Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844


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       [Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse]
       
       ["Rheinische Zeitung"
       Nr. 320 vom 16. November 1842]
       Köln, 15.  Nov. Die "Kölnische Zeitung" von heute bringt folgende
       königliche Kabinettsordre,  die im Laufe des vorigen Monats sämt-
       lichen Oberpräsidien zugegangen ist:
       
       "Ich habe schon öfter auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Ten-
       denz des  schlechten Teils  der Tagespresse: die öffentliche Mei-
       nung über  allgemeine Angelegenheiten  durch Verbreitung  von Un-
       wahrheiten oder  entstellten Tatsachen  irrezuleiten, dadurch  zu
       begegnen, daß  jeder solchen  falschen Mitteilung  augenblicklich
       die Wahrheit  durch Berichtigung der Tatsachen in denselben Blät-
       tern gegenübergestellt werde, welche sich der Verfälschung schul-
       dig gemacht  haben. -  Es genügt  nicht, die  Gegenwirkung  gegen
       schlechte, für  den öffentlichen  Geist verderbliche Bestrebungen
       eines Tagesblattes den andern, von einem bessern Geist geleiteten
       Blättern zu  überlassen und nur von ihnen zu erwarten. Ebenda, wo
       das Gift  der Verführung eingeschenkt worden ist, muß es auch un-
       schädlich gemacht werden; das ist nicht nur Pflicht der Obrigkeit
       gegen den Leserkreis, dem das Gift geboten worden, sondern es ist
       zugleich unter  allen Mitteln  das wirksamste,  die Tendenzen der
       Täuschung und Lüge, wie sie sich zeigen, zu vernichten, indem man
       die Redaktionen zwingt, das Urteil über sich selbst zu veröffent-
       lichen. Ich habe es darum mißfällig wahrgenommen, daß dies ebenso
       rechtmäßige als  notwendige Mittel, Ausartungen der Presse zu zü-
       geln, bisher  wenig oder  gar nicht angewendet worden ist. Sofern
       die bisherigen Gesetze die Verpflichtung der inländischen Zeitun-
       gen zur  unweigerlichen Aufnahme aller, unter amtlicher Autorität
       ihnen zugesandten  tatsächlichen Berichtigungen,  und  zwar  ohne
       alle Anmerkungen  und einleitende  Betrachtungen, nicht  genügend
       festgestellt haben  sollten, erwarte Ich von dem Staatsministerio
       vordersamst die  Vorschläge zu  der nötigen  Ergänzung derselben.
       Wenn sie  aber für den Zweck schon jetzt ausreichen, so will Ich,
       daß dieselben  auch zum  Schutz des  Rechtes und der Wahrheit von
       Meinen Behörden  kräftig gehandhabt  werden, und  empfehle  dies,
       nebst den  Ministerien  selbst,  insbesondere  der  unmittelbaren
       Sorgfalt der  Oberpräsidenten, denen  das  Staatsministerium  die
       Weisungen deshalb zu erteilen hat.
       
       #393# Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse
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       Je ernster  es Mir  am Herzen  liegt, daß der edlen, loyalen, mit
       Würde freimütigen Gesinnung, wo sie sich kundgeben mag, die Frei-
       heit des  Wortes nicht  verkümmert, der Wahrheit das Feld der öf-
       fentlichen Besprechungen  so wenig  als möglich beschränkt werde,
       desto unnachsichtiger  muß der Geist, welcher Waffen der Lüge und
       Verführung gebraucht,  darnieder gehalten  werden,  auf  daß  die
       Freiheit des  Wortes unter  dem Mißbrauch desselben nicht um ihre
       Früchte und ihren Segen betrogen werden könne.
       Sanssouci, 14. Oktober 1842.
       (gez.) Friedrich Wilhelm."
       
       Wir beeilen  uns um so mehr, unsern Lesern die vorstehende könig-
       liche Kabinettsordre  mitzuteilen, als  wir in  ihr eine Garantie
       der preußischen  Presse erblicken. Jedes loyale Blatt wird es nur
       als eine  bedeutende Unterstützung  von Seiten  der Regierung be-
       trachten, wenn  U n w a h r h e i t e n oder  e n t s t e l l t e
       T a t s a c h e n,   deren Mitteilung bei der größten Umsicht der
       Redaktion nicht immer zu vermeiden sind, aus authentischer Quelle
       berichtigt werden. Die Regierung garantiert der Tagespresse durch
       diese   a m t l i c h e n   E r l ä u t e r u n g e n   nicht nur
       eine gewisse   h i s t o r i s c h e   K o r r e k t h e i t  des
       faktischen Gehalts, sondern erkennt auch, was noch wichtiger ist,
       die große  Bedeutsamkeit der Presse durch eine positive Teilnahme
       an, welche die negative Teilnahme durch  V e r b o t,  U n t e r-
       d r ü c k u n g   und  Z e n s u r  in immer engere Schranken zu-
       rückweisen wird.  Zugleich geht die königliche Kabinettsordre von
       der Voraussetzung  einer  gewissen    U n a b h ä n g i g k e i t
       der Tagespresse  aus, da  ohne eine  solche, wenn nicht Tendenzen
       der Täuschung,  Lüge und verderbliche Bestrebungen, so noch weni-
       ger edle, loyale, mit Würde freimütige Gesinnung irgendwie in den
       Zeitungen auftauchen  und sich  etablieren könnten.  Diese könig-
       liche Voraussetzung einer gewissen Unabhängigkeit der Tagespresse
       ist als  die   v o r z ü g l i c h s t e  G a r a n t i e  d i e-
       s e r   U n a b h ä n g i g k e i t  und  als  eine  u n z w e i-
       d e u t i g e   Ä u ß e r u n g    d e s    k ö n i g l i c h e n
       W i l l e n s   v o n    d e n    p r e u ß i s c h e n    Z e i-
       t u n g e n  z u  b e g r ü ß e n.
       

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