler.
Die allgemeinste Form des Begriffs ist bei ihm das A t o m; als
dies allgemeinste Sein desselben, das aber in sich konkret und
Gattung ist, selbst eine Art gegen höhre Besondrungen und Konkre-
tionen des Begriffs seiner Philosophie.
Das Atom bleibt also das abstrakte Ansichsein, z.B. der Person,
des Weisen, Gottes. Dies sind höhre qualitative Fortbestimmungen
desselben Begriffs. Es ist also bei der genetischen Entwicklung
dieser Philosophie nicht Bayles und Plutarchs u. a. ungeschickte
Frage aufzuwerfen, wie kann eine Person, ein Weiser, ein Gott aus
Atomen entstehn und zusammengesetzt werden? Andrerseits scheint
diese Frage durch Epikur selbst gerechtfertigt zu werden, denn
bei höhren Entwicklungen, z.B. Gott, wird er sagen, dieser be-
stehe aus kleinern und feinern Atomen. Hierüber ist
-----
1*) In der Handschrift befindet sich zwischen dieser Frage und
dem folgenden Absatz ein Trennungsstrich
#245# Siebtes Heft
-----
Die Naturphilosophie des Epikur ist den Grundzügen nach demokri-
tisch, die Moral analog mit den Kyrenaikern. Die Skeptiker end-
lich sind die Gelehrten unter den Philosophen, ihre Arbeit ist
das Entgegenstellen, also auch das Aufnehmen der vorgefundnen,
verschiednen Behauptungen. Sie haben einen gleichmachenden, ap-
planierenden gelehrten Blick auf die Systeme hinter sich geworfen
und damit den Widerspruch und Gegensatz herausgestellt. Auch ihre
Methode hat an der eleatischen, sophistischen und vorakademischen
Dialektik den allgemeinen Prototyp. Und dennoch sind diese Sy-
steme originell und ein Ganzes.
Aber nicht nur, daß sie vollständige Baustücke zu ihrer Wissen-
schaft vorfanden; die lebendigen Geister ihrer Geisterreiche sind
diesen selbst gleichsam als Propheten vorhergegangen. Die Persön-
lichkeiten, die zu ihrem System gehören, waren historische Perso-
nen, System war dem System gleichsam das Inkorporierte. So Ari-
stipp, Antisthenes, die Sophisten und andre.
Wie dies zu begreifen? 1*)
Was Aristoteles bei der "ernährenden Seele" bemerkt:
"Dies kann von den andern getrennt bestehen, unmöglich aber bei
den sterblichen Wesen die andern von diesem", Aristoteles, Über
die Seele, Buch II, Kap. II,
ist ebenso bei der epikureischen Philosophie ins Auge zu fassen,
teils sie selbst zu begreifen, teils Epikurs eigne scheinbare Ab-
surditäten, wie die Ungeschicklichkeit seiner spätem Beurteiler.
Die allgemeinste Form des Begriffs ist bei ihm das Atom; als dies
allgemeinste Sein desselben, das aber in sich konkret und Gattung
ist, selbst eine Art gegen höhre Besondrungen und Konkretionen
des Begriffs seiner Philosophie.
Das Atom bleibt also das abstrakte Ansichsein, z.B. der Person,
des Weisen, Gottes. Dies sind höhre qualitative Fortbestimmungen
desselben Begriffs. Es ist also bei der genetischen Entwicklung
dieser Philosophie nicht Bayles und Plutarchs u. a. ungeschickte
Frage aufzuwerfen, wie kann eine Person, ein Weiser, ein Gott aus
Atomen entstehn und zusammengesetzt werden? Andrerseits scheint
diese Frage durch Epikur selbst gerechtfertigt zu werden, denn
bei höhren Entwicklungen, z.B. Gott, wird er sagen, dieser be-
stehe aus kleinern und feinern Atomen. Hierüber ist
-----
1*) In der Handschrift befindet sich zwischen dieser Frage und
dem folgenden Absatz ein Trennungsstrich
#246# Epikureische Philosophie
-----
zu bemerken, daß sein eignes Bewußtsein zu dessen Entwicklungen,
zu den ihm aufgedrungnen Weiterbestimmungen seines Prinzips
[sich] verhält wie das unwissenschaftliche Bewußtsein der Spätem
zu seinem System.
Wenn z.B. bei Gott etc., abstrahiert von der weitern Formbestim-
mung, die er als ein notwendiges Glied im Systeme hat, nach sei-
nem Bestehn, seinem Ansichsein gefragt wird, so ist das allge-
meine Bestehn überhaupt das Atom und die vielen Atome; aber eben
in dem Begriff Gottes, des Weisen ist dies Bestehn untergegangen
in eine höhre Form. Sein spezifisches Ansichsein ist eben seine
weitere Begriffsbestimmung und Notwendigkeit im Ganzen des Sy-
stems. Wird nach einem Sein außer diesem gefragt, so ist dies ein
Rückfall in die untre Stufe und Form des Prinzips.
Epikur muß aber stets so zurückfallen, denn sein Bewußtsein ist
ein atomistisches wie sein Prinzip. Das Wesen seiner Natur ist
auch das Wesen seines wirklichen Selbstbewußtseins. Der Instinkt,
der ihn treibt, und die weitren Bestimmungen dieses instinktmäßi-
gen Wesens sind ihm ebenso wieder eine Erscheinung neben anderm,
und aus der hohen Sphäre seines Philosophiercns sinkt er in die
allgemeinste zurück, vorzüglich, da das Bestehn, als Fürsichsein
überhaupt, ihm die Form alles Bestehns überhaupt ist.
Das wesentliche Bewußtsein des Philosophen trennt sich von seinem
eignen erscheinenden Wissen, aber dies erscheinende Wissen selbst
in seinen Selbstgesprächen gleichsam über sein eigentliches inn-
res Treiben, über den Gedanken, den es denkt, ist bedingt, be-
dingt durch das Prinzip, was das Wesen seines Bewußtseins ist.
Die philosophische Geschichtschreibung hat es nicht sowohl damit
zu tun, die Persönlichkeit, sei [es] auch die geistige des Philo-
sophen, gleichsam als den Fokus und die Gestalt seines Systems zu
fassen, noch weniger in psychologisches Kleinkramen und Klugsein
sich zu ergehn; sondern sie hat in jedem Systeme die Bestimmungen
selbst, die durchgehenden wirklichen Kristallisationen von den
Beweisen, den Rechtfertigungen in Gesprächen, der Darstellung der
Philosophen, soweit diese sich selbst kennen, zu trennen; den
stumm fortwirkenden Maulwurf des wirklichen philosophischen Wis-
sens von dem gesprächigen, exoterischen, sich mannigfach gebär-
denden phänomenologischen Bewußtsein des Subjekts, das das Gefäß
und die Energie jener Entwicklungen ist. In der Trennung dieses
Bewußtseins ist eben seine Einheit als wechselseitige Lüge nach-
gewiesen 1*). Dies k r i t i s c h e Moment bei der Darstellung
einer historischen Philosophie ist ein durchaus notwendiges, um
die wissenschaftliche Darstellung eines Systems mit seiner
-----
1*) Die beiden letzten Worte nicht eindeutig zu entziffern
#247# Siebtes Heft
-----
zu bemerken, daß sein eignes Bewußtsein zu dessen Entwicklungen,
zu den ihm aufgedrungnen Weiterbestimmungen seines Prinzips
[sich] verhält wie das unwissenschaftliche Bewußtsein der Spätem
zu seinem System.
Wenn z.B. bei Gott etc., abstrahiert von der weitern Formbestim-
mung, die er als ein notwendiges Glied im Systeme hat, nach sei-
nem Bestehn, seinem Ansichsein gefragt wird, so ist das allge-
meine Bestehn überhaupt das Atom und die vielen Atome; aber eben
in dem Begriff Gottes, des Weisen ist dies Bestehn untergegangen
in eine höhre Form. Sein spezifisches Ansichsein ist eben seine
weitere Begriffsbestimmung und Notwendigkeit im Ganzen des Sy-
stems. Wird nach einem Sein außer diesem gefragt, so ist dies ein
Rückfall in die untre Stufe und Form des Prinzips.
Epikur muß aber stets so zurückfallen, denn sein Bewußtsein ist
ein atomistisches wie sein Prinzip. Das Wesen seiner Natur ist
auch das Wesen seines wirklichen Selbstbewußtseins. Der Instinkt,
der ihn treibt, und die weitren Bestimmungen dieses instinktmäßi-
gen Wesens sind ihm ebenso wieder eine Erscheinung neben anderm,
und aus der hohen Sphäre seines Philosophierens sinkt er in die
allgemeinste zurück, vorzüglich, da das Bestehn, als Fürsichsein
überhaupt, ihm die Form alles Bestehns überhaupt ist.
Das wesentliche Bewußtsein des Philosophen trennt sich von seinem
eignen erscheinenden Wissen, aber dies erscheinende Wissen selbst
in seinen Selbstgesprächen gleichsam über sein eigentliches inn-
res Treiben, über den Gedanken, den es denkt, ist bedingt, be-
dingt durch das Prinzip, was das Wesen seines Bewußtseins ist.
Die philosophische Geschichtschreibung hat es nicht sowohl damit
zu tun, die Persönlichkeit, sei [es] auch die geistige des Philo-
sophen, gleichsam als den Fokus und die Gestalt seines Systems zu
fassen, noch weniger in psychologisches Kleinkramen und Klugsein
sich zu ergehn; sondern sie hat in jedem Systeme die Bestimmungen
selbst, die durchgehenden wirklichen Kristallisationen von den
Beweisen, den Rechtfertigungen in Gesprächen, der Darstellung der
Philosophen, soweit diese sich selbst kennen, zu trennen; den
stumm fortwirkenden Maulwurf des wirklichen philosophischen Wis-
sens von dem gesprächigen, exoterischen, sich mannigfach gebär-
denden phänomenologischen Bewußtsein des Subjekts, das das Gefäß
und die Energie jener Entwicklungen ist. In der Trennung dieses
Bewußtseins ist eben seine Einheit als wechselseitige Lüge nach-
gewiesen 1*). Dies k r i t i s c h e Moment bei der Darstellung
einer historischen Philosophie ist ein durchaus notwendiges, um
die wissenschaftliche Darstellung eines Systems mit seiner
#248# Epikureische Philosophie
-----
historischen Existenz zu vermitteln, eine Vermittlung, die nicht
zu [um]gehn ist, eben weil die Existenz eine historische ist,
zugleich aber als eine philosophische behauptet, also ihrem Wesen
nach entwickelt werden muß. Am wenigsten darf bei einer Philoso-
phie auf Autorität und guten Glauben angenommen werden, daß sie
eine Philosophie sei, sei auch die Autorität ein Volk und der
Glaube der von Jahrhunderten. Der Beweis kann aber nur durch Ex-
position ihres Wesens geliefert werden. In beidem 1*) trennt ja
jeder, der Geschichte der Philosophie schreibt, Wesentliches und
Unwesentliches, Darstellung und Inhalt, er dürfte sonst nur ab-
schreiben, kaum übersetzen, noch weniger dürfte er selbst mit-
sprechen oder ausstreichen etc. Er wäre bloßer Kopist einer Ko-
pie.
Es ist also vielmehr zu fragen, wie kommt der Begriff einer Per-
son, eines Weisen, Gottes und die spezifischen Bestimmungen die-
ser Begriffe in das System herein, wie entwickeln sie sich aus
ihm? 2*)
Cicero. De finibus bonorum et malorum
lib. 1
C.VI[, 17]. "Principio [...] in physicis, quibus maxime gloriatur
(sc. Epicurus), primum totus est alienus ... Ille (sc. Democri-
tus) atomos ... corpora individua, propter soliditatem censet in
infinito inani, in quo nihil nec summum, nec infimum, nec medium,
nec ultimum, nec extremum sit, ita ferri, ut concursionibus inter
se cohaerescant: ex quo efficiantur ea, quae sint, quaeque
cernantur, omnia: eumque motum atomorum nullo a principio, sed ex
aeterno tempore intelligi convenire. [18] .... censet (Epicurus)
... eadem illa individua, et solida corpora ferri suo deorsum
pondere ad lineam: hunc naturalem esse omnium corporum motum:
[19] deinde ibidem homo acutus, cum illud occurreret; si omnia
deorsum e regione ferrentur, et, ut dixi, ad lineam, nunquam
fore, ut atomus altera alteram posset attingere: itaque attulit
rem commentitiam: declinare dixit atomum perpaullum: quo nihil
posset fieri minus: ita effici complexiones, et copulationes, et
adhaesitationes atomorum inter se: ex quo efficeretur mundus,
omnesque partes mundi, quaeque in eoessent... et ipsa declinatio,
ad libidinem fingitur (ait enim declinare atomum sine causa: quo
nihil turpius physico, quam fieri sine causa quidquam dicere)
.... [20] sol Democrito magnus videtur,
-----
1*) Die beiden letzten Worte nicht eindeutig zu entziffern -
2*) in der Handschrift folgt nach dieser Frage ein Trennungs-
strich
#249# Siebtes Heft
-----
historischen Existenz zu vermitteln, eine Vermittlung, die nicht
zu [um]gehn ist, eben weil die Existenz eine historische ist,
zugleich aber als eine philosophische behauptet, also ihrem Wesen
nach entwickelt werden muß. Am wenigsten darf bei einer Philoso-
phie auf Autorität und guten Glauben angenommen werden, daß sie
eine Philosophie sei, sei auch die Autorität ein Volk und der
Glaube der von Jahrhunderten. Der Beweis kann aber nur durch Ex-
position ihres Wesens geliefert werden. In beidem 1*) trennt ja
jeder, der Geschichte der Philosophie schreibt, Wesentliches und
Unwesentliches, Darstellung und Inhalt, er dürfte sonst nur ab-
schreiben, kaum übersetzen, noch weniger dürfte er selbst mit-
sprechen oder ausstreichen etc. Er wäre bloßer Kopist einer Ko-
pie.
Es ist also vielmehr zu fragen, wie kommt der Begriff einer Per-
son, eines Weisen, Gottes und die spezifischen Bestimmungen die-
ser Begriffe in das System herein, wie entwickeln sie sich aus
ihm? 2*)
Cicero. Vom höchsten Gut und Übel
Buch I
Kap. VI. "Zuerst [...] in der Physik, in der er (d.h. Epikur) am
meisten prahlt, ist er ein vollkommener Fremdling. ... Jener
(d.h. Demokrit) meint, daß die ... Atome, die wegen ihrer Dichte
unteilbaren Körper, in dem unendlich Leeren, in dem es nichts,
weder Höhe noch Tiefe noch Mitte, weder Anfang noch Ende gibt,
sich so bewegen, daß sie durch Zusammenstoßen miteinander Verbin-
dungen eingehen, woraus all das entsteht, was ist und was wahrge-
nommen wird, und diese Bewegung der Atome müsse nicht als von ei-
nem Anfang an, sondern als von Ewigkeit her bestehend angesehen
werden. .... Er (Epikur) behauptet..., jene unteilbaren und dich-
ten Körper würden durch ihr Gewicht abwärts getrieben in gerader
Linie: diese Bewegung sei die natürliche aller Körper. Dann aber
fiel es dem scharfsinnigen Manne auf, daß, wenn alle von oben
nach unten getrieben würden und, wie gesagt, in gerader Linie,
nie ein Atom das andere treffen könne. Der Mann nahm daher zu ei-
ner Lüge seine Zuflucht. Er sagte, das Atom weiche ein ganz wenig
aus, was aber durchaus unmöglich ist. Daher entständen Komplexio-
nen, Kopulationen und Adhäsionen der Atome unter sich, und aus
diesen die Welt und alle Teile der Welt und was in ihr ist ...
auch die Deklination selbst ist eine willkürliche Erfindung (er
sagt nämlich, daß das Atom ohne Ursache dekliniere, und etwas
Schmählicheres könne einem Physiker nicht passieren, als zu be-
haupten, daß etwas ohne Ursache geschehe) .... Die Sonne scheint
dem Demokrit groß,
-----
1*) Die beiden letzten Worte nicht eindeutig zu entziffern -
2*) in der Handschrift folgt nach dieser Frage ein Trennungs-
strich
#250# Epikureische Philosophie
-----
quippe homini erudito, in geometriaque perfecto: huic bipedalis
fortasse: tantum enim esse censet, quantus videtur, vel paullo
aut majorem aut minorem. [21] Ita quae mutat, ea corrumpit: quae
sequitur, sunt tota Democriti: atomi, inane, imagines, quae idola
nominant, quorum incursione non solum videamus, sed etiam cogite-
mus: infinitio ipsa, quam ???????? vocant, tota ab illo est: tum
innumerabiles mundi, qui et oriantur et intereant quotidie" etc.
C. VII[, 22]. "Jam in altera philosophiae parte ...quae Xoyixi)
?????? dicitur iste vester plane ... inermis ac nudus est: tollit
definitiones: nihil de dividendo, ac partiendo docet: non, quo-
modo efficiatur concludaturque ratio, tradit: non, qua via cap-
tiosa solvantur, ambigua distinguantur, ostendit: judicia rerum
in sensibus ponit: quibus si semel aliquid falsi pro vero proba-
tum sit, sublatum esse omne judicium veri et falsi putat. [...]
[23] Confirmat illud vel maxime, quod ipsa natura, ut ait ille,
asciscat, et reprobet, i.e. voluptatem et dolorem: ad haec, et
quae fugiamus, et quae sequamur, refert omnia [...]."
C. IX[, 29]. "[...] hoc Epicurus in voluptate ponit, quod summum
bonum esse vult, summumque malum, dolorem, idque instituit docere
sic: [30] Omne animal, simulatque natum sit, voluptatem appetere,
eaque gaudere, ut summo bono: dolorem aspernari, ut summum malum,
et, quantum possit, a se repellere: idque facere nondum deprava-
tum, ipsa natura incorrupte atque integre judicante: itaque negat
opus esse ratione, neque disputatione, quamobrem voiuptas expe-
tenda, fugiendus dolor sit necesse est, quid aut ad naturam, aut
contra sit, a natura ipsa judicari......."
C. XI[, 37]. "...sic in omni re doloris amotio successionem effi-
cit voluptatis. [38] Itaque non placuit Epicuro, medium esse qui-
duam inter dolorem et voluptatem."
C. XII[, 40]. "inesse enim necesse est in eo, qui ita sit affec-
tus, et firmitatem animi, nec mortem, nec dolorem timentis, quod
mors sensu careat: dolor in longinquitate, levis: in gravitate,
brevis soleat [esse]: ut ejus magnitudinem celeritas, diuturnita-
tem allevatio consoletur. [41] Ad ea cum accedit, ut neque divi-
num numen horrect, nec praeteritas voluptates effluere patiatur,
earumque assidua recordatione laetetur: quid est, quod huc pos-
sit, quod melius sit, accedere? [42] quoniam autem id est vel
summum bonum, vel ultimum, vel extremum, quod Graeci ????? nomi-
nant, quod ipsum nullam ad aliam rem, ad id autem res referuntur
omnes : fatendum est, summum esse bonum jucunde vivere."
C. XIII[, 45]. ".... quae est enim aut utilior, aut ad bene
vivendum aptior partitio, quam ilia, qua est usus Epicurus? qui
unum genus posuit earum cupiditatum, quaeessent et naturales et
necessariae: alterum, quae naturales essent, nec tamen necessa-
riae: tertium,
#251# Siebtes Heft
-----
weil er ein wissenschaftlicher und in der Geometrie vollendeter
Mann ist; diesem [d.h. dem Epikur] etwa von zwei Fuß Größe, denn
er urteilt, sie sei so groß, als sie scheint, oder entweder etwas
größer oder etwas kleiner. So verdirbt er das, was er verändert,
und das, welchem er folgt, gehört ganz dem Demokrit: die Atome,
das Leere, die Bilder, die sie idola nennen, durch deren Eindrin-
gen wir nicht nur sehen, sondern auch denken: die Unendlichkeit
selbst, die sie ??????? 1*) nennen, alles ist von ihm: ebenso
auch die unzähligen Welten, die täglich entstehen und vergehen"
etc.
Kap. VII. "Auch im zweiten Teil der Philosophie ... den man
?????? 2*) nennt, ist dieser euer Meister... völlig wehr- und
hilflos: er hebt die Definitionen auf, lehrt nichts über Eintei-
lung und Gliederung: sagt nicht, wie ein Beweis schlüssig er-
bracht wird: zeigt nicht, auf welchem Wege man Trugschlüsse ent-
wirrt und Zweideutigkeiten beseitigt: die Urteile über die Dinge
weist er den Sinnen zu und glaubt, daß, wenn ihnen einmal irgend
etwas Falsches als wahr erschienen sei, jede Entscheidung über
wahr und falsch aufgehoben sei. [...] Er betont ganz besonders
das, was, wie er sagt, die Natur selbst gutheißt und verwirft,
das ist die Lust und den Schmerz: hierauf bezieht er alles,
sowohl was wir vermeiden, als auch was wir erstreben sollen
[...]."
Kap. IX. "[...] dies sieht Epikur in der Lust: das sei, so will
er, das höchste Gut, und das schlimmste Übel sei der Schmerz, und
er bemüht sich, das so zu beweisen: Jedes Lebewesen strebe von
Geburt an nach Lust und freue sich über sie als höchstes Gut; es
verabscheue den Schmerz als schlimmstes Übel und suche ihn, so-
weit als möglich, von sich fernzuhalten; und das tue es noch un-
verdorben, wo die Natur selbst noch rein und unverfälscht ur-
teilt; daher leugnet er, daß ein Grund dafür oder eine Erörterung
darüber nötig sei, weshalb die Lust zu erstreben, der Schmerz zu
meiden sei. .... so ist es notwendig, daß darüber, was der Natur
entspreche oder was gegen sie sei, die Natur selbst be-
stimme......."
Kap. XI. "... so bewirkt in jeder Sache die Entfernung des
Schmerzes die Nachfolge der Lust. Daher war Epikur nicht der Mei-
nung, daß es ein Mittelding zwischen Schmerz und Lust gäbe."
Kap. XII. "Denn wer in einem solchen Zustand ist, muß notwendi-
gerweise eine Charakterstärke haben, die weder den Tod noch den
Schmerz fürchtet, weil der Tod empfindungslos ist und der Schmerz
auf die Dauer leicht, bei großer Heftigkeit aber kurz [zu sein]
pflegt, so daß über seine Stärke sein schnelles Vorübergehen,
über seine lange Dauer sein Leichterwerden hinwegtröstet. Wenn
dazu noch kommt, daß er weder das Walten der Gottheit fürchtet,
noch vergangene Lust aus seinem Gedächtnis entschwinden läßt und
sich an der ständigen Erinnerung an sie freut, was kann hierzu
noch Besseres hinzukommen? ......... Da aber das das höchste, äu-
ßerste und letzte
Gut ist, was die Griechen ????? 3 ) nennen, weil es selbst auf
nichts anderes, auf es aber alles zurückgeht, muß man gestehen,
daß es das höchste Gut sei, angenehm zu leben."
Kap. XIII. ".... Denn welche Einteilung ist brauchbarer oder für
ein gutes Leben geeigneter als die, welche Epikur benutzt hat? Er
stellte eine Gruppe von Begierden auf, die natürlich und notwen-
dig wären, eine zweite, die natürlich, aber nicht notwendig,
-----
1*) apeiria) - 2*) (lokale) Logik - 3*) (telos) Endziel
#252# Epikurische Philosophie
-----
quae nec naturales, nec necessariae: quarum ea ratio est, ut ne-
cessariae nec opera multa, nec impensa expleantur: nec naturales
quidem multa desiderant, propterea quod ipsa natura divitias,
quibus contenta sit, et parabileis, et terminatas habet: inanium
autem cupiditatum nec modus ullus, nec finis inveniri potest."
C. XVIII[, 57]. "clamat Epicurus, is, quem vos nimis voluptatibus
esse deditum dicitis: non posse jucunde vivi nisi sapienter, ho-
neste, justeque vivatur: nec sapienter, honeste, juste, nisi ju-
cunde. ... [58] (quo minus) animus a se ipse dissidens, secumque
discordans, gustare partem ullam liquidae voluptatis et liberae
potest [...]."
C. XIX[, 62]. "[...] sie enim ab Epicuro sapiens semper beatus
inducitur:finitas habet cupiditates; negligit mortem; de diis im-
mortalibus sine ullo metu vera sentit; non dubitat, si ita melius
sit, migrare de vita: his rebus instruetus semper est in volupt-
ate: neque enim tempus est ullum, quo non plus habeat voluptatum,
quam dolorum: nam et praeterita grate meminit, et praesentibus
ita potitur, ut animadvertat, quanta sint ea, quamque jueunda:
neque pendet ex futuris, sed exspectat ilia, fruitur praesenti-
bus: ... cum stultorum vitam cum sua comparat, magna adficitur
voluptate: dolores autem, si qui ineurrunt, numquam vim tantam
habent, ut non plus habeat sapiens, quod gaudeat, quam quod anga-
tur. [63] Optime vero Epicurus, quod exiguam dicit fortunam in-
tervenire sapienti: maximasque ab eo, et gravissimas res consilio
ipsius, et ratione administrari 1*): neque majorem voluptatem ex
infinito tempore aetatis percipi posse, quam ex hoc percipiatur,
quod videamus esse finitum. In dialectica autem vestra nullam vim
existi- mavit esse nec ad melius vivendum, nec ad commodius dis-
serendum. In physicis plurimum posuit. ...omnium autem rerum na-
tura cognita; levamur superstitione, liberamur mortis metu, non
conturbamur ignoratione rerum, e qua ipsa horribiles exsistunt
saepe formidines: denique etiam morati melius erimus, cum didice-
rimus, quae natura desideret...."
¦: Indem wir die Natur als vernünftig erkennen, hört unsre Abhän-
gigkeit von derselben auf. Sie ist kein Schrecken unsres Bewußts-
eins mehr, und grade Epikur macht die Form des Bewußtseins in ih-
rer Unmittelbarkeit, das Fürsichsein zur Form der Natur. Nur in-
dem die Natur ganz frei gelassen wird von der bewußten Vernunft,
als Vernunft in ihr selber betrachtet wird, ist sie ganz Eigentum
der Vernunft. Jede Beziehung zu ihr als solche ist zugleich ein
Entfremdetsein derselben. :¦
[64] "Nisi autem rerum natura perspecta erit, nullo modo poteri-
mus sensuum judicia defendere. Quidquid porro animo cernimus, id
omne oritur a sensibus: qui si
-----
1*) In der Handschrift: administratur
#253# Siebtes Heft
-----
eine dritte, die weder natürlich noch notwendig wären; deren Ver-
hältnis sieht so aus, daß die notwendigen ohne viel Arbeit und
Aufwand befriedigt werden und die natürlichen auch nicht viel er-
fordern, deswegen weil die Natur selbst dafür gesorgt hat, daß
die Reichtümer, mit denen sie zufrieden ist, sowohl leicht zu be-
sorgen als auch begrenzt sind, wohingegen sich für die eitlen Be-
gierden weder Maß noch Ziel finden läßt."
Kap. XVIII. "Epikur, der, von dem ihr sagt, er sei allzusehr der
Lust ergeben, erklärt nachdrücklich: man könne nicht angenehm le-
ben, wenn man nicht vernünftig, ehrenhaft und rechtlich lebe, und
man könne nicht vernünftig, ehrenhaft und rechtlich leben, wenn
man nicht angenehm lebe (um so weniger) kann die mit sich selbst
uneinige und zerstrittene Seele irgend etwas von der reinen und
freien Lust genießen [...]."
Kap. XIX. "[...] denn so wird von Epikur der immer glückliche
Weise eingeführt: Er hat seine Begierden gezügelt; er ist gleich-
gültig gegen den Tod; über die unsterblichen Götter ist er ohne
jede Furcht der richtigen Meinung; er zögert nicht, wenn es so
besser ist, aus dem Leben zu gehen. Mit diesen Eigenschaften aus-
gestattet, befindet er sich immer im Zustand der Lust. Denn es
gibt keine Zeit, wo er nicht mehr Lust empfindet als Schmerz.
Denn er erinnert sich dankbar an die Vergangenheit und wird auch
mit der Gegenwart so gut fertig, daß er sieht, wie groß und ange-
nehm sie ist; und er ist nicht von der Zukunft abhängig, sondern
erwartet sie und genießt die Gegenwart; ... wenn er das Leben der
Törichten mit seinem vergleicht, überkommt ihn große Lust;
Schmerzen aber haben, wenn sie einmal kommen, niemals eine solche
Gewalt, daß der Weise nicht mehr hat, was ihn freut als was ihn
beunruhigt. Sehr gut aber sagt Epikur, daß das Schicksal auf den
Weisen nur wenig einwirke und daß von ihm die größten und schwer-
wiegendsten Dinge durch seine Einsicht und Vernunft geregelt wer-
den und daß sich aus einer unbegrenzten Lebenszeit nicht mehr
Lust ziehen lasse als aus diesem Leben, was, wie wir sehen, be-
grenzt ist. In eurer Dialektik aber, meinte er, stecke keine
Kraft, weder für ein besseres Leben noch um die Erörterung beque-
mer zu machen. Auf die Physik gab er sehr viel. ... Wenn wir aber
das Wesen aller Dinge erkannt haben, kommen wir vom Aberglauben
los, werden von der Furcht vor dem Tode befreit und hören auf,
durch die Unkenntnis des Sachverhalts beunruhigt zu werden, aus
der oft entsetzliche Schreckgespenster entstehen. Endlich werden
wir auch sittlich besser werden, wenn wir gelernt haben, was die
Natur verlangt...."
¦: Indem wir die Natur als vernünftig erkennen, hört unsere Ab-
hängigkeit von derselben auf. Sie ist kein Schrecken unsres Be-
wußtseins mehr, und grade Epikur macht die Form des Bewußtseins,
in ihrer Unmittelbarkeit, das Fürsichsein zur Form der Natur. Nur
indem die Natur ganz frei gelassen wird von der bewußten Ver-
nunft, als Vernunft in ihr selber betrachtet wird, ist sie ganz
Eigentum der Vernunft. Jede Beziehung zu ihr als solche ist
zugleich ein Entfremdetsein derselben. :¦
"Wenn wir aber nicht die Natur der Dinge erkannt haben, werden
wir in keiner Hinsicht die Urteile der Sinne verteidigen können.
Außerdem kommt alles, was wir mit
#254# Epikurische Philosophie
-----
omnes veri erunt, ut Epicuri ratio docet: tum denique poterit
aliquid cognosci et percipi: quos qui tollunt, et nihil posse
percipi dicunt, ii, remotis sensibus, ne id ipsum quidem expedire
possunt, quod disserunt [...]. Sic e physicis et fortitudo sumi-
tur contra mortis timorem et constantia contra metum religionis
[...]."
C.XX[, 65]. "[...] Epicurus ... ita dicit: Omnium rerum, quas ad
beate vivendum sapientia comparaverit, nihil esse majus amicitia,
nihil uberius, nihil jucundius ..... [68] praeclare enim Epicurus
his paene verbis: Eadem, inquit, scientiaconfirmavitanimum, ne
quod aut sempiternum, aut diuturnum timeret malum: quae per-
spexit, in hoc ipso vitae spatio, amicitiae praesidium esse fir-
missimum."
C.XXI[, 71]]. "[...] si omnia dixi hausta e fonte naturae, si
tota oratio nostra omnem sibi fidem sensibus confirmat, id est,
incorruptis, atque integris testibus ......
[72] Non ergo Epicurus ineruditus, sed ii indocti, qui, quae pue-
ros non didicisse turpe est, ea putent usque ad senectutem esse
discenda."
lib. II
C. II[, 4], (l.c.) "[...] negat enim definiri rem placere [...]."
C. VII[, 21]. (eine Stelle aus den ?????? ????? des Epikurl [30])
"si ea, quae luxuriosis efficientia voluptatum, liberarent eos
deorum, et mortis, et doloris metu, docerentque, qui essent fines
cupiditatum: nihil haereremus: cum undique complerentur volupta-
tibus, nec haberent ulla ex parte aliquid aut dolens, aut aegrum,
i.e. autem malum."
C. XXVI[, 82]. "[...] e quibus unum mihi videbar ab ipso Epicuro
dictum cognoscere: amicitiam a voluptate non posse divelli, ob
eamque rem colendam esse, quod sine ea tuto, et sine metu vivi
non posset, nec jueunde quidem posset."
C. XXXI[, 100], "[...] scripsit enim (sc. Epicurus) [...]: mortem
nihil ad nos pertinere: quod enim dissolutum sit, id esse sine
sensu: quod autem sine sensu sit, id nihil omnino ad nos perti-
nere [...]."
lib. III
C. I[, 3], "ipse [...] dicit Epic[urus], ne argumentandum quidem
esse de voluptate [...]."
#255# Siebtes Heft
-----
dem Geist wahrnehmen, von den Sinnen. Wenn diese sämtlich zuver-
lässig sind, wie Epikurs Theorie lehrt: dann erst kann etwas er-
kannt und begriffen werden. Diejenigen, welche diese ausschalten
und sagen, daß man nichts begreifen könne, die können, nachdem
sie die Sinne beiseite geschoben haben, nicht einmal das darle-
gen, was sie behaupten [...]. So gewinnt man aus der Physik
sowohl Mut gegenüber der Furcht vor dem Tode wie Standhaftigkeit
gegenüber der Furcht vor der Religion [...]."
Kap. XX. "[...] Epikur sagt...: 'von allen Dingen, welche die
Weisheit vorbereitet habe, damit man glücklich leben könne, sei
nichts großartiger, nichts fruchtbarer, nichts angenehmer als die
Freundschaft' ...... Glänzend sagt das Epikur etwa mit diesen
Worten: 'Dasselbe Wissen, welches die Seele bestärkt hat, daß sie
kein Übel als ewig und dauernd zu fürchten hätte, hat auch er-
kannt, daß in dieser Lebensspanne der Schutz der Freundschaft der
stärkste Schutz sei.'"
Kap. XXI. "[...] wenn alles, was ich gesagt habe, aus der Quelle
der Natur geschöpft ist, wenn unsere ganze Rede ihre gesamte
Glaubwürdigkeit durch die Sinne, das heißt durch unbestechliche
und integre Zeugen erhält.....
Aber nicht Epikur war ohne Erudition, sondern diejenigen [sind]
ungelehrt, die glauben, was dem Knaben Schande macht, nicht zu
wissen, sei noch vom Greise herzusagen."
Buch II
Kap. II. (a.a.O.) "[...] denn er sagt, er sei nicht dafür, eine
Sache zu definieren [...]."
Kap. VII. (eine Stelle aus den ?????? ????? 1*) des Epikuri [30])
"Wenn das, was den Wollüstigen Lust bereitet, sie von der Furcht
vor den Göttern, dem Tode und dem Schmerz befreien und sie lehren
würde, wo die Begierden ihre Grenzen haben, wären wir nicht in
Verlegenheit: da sie von allen Seiten von Lust erfüllt würden und
von keiner Seite her Schmerz oder Kummer hätten, d. h. aber einem
Übel ausgesetzt wären."
Kap. XXVI. "[...] darin glaubte ich einen Ausspruch von Epikur
selbst zu erkennen: die Freundschaft könnte vor. der Lust nicht
getrennt und müßte deshalb gepflegt werden, weil man ohne sie si-
cher und ohne Angst nicht leben könnte und darum auch nicht ange-
nehm."
Kap. XXXI. "[...] denn er (d.h. Epikur) schrieb [...]: 'der Tod
gehe uns nichts an: denn was aufgelöst sei, das sei ohne Empfin-
dung: was aber ohne Empfindung sei, das gehe uns überhaupt nichts
an' [...]."
Buch III
Kap. I. "Epikur sagt selbst [...]: 'es bedürfe nicht einmal einer
Beweisführung über die Lust [...].'"
-----
1*) (kyria doxai) Hauptlehren
zurück