Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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Illustrationen zu der neuesten Kabinettsstilübung
Friedrich Wilhelm IV. [91]
["Vorwärts!" Nr. 66 vom 17. August 1844]
"Ich kann den vaterländischen Boden nicht, wenn auch nur auf
kurze Zeit, verlassen, ohne öffentlich den tiefgefühlten Dank in
Meinem und der Königin Namen auszusprechen, von dem Unser Herz
bewegt ist. Er ist durch die unzähligen mündlichen und schriftli-
chen Beweise der Liebe zu Uns erzeugt worden, die das Attentat
vom 26. Juli [92] hervorgerufen hat, - der Liebe, die Uns im Au-
genblicke des Verbrechens selbst entgegenjauchzte, als die Hand
des Allmächtigen das tödliche Geschoß von Meiner Brust zu Boden
geworfen hatte. Im Aufblick zu dem göttlichen Erretter gehe Ich
mit frischem Mute an Mein Tagewerk, Begonnenes zu vollenden, Vor-
bereitetes auszuführen, das Böse mit neuer Siegesgewißheit zu be-
kämpfen, und Meinem Volke das zu sein, was Mein hoher Beruf Mir
auflegt, und Meines Volkes Liebe verdient."
Erdmannsdorf, den 5. August 1844.
(gez.) Friedrich Wilhelm"
Der unmittelbare Affekt ist ein schlechter Schriftsteller. Der
Brief, den der Liebende in großer Aufregung der Geliebten
schreibt, ist kein stilistisches Muster, aber eben diese
K o n f u s i o n des Ausdrucks ist der k l a r s t e, sinn-
fälligste, herzergreifendste Ausdruck von der Macht der Liebe
über den Briefsteller. Die Macht der Liebe über den Briefsteller
ist die Macht der Geliebten über ihn. Jene leidenschaftliche Un-
klarheit und haltlose Verwirrung des Stils schmeichelt daher dem
Herzen der Geliebten, indem das reflektierte, allgemeine und da-
her unzuverlässige Wesen der Sprache einen unmittelbar individu-
ellen, sinnlich-gewaltsamen und darum absolutzuverlässigen Cha-
rakter angenommen hat. Der verdachtslose Glauben an die Wahrheit
der Liebe, welche der Geliebte für sie äußert, ist aber der
höchste Selbstgenuß der Geliebten, ihr Glauben an sich selbst.
Aus diesen Vordersätzen folgt: Wir erweisen dem p r e u ß i-
s c h e n Volke einen unermeßlichen Dienst, wenn wir die innere
W a h r h e i t des königlichen
#439# Zur neuesten Kabinettsstilübung Friedrich Wilhelm IV.
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Dankes über allen Zweifel erheben. Wir erheben diese Wahrheit
aber über allen Zweifel, indem wir die Gewalt der dankbaren Emp-
findung über den königlichen Schriftsteller beweisen, und wir be-
weisen die Gewalt dieser Empfindung über den königlichen Schrift-
steller, indem wir die s t i l i s t i s c h e K o n f u-
s i o n der d a n k s a g e n d e n Kabinettsordre beweisen.
Man wird also den Zweck unserer patriotischen Analyse nicht
mißdeuten.
"Ich kann den vaterländischen Boden nicht, wenn auch nur auf
kurze Zeit, verlassen, ohne öffentlich den tiefgefühlten Dank in
Meinem und der Königin Namen auszusprechen, von dem Unser Herz
bewegt ist."
Nach der Satzstellung glaubt man im ersten Augenblick, die könig-
lichen Busen seien von ihrem eigenen Namen bewegt. Schärft die
Verwunderung über diese sonderbare Bewegung das Nachdenken, so
findet man, daß sich die relative Verbindung "v o n d e m 1*)
Unser Herz bewegt ist", nicht auf den Namen, sondern auf den wei-
ter abstehenden D a n k bezieht. Der Singularis "Unser Herz"
für das Herz des Königs und das Herz der Königin kann als poeti-
sche Kühnheit, als herzlicher Ausdruck der herzlichen Einheit des
herzlichen hohen Paars gerechtfertigt werden. Die lakonische
Kürze: "in Meinem und der Königin Namen" statt: "in Meinem Namen
und im Namen der Königin" verführt leicht zu einer falschen Deu-
tung. Unter "Meinem und der Königin Namen" läßt sich der e i n-
f a c h e Name des Königs verstehen, da der Name des Manns des
Mannes und der Frau Name ist. Nun ist es zwar ein Privilegium der
großen Männer und der Kinder, statt ihres "Ich" ihren N a m e n
zum Subjekt zu machen. So darf Cäsar statt: "Ich siegte" sagen:
"Cäsar siegte." So sagen die Kinder nicht: "Ich will in die
Schule nach Wien gehn", sondern: "Friedrich, Karl, Wilhelm etc.
will in die Schule nach Wien gehn." Eine gefährliche Neuerung
aber wäre, sein "Ich" zum Subjekt zu machen und zugleich zu
versichern, dies "Ich" spreche in seinem "eignen" Namen. Eine
solche Versicherung könnte das Geständnis, daß man gewöhnlich
nicht aus eigener Inspiration spreche, zu enthalten scheinen.
"Ich kann den vaterländischen Boden nicht, wenn auch nur auf
kurze Zeit, verlassen"
ist eine nicht ganz geschickte und nicht eben das Verständnis er-
leichternde Umschreibung von: "Ich kann den vaterländischen Boden
selbst auf kurze Zeit nicht verlassen, ohne etc." Diese Schwie-
rigkeit entstand durch die Kombination der drei Gedanken: 1. daß
der König seinen Boden verläßt,
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1*) Hervorhebung von Marx
#440# Zur neuesten Kabinettsstilübung Friedrich Wilhelm IV.
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2. daß er ihn nur auf kurze Zeit verläßt, 3. daß er das Bedürfnis
fühlt, dem Volke zu danken. Die zu gedrängte Veröffentlichung
dieser drei Gedanken bringt den Schein hervor, als spreche der
König seinen Dank nur aus, weil er seinen Boden verläßt. War aber
der Dank ein ernstgemeinter, strömte er aus dem Herzen, so konnte
seine Äußerung unmöglich an einen solchen Zufall geknüpft sein.
Voll' Herz macht sich unter allen Umständen Luft.
"Er" (der Dank) "ist durch die unzähligen mündlichen und schrift-
lichen Beweise der Liebe zu Uns erzeugt worden, d i e 1*) das
Attentat vom 26. Juli hervorgerufen hat, - d e r 1*) Liebe, die
Uns im Augenblick des Verbrechens selbst entgegenjauchzte, als
die Hand des Allmächtigen das tödliche Geschoß von Meiner Brust
zu Boden geworfen hatte."
Man weiß nicht, ob das Attentat die Liebe oder die Beweise der
Liebe hervorgerufen hat, um so weniger als der Genetivus "der
Liebe" nach der Parenthese wieder als der herrschende und akzen-
tuierte Redeteil des Satzes erscheint. Die stilistische Kühnheit
in der Wiederholung dieses Genetivus springt in die Augen. Die
Schwierigkeit wächst, wenn wir den Inhalt des Satzes betrachten.
Durfte die Liebe, welche sprach und schrieb, unmittelbar als das
Subjekt bezeichnet werden, welches auf der Straße lärmte?
Erheischte nicht die chronologische Wahrheit, mit der Liebe zu
beginnen, die sich sogleich in Gegenwart des Ereignisses äußerte,
und dann erst zu den späteren Äußerungen der Liebe in Schrift und
Rede überzugehn?
War nicht der Verdacht zu vermeiden, als wolle der König zugleich
der Aristokratie und dem Volke schmeicheln? - d e r
A r i s t o k r a t i e, indem ihre schriftlichen und mündlichen
Liebesäußerungen, obgleich der Zeit nach später als die populären
Liebesäußerungen, doch der Wirkung nach früher den Dank im könig-
lichen Herzen zu erzeugen wußten; dem Volke, indem seine jauch-
zende Liebe für ein und dasselbe Wesen, wie jene schreibende und
redende Liebe erklärt, also der Geburtsadel der Liebe aufgehoben
wird? Es scheint endlich nicht ganz geeignet, Gottes Hand unmit-
telbar das "Geschoß" parieren zu lassen, indem einigermaßen kon-
sequentes Denken auf diese Weise zu dem Trugschluß gelangen wird,
Gott habe die Hand des Frevlers zugleich auf den König geleitet
und zugleich das Geschoß von dem König abgeleitet; denn wie kann
man eine einseitige Aktion Gottes voraussetzen?
"Im Aufblick zu dem göttlichen Erretter gehe Ich mit frischem Mut
an Mein Tagewerk, Begonnenes zu vollenden, Vorbereitetes auszu-
führen, das Böse mit Siegesgewißheit
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1*) Hervorhebung von Marx
#441# Zur neuesten Kabinettsstilübung Friedrich Wilhelm IV.
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zu bekämpfen und Meinem Volke das zu sein, was Mein hoher Beruf
Mir auflegt, und Meines Volkes Liebe verdient."
Man kann nicht wohl sagen: "Ich gehe", "etwas zu sein". Allen-
falls kann man gehen "etwas zu werden". Die Bewegung im Werden
erscheint wenigstens als Resultat der Bewegung des Gehns, ob-
gleich wir auch die letztere Wendung nicht als korrekt empfehlen
wollen. Daß Seine Majestät "im A u f b l i c k z u G o t t
g e h t", das "Begonnene zu vollenden, das Vorbereitete auszu-
führen", scheint weder der Vollendung noch der Ausführung gün-
stige Chancen zu versprechen. Um Begonnenes zu vollenden und Vor-
bereitetes auszuführen, dazu muß man den Blick fest auf das Be-
gonnene und Vorbereitete richten, und nicht von diesen Gegenstän-
den weg in die blaue Luft schauen. Wer wahrhaft "im Aufblick zu
Gott geht", wird der "nicht im Anblick Gottes a u f g e h n"?
Werden dem nicht alle w e l t l i c h e n Pläne und Einfälle
v e r g e h n? Der isolierte, durch ein Komma auf sich selbst
verwiesene Schlußsatz: "und Meines Volkes Liebe verdient",
scheint auf einen unausgesprochenen, versteckten Nachsatz zu deu-
ten, wie etwa: "Verdient die Knute des Schwagers Nikolaus und die
Politik des Gevatters Metternich"; oder auch: "verdient das Kon-
stitutiönchen des Ritters Bunsen" [93].
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