Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung
["Rheinische Zeitung" Nr. 334 vom 30. November 1842]
"Es ist nur ein Gelüst des Bluts,
eine Nachgiebigkeit des Willens!" [70]
* Köln, 29. Nov.
Die Augsburger "Allgemeine Zeitung" beobachtet bei ihrer gele-
gentlichen Polemik gegen die "Rheinische Zeitung" eine ebenso ei-
gentümliche als lobenswerte Taktik, welche, mit Konsequenz durch-
geführt, ihren Eindruck auf den oberflächlichen Teil des Publi-
kums nicht verfehlen kann. Bei jeder Zurechtweisung, die ihren
Attacken auf Prinzip und Tendenz der "Rhein. Ztg." galt, bei je-
der wesentlichen Streitfrage, bei jedem prinzipiellen Angriff von
Seiten der "Rheinischen Zeitung" hüllte sie sich in die vieldeu-
tige Toga des Schweigens, indem es immer unentschieden bleibt, ob
dies Schweigen dem Bewußtsein der Schwäche, die nicht antworten
k a n n, oder dem Bewußtsein der Überkraft, die nicht antworten
w i l l, sein unscheinbares Dasein verdankt. Wir hätten in die-
ser Beziehung der Augsburgerin keine besondern Vorwürfe zu ma-
chen, denn sie behandelt uns, wie sie D e u t s c h l a n d be-
handelt, dem sie ihre Teilnahme durch ein tiefsinniges Schweigen,
das nur selten von Reisenotizen, Gesundheitsbulletins und para-
phrasierten Hochzeitsgedichten unterbrochen wird, am gedeihlich-
sten dartun zu können glaubt, und die Augsburgerin mag recht ha-
ben, wenn sie ihr Schweigen als einen Beitrag zur öffentlichen
Wohlfahrt betrachtet.
Allein die Augsburgerin handhabt neben der Taktik des Schweigens
noch eine andere Manier der Polemik, die in ihrer breiten,
selbstgefälligen und hochbeteuernden Redseligkeit gleichsam die
aktive Ergänzung zu jener passiven und melancholischen Stille
bietet. Die Augsburgerin schweigt, wo es den Prinzipienkampf, den
Kampf um das Wesen gilt; aber sie lauscht im Versteck, sie beob-
achtet von weitem, sie erlauert den Augenblick, wo
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ihre Gegnerin die Toilette vernachlässigt, einen faux pas beim
Tanze verbricht, ihr Schnupftuch fallen läßt, und - "sie spreizt
sich tugendlich und dreht sich weg" [71], sie schmettert den
langverhaltenen, wohlmeinenden Ärger mit imperturbablem Aplomb,
mit dem ganzen Zorn der Toilettenprüderie in die Luft und ruft
Deutschland zu: "Da seht ihr's, das ist der Charakter, das die
Gesinnung, das die Konsequenz der 'Rheinischen Zeitung'!" "Dort
ist Hölle, dort ist Nacht, dort ist der Schwefelpfuhl, Brennen,
Sieden, Pestgeruch, Verwesung, - pfui, pfui, pfui! - Pah! Pah! -
Gib etwas Bisam, guter Apotheker!" [71]
Bei Gelegenheit solcher Basen-Impromptus weiß die Augsburgerin
nicht nur ihre verschollene Tugend, ihre Ehrbarkeit und gesetztes
Alter dem vergeßlichen Publikum in das treulose Gedächtnis zu ru-
fen, nicht nur mit abgelebten und verwelkten Erinnerungen die
eingefallenen Schläfen zu schmücken, sondern außer diesen kleinen
und harmlosen Erfolgen der Koketterie noch andere praktische Er-
folge zu erschleichen. Sie steht, quasi re bene gesta 1*), der
"Rheinischen Zeitung" gegenüber, polternd, verweisend, provozie-
rend, eine rüstige Kämpferin, und die Welt vergißt über der petu-
lanten Provokation das altersschwache Schweigen und die eben erst
erfolgte Retraite. Zudem entsteht der geflissentlich gehegte
Schein, als drehe sich der Kampf der Augsburger "A. Z." und der
"Rheinischen Ztg." um dergleichen Erbärmlichkeiten, skandalöse
Histörchen und Toilettensünden. Das Heer der Geist- und Gesin-
nungslosen, das den wesentlichen Kampf, indem wir sprechen und
die Augsburgerin schweigt, nicht versteht, dagegen in den mäkeln-
den Häkeleien und kritischen Kleinigkeiten der Augsburger "A.Z."
seine eigene schöne Seele wiederfindet, klatscht dann Beifall und
huldigt der ehrbarlichen Frau, die in ebenso gewiegter als gemes-
sener Weise ihre ungestüme Gegnerin züchtigt, mehr um zu erzie-
hen, als um zu verletzen. In Nr. 329 der Augsburger "A.Z." findet
sich wieder eine Probe dieser altklugen, widerlichen und klein-
städtischen Polemik.
Ein Korrespondent vom Main berichtet, die "Allg. Augsb. Ztg."
habe Julius Mosens politischen Roman "Der Congreß von Verona" ge-
lobt, weil er im Verlage von Cotta erschienen sei. Wir gestehen,
daß wir auf den literarisch-kritischen Teil der Augsburger "A.
Z." seiner Nichtigkeit wegen nur gelegentlich einen Blick werfen,
auch ihre Kritik über Mosen nicht kennen, hierin dem Gewissen des
Korrespondenten uns a discretion anvertrauten. Den Tatbestand als
richtig vorausgesetzt, fehlte es der Korrespondenz nicht
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1*) als wäre alles wohl getan
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an innerer Wahrscheinlichkeit, da nach neuern mit Schikanen, aber
nicht mit Gründen widerlegten Aufklärungen die Unabhängigkeit des
kritischen Gewissens der "Allg. A.Z." von dem Druckorte zu Stutt-
gart wenigstens bezweifelt werden darf. Bleibt also übrig, daß
wir den Druckort des politischen Romans nicht kannten, und enfin,
es ist keine politische Todsünde, den Druckort eines Romans nicht
zu kennen.
Später auf die irrtümliche Angabe des Druckorts aufmerksam ge-
macht, erklärte die Redaktion in einer Note:
"Wir erfahren soeben, daß der "Congreß von Verona" von dem Dich-
ter Julius Mosen keineswegs bei Cotta erschien und bitten daher
unsere Leser, die in Nr. 317 d.J. befindliche Korrespondenz vom
Main hiernach berichtigend zu beurteilen."
Da der Hauptvorwurf des Mainer Korrespondenten wider die Augsbur-
ger "Allgemeine Zeitung" einzig auf der Prämisse beruhte, der
"Congreß von Verona" sei bei Cotta erschienen, da wir erklärten,
er sei nicht bei Cotta erschienen, da jedes Räsonnement durch
Aufhebung seiner Prämisse von selbst fällt, so dürften wir aller-
dings an die Urteilskraft der Leser die überschwengliche Anforde-
rung stellen, nach dieser Erklärung jene Korrespondenz zu berich-
tigen, und wir konnten glauben, unser Unrecht gegen die Augsbur-
ger "A.Z." gesühnt zu haben. Aber die Augsburger Logik! Die Augs-
burger Logik interpretiert unsere Berichtigung folgendermaßen:
"Wäre Mosens 'Congreß vop Verona' bei Cotta erschienen, so wäre
er von allen Freunden des Rechts und der Freiheit als ein
schlechter Krebs und Ladenhüter zu betrachten; da wir aber nach-
träglich erfahren, daß er in Berlin herausgekommen, so bitten wir
unsere verehrten Leser, ihn nach des Dichters eigenen Worten als
einen der Geister der ewigen Jugend zu begrüßen, die auf strah-
lensprühender Bahn einherschreiten und dem alten Gelichter eisern
aufs Genick treten."
"Der Bursch führt seinen Bogen wie eine Vogelscheuche: Spannt mir
eine volle Tuchmacherelle 1*)! - Ins Schwarze, ins Schwarze! -
Hui!" [71]
"Das ist", ruft die Augsburgerin triumphierend, "das ist, was die
'Rheinische Zeitung' ihre Gesinnung, ihre Konsequenz nennt!"
Hat die "Rheinische Zeitung" jemals die Konsequenzen der Augsbur-
ger Logik für ihre Konsequenz oder gar die Gesinnung, auf welcher
diese Logik basiert, für ihre Gesinnung erklärt? Die Augsburgerin
hätte nur schließen dürfen: "Das ist die Art und Weise, wie man
zu Augsburg Konsequenz und Gesinnung mißversteht!" Oder glaubt
die Augsburger "Allgemeine] Zeitung" im Ernst, wir hätten in Mo-
sens Trinkspruch einen
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1*) In der Zeitung: Tuchmacherrolle
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berichtigenden Kommentar zur Beurteilung des "Congresses von Ve-
rona" liefern wollen? Wir haben das Schillerfest weitläufiger im
Feuilleton besprochen, wir haben auf Schiller "als den Propheten
der neuen Bewegung der Geister" (Nr. 326, Korrespondenz aus Leip-
zig) und auf die daraus sich ergebende Bedeutung des Schiller-
festes hingewiesen, und warum sollten wir Mosens Trinkspruch, der
diese Bedeutung hervorhob, zurückweisen? [72] Etwa, weil er einen
Ausfall auf die Augsburger "Allgemeine Ztg." enthält, den sie
schon wegen ihrer Beurteilung Herweghs verdient hat? Das alles
hatte aber doch nichts mit der Mainer Korrespondenz zu tun, wir
hätten denn, was die Augsburgerin uns unterschiebt, schreiben
müssen: "Der Leser beurteile die Korrespondenz vom Main in Nr.
317 nach Mosens Gedieht in Nr. 320." Diesen Unsinn bringt die
Augsburger Logik exprès zustande, um ihn nachher uns an den Kopf
werfen zu können. Das Urteil der "Rheinischen Zeitung" im Feuil-
leton zu Nr. 317 über Mosens "Bernhard von Weimar" beweist, was
keines Beweises bedarf, daß sie bei Mosen von ihrer gewohnten
sachlichen Kritik sich um kein Haar entfernt hat.
Wir geben übrigens der Augsburgerin zu, daß selbst die
"Rheinische Zeitung" kaum die literarischen Kondottieris von sich
abzuwenden vermag; dies zudringliche und widerwärtige Geschmeiß,
das in jener Zeitungsära, deren Inkorporation die Augsburger "A.
Z." ist, - allerorten in Deutschland - emporwucherte.
Schließlich erinnert uns die "Augsburger Zeitung" an das Wurfge-
schütz, das
"mit großen Worten und Phrasen um sich wirft, welche die Wirk-
lichkeit unberührt lassen".
Die Augsburger "A.Z." berührt allerdings alle mögliche Wirklich-
keit, mexikanische Wirklichkeit, brasilianische Wirklichkeit,
aber keine deutsche, aber nicht einmal bayrische Wirklichkeit,
und wenn sie dergleichen einmal berührt, so gilt ihr unfehlbar
der Schein für Wirklichkeit und die Wirklichkeit für Schein. Han-
delte es sich um die geistige und wahre Wirklichkeit, die
"Rheinische Zeitung" könnte der Augsburgerin mit Lear zurufen:
"Tu dein Ärgstes, blinder Amor. Sieh nur die Schriftzüge!", und
die Augsburgerin würde mit Gloster antworten: "Wär'n alle Lettern
Sonnen, ich sah' keine." [71]
["Rheinische Zeitung"
Nr. 3 vom 3. Januar 1843]
* Die Augsburgerin ist in jenes Stadium getreten, wo das schöne
Geschlecht die Jugend selbst nicht mehr zu heucheln wagt und nun
den
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Schwestern nichts Erschrecklicheres vorzuwerfen weiß als eben die
Jugend. In Nr. 360 hat indessen der Altersthermometer die ehrwür-
dige Sibylle wunderlich irregeführt. Sie spricht von der
K ü h l u n g des "jungen Mütchens" der "Rheinischen Zeitung"
bei Gelegenheit eines Korrespondenten, der zufälligerweise ein
S e c h z i g e r ist und ein Testimonium seiner Jugend schwer-
lich in den Spalten der Augsburger "Allg. Zeitung" zu finden ge-
dachte. Aber so geht's! Bald ist die Freiheit zu alt, bald ist
sie zu jung, niemals ist sie an der Tagesordnung, wenigstens
nicht an der Tagesordnung der Augsburger "Allg. Ztg.", von der
das Gerücht immer entschiedner behauptet, daß sie zu
A u g s b u r g erscheint.
["Rheinische Zeitung"
Nr. 12 vom 12. Januar 1843]
Wollte die Redaktion der "Rhein. Ztg." nun ein Nachwort in der
Weise der "Allg. A. Ztg." vorstehender Korrespondenz hinzufügen,
so könnten wir ihr selbst, die so gütig war, in der "Rheinischen
Zeitung" den Fähndrich "Pistol" wiederzufinden, nur die Wahl las-
sen zwischen dem "Dorchen Lakenreißer" und der "Witwe Hurtig".
Ihr männliches Glaubensbekenntnis aber würden wir bei dem Freund
jener Damen, bei Falstaff, suchen: "Ehre beseelt mich vorzudrin-
gen. Wenn aber Ehre mich beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann
Ehre ein Bein ansetzen? Nein! Oder einen Arm? Nein. Oder den
Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht
auf die Chirurgie? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in
dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Eine feine Nahrung! Wer
hat sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb! Fühlt er sie? Nein.
Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten
nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum
nicht? Die V e r l e u m d u n g 1*) gibt es nicht zu. Ich mag
sie also nicht. - Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim
Leichenzuge, und so endigt mein Katechismus." 1731 Und so endigt
der politische Katechismus der Augsburger "A.Z.", so erinnert sie
die Presse, daß man in k r i t i s c h e n Zeiten Arm und Bein
verlieren könne, so verleumdet sie die Ehre, weil sie auf jede
Ehre verzichtet hat, die verleumdet werden könnte.
Die Augsburger "A.Z." versprach, mit uns auf einen Prinzipien-
kampf einzugehen, und sie hat dies Versprechen gelöst. Sie hat
k e i n e, also i h r e Prinzipien gegen uns in den Kampf ge-
schickt; sie hat hier und da ihre Indignation uns zugesichert,
kleine Verdächtigungen ausgestreut, kleine
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1*) Hervorhebung von Marx
#404# Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung
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Berichtigungen versucht, große Miene zu ihren kleinen Leistungen
gemacht, eine Altersherrschaft in Anspruch genommen, und in bezug
auf diesen Punkt, auf ihre V e t e r a n e n titel, können wir
ihr zurufen, was Herr Dézamy dem Herrn Cabet zuruft:
"Que monsieur Cabet ait bon courage: avec tant de titres, il ne
peut manquer d'obtenir bientôt ses invalides!" 1*) [74]
Die Augsburgerin lebt von einem Rechnungsfehler, von einem
Anachronismus. Die Form, das einzige, was sie in früheren Tagen
besaß, selbst die Form, den parfum littéraire, hat sie eingebüßt,
eine spießbürgerliche, breite und anmaßende Formlosigkeit ist an
die Stelle getreten, und niemand wird die Platitüde von "Herrn
Puff" und das Gleichnis von "einem Frosche, der sich zum Ochsen
aufgeblasen hat", elegant finden, weil er dergleichen in der
Augsburger "A.Z." findet.
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1*) "Monsieur Cabet sei guten Muts: mit so vielen Titeln kann es
nicht anders sein, als daß er bald seinen Invalidensold bekommt!"
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