Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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Stilistische Übungen der "Rhein- und Mosel-Zeitung"
["Rheinische Zeitung"
Nr. 72-73 vom 14. März 1843]
* Köln, 13. März. Auf unsern Artikel vom 9. März über die Land-
tagsabgeordneten repliziert die "Rhein- und Mosel-Zeitung" von
heute. Wir wollen unserm Leser einige Proben dieses stilistischen
Meisterwerkes nicht vorenthalten. Unter andern Delikatessen fin-
det sich folgende:
"So hat die 'Rhein. Ztg.' in weit ausgeholten Streichen zwar
nicht mit einer Hellebarde, sondern mit ihrem g e w o h n t e n
K n ü t t e l 1*) auf ein Gespenst losgehauen" (man bedenke
wohl! E i n g e w o h n t e r K n ü t t e l! I n S t r e i-
c h e n m i t e i n e m K n ü t t e l l o s h a u e n!),
"das sie in einem Artikel der 'Rhein- und Mosel-Ztg.' zu
erblicken glaubte, und, wie sich von selbst versteht" (welcher
Luxus, Worte über Dinge zu machen, die sich von selbst ver-
stehen!), "sind alle ihre Streiche danebengefahren" (danebenge-
fahren! neben die "Rhein- und Mosel-Ztg.", also etwa auf ihren
Redakteur!), "und das angegriffene" 1*) (das Gespenst wurde ja
nur angegriffen!) "Blatt befindet sich durchaus unverletzt und
unversehrt."
Welche freigiebige Logik, die der Klugheit ihrer Leser nicht ein-
mal den Schluß überläßt, daß Streiche, die neben das angegriffene
Blatt, nicht auf das angegriffene Blatt gefallen sind! Welcher
Verstandesluxus, welche gründliche Geschichtserzählung! Allein,
man erwäge auch, wie interessant es der "Rhein- und Mosel-Ztg."
scheinen mußte, die Unversehrtheit ihres Rückens zu proklamieren.
Wie sehr der herrliche Einfall von dem "Gespenst" und der "Rhein.
Ztg.", die darauf loshaut, und den abseits gefallenen Prügeln der
Phantasie der "Rhein- und Mosel-Ztg." zusetzt, mögen folgende
ebenso sinnreiche als überraschende Variationen dieses aller-
größten Themas beweisen, bei deren Aufzählung wir nicht verfehlen
wollen, auf die feinen Nuancen und Schattierungen aufmerksam zu
machen. Also:
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1*) Hervorhebung von Marx
#435# Stilistische Übungen der "Rhein- und Mosel-Zeitung"
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1. "So hat die 'Rhein. Ztg.' vom 9. März in weit ausgeholten
Streichen mit ihrem gewohnten Knüttel auf ein G e s p e n s t
losgehauen, das sie in einem Artikel der 'Rhein- und Mosel-Ztg.'
zu erblicken glaubte, und wie sich von selbst versteht, sind alle
ihre Schläge danebengefallen."
2. "Der Artikel aber, welcher die 'Rhein. Ztg.' zur G e i-
s t e r s e h e r i n" (vorhin war der Geist ein Gespenst, und
seit wann hätte die "Rhein. Ztg." auch in dem ultramontanen Win-
kelblatt Geist gesehen!) "und infolge davon zur Heldin an einem
S c h a t t e n gemacht." 1*)
Also diesmal wäre wenigstens der Schatten der "Rhein- und Mosel-
Ztg." getroffen worden!
3. "Allein die 'Rhein. Zeitung', welche sich dessen w o h l
a u c h bewußt ist, daß an allem S u b s t a n t i e l l e n,
Wahren und K e r n h a f t e n" (dem Rücken der "Rhein- und Mo-
sel-Zeitung"?) "ihre Kräfte zu Spotte werden" (und welche gei-
stige Kraft würde nicht an einem Rücken zum Spotte?), "und die
nun doch einmal zeigen will, daß sie H ö r n e r" (der "ge-
wohnte Knüttel" hat sich unter der Hand in "Hörner" verwandelt)
"hat und zustoßen" (früher in weit ausgeholten Streichen los-
hauen) "kann, hat sich ein Gespenst a u s g e s o n n e n"
(früher "gesehen" oder "zu sehen geglaubt"), "das sie für den ei-
gentlichen Geist unseres Artikels möchte angesehen wissen" (eine
Wiederholung, um dem Leser den Tatbestand ins Gedächtnis zu ru-
fen!), "an dem sie nach Herzenslust ihren Mut kühlt und ihre
Stärke erprobt" (eine tüchtige rhetorische Ausführung), "geradeso
wie bei der Stierhetze die g e r e i z t e B e s t i e" (mehr
oben war die "Rh. Ztg." "der Mann mit dem Knüttel", also wohl die
"Rhein- und Mosel-Zeitung" die "Bestie") "an dem ihr vorgeworfe-
nen Strohmann ihren Mut ausläßt und sich nach der Zerfetzung des-
selben für den Sieger a c h t e t." 1*)
Wahrhaft homerisch! Man bedenke nur die epische Breite. Und wohl
auch äsopisch dieses tiefe Eindringen in die bestialische Psycho-
logie! Diese feine Deutung der Seelenzustände eines Stiers, der
sich für den Sieger achtet!
Es wäre "sehr kindlich und unschuldig", aber nicht minder "abge-
schmackt und trivial", wollten wir mit einem so "eminenten
Publizisten" auf die Sache selbst eingehen. Also nur zur Charak-
teristik des Mannes noch folgendes:
Die "Rhein- und Mosel-Zeitung" äußerte in ihrem so unglücklich
angegriffenen Artikel "nur" den "Zweifel", "ob mit der Erreichung
ihrer" (sc. der Urheber des Umlaufschreibens über die Wahl der
Herren C[amphausen] und M[erkens]) "Hoffnungen dann wirklich die
Zeit der alten Hansen zurückgeführt sein Würde", aber "von einer
Zurückführung gewesener und verwester Zustände" ist in ihrem
"Artikel keine Rede". Fasse es, wer es fassen kann!
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1*) Alle Hervorhebunge n von Marx
#436# Stilistische Übungen der "Rhein- und Mosel-Zeitung"
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Ferner:
Die "Rhein. Ztg." ging darauf aus, "eine offenbare L ü g e an-
zubringen, indem sie sagt: 'Unter den am Landtag zu vertretenden
Interessen n e n n t 1*) die "Rhein- und Mosel- Zeitung" n u r
die freiere Gemeindeverfassung und die Erweiterung der ständi-
schen Rechte', während in der 'Rhein- und Mosel-Zeitung' der Zu-
satz zu lesen ist: 'Die Feststellung so vieler andern schwebenden
Fragen in der Entwicklung des Volkslebens.'"
Hat denn die "Rhein- und Mosel-Zeitung" irgendeine dieser
"schwebenden Fragen" fixiert oder gar genannt? Glaubt sie, solche
unbestimmte Schwebeleien, wie die "Feststellung vieler andern
schwebenden Fragen", könne[n] für eine Namhaftmachung dieser Fra-
gen für eine bestimmte Forderung an die Landtagsabgeordneten gel-
ten? Und nun wende unser Leser noch einmal seine Blicke auf die
stilistische Originalität der "Rhein- und Mosel-Ztg.":
Zu "den I n t e r e s s e n, welche an demselben" (sc. dem
Landtag) "zu vertreten sind", gehört "die F e s t s t e l-
l u n g so vieler schwebenden Fragen in der Entwickelung des
Volkslebens"!
Eine in der Entwickelung des Volkslebens schwebende Frage! Eine
zu vertretende Feststellung!
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1*) Alle Hervorhebungen von Marx
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