Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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[DRITTES MANUSKRIPT]
[Privateigentum und Arbeit]
¦¦I¦ ad pag. XXXVI. [115] Das s u b j e k t i v e W e s e n
des Privateigentums, das P r i v a t e i g e n t u m als für
sich seiende Tätigkeit, als S u b j e k t, als P e r s o n
ist die A r b e i t. Es versteht sich also, daß erst die Natio-
nalökonomie, welche die A r b e i t als ihr Prinzip erkannte -
Adam Smith -, also nicht mehr das Privateigentum nur mehr als
einen Z u s t a n d außer dem Menschen wußte daß diese Natio-
nalökonomie sowohl als ein Produkt der wirklichen E n e r g i e
und B e w e g u n g des Privateigentums (sie ist die für sich
im Bewußtsein gewordne selbständige Bewegung des Privateigentums,
die moderne Industrie als Selbst) zu betrachten ist, als ein Pro-
dukt der modernen I n d u s t r i e, wie sie andrerseits die
Energie und Entwicklung dieser I n d u s t r i e beschleunigt,
verherrlicht, zu einer Macht des B e w u ß t s e i n s gemacht
hat. Als F e t i s c h d i e n e r, als K a t h o l i k e n
erscheinen daher dieser aufgeklärten Nationalökonomie, die das
s u b j e k t i v e W e s e n des Reichtums - innerhalb des
Privateigentums - entdeckt hat, die Anhänger des Geld- und Mer-
kantilsystems, welche das Privateigentum als ein n u r
g e g e n s t ä n d l i c h e s Wesen für den Menschen wissen.
E n g e l s hat daher mit Recht Adam Smith den n a t i o-
n a l ö k o n o m i s c h e n L u t h e r genannt. [116] Wie
Luther als das Wesen der äußerlichen W e l t die R e l i-
g i o n, den G l a u b e n erkannte und daher dem katholischen
Heidentum gegenübertrat, wie er die ä u ß e r e Religiosität
aufhob, indem er die Religiosität zum i n n e r n Wesen des
Menschen machte, wie er die außer dem Laien vorhandnen Pfaffen
negierte, weil er den Pfaffen in das Herz der Laien versetzte, so
wird der außer dem Menschen befindliche und von ihm unabhängige -
also nur auf eine äußerliche Weise zu erhaltende und zu
behauptende - Reichtum aufgehoben, d. h., diese seine ä u ß e r-
l i c h e g e d a n k e n l o s e G e g e n s t ä n d l i c h-
k e i t wird aufgehoben, indem sich das Privateigentum inkor-
poriert im Menschen selbst und der Mensch selbst als sein Wesen
erkannt - aber darum der Mensch selbst in der Bestimmung des
Privateigentums wie bei Luther der Religion gesetzt wird. Unter
dem Schein einer Anerkennung des Menschen
#531# Privateigentum und Arbeit
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ist also die Nationalökonomie, deren Prinzip die Arbeit, vielmehr
nur die konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen,
indem er selbst nicht mehr in einer äußerlichen Spannung zu dem
äußerlichen Wesen des Privateigentums steht, sondern er selbst
dies gespannte Wesen des Privateigentums geworden ist. Was früher
S i c h ä u ß e r l i c h s e i n, reale Entäußerung des Men-
schen, ist nur zur Tat der Entäußerung, zur Veräußerung geworden.
Wenn also jene Nationalökonomie unter dem Schein der Anerkennung
des Menschen, seiner Selbständigkeit, Selbsttätigkeit etc. be-
ginnt und, wie sie in das Wesen des Menschen selbst das Privatei-
gentum versetzt, nicht mehr durch die lokalen, nationalen etc.
B e s t i m m u n g e n d e s P r i v a t e i g e n t u m s
als eines a u ß e r i h r e x i s t i e r e n d e n W e-
s e n s bedingt sein kann, also eine k o s m o p o l i t i-
s c h e, allgemeine, jede Schranke, jedes Band umwerfende Ener-
gie entwickelt, um sich als die e i n z i g e Politik, All-
gemeinheit, Schranke und Band an die Stelle zu setzen - so muß
sie bei weitrer Entwicklung diese S c h e i n h e i l i g-
k e i t abwerfen, in ihrem g a n z e n Z y n i s m u s her-
vortreten, und sie tut dies, indem sie - unbekümmert um alle
scheinbaren Widersprüche, worin diese Lehre sie verwickelt - viel
e i n s e i t i g e r, darum s c h ä r f e r und k o n s e -
q u e n t e r die A r b e i t als das einzige W e s e n
d e s R e i c h t u m s entwickelt, die Konsequenzen dieser
Lehre im Gegensatz zu jener ursprünglichen Auffassung vielmehr
als m e n s c h e n f e i n d l i c h e nachweist und endlich
dem letzten, i n d i v i d u e l l e n, n a t ü r l i c h e n,
unabhängig von der Bewegung der Arbeit existierenden Dasein des
Privateigentums und Quelle des Reichtums - der G r u n d-
r e n t e, diesem schon ganz nationalökonomisch gewordnen und
daher gegen die Nationalökonomie widerstandsunfähigen Ausdruck
des Feudaleigentums - den Todesstoß gibt. (Schule des R i-
c a r d o.) Nicht nur wächst der Z y n i s m u s der Natio-
nalökonomie relativ von Smith über Say bis zu Ricardo, Mill etc.,
insofern die Konsequenzen der I n d u s t r i e den letztern
entwickelter und widerspruchsvoller vor die Augen treten, sondern
auch positiv gehn sie immer und mit Bewußtsein weiter in der
Entfremdung gegen den Menschen als ihr Vorgänger, aber n u r,
weil ihre Wissenschaft sich konsequenter und wahrer entwickelt.
Indem sie das Privateigentum in seiner tätigen Gestalt zum
Subjekt machen, also zugleich den Menschen zum Wesen und zugleich
den Menschen als ein Unwesen zum Wesen machen, so entspricht der
Widerspruch der Wirklichkeit vollständig dem widerspruchsvollen
Wesen, das sie als Prinzip erkannt haben. Die zerrißne ¦¦II¦
W i r k l i c h k e i t der I n d u s t r i e bestätigt ihr
i n s i c h z e r r i ß n e s Prinzip, weit entfernt, es zu
widerlegen. Ihr Prinzip ist ja das Prinzip dieser Zerrissenheit.
-
Die physiokratische Lehre von Dr. Quesnay bildet den Übergang aus
dem Merkantilsystem zu Adam Smith. Die P h y s i o k r a t i e
ist unmittelbar die
#532# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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n a t i o n a l ö k o n o m i s c h e Auflösung des Feudaleigen-
tums, aber darum ebenso unmittelbar die n a t i o n a l ö k o-
n o m i s c h e U m w a n d l u n g, Wiederherstellung des-
selben, nur daß seine Sprache nun nicht mehr feudal, sondern
ökonomisch wird. Aller Reichtum wird aufgelöst in die E r d e
und den L a n d b a u (Agrikultur). Die Erde ist noch nicht
K a p i t a l, sie ist noch eine b e s o n d r e Daseinsweise
desselben, die in ihrer und um ihrer natürlichen Besonderheit
w i l l e n gelten soll; aber die Erde ist doch ein allgemeines,
natürliches E l e m e n t, während das Merkantilsystem nur das
e d l e M e t a l l als Existenz des Reichtums kennt. Der
G e g e n s t a n d des Reichtums, seine Materie, hat also
sogleich die höchste Allgemeinheit innerhalb der N a t u r-
g r e n z e - insofern er noch als N a t u r unmittelbar ge-
genständlicher Reichtum ist - erhalten. Und die Erde ist nur
durch die Arbeit, die Agrikultur für den M e n s c h e n. Also
wird schon das subjektive Wesen des Reichtums in die Arbeit
versetzt. Aber zugleich ist die Agrikultur die e i n z i g
p r o d u k t i v e Arbeit. Also ist die Arbeit noch nicht in
ihrer Allgemeinheit und Abstraktion gefaßt, sie ist noch an ein
besondres N a t u r e l e m e n t a l s i h r e M a t e r i e
gebunden, sie ist daher auch nur noch in einer b e s o n-
d e r e n n a t u r b e s t i m m t e n D a s e i n s w e i s e
erkannt. Sie ist daher erst eine b e s t i m m t e, b e s o n-
d r e Entäußerung des Menschen, wie ihr Produkt noch als ein
bestimmter - mehr noch der Natur als ihr selbst anheimfallender -
Reichtum gefaßt ist. Die Erde wird hier noch als von Menschen
unabhängiges Naturdasein anerkannt, noch nicht als Kapital, d. h.
als ein Moment der Arbeit selbst. Vielmehr erscheint die Arbeit
als i h r Moment. Indem aber der Fetischismus des alten
äußerlichen, nur als Gegenstand existierenden Reichtums auf ein
sehr einfaches Naturelement reduziert und sein Wesen schon, wenn
auch erst teilweise, auf eine besondre Weise in seiner subjek-
tiven Existenz anerkannt ist, ist der notwendige Fortschritt, daß
das a l l g e m e i n e W e s e n des Reichtums erkannt und
daher die A r b e i t in ihrer vollständigen Absolutheit, d. h.
Abstraktion, zum P r i n z i p erhoben wird. Es wird der Phy-
siokratie bewiesen, daß die A g r i k u l t u r in ökonomischer
Hinsicht, also der einzig berechtigten, von keiner andren
Industrie verschieden sei, also nicht eine b e s t i m m t e
Arbeit, eine an ein besondres Element gebundne, eine besondre
Arbeitsäußerung, sondern die A r b e i t ü b e r h a u p t das
W e s e n des Reichtums sei.
Die Physiokratie leugnet den b e s o n d r e n äußerlichen, nur
gegenständlichen Reichtum, indem sie die Arbeit für sein
W e s e n erklärt. Aber zunächst ist die Arbeit für sie nur das
s u b j e k t i v e W e s e n des Grundeigentums (sie geht von
der Art des Eigentums aus, welche historisch als die herrschende
und anerkannte erscheint); sie läßt nur das Grundeigentum zum
e n t ä u ß e r t e n M e n s c h e n werden. Sie hebt seinen
Feudalcharakter auf, indem sie die
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I n d u s t r i e (Agrikultur) für sein W e s e n erklärt;
aber sie verhält sich leugnend zur Welt der Industrie, sie er-
kennt das Feudalwesen an, indem sie die A g r i k u l t u r für
die e i n z i g e Industrie erklärt.
Es versteht sich, daß, sobald nun das s u b j e k t i v e W e-
s e n der im Gegensatz zum Grundeigentum, d.h. als Industrie,
sich konstituierenden Industrie, gefaßt wird, dieses Wesen jenen
seinen Gegensatz in sich einschließt. Denn wie die Industrie das
aufgehobne Grundeigentum, so umfaßt ihr s u b j e kt i v e s
Wesen zugleich s e i n subjektives Wesen.
Wie das Grundeigentum die erste Form des Privateigentums ist, wie
die Industrie ihr bloß als eine besondre Art des Eigentums
zunächst historisch entgegentritt - oder vielmehr der freigelaßne
Sklave des Grundeigentums ist -, so wiederholt sich bei der wis-
senschaftlichen Erfassung des s u b j e k t i v e n Wesens des
Privateigentums, der A r b e i t, dieser Prozeß, und die Arbeit
erscheint zuerst nur als L a n d b a u a r b e i t, macht sich
dann aber a l s A r b e i t überhaupt geltend.
¦¦III¦ Aller Reichtum ist zum i n d u s t r i e l l e n Reich-
tum, zum R e i c h t u m der Arbeit geworden, und die I n d u-
s t r i e ist die vollendete Arbeit, wie das F a b r i k -
w e s e n das ausgebildete Wesen der I n d u s t r i e, d. h.
der Arbeit ist und das i n d u s t r i e l l e K a p i t a l
die vollendete objektive Gestalt des Privateigentums ist. -
Wir sehn, wie auch nun erst das Privateigentum seine Herrschaft
über den Menschen vollenden und in allgemeinster Form zur weltge-
schichtlichen Macht werden kann. -
[Privateigentum und Kommunismus]
* ad pag. XXXIX. [115] Aber der Gegensatz von E i g e n t u m s-
l o s i g k e i t und E i g e n t u m ist ein noch indifferen-
ter, nicht in seiner t ä t i g e n B e z i e h u n g, seinem
i n n e r n Verhältnis, noch nicht als W i d e r s p r u c h
gefaßter Gegensatz, solange er nicht als der Gegensatz der
A r b e i t und des K a p i t a l s begriffen wird. Auch ohne
die fortgeschrittne Bewegung des Privateigentums, im alten Rom,
in der Türkei etc., kann dieser Gegensatz in der e r s t e n
Gestalt sich aussprechen. So e r s c h e i n t er noch nicht
als durch das Privateigentum selbst gesetzt. Aber die Arbeit, das
subjektive Wesen des Privateigentums als Ausschließung des
Eigentums, und das Kapital, die objektive Arbeit als Aus-
schließung der Arbeit, ist das P r i v a t e i g e n t u m als
sein entwickeltes Verhältnis des Widerspruchs, darum ein ener-
gisches, zur Auflösung treibendes Verhältnis.
** ad ibidem. [115] Die Aufhebung der Selbstentfremdung macht
denselben Weg wie die Selbstentfremdung. Erst wird das P r i-
v a t e i g e n t u m nur in
#534# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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seiner objektiven Seite - aber doch die Arbeit als sein Wesen -
betrachtet. Seine Daseinsform ist daher das K a p i t a l, das
"als solches" aufzuheben ist (Proudhon). Oder die b e s o n d-
r e W e i s e der Arbeit - als nivellierte, parzellierte und
darum unfreie Arbeit - wird als die Quelle der S c h ä d-
l i c h k e i t des Privateigentums und seines menschenent-
fremdeten Daseins gefaßt - Fourier, der den Physiokraten ent-
sprechend auch wieder die L a n d b a u a r b e i t wenigstens
als die a u s g e z e i c h n e t e faßt, während St. Simon im
Gegensatz die I n d u s t r i e a r b e i t als solche für das
Wesen erklärt und nun auch die a l l e i n i g e Herrschaft der
Industriellen und die Verbesserung der Lage der Arbeiter begehrt.
Der K o m m u n i s m u s endlich ist der p o s i t i v e
Ausdruck des aufgehobnen Privateigentums, zunächst das a l l-
g e m e i n e Privateigentum. Indem er dies Verhältnis in seiner
A l l g e m e i n h e i t faßt, ist er
1. in seiner ersten Gestalt nur eine V e r a l l g e m e i-
n e r u n g und V o l l e n d u n g desselben; als solche
zeigt er sich in doppelter Gestalt: einmal ist die Herrschaft des
s a c h l i c h e n Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er
a l l e s vernichten will, was nicht fähig ist, als P r i-
v a t e i g e n t u m von allen besessen [zu] werden; er will
auf g e w a l t s a m e Weise von Talent etc. abstrahieren. Der
physische, unmittelbare B e s i t z gilt ihm als einziger Zweck
des Lebens und Daseins; die Bestimmung des A r b e i t e r s
wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt; das
Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Ge-
meinschaft zur Sachenwelt; endlich spricht sich diese Bewegung,
dem Privateigentum das allgemeine Privateigentum entgegen-
zustellen, in der tierischen Form aus, daß der E h e (welche
allerdings eine F o r m des e x k l u s i v e n P r i v a t-
e i g e n t u m s ist) die W e i b e r g e m e i n s c h a f t,
wo also das Weib zu einem g e m e i n s c h a f t l i c h e n
und g e m e i n e n Eigentum wird, entgegengestellt wird. Man
darf sagen, daß dieser Gedanke der W e i b e r g e m e i n-
s c h a f t das a u s g e s p r o c h n e G e h e i m n i s
dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist. Wie das
Weib aus der Ehe in die allgemeine Prostitution, so tritt die
ganze Welt des Reichtums, d.h. des gegenständlichen Wesens des
Menschen, aus dem Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privat-
eigentümer in das Verhältnis der universellen Prostitution mit
der Gemeinschaft. Dieser Kommunismus - indem er die P e r s ö n-
l i c h k e i t des Menschen überall negiert - ist eben nur der
konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation
ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende N e i d
ist die versteckte Form, in welcher die H a b s u c h t sich
herstellt und nur auf eine a n d r e Weise sich befriedigt. Der
Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist w e n i g-
s t e n s gegen das r e i c h e r e Privateigentum als Neid
und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der
Konkurrenz ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die
#535# Privateigentum und Kommunismus
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Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem v o r-
g e s t e l l t e n Minimum aus. Er hat ein b e s t i m m t e s
b e g r e n z t e s Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privat-
eigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die
abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivili-
sation, die Rückkehr zur u n n a t ü r l i c h e n ¦¦IV¦ Ein-
fachheit des a r m e n und bedürfnislosen Menschen, der nicht
über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei
demselben angelangt ist.
Die Gemeinschaft ist nur eine Gemeinschaft der A r b e i t und
die Gleichheit des S a l a i r s, den das gemeinschaftliche Ka-
pital, die G e m e i n s c h a f t als der allgemeine Kapita-
list, auszahlt. Beide Seiten des Verhältnisses sind in eine
v o r g e s t e l l t e Allgemeinheit erhoben, die A r b e i t
als die Bestimmung, in welcher jeder gesetzt ist, das K a p i-
t a l als die anerkannte Allgemeinheit und Macht der Gemein-
schaft.
In dem Verhältnis zum W e i b, als dem R a u b und der Magd
der gemeinschaftlichen Wollust, ist die unendliche Degradation
ausgesprochen, in welcher der Mensch für sich selbst existiert,
denn das Geheimnis dieses Verhältnisses hat seinen u n z w e i-
d e u t i g e n, entschiednen, o f f e n b a r e n, enthüllten
Ausdruck in dem Verhältnisse des M a n n e s zum W e i b e
und in der Weise, wie das u n m i t t e l b a r e, n a t ü r-
l i c h e Gattungsverhältnis gefaßt wird. Das unmittelbare,
natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist
das V e r h ä l t n i s des M a n n e s zum W e i b e. In
diesem n a t ü r l i c h e n Gattungsverhältnis ist das Ver-
hältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum
Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein
Verhältnis zur Natur, seine eigne n a t ü r l i c h e Bestim-
mung ist. In diesem Verhältnis e r s c h e i n t also s i n n-
l i c h, auf ein anschaubares F a k t u m reduziert, inwieweit
dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum
menschlichen Wesen des Menschen geworden ist. Aus diesem
Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen
beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwie-
weit der M e n s c h als G a t t u n g s w e s e n, als
M e n s c h sich geworden ist und erfaßt hat; das Verhältnis des
Mannes zum Weib ist das n a t ü r l i c h s t e Verhältnis des
Menschen zum Menschen. In ihm zeigt sich also, in[wie]weit das
n a t ü r l i c h e Verhalten des Menschen m e n s c h l i c h
oder inwieweit das m e n s c h l i c h e Wesen ihm zum n a-
t ü r l i c h e n Wesen, inwieweit seine m e n s c h l i c h e
N a t u r ihm zur N a t u r geworden ist. In diesem Verhältnis
zeigt sich auch, in[wie]weit das B e d ü r f n i s des Manschen
zum m e n s c h l i c h e n Bedürfnis, inwieweit ihm also der
a n d r e Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist,
inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwe-
sen ist.
Die erste positive Aufhebung des Privateigentums, der r o h e
Kommunismus,
#536# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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ist also nur eine E r s c h e i n u n g s f o r m von der Nie-
dertracht des Privateigentums, das sich als das p o s i t i v e
G e m e i n w e s e n setzen will.
2. Der Kommunismus alpha) nach politischer Natur demokratisch
oder despotisch; beta) mit Aufhebung des Staats, aber zugleich
noch unvollendetem und immer noch mit dem Privateigentum, d.h.
der Entfremdung des Menschen, affiziertem Wesen. In beiden Formen
weiß sich der Kommunismus schon als Reintegration oder Rückkehr
des Menschen in sich, als Aufhebung der menschlichen Selbstent-
fremdung, aber indem er das positive Wesen des Privateigentums
noch nicht erfaßt hat und ebensowenig die m e n s c h l i c h e
Natur des Bedürfnisses verstanden hat, ist er auch noch von dem-
selben befangen und infiziert. Er hat zwar seinen Begriff erfaßt,
aber noch nicht sein Wesen.
3. Der K o m m u n i s m u s als p o s i t i v e Aufhebung
des P r i v a t e i g e n t u m s als m e n s c h l i c h e r
S e l b s t e n t f r e m d u n g und darum als wirkliche
A n e i g n u n g des m e n s c h l i c h e n Wesens durch und
für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb
des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr
des Menschen für sich als eines g e s e l l s c h a f t l i-
c h e n, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als
vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus
= Naturalismus, er ist die w a h r h a f t e Auflösung des
Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem
Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und
Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung,
zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und
Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß
sich als diese Lösung.
¦¦V¦ Die ganze Bewegung der Geschichte ist daher, wie sein
w i r k l i c h e r Zeugungsakt - der Geburtsakt seines empiri-
schen Daseins - so auch für sein denkendes Bewußtsein die
b e g r i f f n e und g e w u ß t e Bewegung seines W e r-
d e n s, während jener noch unvollendete Kommunismus aus
einzelnen dem Privateigentum entgegenstehenden Geschichtsgestal-
ten einen h i s t o r i s c h e n Beweis, einen Beweis in dem
Bestehenden für sich sucht, indem er einzelne Momente aus der Be-
wegung (Cabet, Villegardelle etc. reiten, besonders auf diesem
Roß) herausreißt und als Beweise seiner historischen Vollblütig-
keit fixiert, womit er eben dartut, daß die unverhältnismäßig
größre Partie dieser Bewegung seinen Behauptungen widerspricht
und daß, wenn er einmal gewesen ist, eben sein v e r g a n-
g n e s Sein die Prätention des W e s e n s widerlegt.
Daß in der Bewegung des P r i v a t e i g e n t u m s, eben der
Ökonomie, die ganze revolutionäre Bewegung sowohl ihre empirische
als theoretische Basis findet, davon ist die Notwendigkeit leicht
einzusehn.
#537# Privateigentum und Kommunismus
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Dies m a t e r i e l l e, unmittelbar s i n n l i c h e Pri-
vateigentum ist der materielle sinnliche Ausdruck des
e n t f r e m d e t e n m e n s c h l i c h e n Lebens. Seine
Bewegung - die Produktion und Konsumtion - ist die s i n n l i-
c h e Offenbarung von der Bewegung aller bisherigen Produktion,
d.h. Verwirklichung oder Wirklichkeit des Menschen. Religion,
Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur
b e s o n d r e Weisen der Produktion und fallen unter ihr all-
gemeines Gesetz. Die positive Aufhebung des P r i v a t e i-
g e n t u m s, als die Aneignung des m e n s c h l i c h e n
Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also
die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in
sein m e n s c h l i c h e s, d.h. g e s e l l s c h a f t-
l i c h e s Dasein. Die religiöse Entfremdung als solche geht
nur in dem Gebiet d e s B e w u ß t s e i n s des menschlichen
Innern vor, aber die ökonomische Entfremdung ist die des
w i r k l i c h e n L e b e n s - ihre Aufhebung umfaßt daher
beide Seiten. Es versteht sich, daß die Bewegung bei den
verschiednen Völkern ihren e r s t e n Beginn danach nimmt, ob
das wahre a n e r k a n n t e Leben des Volks mehr im Bewußt-
sein oder in der äußren Welt vor sich geht, mehr das ideelle oder
reelle Leben ist. Der Kommunismus beginnt sogleich (Owen) mit dem
Atheismus, der Atheismus ist zunächst noch weit entfernt,
K o m m u n i s m u s zu sein, wie jener Atheismus mehr noch
eine Abstraktion ist. - Die Philanthropie des Atheismus ist daher
zuerst nur eine p h i l o s o p h i s c h e abstrakte Philan-
thropie, die des Kommunismus sogleich r e e l l und unmittelbar
zur W i r k u n g gespannt. -
Wir haben gesehn, wie unter Voraussetzung des positiv aufgehobnen
Privateigentums der Mensch den Menschen produziert, sich selbst
und den andren Menschen; wie der Gegenstand, welcher die unmit-
telbare Betätigung seiner Individualität, zugleich sein eignes
Dasein für den andern Menschen, dessen Dasein, und dessen Dasein
für ihn ist. Ebenso sind aber sowohl das Material der Arbeit, als
der Mensch als Subjekt, wie Resultat so Ausgangspunkt der Bewe-
gung (und daß sie dieser A u s g a n g s p u n k t sein müssen,
eben darin liegt die geschichtliche N o t w e n d i g k e i t
des Privateigentums). Also ist der g e s e l l s c h a f t-
l i c h e Charakter der allgemeine Charakter der ganzen Be-
wegung; w i e die Gesellschaft selbst den M e n s c h e n als
M e n s c h e n produziert, so ist sie durch ihn p r o d u-
z i e r t. Die Tätigkeit und der Genuß, wie ihrem Inhalt, sind
auch der E x i s t e n z w e i s e nach g e s e l l-
s c h a f t l i c h, g e s e l l s c h a f t l i c h e 1*) Tä-
tigkeit und g e s e l l s c h a f t l i c h e r Genuß. Das
m e n s c h l i c h e Wesen der Natur ist erst da für den
g e s e l l s c h a f t l i c h e n Menschen; denn erst hier ist
sie für ihn da als B a n d mit dem M e n s c h e n, als Da-
sein seiner für den andren und des
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1*) In der Handschrift gestrichen: gesellschaftliche
#538# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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andren für ihn, wie als Lebenselement der menschlichen Wirklich-
keit, erst hier ist sie da als G r u n d l a g e seines eignen
m e n s c h l i c h e n Daseins. Erst hier ist ihm sein
n a t ü r l i c h e s Dasein sein m e n s c h l i c h e s Da-
sein und die Natur für ihn zum Menschen geworden. Also die Ge-
sellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der
Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Natu-
ralismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur.
1*)
¦¦VI¦ Die gesellschaftliche Tätigkeit und der gesellschaftliche
Genuß existieren keineswegs a l l e i n in der Form einer
u n m i t t e l b a r gemeinschaftlichen Tätigkeit und unmittel-
bar g e m e i n s c h a f t l i c h e n Genusses, obgleich die
g e m e i n s c h a f t l i c h e Tätigkeit und der g e-
m e i n s c h a f t l i c h e Genuß, d. h. die Tätigkeit und der
Genuß, die unmittelbar in w i r k l i c h e r G e s e l l-
s c h a f t mit andren Menschen sich äußert und bestätigt,
überall da stattfinden werden, wo jener u n m i t t e l b a r e
Ausdruck der Gesellschaftlichkeit im Wesen ihres Inhalts
begründet und seiner Natur angemessen ist.
Allein auch wenn ich w i s s e n s c h a f t l i c h etc. tätig
bin, eine Tätigkeit, die ich selten in unmittelbarer Gemeinschaft
mit andern ausführen kann, so bin ich g e s e l l s c h a f t-
l i c h, weil als M e n s c h tätig. Nicht nur das Material
meiner Tätigkeit ist mir - wie selbst die Sprache, in der der
Denker tätig ist - als gesellschaftliches Produkt gegeben, mein
e i g n e s Dasein i s t gesellschaftliche Tätigkeit; darum
das, was ich aus mir mache, ich aus mir für die Gesellschaft
mache und mit dem Bewußtsein meiner als eines gesellschaftlichen
Wesens.
Mein a l l g e m e i n e s Bewußtsein ist nur die t h e o r e-
t i s c h e Gestalt dessen, wovon das r e e l l e Gemeinwesen,
gesellschaftliche Wesen, die l e b e n d i g e Gestalt ist,
während heutzutag das a l l g e m e i n e Bewußtsein eine Ab-
straktion vom wirklichen Leben ist und als solche ihm feindlich
gegenübertritt. Daher ist auch die T ä t i g k e i t meines
allgemeinen Bewußtseins - als eine solche - mein t h e o r e-
t i s c h e s Dasein als gesellschaftliches Wesen.
Es ist vor allem zu vermeiden, die "Gesellschaft" wieder als Ab-
straktion dem Individuum gegenüber zu fixieren. Das Individuum
i s t das g e s e l l s c h a f t l i c h e W e s e n. Seine
Lebensäußerung - erscheine sie auch nicht in der unmittelbaren
Form einer g e m e i n s c h a f t l i c h e n, mit andern zu-
gleich vollbrachten Lebensäußerung - i s t daher eine Äußerung
und Bestätigung des
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1*) Anschließend folgt durch einen Strich abgetrennt ohne Verweis
die Bemerkung: Die Prostitution nur ein besondrer Ausdruck der
allgemeinen Prostitution des Arbeiters, und da die Prostitution
ein Verhältnis ist, worin nicht nur der Prostituierte, sondern
auch der Prostituierende fällt - dessen Niedertracht noch größer
ist -, so fällt auch der Kapitalist etc. in diese Kategorie.
#539# Privateigentum und Kommunismus
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g e s e l l s c h a f t l i c h e n L e b e n s. Das individu-
elle und das Gattungsleben des Menschen sind nicht v e r-
s c h i e d e n, so sehr auch - und dies notwendig - die
Daseinsweise des individuellen Lebens eine mehr b e s o n d r e
oder mehr a l l g e m e i n e Weise des Gattungslebens ist,
oder je mehr das Gattungsleben ein mehr b e s o n d r e s oder
a l l g e m e i n e s individuelles Leben ist.
Als G a t t u n g s b e w u ß t s e i n bestätigt der Mensch
sein reelles G e s e l l s c h a f t s l e b e n und wiederholt
nur sein wirkliches Dasein im Denken, wie umgekehrt das Gattungs-
sein sich im Gattungsbewußtsein bestätigt und in seiner All-
gemeinheit, als denkendes Wesen, für sich ist.
Der Mensch - so sehr er daher ein b e s o n d r e s Individuum
ist, und grade seine Besonderheit macht ihn zu einem Individuum
und zum wirklichen i n d i v i d u e l l e n Gemeinwesen -
ebensosehr ist er die T o t a l i t ä t, die ideale Totalität,
das subjektive Dasein der gedachten und empfundnen Gesellschaft
für sich, wie er auch in der Wirklichkeit sowohl als Anschauung
und wirklicher Genuß des gesellschaftlichen Daseins wie als eine
Totalität menschlicher Lebensäußerung da ist.
Denken und Sein sind also zwar u n t e r s c h i e d e n, aber
zugleich in E i n h e i t miteinander.
Der T o d scheint als ein harter Sieg der Gattung über das be-
stimmte Individuum und ihrer Einheit zu widersprechen; aber das
bestimmte Individuum ist nur ein b e s t i m m t e s
G a t t u n g s w e s e n, als solches sterblich.
<4 1*). Wie das P r i v a t e i g e n t u m nur der sinnliche
Ausdruck davon ist, daß der Mensch zugleich g e g e n-
s t ä n d l i c h für sich wird und zugleich vielmehr sich als
ein fremder und unmenschlicher Gegenstand wird, daß seine Lebens-
äußerung seine Lebensentäußerung ist, seine Verwirklichung seine
Entwirklichung, eine f r e m d e Wirklichkeit ist, so ist die
positive Aufhebung des Privateigentums, d.h. die s i n n l i-
c h e Aneignung des menschlichen Wesens und Lebens, des gegen-
ständlichen Menschen, der menschlichen W e r k e für und durch
den Menschen, nicht nur im Sinne des u n m i t t e l b a r e n,
einseitigen G e n u s s e s zu fassen, nicht nur im Sinne des
B e s i t z e n s, im Sinne des H a b e n s. Der Mensch eignet
sich sein allseitiges Wesen auf eine allseitige Art an, also als
ein totaler Mensch. Jedes seiner m e n s c h l i c h e n Ver-
hältnisse zur Welt, Sehn, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Den-
ken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz, alle
Organe seiner Individualität, wie die Organe, welche unmittelbar
in ihrer Form als gemeinschaftliche Organe sind, ¦¦VII¦ sind in
ihrem g e g e n s t ä n d l i c h e n Verhalten oder in ihrem
V e r h a l t e n z u m G e g e n s t a n d die Aneignung des-
selben. Die Aneignung der
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1*) in der Handschrift: 5
#540# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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m e n s c h l i c h e n Wirklichkeit, ihr Verhalten zum Gegen-
stand ist die B e t ä t i g u n g d e r m e n s c h l i-
c h e n W i r k l i c h k e i t *); menschliche W i r k s a m-
k e i t und menschliches L e i d e n, denn das Leiden,
menschlich gefaßt, ist ein Selbstgenuß des Menschen.
Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, daß ein
Gegenstand erst der u n s r i g e ist, wenn wir ihn haben, also
als Kapital für uns existiert oder von uns unmittelbar besessen,
gegessen, getrunken, an unsrem Leib getragen, von uns bewohnt
etc., kurz, g e b r a u c h t wird. Obgleich das Privateigentum
alle diese unmittelbaren Verwirklichungen des Besitzes selbst
wieder nur als L e b e n s m i t t e l faßt und das Leben, zu
dessen Mittel sie dienen, ist das L e b e n des P r i-
v a t e i g e n t u m s Arbeit und Kapitalisierung.
An die Stelle a l l e r physischen und geistigen Sinne ist da-
her die einfache Entfremdung a l l e r dieser Sinne, der Sinn
des H a b e n s getreten. Auf diese absolute Armut mußte das
menschliche Wesen reduziert werden, damit es seinen innern Reich-
tum aus sich herausgebäre. (Über die Kategorie des H a b e n s
siehe H e ß in den "21 Bogen". [117])
Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige
E m a n z i p a t i o n aller menschlichen Sinne und Eigen-
schaften; aber sie ist diese Emanzipation grade dadurch, daß
diese Sinne und Eigenschaften m e n s c h l i c h, sowohl sub-
jektiv als objektiv, geworden sind. Das Auge ist zum
m e n s c h l i c h e n Auge geworden, wie sein G e g e n-
s t a n d zu einem gesellschaftlichen, m e n s c h l i c h e n,
vom Menschen für den Menschen herrührenden Gegenstand geworden
ist. Die S i n n e sind daher unmittelbar in ihrer Praxis
T h e o r e t i k e r geworden. Sie verhalten sich zu der S a-
c h e um der Sache willen, aber die Sache selbst ist ein
g e g e n s t ä n d l i c h e s m e n s c h l i c h e s Ver-
halten zu sich selbst und zum Menschen **) und umgekehrt. Das
Bedürfnis oder der Genuß haben darum ihre e g o i s t i s c h e
Natur und die Natur ihre bloße N ü t z l i c h k e i t verlo-
ren, indem der Nutzen zum m e n s c h l i c h e n Nutzen gewor-
den ist.
Ebenso sind die Sinne und der Genuß der andren Menschen meine
e i g n e Aneignung geworden. Außer diesen unmittelbaren Organen
bilden sich daher g e s e l l s c h a f t l i c h e Organe, in
der F o r m der Gesellschaft, also z. B. die Tätigkeit unmit-
telbar in Gesellschaft mit andren etc. ist ein Organ meiner
L e b e n s ä u ß e r u n g geworden und eine Weise der Aneig-
nung des m e n s c h l i c h e n Lebens.
---
*) Sie ist daher ebenso vielfach, wie die menschlichen Wesensbe-
stimmungen und Tätigkeiten vielfach sind.
**) Ich kann mich praktisch nur menschlich zu der Sache verhal-
ten, wenn die Sache sich zum Menschen menschlich verhält.
#541# Privateigentum und Kommunismus
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Es versteht sich, daß das m e n s c h l i c h e Auge anders ge-
nießt als das rohe, unmenschliche Auge, das menschliche O h r
anders als das rohe Ohr etc.
Wir haben gesehn. Der Mensch verliert sich nur dann nicht in sei-
nem Gegenstand, wenn dieser ihm als m e n s c h l i c h e r Ge-
genstand oder gegenständlicher Mensch wird. Dies ist nur möglich,
indem er ihm als g e s e l l s c h a f t l i c h e r Gegenstand
und er selbst sich als gesellschaftliches Wesen, wie die Gesell-
schaft als Wesen für ihn in diesem Gegenstand wird.
Indem daher überall einerseits dem Menschen in der Gesellschaft
die gegenständliche Wirklichkeit als Wirklichkeit der menschli-
chen Wesenskräfte, als menschliche Wirklichkeit und darum als
Wirklichkeit seiner e i g n e n Wesenskräfte wird, werden ihm
alle G e g e n s t ä n d e als die V e r g e g e n s t ä n d-
l i c h u n g seiner selbst, als die seine Individualität bestä-
tigenden und verwirklichenden Gegenstände, als s e i n e Gegen-
stände, d. h. Gegenstand wird e r s e l b s t. W i e sie ihm
als seine werden, das hängt von der N a t u r des G e g e n-
s t a n d e s und der Natur der ihr entsprechenden W e s e n s-
k r a f t ab; denn eben die B e s t i m m t h e i t dieses
Verhältnisses bildet die besondre, w i r k l i c h e Weise der
Bejahung. D e m A u g e wird ein Gegenstand anders als dem
O h r, und der Gegenstand des Auges i s t ein andrer als der
des O h r s. Die Eigentümlichkeit jeder Wesenskraft ist grade
ihr e i g e n t ü m l i c h e s W e s e n, also auch die ei-
gentümliche Weise ihrer Vergegenständlichung, ihres g e g e n-
s t ä n d l i c h - w i r k l i c h e n, lebendigen S e i n s.
Nicht nur im Denken, ¦¦VIII¦ sondern mit a l l e n Sinnen wird
daher der Mensch in der gegenständlichen Welt bejaht.
Andrerseits: Subjektiv gefaßt: Wie erst die Musik den musikali-
schen Sinn des Menschen erweckt, wie für das unmusikalische Ohr
die schönste Musik k e i n e n Sinn hat, [kein] Gegenstand ist,
weil mein Gegenstand nur die Bestätigung einer meiner Wesens-
kräfte sein kann, also nur so für mich sein kann, wie meine We-
senskraft als subjektive Fähigkeit für sich ist, weil der Sinn
eines Gegenstandes für mich (nur Sinn für einen ihm entsprechen-
den Sinn hat) grade so weit geht, als m e i n Sinn geht, darum
sind die S i n n e des gesellschaftlichen Menschen a n d r e
Sinne wie die des ungesellschaftlichen; erst durch den gegen-
ständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens wird der
Reichtum der subjektiven m e n s c h l i c h e n Sinnlichkeit,
wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form,
kurz, werden erst menschlicher Genüsse fähige S i n n e, Sinne,
welche als m e n s c h l i c h e Wesenskräfte sich bestätigen,
teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. Denn nicht nur die 5
Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die prakti-
schen Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der m e n s c h-
l i c h e Sinn, die Menschlichkeit der Sinne wird erst durch das
Dasein s e i n e s Gegenstandes, durch die v e r m e n s c h-
l i c h t e Natur. Die B i l d u n g der 5 Sinne ist eine
#542# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte. Der unter dem rohen
praktischen Bedürfnis befangene S i n n hat auch nur einen
b o r n i e r t e n Sinn.> Für den ausgehungerten Menschen exi-
stiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr ab-
straktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohster Form
vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nah-
rungstätigkeit von der t i e r i s c h e n Nahrungstätigkeit
unterscheide. Der sorgenvolle, bedürftige Mensch hat keinen
S i n n für das schönste Schauspiel; der Mineralienkrämer sieht
nur den merkantilischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigen-
tümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn;
also die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens, sowohl in
theoretischer als praktischer Hinsicht, gehört dazu, sowohl um
die S i n n e des Menschen m e n s c h l i c h zu machen als
um für den ganzen Reichtum des menschlichen und natürlichen We-
sens entsprechenden m e n s c h l i c h e n S i n n zu schaf-
fen.
<Wie durch die Bewegung des P r i v a t e i g e n t u m s und
seines Reichtums wie Elends - des materiellen und geistigen
Reichtums und Elends - die werdende Gesellschaft zu dieser
B i l d u n g alles Material vorfindet, s o produziert die
g e w o r d n e Gesellschaft den Menschen in diesem ganzen
Reichtum seines Wesens, den r e i c h e n a l l- u n d
t i e f s i n n i g e n Menschen als ihre stete Wirklichkeit. ->
Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus
und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftli-
chen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Ge-
gensätze verlieren; <man sieht, wie die Lösung der t h e o-
r e t i s c h e n Gegensätze selbst n u r auf eine p r a k-
t i s c h e Art, nur durch die praktische Energie des Menschen
möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der
Erkenntnis, sondern eine w i r k l i c h e Lebensaufgabe ist,
welche die P h i l o s o p h i e nicht lösen konnte, eben weil
sie dieselbe als n u r theoretische Aufgabe faßte. -
Man sieht, wie die Geschichte der I n d u s t r i e und das ge-
wordne g e g e n s t ä n d l i c h e Dasein der Industrie das
a u f g e s c h l a g n e Buch der m e n s c h l i c h e n
W e s e n s k r ä f t e, die sinnlich vorliegende menschliche
P s y c h o l o g i e ist, die bisher nicht in ihrem Zusammen-
hang mit dem W e s e n des Menschen, sondern immer nur in einer
äußern Nützlichkeitsbeziehung gefaßt wurde, weil man - innerhalb
der Entfremdung sich bewegend - nur das allgemeine Dasein des
Menschen, die Religion, oder die Geschichte in ihrem abstrakt-
allgemeinen Wesen, als Politik, Kunst, Literatur etc., ¦¦IX¦ als
Wirklichkeit der menschlichen Wesenskräfte und als m e n s c h-
l i c h e G a t t u n g s a k t e zu fassen wußte. In der g e-
w ö h n l i c h e n, m a t e r i e l l e n I n d u s t r i e
(- die man ebensowohl als einen Teil jener allgemeinen Bewegung
fassen, wie man sie selbst als einen b e s o n d e r n Teil der
Industrie fassen kann, da alle menschliche Tätigkeit bisher
Arbeit,
#543# Privateigentum und Kommunismus
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also Industrie, sich selbst entfremdete Tätigkeit war -) haben
wir unter der Form s i n n l i c h e r, f r e m d e r,
n ü t z l i c h e r G e g e n s t ä n d e, unter der Form der
Entfremdung, die v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n W e-
s e n s k r ä f t e des Menschen vor uns. Eine P s y c h o-
l o g i e, für welche dies Buch, also grade der sinnlich gegen-
wärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist,
kann nicht zur wirklichen inhaltvollen und r e e l l e n Wis-
senschaft werden.) Was soll man überhaupt von einer Wissenschaft
denken, die von diesem großen Teil der menschlichen Arbeit
v o r n e h m abstrahiert und nicht in sich selbst ihre Unvoll-
ständigkeit fühlt, solange ein so ausgebreiteter Reichtum des
menschlichen Wirkens ihr nichts sagt, als etwa, was man in einem
Wort sagen kann: "Bedürfnis", "gemeines Bedürfnis!"? - Die
N a t u r w i s s e n s c h a f t e n haben eine enorme Tätig-
keit entwickelt und sich ein stets wachsendes Material an-
geeignet. Die Philosophie ist ihnen indessen ebenso fremd ge-
blieben, wie sie der Philosophie fremd blieben. Die momentane
Vereinigung war nur eine p h a n t a s t i s c h e I l l u-
s i o n. Der Wille war da, aber das Vermögen fehlte. Die Ge-
schichtschreibung selbst nimmt auf die Naturwissenschaft nur
beiläufig Rücksicht, als Moment der Aufklärung, Nützlichkeit,
einzelner großer Entdeckungen. Aber desto p r a k t i s c h e r
hat die Naturwissenschaft vermittelst der Industrie in das men-
schliche Leben eingegriffen und es umgestaltet und die menschli-
che Emanzipation vorbereitet, sosehr sie unmittelbar die Ent-
menschung vervollständigen mußte. Die I n d u s t r i e ist das
w i r k l i c h e geschichtliche Verhältnis der Natur und daher
der Naturwissenschaft zum Menschen; wird sie daher als e x o-
t e r i s c h e Enthüllung der menschlichen W e s e n s-
k r ä f t e gefaßt, so wird auch das m e n s c h l i c h e
Wesen der Natur oder das n a t ü r l i c h e Wesen des Menschen
verstanden, daher die Naturwissenschaft ihre abstrakt materielle
oder vielmehr idealistische Richtung verlieren und die Basis der
m e n s c h l i c h e n Wissenschaft werden, wie sie jetzt schon
- obgleich in entfremdeter Gestalt - zur Basis des wirklich men-
schlichen Lebens geworden ist, und eine a n d r e Basis für das
Leben, eine andre für die W i s s e n s c h a f t ist von vorn-
herein eine Lüge. (Die in der menschlichen Geschichte - dem Ent-
stehungsakt der menschlichen Gesellschaft - werdende Natur ist
die w i r k l i c h e Natur des Menschen, darum die Natur, wie
sie durch die Industrie, wenn auch in e n t f r e m d e t e r
Gestalt wird, die wahre a n t h r o p o l o g i s c h e Natur
ist. -> Die S i n n l i c h k e i t (siehe Feuerbach) muß die
Basis aller Wissenschaft sein. Nur, wenn sie von ihr, in der dop-
pelten Gestalt sowohl des s i n n l i c h e n Bewußtseins als
des s i n n l i c h e n Bedürfnisses, ausgeht - also nur wenn
die Wissenschaft von der Natur ausgeht -, ist sie w i r k-
l i c h e Wissenschaft. Damit der "M e n s c h" zum Gegenstand
des s i n n l i c h e n Bewußtseins und das Bedürfnis des "Men-
schen als Menschen" zum
#544# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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Bedürfnis werde, dazu ist die ganze Geschichte die Vorbereitungs-
Entwicklungsgeschichte 1*). Die Geschichte selbst ist ein
w i r k l i c h e r Teil der N a t u r g e s c h i c h t e,
des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird
später ebensowohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wis-
senschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich sub-
sumieren: es wird e i n e Wissenschaft sein.
¦¦X¦ Der M e n s c h ist der unmittelbare Gegenstand der Natur-
wissenschaft; denn die unmittelbare s i n n l i c h e N a t u r
für den Menschen ist unmittelbar die menschliche Sinnlichkeit
(ein identischer Ausdruck), unmittelbar als der a n d e r e
sinnlich für ihn vorhandene Mensch; denn seine eigne Sinnlichkeit
ist erst durch den a n d r e n Menschen als menschliche Sinn-
lichkeit für ihn selbst. Aber die N a t u r ist der unmittel-
bare Gegenstand der W i s s e n s c h a f t v o m M e n-
s c h e n. Der erste Gegenstand des Menschen - der Mensch - ist
Natur, Sinnlichkeit, und die besondren menschlichen sinnlichen
Wesenskräfte, wie sie nur in n a t ü r l i c h e n Gegenständen
ihre gegenständliche Verwirklichung, können nur in der
Wissenschaft des Naturwesens überhaupt ihre Selbsterkenntnis fin-
den. Das Element des Denkens selbst, das Element der Lebensäuße-
rung des Gedankens, die S p r a c h e ist sinnlicher Natur. Die
g e s e l l s c h a f t l i c h e Wirklichkeit der Natur und die
m e n s c h l i c h e Naturwissenschaft oder die n a t ü r l i-
c h e W i s s e n s c h a f t v o m M e n s c h e n sind
identische Ausdrücke. - <Man sieht, wie an die Stelle des
nationalökonomischen R e i c h t u m s und E l e n d e s der
r e i c h e M e n s c h und das reiche m e n s c h l i c h e
Bedürfnis tritt. Der r e i c h e Mensch ist zugleich der einer
Totalität der menschlichen Lebensäußerung b e d ü r f t i g e
Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung, als innere
Notwendigkeit, als N o t existiert. Nicht nur der R e i c h-
t u m, auch die A r m u t des Menschen erhält gleichmäßig -
unter Voraussetzung des Sozialismus - eine m e n s c h l i c h e
und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das passive Band,
welches den Menschen den größten Reichtum, den a n d r e n
Menschen, als Bedürfnis empfinden läßt. Die Herrschaft des gegen-
ständlichen Wesens in mir, der sinnliche Ausbruch meiner
Wesenstätigkeit ist die L e i d e n s c h a f t, welche hier
damit die T ä t i g k e i t meines Wesens wird. ->
5. Ein W e s e n gilt sich erst als selbständiges, sobald es
auf eignen Füßen steht, und es steht erst auf eignen Füßen, so-
bald es sein D a s e i n sich selbst verdankt. Ein Mensch, der
von der Gnade eines andern lebt, betrachtet sich als ein abhängi-
ges Wesen. Ich lebe aber vollständig von der Gnade eines andern,
wenn ich ihm nicht nur die Unterhaltung meines Lebens verdanke,
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1*) "Entwicklungs-" steht in der Handschrift über "Vorbereitungs-
geschichte"
#545# Privateigentum und Kommunismus
-----
sondern wenn er noch außerdem mein L e b e n g e s c h a f-
f e n hat, wenn er der Q u e l l meines Lebens ist, und mein
Leben hat notwendig einen solchen Grund außer sich, wenn es nicht
meine eigne Schöpfung ist. Die S c h ö p f u n g ist daher eine
sehr schwer aus dem Volksbewußtsein zu verdrängende Vorstellung.
Das Durchsichselbstsein der Natur und des Menschen ist ihm
u n b e g r e i f l i c h, weil es allen H a n d g r e i f-
l i c h k e i t e n des praktischen Lebens widerspricht.
Die Erdschöpfung hat einen gewaltigen Stoß erhalten durch die
G e o g n o s i e, d.h. durch die Wissenschaft, welche die Erd-
bildung, das Werden der Erde, als einen Prozeß, als Selbsterzeu-
gung darstellte. Die generatio aequivoca ist die einzige prakti-
sche Widerlegung der Schöpfungstheorie.
Nun ist es zwar leicht, dem einzelnen Individuum zu sagen, was
Aristoteles schon sagt: Du bist gezeugt von deinem Vater und dei-
ner Mutter, also hat in dir die Begattung zweier Menschen, also
ein Gattungsakt der Menschen den Menschen produziert. Du siehst
also, daß der Mensch auch physisch sein Dasein dem Menschen ver-
dankt. Du mußt also nicht nur die e i n e Seite im Auge behal-
ten, den u n e n d l i c h e n Progreß, wonach du weiter
fragst: Wer hat meinen Vater, wer seinen Großvater etc. gezeugt?
Du mußt auch die K r e i s b e w e g u n g, welche in jenem
Progreß sinnlich anschaubar ist, festhalten, wonach der Mensch in
der Zeugung sich selbst wiederholt, also der M e n s c h immer
Subjekt bleibt. Allein du wirst antworten: Diese Kreisbewegung
dir zugestanden, so gestehe du mir den Progreß zu, der mich immer
weitertreibt, bis ich frage, wer hat den ersten Menschen und die
Natur überhaupt gezeugt? Ich kann dir nur antworten: Deine Frage
ist selbst ein Produkt der Abstraktion. Frage dich, wie du auf
jene Frage kömmst; frage dich, ob deine Frage nicht von einem Ge-
sichtspunkt aus geschieht, den ich nicht beantworten kann, weil
er ein verkehrter ist? Frage dich, ob jener Progreß als solcher
für ein vernünftiges Denken existiert? Wenn du nach der Schöpfung
der Natur und des Menschen fragst, so abstrahierst du also vom
Menschen und der Natur. Du setzest sie als n i c h t - s e i-
e n d und willst doch, daß sie ich als s e i e n d dir bewei-
se. Ich sage dir nun: Gib deine Abstraktion auf, so gibst du auch
deine Frage auf, oder willst du an deiner Abstraktion festhalten,
so sei konsequent, und wenn du den Menschen und die Natur als
n i c h t s e i e n d denkend, ¦¦XI¦ denkst, so denke dich
selbst als nichtseiend, der du doch auch Natur und Mensch bist.
Denke nicht, frage mich nicht, denn sobald du denkst und fragst,
hat deine A b s t r a k t i o n von dem Sein der Natur und des
Menschen keinen Sinn. Oder bist du ein solcher Egoist, daß du
alles als Nichts setzt und selbst sein willst?
#546# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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Du kannst mir erwidern: Ich will nicht das Nichts der Natur etc.
setzen; ich frage dich nach ihrem E n t s t e h u n g s a k t,
wie ich den Anatom nach den Knochenbildungen frage, etc.
Indem aber für den sozialistischen Menschen die g a n z e
s o g e n a n n t e W e l t g e s c h i c h t e nichts anders
ist als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit,
als das Werden der Natur für den Menschen, so hat er also den an-
schaulichen, unwiderstehlichen Beweis von seiner G e b u r t
durch sich selbst, von seinem E n t s t e h u n g s p r o z e ß.
Indem die W e s e n h a f t i g k e i t des Menschen und der
Natur, indem der Mensch für den Menschen als Dasein der Natur und
die Natur für den Menschen als Dasein des Menschen praktisch,
sinnlich anschaubar geworden ist, ist die Frage nach einem
f r e m d e n Wesen, nach einem Wesen über der Natur und dem
Menschen - eine Frage, welche das Geständnis von der Unwesent-
lichkeit der Natur und des Menschen einschließt - praktisch un-
möglich geworden. Der A t h e i s m u s, als Leugnung dieser
Unwesentlichkeit, hat keinen Sinn mehr, denn der Atheismus ist
eine N e g a t i o n d e s G o t t e s und setzt durch diese
Negation das D a s e i n d e s M e n s c h e n; aber der So-
zialismus als Sozialismus bedarf einer solchen Vermittlung nicht
mehr; er beginnt von dem t h e o r e t i s c h u n d p r a k-
t i s c h s i n n l i c h e n B e w u ß t s e i n des Men-
schen und der Natur als des W e s e n s. Er ist p o s i t i-
v e s, nicht mehr durch die Aufhebung der Religion vermitteltes
S e l b s t b e w u ß t s e i n des Menschen, wie das w i r k-
l i c h e L e b e n positive, nicht mehr durch die Aufhebung
des Privateigentums, den K o m m u n i s m u s, vermittelte
Wirklichkeit des Menschen ist. Der Kommunismus ist die Position
als Negation der Negation, darum das w i r k l i c h e, für die
nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der mensch-
lichen Emanzipation und Wiedergewinnung. Der K o m m u n i s-
m u s ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der
nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das
Ziel der menschlichen Entwicklung - die Gestalt der menschlichen
Gesellschaft. - ¦XI¦¦ [118]
[Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung]
¦¦XIV¦ 7. Wir haben gesehn, welche Bedeutung unter der Vorausset-
zung des Sozialismus die R e i c h h e i t der menschlichen Be-
dürfnisse und daher sowohl eine n e u e W e i s e d e r
P r o d u k t i o n als auch ein neuer G e g e n s t a n d der
Produktion hat. Neue Bestätigung der m e n s c h l i c h e n
Wesenskraft und neue Bereicherung des m e n s c h l i c h e n
Wesens. Innerhalb des Privateigentums die umgekehrte Bedeutung.
Jeder Mensch spekuliert darauf, dem andern ein n e u e s Be-
dürfnis zu schaffen, um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um
#547# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
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ihn in eine neue Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen
Weise des G e n u s s e s und damit des ökonomischen Ruins zu
verleiten. Jeder sucht eine f r e m d e Wesenskraft über den
andern zu schaffen, um darin die Befriedigung seines eigenen ei-
gennützigen Bedürfnisses zu finden. Mit der Masse der Gegenstände
wächst daher das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unter-
jocht ist, und jedes neue Produkt ist eine neue P o t e n z des
wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung.
Der Mensch wird um so ärmer als Mensch, er bedarf um so mehr des
G e l d e s, um sich des feindlichen Wesens zu bemächtigen, und
die Macht seines G e l d e s fällt grade im umgekehrten Ver-
hältnis als die Masse der Produktion, d.h., seine Bedürftigkeit
wächst, wie die M a c h t des Geldes zunimmt. - Das Bedürfnis
des Geldes ist daher das wahre, von der Nationalökonomie produ-
zierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie produziert. -
Die Q u a n t i t ä t des Geldes wird immer mehr seine einzige
m ä c h t i g e Eigenschaft; wie es alles Wesen auf seine Ab-
straktion reduziert, so reduziert es sich in seiner eignen Bewe-
gung als q u a n t i t a t i v e s Wesen. Die M a ß l o s i g-
k e i t und U n m ä ß i g k e i t wird sein wahres Maß. -
Subjektiv selbst erscheint dies so, teils daß die Ausdehnung der
Produkte und der Bedürfnisse zum e r f i n d e r i s c h e n
und stets k a l k u l i e r e n d e n Sklaven unmenschlicher,
raffinierter, unnatürlicher und e i n g e b i l d e t e r Ge-
lüste wird - das Privateigentum weiß das rohe Bedürfnis nicht zum
m e n s c h l i c h e n Bedürfnis zu machen; sein I d e a-
l i s m u s ist die E i n b i l d u n g, die W i l l k ü r,
die L a u n e, und ein Eunuche schmeichelt nicht niederträch-
tiger seinem Despoten und sucht durch keine infameren Mittel
seine abgestumpfte Genußfähigkeit zu irritieren, um sich selbst
eine Gunst zu erschleichen, wie der Industrieeunuche, der
Produzent, um sich Silberpfennige zu erschleichen, aus der Tasche
des christlich geliebten Nachbarn die Goldvögel herauszulocken -
(jedes Produkt ist ein Köder, womit man das Wesen des andern,
sein Geld, an sich locken will, jedes wirkliche oder mögliche Be-
dürfnis ist eine Schwachheit, die die Fliege an die Leimstange
heranführen wird - allgemeine Ausbeutung des gemeinschaftlichen
menschlichen Wesens, wie jede Unvollkommenheit des Menschen ein
Band mit dem Himmel ist, eine Seite, wo sein Herz dem Priester
zugänglich; jede Not ist eine Gelegenheit, um unter dem
liebenswürdigsten Schein zum Nachbarn zu treten und ihm zu sagen:
Lieber Freund, ich gebe dir, was dir nötig ist; aber du kennst
die conditio sine qua non; du weißt, mit welcher Tinte du dich
mir zu verschreiben hast; ich prelle dich, indem ich dir einen
Genuß verschaffe) -, sich seinen verworfensten Einfällen fügt,
den Kuppler zwischen ihm und seinem Bedürfnis spielt, krankhafte
Gelüste in ihm erregt, jede Schwachheit ihm ablauert, um dann das
Handgeld für diesen Liebesdienst
#548# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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zu verlangen. - Teils zeigt sich diese Entfremdung, indem die
Raffinierung der Bedürfnisse und ihrer Mittel auf der einen Seite
die viehische Verwildrung, vollständige, rohe, abstrakte Einfach-
heit des Bedürfnisses auf der andren Seite produziert; oder viel-
mehr nur sich selbst in seiner gegenteiligen Bedeutung wiederge-
biert. Selbst das Bedürfnis der freien Luft hört bei dem Arbeiter
auf, ein Bedürfnis zu sein, der Mensch kehrt in die Höhlenwohnung
zurück, die aber nun von dem mephytischen Pesthauch der Zivilisa-
tion verpestet ist und die er nur mehr prekär, als eine fremde
Macht, die sich ihm täglich entziehn, aus der er täglich, wenn er
¦¦XV¦ nicht zahlt, herausgeworfen werden kann, bewohnt. Dies To-
tenhaus muß er b e z a h l e n. Die L i c h t wohnung, welche
Prometheus bei Aeschylus als eines der großen Geschenke, wodurch
er den Wilden zum Menschen gemacht, bezeichnet, hört auf, für den
Arbeiter zu sein. Licht, Luft etc., die einfachste t i e r i-
s c h e Reinlichkeit hört auf, ein Bedürfnis für den Menschen zu
sein. D e r S c h m u t z, diese Versumpfung, Verfaulung des
Menschen, der G o s s e n a b l a u f (dies ist wörtlich zu
verstehn) der Zivilisation wird ihm ein L e b e n s e l e-
m e n t. Die völlige u n n a t ü r l i c h e Verwahrlosung,
die verfaulte Natur, wird zu seinem L e b e n s e l e m e n t.
Keiner seiner Sinne existiert mehr, nicht nur nicht in seiner
menschlichen Weise, sondern in einer u n m e n s c h l i-
c h e n, darum selbst nicht einmal tierischen Weise. Die rohsten
W e i s e n (und I n s t r u m e n t e) der menschlichen
Arbeit kehren wieder, wie die T r e t m ü h l e der römischen
Sklaven zur Produktionsweise, Daseinsweise vieler englischen
Arbeiter geworden ist. Nicht nur, daß der Mensch keine mensch-
lichen Bedürfnisse hat, selbst die t i e r i s c h e n Bedürf-
nisse hören auf. Der Irländer kennt nur mehr das Bedürfnis des
E s s e n s und zwar nur mehr des K a r t o f f e l e s s e n s
und zwar nur der L u m p e n k a r t o f f e l, der schlech-
testen Art von Kartoffel. Aber England und Frankreich haben schon
in jeder Industriestadt ein kleines Irland. Der Wilde, das Tier
hat doch das Bedürfnis der Jagd, der Bewegung etc., der
Geselligkeit. - Die Vereinfachung der Maschine, der Arbeit wird
dazu benutzt, um den erst werdenden Menschen, den ganz unaus-
gebildeten Menschen - das K i n d - zum Arbeiter zu machen, wie
der Arbeiter ein verwahrlostes Kind geworden ist. Die Maschine
bequemt sich der S c h w ä c h e des Menschen, um den
s c h w a c h e n Menschen zur Maschine zu machen.
<Wie die Vermehrung der Bedürfnisse und ihrer Mittel die Bedürf-
nislosigkeit und die Mittellosigkeit erzeugt, beweist der Natio-
nalökonom (und der Kapitalist, überhaupt reden wir immer von den
e m p i r i s c h e n Geschäftsleuten, wenn wir uns an die Na-
tionalökonomen - ihr w i s s e n s c h a f t l i c h e s Ge-
ständnis und Dasein - adressieren), 1. indem er das Bedürfnis des
Arbeiters auf den notwendigsten und jämmerlichsten Unterhalt des
physischen
#549# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
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Lebens und seine Tätigkeit auf die abstrakteste mechanische Bewe-
gung reduziert, also, sagt er: Der Mensch hat kein andres Bedürf-
nis weder der Tätigkeit noch des Genusses; denn a u c h dies
Leben erklärt er [als] m e n s c h l i c h e s Leben und Da-
sein; indem 2. er das möglichst d ü r f t i g e Leben (Exi-
stenz) als Maßstab, und zwar als allgemeinen Maßstab a u s-
r e c h n e t: allgemein, weil für die Masse der Menschen
geltend; er macht den Arbeiter zu einem unsinnlichen und bedürf-
nislosen Wesen, wie er seine Tätigkeit zu einer reinen Abstrak-
tion von aller Tätigkeit macht; jeder L u x u s des Arbeiters
erscheint ihm daher als verwerflich, und alles, was über das al-
lerabstrakteste Bedürfnis hinausgeht - sei es als passiver Genuß
oder Tätigkeitsäußerung - erscheint ihm als Luxus. Die Natio-
nalökonomie, diese Wissenschaft des R e i c h t u m s, ist da-
her zugleich die Wissenschaft des Entsagens, des Darbens, der
E r s p a r u n g, und sie kömmt wirklich dazu, dem Menschen so-
gar das B e d ü r f n i s einer reinen L u f t oder der phy-
sischen B e w e g u n g zu e r s p a r e n. Diese Wissen-
schaft der wunderbaren Industrie ist zugleich die Wissenschaft
der A s k e s e, und ihr wahres Ideal ist der a s k e t i-
s c h e, aber w u c h e r n d e Geizhals und der a s k e-
t i s c h e, aber p r o d u z i e r e n d e Sklave. Ihr mora-
lisches Ideal ist der A r b e i t e r, der in die Sparkasse
einen Teil seines salaire bringt, und sie hat für diesen ihren
Lieblingseinfall sogar eine knechtische K u n s t vorgefunden.
Man hat das sentimental aufs Theater gebracht. Sie ist daher -
trotz ihres weltlichen und wollüstigen Aussehns - eine wirklich
moralische Wissenschaft, die allermoralischste Wissenschaft. Die
Selbstentsagung, die Entsagung des Lebens und aller menschlichen
Bedürfnisse, ist ihr Hauptlehrsatz. Je weniger du ißt, trinkst,
Bücher kaufst, in das Theater, auf den Ball, zum Wirtshaus gehst,
denkst, liebst, theoretisierst, singst, malst, fichtst 1*) etc.,
um so [mehr] s p a r s t du, um so g r ö ß e r wird dein
Schatz, den weder Motten noch Raub fressen, dein K a p i t a l.
Je weniger du b i s t, je weniger du dein Leben äußerst, um so
mehr h a s t du, um so größer ist dein e n t ä u ß e r t e s
Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten
Wesen. Alles, ¦¦XVI¦ was dir der Nationalökonom an Leben nimmt
und an Menschheit, das alles ersetzt er dir in G e l d und
R e i c h t u m, und alles das, was du nicht kannst, das kann
dein Geld: Es kann essen, trinken, auf den Ball, ins Theater
gehn, es weiß sich die Kunst, die Gelehrsamkeit, die historischen
Seltenheiten, die politische Macht, es kann reisen, es kenn dir
das alles aneignen; es kann das alles kaufen; es ist das wahre
V e r m ö g e n, Aber es, was all dies ist, es m a g nichts
als sich selbst schaffen, sich selbst kaufen, denn alles andre
ist ja sein Knecht, und wenn ich den Herrn habe,
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1*) "fichtst" in der Handschrift nicht eindeutig zu entziffern
#550# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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habe ich den Knecht und brauche ich seinen Knecht nicht. Alle
Leidenschaften und alle Tätigkeit muß also untergehn in der
H a b s u c h t. Der Arbeiter darf nur soviel haben, daß [er]
leben will, und darf nur leben wollen, um zu haben.>
Allerdings erhebt sich nun auf nationalökonomischem Boden eine
Kontroverse. Die eine Seite (Lauderdale, Malthus etc.) empfiehlt
den L u x u s und verwünscht die Sparsamkeit; die andre (Say,
Ricardo etc.) empfiehlt die Sparsamkeit und verwünscht den Luxus.
Aber jene gesteht, daß sie den Luxus will, um die A r b e i t,
d.h. die absolute Sparsamkeit zu produzieren; die andre Seite ge-
steht, daß sie die Sparsamkeit empfiehlt, um den R e i c h -
t u m, d.h. den Luxus zu produzieren. Die erstere Seite hat die
r o m a n t i s c h e Einbildung, die Habsucht dürfe nicht al-
lein die Konsumtion der Reichen bestimmen, und sie widerspricht
ihren eignen Gesetzen, wenn sie die V e r s c h w e n d u n g
unmittelbar für ein Mittel der Bereicherung ausgibt, und von der
andern Seite wird ihr daher sehr ernstlich und umständlich bewie-
sen, daß ich durch die Verschwendung meine H a b e verringere
und nicht vermehre; die andre Seite begeht die Heuchelei, nicht
zu gestehn, daß grade die Laune und der Einfall die Produktion
bestimmt; sie vergißt die "verfeinerten Bedürfnisse", sie ver-
gißt, daß ohne Konsumtion nicht produziert würde; sie vergißt,
daß die Produktion durch die Konkurrenz nur allseitiger, luxuriö-
ser werden muß; sie vergißt, daß der Gebrauch ihr den Wert der
Sache bestimmt und daß die Mode den Gebrauch bestimmt; sie
wünscht nur "Nützliches" produziert zu sehn, aber sie vergißt,
daß die Produktion von zuviel Nützlichem zuviel u n n ü t z e
Population produziert. Beide Seiten vergessen, daß Verschwendung
und Ersparung, Luxus und Entblößung, Reichtum und Armut = sind.
Und nicht nur deine unmittelbaren Sinne, wie Essen etc., mußt du
absparen; auch Teilnahme mit allgemeinen Interessen, Mitleiden,
Vertrauen etc., das alles mußt du dir ersparen, wenn du ökono-
misch sein willst, wenn du nicht an Illusionen zugrunde gehn
willst.
<Du mußt alles, was dein ist, f e i l, d.h. nützlich machen.
Wenn ich den Nationalökonomen frage: Gehorche ich den ökonomi-
schen Gesetzen, wenn ich aus der Preisgebung, Feilbietung meines
Körpers an fremde Wollust Geld ziehe (die Fabrikarbeiter in
Frankreich nennen die Prostitution ihrer Frauen und Töchter die
xte Arbeitsstunde, was wörtlich wahr ist), oder handle ich nicht
nationalökonomisch, wenn ich meinen Freund an die Marokkaner ver-
kaufe (und der unmittelbare Menschenverkauf als Handel der Kon-
skribierten etc. findet in allen Kulturländern statt), so antwor-
tet mir der Nationalökonom: Meinen Gesetzen handelst du nicht zu-
wider; aber
#551# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
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sieh dich um, was Frau Base Moral und Base Religion sagt; meine
n a t i o n a l - ö k o n o m i s c h e Moral und Religion hat
nichts angegen dich einzuwenden, aber - Aber wem soll ich nun
mehr glauben, der Nationalökonomie oder der Moral? - Die Moral
der Nationalökonomie ist der E r w e r b, die Arbeit und die
Sparsamkeit, die Nüchternheit - aber die Nationalökonomie ver-
spricht mir, meine Bedürfnisse zu befriedigen. - Die Nationalöko-
nomie der Moral ist der Reichtum an gutem Gewissen, an Tugend
etc., aber wie kann ich tugendhaft sein, wenn ich nicht bin, wie
ein gutes Gewissen haben, wenn ich nichts weiß? Es ist dies im
Wesen der Entfremdung gegründet, daß jede Sphäre einen andren und
entgegengesetzten Maßstab an mich legt, einen andren die Moral,
einen andren die Nationalökonomie, weil jede eine bestimmte Ent-
fremdung des Menschen ist und jede> ¦¦XVII¦ einen besondren Kreis
der entfremdeten Wesenstätigkeit fixiert, jede sich entfremdet zu
der andren Entfremdung verhält... So wirft Herr Michel Chevalier
dem Ricardo vor, daß er von der Moral abstrahiert. Aber Ricardo
läßt die Nationalökonomie ihre eigne Sprache sprechen. Wenn diese
nicht moralisch spricht, so ist es nicht die Schuld von Ricardo.
M. Ch[evalier] abstrahiert von der Nationalökonomie, soweit er
moralisiert, aber er abstrahiert notwendig und wirklich von der
Moral, soweit er Nationalökonomie treibt. Die Beziehung der Na-
tionalökonomie auf die Moral, wenn sie anders nicht willkürlich,
zufällig und daher unbegründet und unwissenschaftlich ist, wenn
sie nicht zum S c h e i n vorgemacht, sondern als w e s e n t-
l i c h gemeint wird, kann doch nur die Beziehung der natio-
nalökonomischen Gesetze auf die Moral sein; wenn diese nicht,
oder vielmehr das Gegenteil stattfindet, was kann Ricardo dafür?
Übrigens ist auch der Gegensatz der Nationalökonomie und der Mo-
ral nur ein S c h e i n und, w i e e r e i n Gegensatz ist,
wieder kein Gegensatz. Die Nationalökonomie drückt nur in
i h r e r W e i s e die moralischen Gesetze aus. -
<Die Bedürfnislosigkeit als das Prinzip der Nationalökonomie
zeigt sich am g l ä n z e n d s t e n in ihrer B e v ö l k e-
r u n g s t h e o r i e. Es gibt zu v i e l Menschen. Sogar
das Dasein der Menschen ist ein purer Luxus, und wenn der
Arbeiter "moralisch" ist (Mill schlägt öffentliche Belobungen für
die vor, die sich enthaltsam in geschlechtlicher Beziehung
zeigen, und öffentlichen Tadel für die, die sich versündigen an
dieser Unfruchtbarkeit der Ehe [119]... ist das nicht Moral,
Lehre von der Askese?), wird er s p a r s a m sein an Zeugung.
Die Produktion des Menschen erscheint als öffentliches Elend. ->
Der Sinn, den die Produktion in bezug auf die Reichen hat, zeigt
sich o f f e n b a r t in dem Sinne, den sie für die Armen hat;
nach oben ist die Äußerung immer fein, versteckt, zweideutig,
Schein, nach unten hin grob, gradheraus, offenherzig, Wesen. Das
r o h e Bedürfnis des Arbeiters ist eine viel
#552# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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größere Quelle des Gewinns als das f e i n e des Reichen. Die
Kellerwohnungen in London bringen ihren Vermietern mehr ein als
die Paläste, d. h., sie sind in bezug auf ihn ein g r ö ß t e r
R e i c h t u m, also, um nationalökonomisch zu sprechen, ein
größrer g e s e l l s c h a f t l i c h e r Reichtum. - Und wie
die Industrie auf die Verfeinerung der Bedürfnisse, ebensosehr
spekuliert sie auf ihre R o h e i t, aber auf ihre künstlich
hervorgebrachte Roheit, deren wahrer Genuß daher die
S e l b s t b e t ä u b u n g ist, diese s c h e i n b a r e
Befriedigung des Bedürfnisses, diese Zivilisation i n n e r-
h a l b der rohen Barbarei des Bedürfnisses. Die englischen
Schnapsläden sind darum s i n n b i l d l i c h e Darstellungen
des Privateigentums. Ihr L u x u s zeigt das wahre Verhältnis
des industriellen Luxus und Reichtums zum Menschen. Sie sind
daher mit Recht auch die einzigen, wenigstens mild von der
englischen Polizei behandelten Sonntagsvergnügungen des Volkes.
¦XVII¦¦ [120]
¦¦XVIII¦ Wir haben schon gesehn, wie der Nationalökonom Einheit
von Arbeit und Kapital auf vielfache Art setzt. 1. Das Kapital
ist a u f g e h ä u f t e A r b e i t; 2. die Bestimmung des
Kapitals innerhalb der Produktion, teils die Reproduktion des Ka-
pitals mit Gewinn, teils das Kapital als Rohstoff (Material der
Arbeit), teils als selbst a r b e i t e n d e s I n s t r u-
m e n t - die Maschine ist das unmittelbar mit der Arbeit iden-
tisch gesetzte Kapital -, ist p r o d u k t i v e A r b e i t;
3. der Arbeiter ist ein Kapital; 4. der Arbeitslohn gehört zu den
Kosten des Kapitals; 5. in bezug auf den Arbeiter ist die Arbeit
die Reproduktion seines Lebenskapitals; 6. in bezug auf den
Kapitalisten ein Moment der Tätigkeit seines Kapitals.
Endlich 7. unterstellt der Nationalökonom die ursprüngliche Ein-
heit beider als die Einheit von Kapitalist und Arbeiter, dies ist
der paradiesische Urzustand. Wie diese beiden Momente ¦¦XIX¦ als
2 Personen sich entgegenspringen, ist für den Nationalökonomen
ein z u f ä l l i g e s und darum nur äußerlich zu erklärendes
Ereignis. (Siehe Mill.) - Die Nationen, welche noch von dem sinn-
lichen Glanz der edlen Metalle geblendet und darum noch Fetisch-
diener des Metallgeldes sind - sind noch nicht die vollendeten
Geldnationen. Gegensatz von Frankreich und England. - Wie sehr
die Lösung der theoretischen Rätsel eine Aufgabe der Praxis und
praktisch vermittelt ist, wie die wahre Praxis die Bedingung ei-
ner wirklichen und positiven Theorie ist, zeigt sich z. B. am
F e t i s c h i s m u s. Das sinnliche Bewußtsein des Fetisch-
dieners ist ein andres wie das des Griechen, weil sein sinnliches
Dasein noch ein andres ist. Die abstrakte Feindschaft zwischen
Sinn und Geist ist notwendig, solang der menschliche Sinn für die
Natur, der menschliche Sinn der Natur, also auch der
n a t ü r l i c h e Sinn des M e n s c h e n, noch nicht durch
die
#553# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
-----
eigne Arbeit des Menschen produziert ist. - Die G l e i c h-
h e i t ist nichts andres als das deutsche Ich = Ich in
französische, d.h. politische Form übersetzt. Die Gleichheit als
G r u n d des Kommunismus ist seine p o l i t i s c h e Be-
gründung und ist dasselbe, als wenn der Deutsche ihn sich dadurch
begründet, daß er den Menschen als a l l g e m e i n e s
S e l b s t b e w u ß t s e i n faßt. Es versteht sich, daß die
Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus
geschieht, welche die h e r r s c h e n d e Macht ist, in
Deutschland das S e l b s t b e w u ß t s e i n, in Frankreich
die G l e i c h h e i t, weil die Politik, in England das wirk-
liche, materielle, sich nur an sich selbst messende p r a k-
t i s c h e Bedürfnis. Von diesem Punkt aus ist Proudhon zu
kritisieren und anzuerkennen. - Wenn wir den K o m m u-
n i s m u s selbst noch - weil als Negation der Negation, als
die Aneignung des menschlichen Wesens, die sich mit sich durch
Negation des Privateigent[ums vermi]ttelt, daher noch nicht als
die w a h r e, von sich selbst, sondern vielmehr vom Privat-
eigentum aus beginnende Position - bezeichnen, [...] 1*) in
altdeutscher Weise - nach Weise der Hegelschen Phänomenologie -
so aufzu- [...] als ein ü b e r w u n d e n e s M o m e n t
nun abgemacht sei und man [...] könne und sich dabei beruhigen
könne, ihn in seinem Bewußtsein aufge- [...] des menschlichen We-
sens nur durch die w i r k l i c h e [...] aufhebung seines Ge-
dankens nach wie vor [...] da also mit ihm die wirkliche Entfrem-
dung des menschlichen Lebens bleibt und eine um so größere Ent-
fremdung bleibt, je mehr man ein Bewußtsein über sie als eine
solche hat - vollbracht werden kann, so ist sie also nur durch
den ins Werk gesetzten Kommunismus zu vollbringen. Um den
G e d a n k e n des Privateigentums aufzuheben, dazu reicht der
g e d a c h t e Kommunismus vollständig aus. Um das wirkliche
Privateigentum aufzuheben, dazu gehört eine w i r k l i c h e
kommunistische Aktion. Die Geschichte wird sie bringen, und jene
Bewegung, die wir i n G e d a n k e n schon als eine sich
selbst aufhebende wissen, wird in der Wirklichkeit einen sehr
rauhen und weitläufigen Prozeß durchmachen. Als einen wirklichen
Fortschritt müssen wir es aber betrachten, daß wir von vornherein
sowohl von der Beschränktheit als dem Ziel der geschichtlichen
Bewegung, und ein sie überbietendes Bewußtsein erworben haben. -
Wenn die kommunistischen H a n d w e r k e r sich vereinen, so
gilt ihnen zunächst die Lehre, Propaganda etc. als Zweck. Aber
zugleich eignen sie sich dadurch ein neues Bedürfnis, das Be-
dürfnis der Gesellschaft an, und was als Mittel erscheint, ist
zum Zweck geworden. Diese praktische Bewegung kann man in ihren
glänzendsten Resultaten anschauen, wenn man sozialistische fran-
zösische ouvriers vereinigt sieht. Rauchen, Trinken, Essen etc.
sind
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1*) Von dieser Manuskriptseite ist ein Stück abgerissen
#554# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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nicht mehr da als Mittel der Verbindung oder als verbindende Mit-
tel. Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wieder
die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die Brüderlich-
keit der Menschen ist keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen,
und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus den von der Arbeit
verhärteten Gestalten entgegen.
¦¦XX¦ <Wenn die Nationalökonomie behauptet, daß Nachfrage und Zu-
fuhr sich immer decken, so vergißt sie sogleich, daß nach ihrer
eignen Behauptung die Zufuhr von M e n s c h e n (Bevölkerungs-
theorie) immer die Nachfrage übersteigt, daß also bei dem
wesentlichen Resultat der ganzen Produktion - der Existenz des
Menschen - das Mißverhältnis zwischen Nachfrage und Zufuhr seinen
entschiedensten Ausdruck erhält.
Wie sehr das Geld, das als Mittel erscheint, die wahre M a c h t
und der einzige Z w e c k ist - wie sehr überhaupt d a s
M i t t e l, das mich zum Wesen macht, das mir das fremde gegen-
ständliche Wesen aneignet, S e l b s t z w e c k ist..., das
kann man daraus ersehn, wie Grundeigentum, da wo der Boden die
Lebensquelle, P f e r d und S c h w e r t, da wo sie das
w a h r e L e b e n s m i t t e l sind - auch als die wahren
politischen Lebensmächte anerkannt sind. Im Mittelalter ist ein
Stand emanzipiert, sobald er das S c h w e r t tragen darf. Bei
nomadischen Bevölkerungen ist das R o ß das, was mich zum
Freien, zum Teilnehmer am Gemeinwesen macht. -
Wir haben oben gesagt, daß der Mensch zu der H ö h l e n w o h-
n u n g etc., aber zu ihr unter einer entfremdeten, feindseligen
Gestalt zurückkehrt. Der Wilde in seiner Höhle - diesem
unbefangen sich zum Genuß und Schutz darbietenden Naturelement -
fühlt sich nicht fremder, oder fühlt sich vielmehr so heimisch,
als der F i s c h im Wasser. Aber die Kellerwohnung des Armen
ist ein feindliches, als "fremde Macht an sich haltende Wohnung,
die sich ihm nur hingibt, sofern er seinen Blutschweiß ihr
hingibt", die er nicht als seine Heimat - wo er endlich sagen
könnte, hier bin ich zu Hause - betrachten darf, wo er sich
vielmehr in dem Haus eines a n d e r n, in einem f r e m d e n
Hause, befindet, der täglich auf der Lauer steht und ihn
hinauswirft, wenn er nicht die Miete zahlt. Ebenso weiß er der
Qualität nach seine Wohnung im Gegensatz zur j e n s e i-
t i g e n, im Himmel des Reichtums, residierenden menschlichen
Wohnung.
Die Entfremdung erscheint sowohl darin, daß m e i n Lebensmit-
tel eines a n d e r n ist, daß das, was m e i n Wunsch, der
unzugängliche Besitz eines a n d e r n ist, als daß jede Sache
selbst ein a n d r e s als sie selbst, als daß meine Tätigkeit
ein a n d r e s, als endlich - und das gilt auch für den Kapi-
talisten - daß überhaupt die u n m e n s c h l i c h e Macht
her[rscht] 1*).
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1*) Manuskript beschädigt
#555# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
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Die Bestimmung des sich nur zum Genuß preisgebenden, untätigen
und verschwendenden Reichtums - worin der Genießende zwar einer-
seits sich als ein nur v e r g ä n g l i c h e s, wesenlos sich
austobendes Individuum b e t ä t i g t, und ebenso die fremde
Sklavenarbeit, den menschlichen B l u t s c h w e i ß als die
Beute seiner Begierde und darum den Menschen selbst, also auch
sich selbst als ein aufgeopfertes, nichtiges Wesen weiß, wobei
die Menschenverachtung als Übermut, als ein Wegwerfen dessen, was
hundert menschliche Leben fristen kann, teils als die infame Il-
lusion erscheint, daß seine zügellose Verschwendung und haltlose,
improduktive Konsumtion die A r b e i t und damit die S u b-
s i s t e n z des andren bedingt - der die Verwirklichung der
menschlichen W e s e n s k r ä f t e nur als Verwirklichung
seines Unwesens, seiner Laune und willkürlich bizarren Einfälle
weiß - dieser Reichtum, der aber andrerseits den Reichtum als ein
bloßes Mittel und nur der Vernichtung wertes Ding weiß, der also
zugleich sein Sklave und sein Herr, zugleich großmütig und
niederträchtig, launenhaft, dünkelhaft, eingebildet, fein, gebil-
det, geistreich ist - dieser Reichtum hat noch nicht den
R e i c h t u m als eine gänzlich f r e m d e M a c h t über
sich selbst erfahren; er sieht in ihm vielmehr nur seine eigne
Macht, und [nicht] 1*) der Reichtum, sondern der G e n u ß [ist
ihm letzter] 1*) Endzweck. Dieser [...] 2*) ¦¦XXI¦ und der glän-
zenden, durch den sinnlichen Schein geblendeten Illusion über das
Wesen des Reichtums tritt der a r b e i t e n d e, n ü c h-
t e r n e, p r o s a i s c h e, ö k o n o m i s c h e 3*) über
das Wesen des Reichtums aufgeklärte Industrielle gegenüber - und
wie er seiner Genußsucht einen größeren Umkreis verschafft, ihm
schöne Schmeicheleien in seinen Produktionen sagt - seine
Produkte sind ebensoviel niedrige Komplimente an die Gelüste des
Verschwenders -, so weiß er die jenem verschwindende Macht auf
die einzig n ü t z l i c h e Weise sich selbst anzueignen. Wenn
sonach der industrielle Reichtum zunächst als Resultat des
verschwenderischen, phantastischen Reichtums erscheint - so ver-
drängt die Bewegung des erstem auch auf tätige Weise, durch ihm
eigne Bewegung den letztern. Das Fallen des G e l d z i n s e s
ist nämlich eine notwendige Konsequenz und Resultat der indu-
striellen Bewegung. Die Mittel des verschwenderischen Rentiers
vermindern sich also täglich grade in u m g e k e h r t e m
Verhältnis zur Vermehrung der Mittel und Fallstricke des
Genusses. Er muß also entweder sein Kapital selbst verzehren,
also zugrunde gehn oder selbst zum industriellen Kapitalisten
werden... Andrerseits steigt zwar die G r u n d r e n t e un-
mittelbar beständig durch den Lauf der industriellen Bewegung,
aber -
-----
1*) Manuskript beschädigt - 2*) von dieser Manuskriptseite ist
ein Stück abgerissen; es fehlen etwa drei Zeilen - 3*) "öko-
nomische" steht in der Handschrift über "prosaische"
#556# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
-----
wir haben es schon gesehn - es kömmt notwendig ein Zeitpunkt, wo
das Grundeigentum in die Kategorie des mit Gewinn sich reprodu-
zierenden Kapitals, wie jedes andre Eigentum, fallen muß - und
zwar ist dies das Resultat derselben industriellen Bewegung. Also
muß auch der verschwenderische Grundherr entweder sein Kapital
verzehren, also zugrunde gehn - oder selbst der Pächter seines
eignen Grundstücks - ackerbauender Industrieller werden. - Die
Verminderung des Geldzinses - welche Proudhon als die Aufhebung
des Kapitals und als Tendenz nach der Sozialisierung des Kapitals
betrachtet - ist daher vielmehr unmittelbar nur ein Symptom von
dem vollständigen Sieg des arbeitenden Kapitals über den
verschwenderischen Reichtum, d.h. die Verwandlung alles Privatei-
gentums in industrielles Kapital - der vollständige Sieg des Pri-
vateigentums über alle dem S c h e i n nach noch menschlichen
Qualitäten desselben und die völlige Unterjochung des Privatei-
gentümers unter das Wesen des Privateigentums - die A r b e i t.
Allerdings genießt auch der industrielle Kapitalist. Er kehrt
keineswegs zur unnatürlichen Einfachheit des Bedürfnisses zurück,
aber sein Genuß ist nur Nebensache, Erholung, untergeordnet der
Produktion, dabei b e r e c h n e t e r, also selbst ö k o-
n o m i s c h e r Genuß, denn er schlägt seinen Genuß zu den
Kosten des Kapitals, und sein Genuß darf ihm daher nur soviel
kosten, daß das an ihm Verschwendete durch die Reproduktion des
Kapitals mit Gewinn wieder ersetzt wird. Der Genuß ist also unter
das Kapital, das genießende Individuum unter das kapitalisierende
subsumiert, während früher das Gegenteil stattfand. Die Abnehmung
der Zinsen ist daher nur insofern ein Symptom der Aufhebung des
Kapitals, als sie ein Symptom seiner sich vollendenden Herr-
schaft, der sich vollendenden und daher ihrer Aufhebung zueilen-
den Entfremdung ist. Dies ist überhaupt die einzige Weise, wie
das Bestehende sein Gegenteil bestätigt. -> Der Zank der Natio-
nalökonomen über Luxus und Ersparung ist daher nur der Zank der
über das Wesen des Reichtums ins klare gekommenen Nationalökono-
mie mit derjenigen, die noch mit romantischen, antiindustriellen
Erinnerungen behaftet ist. Beide Teile wissen sich aber den Ge-
genstand des Streits nicht auf seinen einfachen Ausdruck zu brin-
gen und werden daher nicht miteinander fertig.- ¦XXI¦¦ [121]
¦¦XXXIV¦ Die G r u n d r e n t e wurde ferner qua Grundrente
gestürzt - indem von der neuern Nationalökonomie im Gegensatz zu
dem Argument der Physiokraten, der Grundeigentümer sei der einzig
wahre Produzent, vielmehr bewiesen wurde, daß der Grundeigentümer
als solcher vielmehr der einzige ganz improduktive Rentier sei.
Die Agrikultur sei Sache des Kapitalisten,
#557# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
-----
der seinem Kapital diese Anwendung gebe, wenn er von ihr den ge-
wöhnlichen Gewinn zu erwarten habe. Die Aufstellung der Physio-
kraten - daß das Grundeigentum als das einzig produktive Eigentum
allein die Staatssteuer zu zahlen, also auch allein sie zu bewil-
ligen und teil an dem Staatswesen zu nehmen habe - verkehrt sich
daher in die umgekehrte Bestimmung, daß die Steuer auf Grundrente
die einzige Steuer auf ein improduktives Einkommen sei, daher die
einzige Steuer, welche der nationalen Produktion nicht schädlich
sei. Es versteht sich, daß, so gefaßt, auch das politische Vor-
recht der Grundeigentümer nicht mehr aus ihrer hauptsächlichen
Besteuerung folgt. -
Alles, was Proudhon als Bewegung der Arbeit gegen das Kapital
faßt, ist nur die Bewegung der Arbeit in der Bestimmung des Kapi-
tals, des i n d u s t r i e l l e n K a p i t a l s gegen das
nicht a l s Kapital, d.h. nicht industriell sich konsumierende
Kapital. Und diese Bewegung geht ihren siegreichen Weg, d.h. den
Weg des Sieges des i n d u s t r i e l l e n Kapitals. - Man
sieht also, daß erst, indem die A r b e i t als Wesen des Pri-
vateigentums gefaßt wird, auch die nationalökonomische Bewegung
als solche in ihrer wirklichen Bestimmtheit durchschaut werden
kann. -
Die G e s e l l s c h a f t - wie sie für den Nationalökonomen
erscheint - ist die b ü r g e r l i c h e G e s e l l-
s c h a f t, worin jedes Individuum ein Ganzes von Bedürfnissen
ist und es nur ¦¦XXXV¦ für den andern, wie der andre nur für es
da ist, insofern sie sich wechselseitig zum Mittel werden. Der
Nationalökonom - so gut, wie die Politik in ihren M e n-
s c h e n r e c h t e n - reduziert alles auf den Menschen, d.
h. auf das Individuum, von welchem er alle Bestimmtheit ab-
streift, um es als Kapitalist oder Arbeiter zu fixieren. - Die
T e i l u n g d e r A r b e i t ist der nationalökonomische
Ausdruck von der G e s e l l s c h a f t l i c h k e i t d e r
A r b e i t innerhalb der Entfremdung. Oder, da die A r b e i t
nur ein Ausdruck der menschlichen Tätigkeit innerhalb der Entäu-
ßerung, der Lebensäußerung als Lebensentäußerung ist, so ist auch
die T e i l u n g d e r A r b e i t nichts andres als das
e n t f r e m d e t e, e n t ä u ß e r t e Setzen der menschli-
chen Tätigkeit als einer r e a l e n G a t t u n g s t ä t i g-
k e i t oder als T ä t i g k e i t d e s M e n s c h e n
a l s G a t t u n g s w e s e n.
Über das W e s e n der T e i l u n g d e r A r b e i t -
welche natürlich als ein Hauptmotor der Produktion des Reichtums
gefaßt werden mußte, sobald die A r b e i t als das W e s e n
des P r i v a t e i g e n t u m s erkannt war - d.h., über
diese e n t f r e m d e t e u n d e n t ä u ß e r t e G e-
s t a l t der m e n s c h l i c h e n T ä t i g k e i t a l s
G a t t u n g s t ä t i g k e i t sind die Nationalökonomen sehr
unklar und sich widersprechend.
Adam Smith: "Die T e i l u n g d e r A r b e i t verdankt
nicht der menschlichen Weisheit ihren Ursprung. Sie ist die not-
wendige, langsame und stufenweise Konsequenz des Hangs zum Aus-
tausch und des wechselseitigen Verschacherns der Produkte. Dieser
#558# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
-----
Hang zum Handel ist wahrscheinlich eine notwendige Folge des Ge-
brauchs der Vernunft und des Wortes. Er ist allen Menschen ge-
meinschaftlich, findet sich bei keinem Tier. Das Tier, sobald es
erwachsen ist, lebt auf seine Faust. Der Mensch hat beständig die
Unterstützung von andern nötig, und vergeblich würde er sie bloß
von ihrem Wohlwollen erwarten. Es wird viel sicherer sein, sich
an ihr persönliches Interesse zu wenden und sie zu überreden, ihr
eigner Vorteil erheische das zu tun, was er von ihnen wünscht.
Wir adressieren uns bei andern Menschen nicht an ihre
M e n s c h h e i t 1*), sondern an ihren E g o i s m u s 1*);
wir sprechen ihnen niemals von u n s e r n B e d ü r f n i s-
s e n 1*), sondern immer von i h r e m V o r t e i l 1*). -
Da wir also durch Tausch, Handel, Schacher die Mehrzahl der guten
Dienste, die uns wechselseitig nötig sind, erhalten, so ist es
diese Disposition zum S c h a c h e r, welche der T e i-
l u n g d e r A r b e i t ihren Ursprung gegeben hat. Z.B. In
einem Tribus von Jägern oder Hirten macht ein Privatmann Bogen
und Sehnen mit mehr Geschwindigkeit und Geschicklichkeit als ein
andrer. Er vertauscht oft mit seinen Genossen diese Arten von
Tagwerk gegen Vieh und Wild, er bemerkt bald, daß er letzteres
durch dieses Mittel sich leichter verschaffen kann, als wenn er
selbst auf die Jagd ginge. Aus interessierter Berechnung macht er
also aus der Fabrikation der Bogen etc. seine Hauptbeschäftigung.
Die Differenz der n a t ü r l i c h e n T a l e n t e 1*)
unter den Individuen ist nicht sowohl die U r s a c h e 1*) als
der E f f e k t 1*) der Teilung der Arbeit... Ohne die Dispo-
sition des Menschen, zu handeln und tauschen, wäre jeder
verpflichtet gewesen, sich selbst alle Notwendigkeiten und Be-
quemlichkeiten des Lebens zu verschaffen. Jeder hätte
d a s s e l b e T a g e w e r k 1*) zu erfüllen gehabt, und
jene große D i f f e r e n z 1*) der B e s c h ä f t i g u n-
g e n 1*), welche allein eine große Differenz der Talente
erzeugen kann, hätte nicht stattgefunden. - Wie nun dieser Hang
zum Tauschen die Verschiedenheit der Talente erzeugt unter den
Menschen, so ist es auch derselbe Hang, der diese Verschiedenheit
nützlich macht. - Viele Tierracen, obgleich von derselben
species, haben von der Natur unterschiedene Charaktere erhalten,
die in bezug auf ihre Anlagen augenfälliger sind, als man bei den
ungebildeten Menschen beobachten könnte. Von Natur ist ein
Philosoph nicht halb so verschieden von einem Sackträger an
Talent und Intelligenz als ein Haushund von einem Windhund, ein
Windhund von einem Wachtelhund und dieser von einem Schäferhund.
Dennoch sind diese verschiednen Tierracen, obgleich von derselben
species, fast von gar keiner Nützlichkeit füreinander. Der
Hofhund kann den Vorteilen seiner Stärke ¦¦XXXVI¦ nichts
hinzufügen dadurch, daß er sich etwa der Leichtigkeit des
Windhundes etc. bediente. Die Wirkungen dieser verschiednen Ta-
lente oder Stufen der Intelligenz können, aus Mangel der Fähig-
keit oder des Hangs zum Handel und Austausch, nicht zusammen, in
Gemeinschaft, geworfen werden und können durchaus nicht zum
V o r t e i l oder zur g e m e i n s c h a f t l i c h e n
B e q u e m l i c h k e i t 1*) der s p e c i e s 1*) beitra-
gen ... Jedes Tier muß sich selbst unterhalten und beschützen,
unabhängig von den andern - es kann nicht den geringsten Nutzen
von der Verschiedenheit der Talente ziehn, welche die Natur unter
seinesgleichen verteilt hat. Unter den Menschen dagegen sind die
disparatesten Talente einander nützlich, weil die v e r-
s c h i e d n e n P r o d u k t e 1*) jeder ihrer respektiven
Industriezweige, vermittelst
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1*) Hervorhebung von Marx
#559# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
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dieses allgemeinen Hangs zum Handel und Austausch, sich sozusagen
in eine gemeinschaftliche Masse geworfen finden, wo jeder Mensch
nach seinen Bedürfnissen kaufen gehn kann irgendeinen Teil des
Produkts der Industrie des andern. - Weil dieser Hang zum
A u s t a u s c h der T e i l u n g d e r A r b e i t ihren
Ursprung gibt, so ist folglich das W a c h s t u m d i e s e r
T e i l u n g 1*) immer beschränkt durch die A u s d e h-
n u n g 1*) der F ä h i g k e i t a u s z u t a u s c h e n
1*) oder, in andern Worten, durch die A u s d e h n u n g 1*)
d e s 1*) M a r k t e s. Ist der Markt sehr klein, so wird
niemand ermutigt sein, sich gänzlich einer einzigen Beschäftigung
zu ergeben, aus Mangel, das Mehr des Produkts seiner Arbeit,
welches seine eigne Konsumtion übersteigt, gegen ein gleiches
Mehr des Produkts der Arbeit eines andern, das er sich zu ver-
schaffen wünschte, austauschen zu können..." Im f o r t-
g e s c h r i t t n e n 1*) Zustand: "Jeder Mensch besteht von
échanges, vom Austausch und wird eine Art von H a n d e l s-
m a n n 1*) und die G e s e l l s c h a f t s e l b s t 1*)
ist eigentlich eine h a n d e l s t r e i b e n d e 1*) Ge-
sellschaft." (Sieh Destutt de Tracy: "Die Gesellschaft ist eine
Reihe von wechselseitigem Austausch, in dem Commerce liegt das
ganze Wesen der Gesellschaft." [122]) "... Die Akkumulation der
Kapitalien steigt mit der Teilung der Arbeit und wechselseitig."
-
Soweit Adam Smith. [123]
"Wenn jede Familie die Totalität der Gegenstände ihrer Konsumtion
erzeugte, könnte die Gesellschaft in Gang bleiben, obgleich sich
keine Art von Austausch bewerkstelligte - o h n e f u n d a-
m e n t a l 1*) zu sein, ist der Austausch unentbehrlich in dem
avancierten Zustand unsrer Gesellschaft - die Teilung der Arbeit
ist eine geschickte Anwendung der Kräfte des Menschen - sie
vermehrt also die Produkte der Gesellschaft, ihre Macht und ihre
Genüsse, aber sie beraubt, vermindert die Fähigkeit jedes Men-
schen individuell genommen. - Die Produktion kann ohne den
Austausch nicht stattfinden." -
So J.B. Say. [124]
"Die dem Menschen inhärenten Kräfte sind: seine Intelligenz und
seine physische Anlage zur Arbeit; diejenigen, welche von dem ge-
sellschaftlichen Zustand ihren Ursprung ableiten, bestehn: in der
Fähigkeit, die A r b e i t zu t e i l e n 1*) und die
v e r s c h i e d n e n A r b e i t e n u n t e r d i e
v e r s c h i e d n e n M e n s c h e n a u s z u t e i l e n 1
... und in dem V e r m ö g e n, die w e c h s e l s e i t i-
g e n D i e n s t e 1*) auszutauschen und die Produkte, welche
diese Mittel konstituieren ... Das Motiv, warum ein Mensch dem
andern seine Dienste widmet, ist der Eigennutz - der Mensch
verlangt eine Rekompens für die einem andern geleisteten Dienste.
- Das Recht des exklusiven Privateigentums ist unentbehrlich,
damit sich der Austausch unter den Menschen etabliere."
"Austausch und Teilung der Arbeit bedingen sich wechselseitig."
So Skarbek. [125]
Mill stellt den entwickelten Austausch, den H a n d e l, als
F o l g e der T e i l u n g d e r A r b e i t dar.
"Die Tätigkeit des Menschen kann auf sehr einfache Elemente redu-
ziert werden. Er kann in Wahrheit nichts mehr tun, als Bewegung
produzieren; er kann die Sachen
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1*) Hervorhebung von Marx
#560# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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bewegen, um sie voneinander zu ent-¦¦XXXVII¦fernen oder einander
zu nähern; die Eigenschaften der Materie tun das übrige. Bei der
Anwendung der Arbeit und der Maschinen findet man oft, daß die
Wirkungen durch eine geschickte Verteilung vermehrt werden kön-
nen, durch Trennung der Operationen, die sich entgegenstehn, und
durch Vereinigung aller derjenigen, welche auf irgendeine Weise
sich wechselseitig fördern können. Da im allgemeinen die Menschen
nicht viele verschiedne Operationen mit gleicher Geschwindigkeit
und Geschicklichkeit exekutieren können, wie die Gewohnheit ihnen
diese Fähigkeit für die Ausübung einer kleinern Zahl verschafft -
so ist es immer vorteilhaft, soviel als möglich die Zahl der je-
dem Individuum anvertrauten Operationen zu beschränken. - Zur
Teilung der Arbeit und Verteilung der Kräfte des Menschen und der
Maschinen auf die vorteilhafteste Art ist es notwendig in einer
Menge von Fällen, auf einer großen Stufenleiter zu operieren
oder, in andren Worten, die Reichtümer in großen Massen zu produ-
zieren. Dieser Vorteil ist der Entstehungsgrund der großen Manu-
fakturen, von denen oft eine kleine, unter günstigen Verhält-
nissen gegründete Anzahl manchmal nicht nur ein einziges, sondern
mehre Länder approvisioniert mit der hier verlangten Quantität
von den durch sie produzierten Objekten."
So Mill. [126]
Die ganze moderne Nationalökonomie aber stimmt darin überein, daß
Teilung der Arbeit und Reichtum der Produktion, Teilung der Ar-
beit und Akkumulation des Kapitals sich wechselseitig bedingen,
wie daß das f r e i g e l a ß n e, sich selbst überlaßne Pri-
vateigentum allein die nützlichste und umfassendste Teilung der
Arbeit hervorbringen kann.
Adam Smiths Entwicklung läßt sich dahin resümieren: Die Teilung
der Arbeit gibt der Arbeit die unendliche Produktionsfähigkeit.
Sie ist begründet in dem H a n g zum A u s t a u s c h und
S c h a c h e r, einem spezifisch menschlichen Hang, der wahr-
scheinlich nicht zufällig, sondern durch den Gebrauch der Ver-
nunft und der Sprache bedingt ist. Das Motiv des Austauschenden
ist nicht die M e n s c h h e i t, sondern der E g o i s-
m u s. Die Verschiedenartigkeit der menschlichen Talente ist
mehr die Wirkung als die Ursache der Teilung der Arbeit, i.e. des
Austauschs. Auch macht letzterer erst diese Verschiedenheit
nützlich. Die besondren Eigenschaften der verschiedenen Racen
einer Tierart sind von Natur schärfer als die Verschiedenheit
menschlicher Anlage und Tätigkeit. Weil die Tiere aber nicht
a u s z u t a u s c h e n vermögen, nützt keinem Tierindividuum
die unterschiedne Eigenschaft eines Tiers von derselben Art, aber
von verschiedner Race. Die Tiere vermögen nicht die
unterschiednen Eigenschaften ihrer species zusammenzulegen; sie
vermögen nichts zum g e m e i n s c h a f t l i c h e n Vorteil
und Bequemlichkeit ihrer species beizutragen. Anders der
M e n s c h, wo die disparatesten Talente und Tätigkeitsweisen
sich wechselseitig nützen,
#561# Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung
-----
w e i l sie ihre v e r s c h i e d n e n Produkte zusammenwer-
fen können in eine gemeinschaftliche Masse, wovon jeder kaufen
kann. Wie die Teilung der Arbeit aus dem Hang des A u s-
t a u s c h s entspringt, so wächst sie und ist begrenzt durch
die A u s d e h n u n g des A u s t a u s c h s, des
M a r k t e s. Im fortgeschrittnen Zustand jeder Mensch H a n-
d e l s m a n n, die Gesellschaft eine H a n d e l s g e -
s e l l s c h a f t.
Say betrachtet den A u s t a u s c h als zufällig und nicht
fundamental. Die Gesellschaft könnte ohne ihn bestehn. Er wird
unentbehrlich im avancierten Zustand der Gesellschaft. Dennoch
kann die P r o d u k t i o n o h n e i h n nicht stattfinden.
Die Teilung der Arbeit ist ein b e q u e m e s, n ü t z-
l i c h e s Mittel, eine geschickte Anwendung der menschlichen
Kräfte für den gesellschaftlichen Reichtum, aber sie vermindert
die F ä h i g k e i t j e d e s M e n s c h e n i n d i v i-
d u e l l genommen. Die letztere Bemerkung ist ein Fortschritt
von Say.
Skarbek unterscheidet die i n d i v i d u e l l e n, dem
M e n s c h e n i n h ä r e n t e n Kräfte, Intelligenz und
physische Disposition zur Arbeit, von den von der Gesellschaft
h e r g e l e i t e t e n Kräften, A u s t a u s c h und
T e i l u n g d e r A r b e i t, die sich wechselseitig be-
dingen. Aber die notwendige Voraussetzung des Austausches ist das
P r i v a t e i g e n t u m. Skarbek drückt hier unter objekti-
ver Form aus, was Smith, Say, Ricardo etc. sagen, wenn sie den
E g o i s m u s, das P r i v a t i n t e r e s s e als Grund
des Austausches oder den S c h a c h e r als die w e s e n t-
l i c h e und a d ä q u a t e Form des Austausches bezeichnen.
Mill stellt den H a n d e l als Folge der T e i l u n g d e r
A r b e i t dar. Die m e n s c h l i c h e Tätigkeit reduziert
sich ihm auf eine m e c h a n i s c h e B e w e g u n g. Tei-
lung der Arbeit und Anwendung von Maschinen befördern den Reich-
tum der Produktion. Man muß jedem Menschen einen möglichst klei-
nen Kreis von Operationen anvertrauen. Ihrerseits bedingen Tei-
lung der Arbeit und Anwendung von Maschinen die Produktion des
Reichtums in Masse, also Konzentrierung der Produk[tion] 1*).
Dies der Grund der großen Manufakturen.
¦¦XXXVIII¦ Die Betrachtung der T e i l u n g d e r A r b e i t
und des A u s t a u s c h e s sind von höchstem Interesse, weil
sie die s i n n f ä l l i g e n t ä u ß e r t e n Ausdrücke
der menschlichen T ä t i g k e i t und W e s e n s k r a f t
als einer g a t t u n g s m ä ß i g e n Tätigkeit und Wesens-
kraft sind.
Daß die T e i l u n g d e r A r b e i t und der A u s-
t a u s c h auf dem P r i v a t e i g e n t u m beruhn, ist
nichts anders als die Behauptung, daß die A r b e i t das Wesen
des Privateigentums ist, eine Behauptung, die der Nationalökonom
nicht beweisen kann und die wir für ihn beweisen wollen. Eben
darin, daß T e i l u n g
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1*) "Produk[tion]" in der Handschrift nicht eindeutig zu entzif-
fern
#562# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
-----
d e r A r b e i t und A u s t a u s c h Gestaltungen des Pri-
vateigentums sind, eben darin liegt der doppelte Beweis, sowohl
daß das m e n s c h l i c h e Leben zu seiner Verwirklichung
des P r i v a t e i g e n t u m s bedurfte wie andrerseits, daß
es jetzt der Aufhebung des Privateigentums bedarf.
T e i l u n g d e r A r b e i t und A u s t a u s c h sind
die beiden E r s c h e i n u n g e n, bei denen der National-
ökonom auf die Gesellschaftlichkeit seiner Wissenschaft pocht und
den Widerspruch seiner Wissenschaft, die Begründung der Gesell-
schaft durch das ungesellschaftliche Sonderinteresse in einem
Atemzug bewußtlos ausspricht.
Die Momente, die wir zu betrachten haben, sind: Einmal wird der
H a n g des A u s t a u s c h s - dessen Grund im Egoismus ge-
funden wird - als Grund oder Wechselwirkung der Teilung der Ar-
beit betrachtet. Say betrachtet den Austausch als nicht
f u n d a m e n t a l für das Wesen der Gesellschaft. Der Reich-
tum, die Produktion wird durch die Teilung der Arbeit und den
Austausch erklärt. Die Verarmung und Entwesung der individuellen
Tätigkeit durch die Teilung der Arbeit wird zugestanden. Aus-
tausch und Teilung der Arbeit werden als Produzenten der großen
V e r s c h i e d e n h e i t d e r m e n s c h l i c h e n
T a l e n t e anerkannt, eine Verschiedenheit, welche durch er-
steren auch wieder n ü t z l i c h wird. Skarbek teilt die Pro-
duktions- oder produktiven Wesenskräfte des Menschen in 2 Teile,
1. die individuellen und ihm inhärenten, seine Intelligenz und
spezielle Arbeitsdisposition oder Fähigkeit, 2. die von der Ge-
sellschaft - nicht vom wirklichen Individuum - a b g e l e i-
t e t e n, die Teilung der Arbeit und den Austausch. - Ferner:
Die Teilung der Arbeit ist durch den Markt beschränkt. - Die
menschliche Arbeit ist einfache m e c h a n i s c h e B e w e-
g u n g; die Hauptsache tun die materiellen Eigenschaften der
Gegenstände. - Einem Individuum müssen wenigst mögliche Operatio-
nen zugeteilt werden. - Spaltung der Arbeit und Konzentrierung
des Kapitals, die Nichtigkeit der individuellen Produktion und
die Produktion des Reichtums in Masse. - Verstand des freien
Privateigentums in der Teilung der Arbeit. ¦XXXVIII¦¦ [127]
[Geld]
¦¦XLI¦ Wenn die E m p f i n d u n g e n, Leidenschaften etc.
des Menschen nicht nur anthropologische Bestimmungen im [engeren]
Sinn, sondern wahrhaft o n t o l o g i s c h e Wesens-(Na-
tur-)bejahungen sind - und wenn sie nur dadurch wirklich sich
bejahen, daß ihr G e g e n s t a n d s i n n l i c h für sie
ist, so versteht sich, 1. daß die Weise ihrer Bejahung durchaus
nicht eine und
#563# Geld
-----
dieselbe ist, sondern vielmehr die unterschiedne Weise der Beja-
hung die Eigentümlichkeit ihres Daseins, ihres Lebens bildet; die
Weise, wie der Gegenstand für sie, ist die eigentümliche Weise
ihres G e n u s s e s; 2. da, wo die sinnliche Bejahung unmit-
telbares Aufheben des Gegenstandes in seiner selbständigen Form
ist (Essen, Trinken, Bearbeiten des Gegenstandes etc.), ist dies
die Bejahung des Gegenstandes; 3. insofern der Mensch
m e n s c h l i c h, also auch seine Empfindung etc.
m e n s c h l i c h ist, ist die Bejahung des Gegenstandes durch
einen andren, ebenfalls sein eigner Genuß; 4. erst durch die ent-
wickelte Industrie, i.e. durch die Vermittlung des Privateigen-
tums, wird das ontologische Wesen der menschlichen Leidenschaft
sowohl in seiner Totalität als in seiner Menschlichkeit; die Wis-
senschaft vom Menschen ist also selbst ein Produkt der prakti-
schen Selbstbetätigung des Menschen; 5. der Sinn des Privateigen-
tums - losgelöst von seiner Entfremdung - ist das D a s e i n
der w e s e n t l i c h e n G e g e n s t ä n d e für den Men-
schen, sowohl als Gegenstand des Genusses wie der Tätigkeit. -
Das G e l d, indem es die E i g e n s c h a f t besitzt, al-
les zu kaufen, indem es die Eigenschaft besitzt, alle Gegenstände
sich anzueignen, ist also der G e g e n s t a n d im eminenten
Sinn. Die Universalität seiner E i g e n s c h a f t ist die
Allmacht seines Wesens; es gilt daher als allmächtiges Wesen...
Das Geld ist der K u p p l e r zwischen dem Bedürfnis und dem
Gegenstand, zwischen dem Leben und dem Lebensmittel des Menschen.
Was mir aber mein Leben vermittelt, das v e r m i t t e l t
m i r auch das Dasein der andren Menschen für mich, Das ist für
mich der a n d r e Mensch. -
"Was Henker! Freilich Händ' und Füße
Und Kopf und Hintre, die sind dein!
Doch alle?, was ich frisch genieße,
Ist das drum weniger mein?
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann
Als hätt' ich vierundzwanzig Beine."
Goethe, "Faust" (Mephisto) [128]
Shakespeare im "Timon von Athen":
"Gold? Kostbar flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter!
Nicht eitel fleht' ich.
So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön;
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.
Dies lockt ... den Priester vom Altar;
Reißt Halbgenesnen weg das Schlummerkissen:
#564# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande; segnet den Verfluchten;
Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß
Im Rat der Senatoren; dieser führt
Der überjähr'gen Witwe Freier zu;
Sie, von Spital und Wunden giftig eiternd,
Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch
Zu Maienjugend dies. Verdammt Metall,
Gemeine Hure du der Menschen, die
Die Völker tört."
Und weiter unten:
"Du süßer Königsmörder, edle Scheidung
Des Sohns und Vaters! glänzender Besudler
Von Hymens reinstem Lager! tapfrer Mars!
Du ewig blüh'nder, zartgeliebter Freier,
Des roter Schein den heil'gen Schnee zerschmelzt
Auf Dianas reinem Schoß! sichtbare Gottheit,
Die du Unmöglichkeiten eng verbrüderst,
Zum Kuß sie zwingst! du sprichst in jeder Sprache,
¦¦XLII¦ Zu jedem Zweck! o du, der Herzen Prüfstein!
Denk, es empört dein Sklave sich, der Mensch!
Vernichte deine Kraft sie all verwirrend,
Daß Tieren wird die Herrschaft dieser Welt!" [129]
Shakespeare schildert das Wesen des G e l d e s trefflich. Um
ihn zu verstehn, beginnen wir zunächst mit der Auslegung der goe-
thischen Stelle.
Was durch das G e l d für mich ist, was ich zahlen, d. h., was
das Geld kaufen kann, das b i n i c h, der Besitzer des Geldes
selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft.
Die Eigenschaften des Geldes sind meine - seines Besitzers - Ei-
genschaften und Wesenskräfte. Das, was ich b i n und
v e r m a g, ist also keineswegs durch meine Individualität be-
stimmt. Ich b i n häßlich, aber ich kann mir die s c h ö n-
s t e Frau kaufen. Also bin ich nicht h ä ß l i c h, denn die
Wirkung der H ä ß l i c h k e i t, ihre abschreckende Kraft ist
durch das Geld vernichtet. Ich - meiner Individualität nach - bin
l a h m, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also
nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser,
geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein
Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer
gut, das Geld überhebt mich überdem der Mühe, unehrlich zu sein;
ich werde also als ehrlich präsumiert; ich bin g e i s t l o s,
aber das Geld ist der w i r k l i c h e G e i s t aller Dinge,
wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem
#565# Geld
-----
kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht
über die Geistreichen hat 1*), ist der nicht geistreicher als der
Geistreiche? Ich, der durch das Geld a l l e s, wonach ein men-
schliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle men-
schlichen Vermögen? Verwandelt also mein Geld nicht alle meine
Unvermögen in ihr Gegenteil?
Wenn das G e l d das Band ist, das mich an das m e n s c h-
l i c h e Leben, das mir die Gesellschaft, das mich mit der
Natur und den Menschen verbindet, ist das Geld nicht das Band
aller B a n d e? Kann es nicht alle Bande lösen und binden? Ist
es darum nicht auch das allgemeine S c h e i d u n g s m i t-
t e l? Es ist die wahre S c h e i d e m ü n z e, wie das wahre
B i n d u n g s m i t t e l, die [...] 2*) c h e m i s c h e
Kraft der Gesellschaft.
Shakespeare hebt an dem Geld besonders 2 Eigenschaften heraus:
1. Es ist die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschli-
chen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allge-
meine Verwechslung und Verkehrung der Dinge; es verbrüdert Unmög-
lichkeiten;
2. Es ist die allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Men-
schen und Völker.
Die Verkehrung und Verwechslung aller menschlichen und natürli-
chen Qualitäten, die Verbrüderung der Unmöglichkeiten - die
g ö t t l i c h e Kraft - des Geldes liegt in seinem W e s e n
als dem entfremdeten, entäußernden und sich veräußernden G a t-
t u n g s w e s e n der Menschen. Es ist das entäußerte
V e r m ö g e n der M e n s c h h e i t.
Was ich qua M e n s c h nicht vermag, was also alle meine indi-
viduellen Wesenskräfte nicht vermögen, das vermag ich durch das
G e l d. Das Geld macht also jede dieser Wesenskräfte zu etwas,
was sie an sich nicht ist, d. h. zu ihrem G e g e n t e i l.
Wenn ich mich nach einer Speise sehne oder den Postwagen brauchen
will, weil ich nicht stark genug bin, den Weg zu Fuß zu machen,
so verschafft mir das Geld die Speise und den Postwagen, d.h., es
verwandelt meine Wünsche aus Wesen der Vorstellung, es übersetzt
sie aus ihrem gedachten, vorgestellten, gewollten Dasein in ihr
s i n n l i c h e s, w i r k l i c h e s Dasein, aus der Vor-
stellung in das Leben, aus dem vorgestellten Sein in das wirkli-
che Sein. Als diese Vermittlung ist das [Geld] die
w a h r h a f t s c h ö p f e r i s c h e Kraft.
Die d e m a n d e 3*) existiert wohl auch für den, der kein
Geld hat, aber seine demande ist ein bloßes Wesen der Vorstel-
lung, das auf mich, auf den 3ten,
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1*) In der Handschrift: ist - 2*) in der Handschrift ein Wort
nicht zu entziffern - 3*) Nachfrage
#566# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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auf die [anderen] ¦¦XLIII¦ keine Wirkung, keine Existenz hat,
also für mich selbst u n w i r k l i c h, g e g e n s t a n d-
l o s bleibt. Der Unterschied der effektiven, auf das Geld
basierten und der effektlosen, auf mein Bedürfnis, meine
Leidenschaft, meinen Wunsch etc. basierten demande ist der
Unterschied zwischen S e i n und D e n k e n, zwischen der
bloßen in mir e x i s t i e r e n d e n Vorstellung und der
Vorstellung, wie sie als w i r k l i c h e r G e g e n-
s t a n d außer mir für mich ist.
Ich, wenn ich kein Geld zum Reisen habe, habe kein B e d ü r f-
n i s, d.h. kein wirkliches und sich verwirklichendes Bedürfnis
zum Reisen. Ich, wenn ich B e r u f zum Studieren, aber kein
Geld dazu habe, habe k e i n e n Beruf zum Studieren, d.h.
keinen w i r k s a m e n, keinen w a h r e n Beruf. Dagegen
ich, wenn ich wirklich k e i n e n Beruf zum Studieren habe,
aber den Willen u n d das Geld, habe einen w i r k s a m e n
Beruf dazu. Das G e l d - als das äußere, nicht aus dem
Menschen als Menschen und nicht von der menschlichen Gesellschaft
als Gesellschaft herkommende allgemeine - M i t t e l und
V e r m ö g e n, die V o r s t e l l u n g i n d i e
W i r k l i c h k e i t und die W i r k l i c h k e i t z u
e i n e r b l o ß e n V o r s t e l l u n g zu machen, verwan-
delt ebensosehr die w i r k l i c h e n m e n s c h l i c h e n
u n d n a t ü r l i c h e n W e s e n s k r ä f t e in bloß
abstrakte Vorstellungen und darum U n v o l l k o m m e n-
h e i t e n, qualvolle Hirngespinste, wie es andrerseits die
w i r k l i c h e n U n v o l l k o m m e n h e i t e n u n d
H i r n g e s p i n s t e, die wirklich ohnmächtigen, nur in der
Einbildung des Individuums existierenden Wesenskräfte desselben
zu w i r k l i c h e n W e s e n s k r ä f t e n und V e r-
m ö g e n verwandelt. Schon dieser Bestimmung nach ist es also
schon die allgemeine Verkehrung der I n d i v i d u a l i-
t ä t e n, die sie in ihr Gegenteil umkehrt und ihren Eigen-
schaften widersprechende Eigenschaften beilegt.
Als diese v e r k e h r e n d e Macht erscheint es dann auch
gegen das Individuum und gegen die gesellschaftlichen etc. Bande,
die für sich W e s e n zu sein behaupten. Es verwandelt die
Treue in Untreue, die Liebe in Haß, den Haß in Liebe, die Tugend
in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den
Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in
Blödsinn.
Da das Geld als der existierende und sich betätigende Begriff des
Wertes alle Dinge verwechselt, vertauscht, so ist es die allge-
meine V e r w e c h s l u n g und V e r t a u s c h u n g al-
ler Dinge, also die verkehrte Welt, die Verwechslung und Vertau-
schung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten.
Wer die Tapferkeit kaufen kann, der ist tapfer, wenn er auch feig
ist. Da das Geld nicht gegen eine bestimmte Qualität, gegen ein
bestimmtes Ding, menschliche Wesenskräfte, sondern gegen die
ganze menschliche und
#567# Geld
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natürliche gegenständliche Welt sich austauscht, so tauscht es
also - vom Standpunkt seines Besitzers angesehn - jede Eigen-
schaft gegen jede - auch ihr widersprechende Eigenschaft und Ge-
genstand - aus; es ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten, es
zwingt das sich Widersprechende zum Kuß.
Setze den M e n s c h e n als M e n s c h e n und sein Ver-
hältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe
nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc.
Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch ge-
bildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben
willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere
Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum
Menschen - und zu der Natur - muß eine b e s t i m m t e, dem
Gegenstand deines Willens entsprechende Ä u ß r u n g deines
w i r k l i c h e n i n d i v i d u e l l e n Lebens sein. Wenn
du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben
als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine
L e b e n s ä u ß r u n g als liebender Mensch dich nicht zum
g e l i e b t e n M e n s c h e n machst, so ist deine Liebe
ohnmächtig, ein Unglück.
¦XLIII¦¦
#568# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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[Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt]
¦¦XI¦ 6. An diesem Punkte ist vielleicht der Ort, sowohl zur
Verständigung und Berechtigung über die Hegelsche Dialektik über-
haupt als namentlich über ihre Ausführung in der "Phänomenologie"
und "Logik", endlich über das Verhältnis der neuern kritischen
Bewegung einige Andeutungen zu geben. -
Die Beschäftigung mit dem Inhalt der alten Welt, die von dem
Stoff befangne Entwicklung der modernen deutschen Kritik war so
gewaltsam, daß ein völlig kritikloses Verhalten zur Methode des
Kritisierens und eine völlige Bewußtlosigkeit über die
s c h e i n b a r f o r m e l l e, aber wirklich w e s e n t-
l i c h e Frage stattfand, wie halten wir es nun mit der
Hegelschen D i a l e k t i k? Die Bewußtlosigkeit - über das
Verhältnis der modernen Kritik zur Hegelschen Philosophie
überhaupt und zur Dialektik namentlich - war so groß, daß Kriti-
ker wie S t r a u ß und B r u n o B a u e r, der erstere
vollständig, der zweite in seinen "Synoptikern" (wo er dem Strauß
gegenüber das "Selbstbewußtsein" des abstrakten Menschen an die
Stelle der Substanz der "abstrakten Natur" stellt) und selbst
noch im "Entdeckten Christentum" wenigstens der Potenz nach noch
vollständig innerhalb der Hegelschen Logik befangen sind. So
heißt es z.B. in dem "Entdeckten Christentum":
"Als ob nicht das Selbstbewußtsein, indem es die Welt, den Unter-
schied setzt und in dem, was es hervorbringt, sich selbst hervor-
bringt, da es den Unterschied des Hervorgebrachten von ihm selbst
wieder aufhebt, da es nur im Hervorbringen 1*) und in der Bewe-
gung es selber ist - als ob es nicht in dieser Bewegung seinen
Zweck hätte" etc. oder: "Sie" (die französischen Materialisten)
"haben noch nicht sehn können, daß die Bewegung des Universums
erst als die Bewegung des Selbstbewußtseins wirklich für sich ge-
worden und zur Einheit mit ihr selbst zusammengegangen ist."
[130]
Ausdrücke, die auch nicht einmal in der Sprache einen Unterschied
von der Hegelschen Auffassung zeigen, sondern sie vielmehr wört-
lich wiederholen.
¦¦XII¦ Wie wenig während des Akts der Kritik (Bauer, die
"Synoptiker") ein Bewußtsein vorhanden war über das Verhältnis
zur Hegelschen Dialektik, wie wenig dieses Bewußtsein auch nach
dem Akt der stofflichen Kritik entstand, beweist Bauer, wenn er
in seiner "Guten Sache der Freiheit"
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1*) In der Handschrift: in Bewegung
#569# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
-----
die vorlaute Frage des Herrn Gruppe, "was nun mit der Logik", da-
durch abweist, daß er ihn auf kommende Kritiker verweist.
Aber auch nun, nachdem Feuerbach - sowohl in seinen "Thesen" in
den "Anecdotis" als ausführlich in der "Philosophie der Zukunft"
- die alle Dialektik und Philosophie dem Keim nach umgeworfen
hat, nachdem dagegen jene Kritik, welche diese Tat gar nicht zu
vollbringen wußte, dagegen die Tat vollbracht sah, als reine,
entschiedne, absolute, mit sich ins klare gekommene Kritik ausge-
rufen, nachdem sie in ihrem spiritualistischen Hochmut die ganze
geschichtliche Bewegung auf das Verhältnis der übrigen Welt - die
ihr gegenüber unter die Kategorie der "Masse" fällt - zu ihr
selbst reduziert und alle dogmatischen Gegensätze in dem
e i n e n dogmatischen Gegensatz ihrer eignen Klugheit und der
Dummheit der Welt, des kritischen Christus und der Menschheit,
als den "Haufen", aufgelöst hat, nachdem sie ihre eigne Vortreff-
lichkeit täglich und stündlich an der Geistlosigkeit der Masse
bewiesen hat, nachdem sie endlich das kritische j ü n g s t e
G e r i c h t unter der Gestalt verkündigt hat, daß der Tag her-
annahe, wo die ganze verfallende Menschheit ihr gegenüber sich
scharen werde, von ihr in Gruppen sondiert, und jeder besondre
Haufen sein testimonium paupartatis erhalten werde, nachdem sie
ihre Erhabenheit über menschliche Empfindungen, wie über die
Welt, über welche sie in erhabener Einsamkeit thronend, nur von
Zeit zu Zeit das Gelächter der olympischen Götter von ihren sar-
kastischen Lippen schallen läßt, hat drucken lassen - nach allen
diesen ergötzlichen Gebarungen des unter der Form der Kritik ver-
scheidenden Idealismus (des Junghegeltums) hat er auch nicht ein-
mal die Ahnung ausgesprochen, daß man sich nun kritisch mit sei-
ner Mutter, der Hegelschen Dialektik, auseinanderzusetzen habe,
ja selbst über sein kritisches Verhältnis zur Feuerbachischen
Dialektik [nichts] anzugeben gewußt. Ein völliges unkritisches
Verhalten zu sich selbst.
Feuerbach ist der einzige, der ein e r n s t h a f t e s, ein
k r i t i s c h e s Verhältnis zur Hegelschen Dialektik hat und
wahrhafte Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht hat, überhaupt
der wahre Überwinder der alten Philosophie ist. Die Größe der
Leistung und die geräuschlose Einfachheit, womit F[euerbach] sie
der Welt gibt, stehn in einem wunderlichen Gegensatz zu dem umge-
kehrten Verhältnis.
Feuerbachs große Tat ist:
1. der Beweis, daß die Philosophie nichts andres ist als die in
Gedanken gebrachte und denkend ausgeführte Religion; eine andre
Form und Daseinsweise der Entfremdung des menschlichen Wesens;
also ebenfalls zu verurteilen ist;
#570# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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2. die Gründung des w a h r e n M a t e r i a l i s m u s und
der r e e l l e n W i s s e n s c h a f t, indem Feuerbach das
gesellschaftliche Verhältnis "des Menschen zum Menschen" ebenso
zum Grundprinzip der Theorie macht;
3. indem er der Negation der Negation, die das absolut Positive
zu sein behauptet, das auf sich selbst ruhende und positiv auf
sich selbst begründete Positive entgegenstellt.
Feuerbach erklärt die Hegelsche Dialektik - (und begründet da-
durch den Ausgang vom Positiven, vom Sinnlich-Gewissen) - folgen-
dermaßen:
Hegel geht aus von der Entfremdung (logisch: dem Unendlichen, ab-
strakt Allgemeinen) der Substanz, der absoluten und fixierten Ab-
straktion. - D. h. populär ausgedrückt, er geht von der Religion
und Theologie aus.
Z w e i t e n s: Er hebt das Unendliche auf, setzt das Wirkli-
che, Sinnliche, Reale, Endliche, Besondre (Philosophie, Aufhebung
der Religion und Theologie).
D r i t t e n s: Er hebt das Positive wieder auf, stellt die Ab-
straktion, das Unendliche, wieder her. Wiederherstellung der Re-
ligion und Theologie.
Feuerbach faßt also die Negation der Negation n u r als Wider-
spruch der Philosophie mit sich selbst auf, als die Philosophie,
welche die Theologie (Transzendenz etc.) bejaht, nachdem sie die-
selbe verneint hat, also im Gegensatz zu sich selbst bejaht.
Die Position oder Selbstbejahung und Selbstbestätigung, die in
der Negation der Negation liegt, wird für eine ihrer selbst noch
nicht sichere, darum mit ihrem Gegensatz behaftete, an sich
selbst zweifelnde und darum des Beweises bedürftige, also nicht
durch ihr Dasein sich selbst beweisende, als nicht eingestandne
¦¦XIII¦ Position gefaßt und darum ihr direkt und unvermittelt die
sinnlich gewisse, auf sich selbst gegründete Position entgegenge-
stellt. 1*)
Aber indem Hegel die Negation der Negation - der positiven Bezie-
hung nach, die in ihr liegt, als das wahrhaft und einzig Posi-
tive, der negativen Beziehung nach, die in ihr liegt, als den
einzig wahren Akt und Selbstbetätigungsakt alles Seins - aufge-
faßt hat, hat er nur den a b s t r a k t e n, l o g i-
s c h e n, s p e k u l a t i v e n Ausdruck für die Bewegung
der Geschichte gefunden, die noch nicht w i r k l i c h e
Geschichte des Menschen als eines vorausgesetzten Subjekts, son-
dern erst E r z e u g u n g s a k t, E n t s t e h u n g s-
g e s c h i c h t e des Menschen ist. - Sowohl die abstrakte
Form werden wir erklären, als den Unterschied,
-----
1*) Am unteren Rand der Manuskriptseite steht ohne Verweis die
Bemerkung: Feuerbach faßt noch die Negation der Negation, den
konkreten Begriff als das sich im Denken überbietende und als
Denken unmittelbar Anschauung, Natur, Wirklichkeit sein wollende
Denken. [131]
#571# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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den diese Bewegung bei Hegel im Gegensatz zur modernen Kritik zu
demselben Prozeß in Feuerbachs "Wesen des Christentums" hat oder
vielmehr die kritische Gestalt dieser bei Hegel noch unkritischen
Bewegung. - Ein Blick auf das Hegelsche System. Man muß beginnen
mit der Hegelschen P h ä n o m e n o l o g i e, der wahren Ge-
burtsstätte und dem Geheimnis der Hegelschen Philosophie. -
P h ä n o m e n o l o g i e.
A. D a s S e l b s t b e w u ß t s e i n.
I. B e w u ß t s e i n, alpha) Sinnliche Gewißheit oder das
Dieses und das M e i n e n. beta) Die W a h r n e h m u n g
oder das Ding mit seinen Eigenschaften und die T ä u-
s c h u n g, gamma) Kraft und Verstand, Erscheinung und über-
sinnliche Welt.
II. S e l b s t b e w u ß t s e i n. Die Wahrheit der Gewißheit
seiner selbst, a) Selbständigkeit und Unselbständigkeit des
Selbstbewußtseins, Herrschaft und Knechtschaft, b) Freiheit des
Selbstbewußtseins. Stoizismus, Skeptizismus, das unglückliche Be-
wußtsein.
III. V e r n u n f t. Gewißheit und Wahrheit der Vernunft, a)
Beobachtende Vernunft; Beobachtung der Natur und des Selbstbe-
wußtseins, b) Verwirklichung des vernünftigen Selbstbewußtseins
durch sich selbst. Die Lust und die Notwendigkeit. Das Gesetz des
Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels. Die Tugend und der
Weltlauf, c) Die Individualität, welche sich an und für sich re-
ell ist. Das geistige Tierreich und der Betrug oder die Sache
selbst. Die gesetzgebende Vernunft. Die gesetzprüfende Vernunft.
B. D e r G e i s t.
I. Der w a h r e Geist; die Sittlichkeit. II. Der sich ent-
fremdete Geist, die Bildung. III. Der seiner selbst gewisse
Geist, die Moralität.
C. Die Religion. N a t ü r l i c h e, K u n s t r e l i-
g i o n, o f f e n b a r e Religion.
D. D a s a b s o l u t e W i s s e n.
Wie die "Enzyklopädie" Hegels mit der Logik beginnt, mit dem
r e i n e n s p e k u l a t i v e n G e d a n k e n, und mit
dem a b s o l u t e n W i s s e n, dem selbstbewußten, sich
selbst erfassenden philosophischen oder absoluten, d.i. über-
menschlichen abstrakten Geiste, aufhört, so ist die ganze
"Enzyklopädie" nichts als das a u s g e b r e i t e t e W e-
s e n des philosophischen Geistes, seine Selbstvergegen-
ständlichung; wie der philosophische Geist nichts ist als der
innerhalb seiner Selbstentfremdung denkend, d.h. abstrakt sich
erfassende entfremdete Geist der Welt. - Die L o g i k - das
G e l d des Geistes, der spekulative, der G e d a n k e n-
w e r t des Menschen und der Natur - ihr gegen alle wirkliche
Bestimmtheit vollständig gleichgültig gewordnes und darum
unwirkliches Wesen - das e n t ä u ß e r t e, daher von der Na-
tur und dem
#572# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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wirklichen Menschen abstrahierende D e n k e n; das a b-
s t r a k t e Denken. - Die Ä u ß e r l i c h k e i t d i e-
s e s a b s t r a k t e D e n k e n s ... die N a t u r, wie
sie für dies abstrakte Denken ist. Sie ist ihm äußerlich, sein
Selbstverlust; und es faßt sie auch äußerlich, als abstrakten
Gedanken, aber als entäußertes abstraktes Denken - endlich der
G e i s t, dies in seine eigne Geburtsstätte heimkehrende
Denken, welches sich als anthropologischer, phänomenologischer,
psychologischer, sittlicher, künstlich-religiöser Geist immer
noch nicht für sich selbst gilt, bis es sich endlich als
a b s o l u t e s Wissen und darum absoluter, i.e. abstrakter
Geist vorfindet und selbstbejaht, sein bewußtes und ihm ent-
sprechendes Dasein erhält. Denn sein wirkliches Dasein ist die
A b s t r a k t i o n. - Ein doppelter Fehler bei Hegel.
[Der] 1 . tritt in der "Phänomenologie" als der Geburtsstätte der
Hegelschen Philosophie am klarsten hervor. Wenn er z.B. Reichtum,
Staatsmacht etc. als dem m e n s c h l i c h e n Wesen entfrem-
dete Wesen gefaßt, so geschieht dies nur in ihrer Gedankenform
... Sie sind Gedankenwesen - daher bloß eine Entfremdung des
r e i n e n, d.i. abstrakten philosophischen Denkens. Die ganze
Bewegung endet daher mit dem absoluten Wissen. Wovon diese Gegen-
stände entfremdet sind und wem sie mit der Anmaßung der Wirk-
lichkeit entgegentreten, das ist eben das abstrakte Denken. Der
P h i l o s o p h legt sich - also selbst eine abstrakte Gestalt
des entfremdeten Menschen - als den M a ß s t a b der entfrem-
deten Welt an. Die ganze E n t ä u ß e r u n g s g e-
s c h i c h t e und die ganze Z u r ü c k n a h m e der Ent-
äußerung ist daher nichts als die P r o d u k t i o n s g e-
s c h i c h t e des abstrakten, i.e. absoluten ¦¦XVII¦ 1*)
Denkens, des logischen spekulativen Denkens. Die E n t f r e m-
d u n g, welche daher das eigentliche Interesse dieser Entäuße-
rung und Aufhebung dieser Entäußerung bildet, ist der Gegensatz
von a n s i c h und f ü r s i c h, von B e w u ß t s e i n
u n d S e l b s t b e w u ß t s e i n, von O b j e k t u n d
S u b j e k t, d.h. der Gegensatz des abstrakten Denkens und der
sinnlichen Wirklichkeit oder der wirklichen Sinnlichkeit inner-
halb des Gedankens selbst. Alle andern Gegensätze und Bewegungen
dieser Gegensätze sind nur der S c h e i n, die H ü l l e,
die e x o t e r i s c h e Gestalt dieser einzig interessanten
Gegensätze, welche den S i n n der andren profanen G[egensätze]
bilden. Nicht, daß das menschliche Wesen sich u n m e n s c h-
l i c h, im Gegensatz zu sich selbst sich v e r g e g e n-
s t ä n d l i c h t, sondern, daß es im U n t e r s c h i e d
vom und im G e g e n s a t z zum abstrakten Denken sich
v e r g e g e n s t ä n d l i c h t, gilt als das gesetzte und
als das aufzuhebende Wesen der Entfremdung.
-----
1*) In der Handschrift steht der Hinweis: (Siehe p. XIII.)
#573# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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¦¦XVIII¦ Die Aneignung der zu Gegenständen und zu fremden Gegen-
ständen gewordenen Wesenskräfte des Menschen ist also erstens nur
eine A n e i g n u n g, die im B e w u ß t s e i n, im
r e i n e n D e n k e n, i.e. in der A b s t r a k t i o n
vor sich geht, die Aneignung dieser Gegenstände als G e d a n-
k e n und G e d a n k e n b e w e g u n g e n, weshalb schon
in der "Phänomenologie" - trotz ihres durchaus negativen und
kritischen Aussehns und trotz der wirklich in ihr enthaltnen, oft
weit der spätren Entwicklung vorgreifenden Kritik - schon der
unkritische Positivismus und der ebenso unkritische Idealismus
der spätem Hegelschen Werke - diese philosophische Auflösung und
Wiederherstellung der vorhandnen Empirie - latent liegt, als
Keim, als Potenz, als ein Geheimnis vorhanden ist. Z w e i-
t e n s. Die Vindizierung der gegenständlichen Welt für den
Menschen - z.B. die Erkenntnis, daß das s i t t l i c h e
Bewußtsein kein a b s t r a k t sinnliches Bewußtsein, sondern
ein m e n s c h l i c h sinnliches Bewußtsein, daß die Reli-
gion, der Reichtum etc. nur die entfremdete Wirklichkeit der
m e n s c h l i c h e n Vergegenständlichung, der zum Werk her-
ausgebornen m e n s c h l i c h e n Wesenskräfte und darum nur
der W e g zur wahren m e n s c h l i c h e n Wirklichkeit
sind -, diese Aneignung oder die Einsicht in diesen Prozeß er-
scheint daher bei Hegel so, daß die S i n n l i c h k e i t,
R e l i g i o n, Staatsmacht etc. g e i s t i g e Wesen sind -
denn nur der G e i s t ist das w a h r e Wesen des Menschen,
und die wahre Form des Geistes ist der denkende Geist, der logi-
sche, spekulative Geist. Die M e n s c h l i c h k e i t der
Natur und der von der Geschichte erzeugten Natur, der Produkte
des Menschen, erscheint darin, daß sie P r o d u k t e des ab-
strakten Geistes sind und insofern also g e i s t i g e Mo-
mente, G e d a n k e n w e s e n. Die "Phänomenologie" ist da-
her die verborgne, sich selbst noch unklare und mystizierende
Kritik; aber insofern sie die E n t f r e m d u n g des Men-
schen - wenn auch der Mensch nur in der Gestalt des Geistes er-
scheint - festhält, liegen in ihr a l l e Elemente der Kritik
verborgen und oft schon in einer weit den Hegelschen Standpunkt
überragenden Weise v o r b e r e i t e t und a u s g e a r-
b e i t e t. Das "unglückliche Bewußtsein", das "ehrliche Be-
wußtsein", der Kampf des "edelmütigen und niederträchtigen
Bewußtseins" etc. etc., diese einzelnen Abschnitte enthalten die
k r i t i s c h e n Elemente - aber noch in einer entfremdeten
Form - ganzer Sphären, wie der Religion, des Staats, des bür-
gerlichen Lebens etc. Wie also das W e s e n, der
G e g e n s t a n d als Gedankenwesen, so ist das S u b j e k t
immer B e w u ß t s e i n oder S e l b s t b e w u ß t-
s e i n, oder vielmehr der Gegenstand erscheint nur als a b-
s t r a k t e s Bewußtsein, der Mensch nur als S e l b s t-
b e w u ß t s e i n, die unterschiedenen Gestalten der Entfrem-
dung, die auftreten, sind daher nur verschiedne Gestalten des
Bewußtseins und Selbstbewußtseins. Wie a n s i c h das ab-
strakte Bewußtsein - als welches der Gegenstand gefaßt
#574# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
-----
wird - bloß ein Unterscheidungsmoment des Selbstbewußtseins ist
-, so tritt auch als Resultat der Bewegung die Identität des
Selbstbewußtseins mit dem Bewußtsein, das absolute Wissen, die
nicht mehr nach außen hin, sondern nur noch in sich selbst vorge-
hende Bewegung des abstrakten Denkens als Resultat auf, d. h. die
Dialektik des reinen Gedankens ist das Resultat 1*). ¦XVIII¦¦
¦¦XXIII¦ 2*) [132] Das Große an der Hegelschen "Phänomenologie"
und ihrem Endresultate - der Dialektik der Negativität als dem
bewegenden und erzeugenden Prinzip - ist also einmal, daß Hegel
die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Ver-
gegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und
als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der
A r b e i t faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil
wirklichen Menschen, als Resultat seiner e i g n e n A r-
b e i t begreift. Das w i r k l i c h e, t ä t i g e Verhal-
ten des Menschen zu sich als Gattungswesen oder die Betätigung
seiner als eines wirklichen Gattungswesens, d.h. als menschlichen
Wesens, ist nur möglich dadurch, daß er wirklich alle seine
G a t t u n g s k r ä f t e - was wieder nur durch das Gesamt-
wirken der Menschen möglich ist, nur als Resultat der Geschichte
- herausschafft, sich zu ihnen als Gegenständen verhält, was
zunächst wieder nur in der Form der Entfremdung möglich ist.
Die Einseitigkeit und die Grenze Hegels werden wir nun ausführ-
lich an dem Schlußkapitel der "Phänomenologie" - "Das absolute
Wissen" - ein Kapitel, welches sowohl den zusammengefaßten Geist
der Phänomenologie, ihr Verhältnis zur spekulativen Dialektik,
als auch das B e w u ß t s e i n Hegels über beide und ihr
wechselseitiges Verhältnis enthält - darstellen.
Vorläufig nehmen wir nur noch das vorweg: Hegel steht auf dem
Standpunkt der modernen Nationalökonomen. Er erfaßt die
A r b e i t als das W e s e n, als das sich bewährende Wesen
des Menschen; er sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht
ihre negative. Die Arbeit ist das F ü r s i c h w e r d e n des
M e n s c h e n innerhalb der E n t ä u ß e r u n g oder als
e n t ä u ß e r t e r Mensch. Die Arbeit, welche Hegel allein
kennt und anerkennt, ist die a b s t r a k t g e i s t i g e.
Was also überhaupt das Wesen der Philosophie bildet, die
E n t ä u ß e r u n g d e s s i c h w i s s e n d e n M e n-
s c h e n oder die sich d e n k e n d e e n t ä u ß e r t e
Wissenschaft, dies erfaßt Hegel als ihr Wesen, und er kann daher
der vorhergehenden Philosophie gegenüber ihre einzelnen Momente
zusammenfassen und seine Philosophie als d i e Philosophie dar-
stellen. Was die andern Philosophen
-----
1*) In der Handschrift steht der Hinweis: (Siehe Fortsetzung p.
XXII.) - 2*) in der Handschrift steht der Hinweis: (Sieh p.
XVIII.)
#575# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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taten - daß sie einzelne Momente der Natur und des menschlichen
Lebens als Momente des Selbstbewußtseins und zwar des abstrakten
Selbstbewußtseins fassen das w e i ß Hegel als das T u n der
Philosophie. Darum ist seine Wissenschaft absolut.
Gehn wir nun zu unserm Gegenstand über.
"Das absolute Wissen". Letztes Kapitel der "Phänomenologie".
Die Hauptsache ist, daß der G e g e n s t a n d des B e-
w u ß t s e i n s nichts andres als das S e l b s t b e-
w u ß t s e i n oder daß der Gegenstand nur das v e r g e-
g e n s t ä n d l i c h t e S e l b s t b e w u ß t s e i n,
das Selbstbewußtsein als Gegenstand ist. (Setzen des Menschen =
Selbstbewußtsein.)
Es gilt daher den G e g e n s t a n d d e s B e w u ß t-
s e i n s zu überwinden. Die G e g e n s t ä n d l i c h-
k e i t als solche gilt für ein e n t f r e m d e t e s, dem
m e n s c h l i c h e n W e s e n, dem Selbstbewußtsein nicht
entsprechendes Verhältnis des Menschen. Die W i e d e r a n-
e i g n u n g des als fremd, unter der Bestimmung der Ent-
fremdung erzeugten gegenständlichen Wesens des Menschen, hat also
nicht nur die Bedeutung, die E n t f r e m d u n g, sondern die
G e g e n s t ä n d l i c h k e i t aufzuheben, d.h. also der
Mensch gilt als ein n i c h t - g e g e n s t ä n d l i c h e s,
s p i r i t u a l i s t i s c h e s Wesen.
Die Bewegung der Ü b e r w i n d u n g d e s G e g e n-
s t a n d e s d e s B e w u ß t s e i n s beschreibt Hegel nun
wie folgt:
Der G e g e n s t a n d zeigt sich nicht nur (dies ist nach He-
gel die e i n s e i t i g e - also die die eine Seite erfas-
sende - Auffassung jener Bewegung) als z u r ü c k k e h r e n d
in das S e l b s t. Der Mensch wird = Selbst gesetzt. Das
Selbst ist aber nur der a b s t r a k t gefaßte und durch Ab-
straktion erzeugte Mensch. Der Mensch i s t selbstisch. Sein
Auge, sein Ohr etc. ist s e l b s t i s c h; jede seiner We-
senskräfte hat in ihm die Eigenschaft der S e l b s t i g-
k e i t. Aber deswegen ist es nun ganz falsch zu sagen: Das
S e l b s t b e w u ß t s e i n hat Aug', Ohr, Wesenskraft. Das
S e l b s t b e w u ß t s e i n ist vielmehr eine Qualität der
menschlichen Natur, des menschlichen Auges etc., nicht die
menschliche Natur ist eine Qualität des ¦¦XXIV¦ S e l b s t-
b e w u ß t s e i n s.
Das für sich abstrahierte und fixierte Selbst ist der Mensch als
a b s t r a k t e r E g o i s t, der in seine reine Abstraktion
zum Denken erhobne E g o i s m u s. (Wir kommen später hierauf
zurück.)
Das m e n s c h l i c h e W e s e n, der M e n s c h, gilt
für Hegel = S e l b s t b e w u ß t s e i n. Alle Entfremdung
des menschlichen Wesens ist daher n i c h t s als E n t-
f r e m d u n g d e s S e l b s t b e w u ß t s e i n s. Die
Entfremdung des Selbstbewußtseins gilt nicht als A u s-
d r u c k, im Wissen und Denken sich abspiegelnder Ausdruck der
w i r k l i c h e n Entfremdung des menschlichen Wesens. Die
w i r k l i c h e, als real erscheinende Entfremdung vielmehr
ist ihrem i n n e r s t e n verborgnen -
#576# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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und erst durch die Philosophie ans Licht gebrachten - Wesen nach
nichts andres als die E r s c h e i n u n g von der Entfremdung
des wirklichen menschlichen Wesens, des S e l b s t-
b e w u ß t s e i n s. Die Wissenschaft, welche dies begreift,
heißt daher P h ä n o m e n o l o g i e. Alle Wiederaneignung
des entfremdeten gegenständlichen Wesens erscheint daher als eine
Einverleibung in das Selbstbewußtsein; der sich seines Wesens
bemächtigende Mensch ist n u r das der gegenständlichen Wesen
sich bemächtigende Selbstbewußtsein. Die Rückkehr des Gegen-
standes in das Selbst ist daher die Wiederaneignung des Ge-
genstandes. -
A l l s e i t i g ausgedrückt ist die Ü b e r w i n d u n g
d e s G e g e n s t a n d e s d e s B e w u ß t s e i n s:
1. daß der Gegenstand als solcher sich dem Bewußtsein als ver-
schwindend darstellt;
2. daß die Entäußerung des Selbstbewußtseins es ist, welche die
Dingheit setzt;
3. daß diese Entäußerung nicht nur n e g a t i v e, sondern
p o s i t i v e Bedeutung hat;
4. sie nicht nur f ü r u n s oder an sich, sondern f ü r e s
s e l b s t hat.
5. F ü r e s hat das Negative des Gegenstandes oder dessen
Sich-Selbst-Aufheben dadurch die p o s i t i v e Bedeutung,
oder es w e i ß diese Nichtigkeit desselben dadurch, daß es
sich selbst entäußert, denn in dieser Entäußerung setzt es
s i c h als Gegenstand oder den Gegenstand um der untrennbaren
Einheit des F ü r s i c h s e i n s willen als sich selbst.
6. Andrerseits liegt hierin zugleich dies andre Moment, daß es
diese Entäußerung und Gegenständlichkeit ebensosehr auch aufgeho-
ben und in sich zurückgenommen hat, also in s e i n e m Anders-
sein a l s s o l c h e m b e i s i c h ist.
7. Dies ist die Bewegung des Bewußtseins, und dies ist dann die
Totalität seiner Momente.
8. Es muß sich ebenso zu dem Gegenstand nach der Totalität seiner
Bestimmungen verhalten und ihn nach jeder derselben so erfaßt ha-
ben. Diese Totalität seiner Bestimmungen macht ihn a n s i c h
zum g e i s t i g e n W e s e n und für das Bewußtsein wird
dies in Wahrheit durch das Auffassen einer jeden einzelnen der-
selben als des S e l b s t s oder durch das oben genannte
g e i s t i g e Verhalten zu ihnen. [133]
ad 1. Daß der Gegenstand als solcher sich dem Bewußtsein als
verschwindend darstellt, ist die oben erwähnte R ü c k k e h r
d e s G e g e n s t a n d e s i n d a s S e l b s t.
ad 2. Die E n t ä u ß e r u n g d e s
S e l b s t b e w u ß t s e i n s setzt die D i n g h e i t.
Weil der Mensch = Selbstbewußtsein, so ist sein entäußertes ge-
genständliches Wesen oder die D i n g h e i t (das, W a s
f ü r i h n G e g e n s t a n d ist, und Gegenstand
#577# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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ist wahrhaft nur für ihn, was ihm wesentlicher Gegenstand, was
also sein g e g e n s t ä n d l i c h e s Wesen ist. Da nun
nicht der w i r k l i c h e M e n s c h, darum auch nicht die
N a t u r - der Mensch ist die m e n s c h l i c h e N a t u r
-, als solcher zum Subjekt gemacht wird, sondern nur die Abstrak-
tion des Menschen, das Selbstbewußtsein, so kann die Dingheit nur
das entäußerte Selbstbewußtsein sein) = dem e n t ä u ß e r-
t e n S e l b s t b e w u ß t s e i n, und die D i n g h e i t
ist durch diese Entäußerung gesetzt. Daß ein lebendiges,
natürliches, mit gegenständlichen, i.e. materiellen Wesenskräften
ausgerüstetes und begabtes Wesen auch sowohl w i r k l i c h e
natürliche G e g e n s t ä n d e seines Wesens hat, als daß
seine Selbstentäußerung die Setzung einer w i r k l i c h e n,
aber unter der Form der Ä u ß e r l i c h k e i t, also zu
seinem Wesen nicht gehörigen und übermächtigen, gegenständlichen
Welt ist, ist ganz natürlich. Es ist nichts Unbegreifliches und
Rätselhaftes dabei. Vielmehr wäre das Gegenteil rätselhaft. Aber
daß ein S e l b s t b e w u ß t s e i n durch seine Entäußerung
nur die D i n g h e i t, d. h. selbst nur ein abstraktes Ding,
ein Ding der Abstraktion und kein w i r k l i c h e s Ding
setzen kann, ist ebenso klar. Es ist ¦¦XXVI¦ [134] ferner klar,
daß die Dingheit daher durchaus nichts S e l b s t ä n-
d i g e s, W e s e n t l i c h e s gegen das Selbstbewußtsein,
sondern ein bloßes Geschöpf, ein von ihm G e s e t z t e s ist,
und das Gesetzte, statt sich selbst zu bestätigen, ist nur eine
Bestätigung des Aktes des Setzens, der einen Augenblick seine
Energie als das Produkt fixiert und zum S c h e i n ihm die
Rolle - aber nur für einen Augenblick - eines selbständigen,
wirklichen Wesens erteilt.
Wenn der wirkliche, leibliche, auf der festen wohlgerundeten Erde
stehende, alle Naturkräfte aus- und einatmende M e n s c h
seine wirklichen, gegenständlichen W e s e n s k r ä f t e
durch seine Entäußerung als fremde Gegenstände s e t z t, so
ist nicht das S e t z e n Subjekt; es ist die Subjektivität
g e g e n s t ä n d l i c h e r Wesenskräfte, deren Aktion daher
auch eine g e g e n s t ä n d l i c h e sein muß. Das gegen-
ständliche Wesen wirkt gegenständlich, und es würde nicht gegen-
ständlich wirken, wenn nicht das Gegenständliche in seiner
Wesensbestimmung läge. Es schafft, setzt nur Gegenstände, weil es
durch Gegenstände gesetzt ist, weil es von Haus aus N a t u r
ist. In dem Akt des Setzens fällt es also nicht aus seiner
"reinen Tätigkeit" in ein S c h a f f e n des G e g e n-
s t a n d e s, sondern sein g e g e n s t ä n d l i c h e s
Produkt bestätigt nur seine g e g e n s t ä n d l i c h e Tä-
tigkeit, seine Tätigkeit als die Tätigkeit eines gegenständlichen
natürlichen Wesens.
Wir sehn hier, wie der durchgeführte Naturalismus oder Humanismus
sich sowohl von dem Idealismus, als dem Materialismus unterschei-
det und zugleich ihre beide vereinigende Wahrheit ist. Wir sehn
zugleich, wie nur der Naturalismus fähig ist, den Akt der Weltge-
schichte zu begreifen.
#578# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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<Der M e n s c h ist unmittelbar N a t u r w e s e n. Als Na-
turwesen und als lebendiges Naturwesen ist er teils mit
n a t ü r l i c h e n K r ä f t e n, mit L e b e n s k r ä f-
t e n ausgerüstet, ein t ä t i g e s Naturwesen; diese Kräfte
existieren in ihm als Anlagen und Fähigkeiten, als T r i e b e;
teils ist er als natürliches, leibliches, sinnliches, gegen-
ständliches Wesen ein l e i d e n d e s, bedingtes und be-
schränktes Wesen, wie es auch das Tier und die Pflanze ist, d.h.
die G e g e n s t ä n d e seiner Triebe existieren außer ihm,
als von ihm unabhängige G e g e n s t ä n d e; aber diese Ge-
genstände sind G e g e n s t ä n d e seines B e d ü r f n i s-
s e s, zur Betätigung und Bestätigung seiner Wesenskräfte unent-
behrliche, wesentliche G e g e n s t ä n d e. Daß der Mensch
ein l e i b l i c h e s, naturkräftiges, lebendiges, wirkli-
ches, sinnliches, gegenständliches Wesen ist, heißt, daß er
w i r k l i c h e, s i n n l i c h e G e g e n s t ä n d e zum
Gegenstand seines Wesens, seiner Lebensäußerung hat oder daß er
nur an wirklichen, sinnlichen Gegenständen sein Leben
ä u ß e r n kann. Gegenständlich, natürlich, sinnlich s e i n
und sowohl Gegenstand, Natur, Sinn außer sich haben oder selbst
Gegenstand, Natur, Sinn für ein drittes sein ist identisch.> Der
H u n g e r ist ein natürliches B e d ü r f n i s; er bedarf
also einer N a t u r außer sich, eines G e g e n s t a n d e s
außer sich, um sich zu befriedigen, um sich zu stillen. Der
Hunger ist das gestandne Bedürfnis meines Leibes nach einem außer
ihm seienden, zu seiner Integrierung und Wesensäußerung
unentbehrlichen G e g e n s t a n d e. Die Sonne ist der G e-
g e n s t a n d der Pflanze, ein ihr unentbehrlicher, ihr Leben
bestätigender Gegenstand, wie die Pflanze Gegenstand der Sonne
ist, als Ä u ß e r u n g von der lebenserweckenden Kraft der
Sonne, von der g e g e n s t ä n d l i c h e n Wesenskraft der
Sonne.
Ein Wesen, welches seine Natur nicht außer sich hat, ist kein
n a t ü r l i c h e s Wesen, nimmt nicht teil am Wesen der Na-
tur. Ein Wesen, welches keinen Gegenstand außer sich hat, ist
kein gegenständliches Wesen. Ein Wesen, welches nicht selbst Ge-
genstand für ein drittes Wesen ist, hat kein Wesen zu seinem
G e g e n s t a n d, d.h. verhält sich nicht gegenständlich,
sein Sein ist kein gegenständliches.
¦¦XXVII¦ Ein ungegenständliches Wesen ist ein U n w e s e n.
Setzt ein Wesen, welches weder selbst Gegenstand ist noch einen
Gegenstand hat. Ein solches Wesen wäre erstens das e i n z i g e
Wesen, es existierte kein Wesen außer ihm, es existierte einsam
und allein. Denn sobald es Gegenstände außer mir gibt, sobald ich
nicht a l l e i n bin, bin ich ein a n d r e s, eine
a n d r e W i r k l i c h k e i t als der Gegenstand außer mir.
Für diesen 3ten Gegenstand bin ich also eine a n d r e
W i r k l i c h k e i t als er, d.h. s e i n Gegenstand. Ein
Wesen, welches nicht Gegenstand eines andren Wesens ist, unter-
stellt also, daß kein gegenständliches Wesen existiert. Sobald
ich
#579# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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einen Gegenstand habe, hat dieser Gegenstand mich zum Gegenstand.
Aber ein u n g e g e n s t ä n d l i c h e s Wesen ist ein un-
wirkliches, unsinnliches, nur gedachtes, d.h. nur eingebildetes
Wesen, ein Wesen der Abstraktion. S i n n l i c h sein, d.h.
wirklich sein, ist Gegenstand des Sinns sein, s i n n l i-
c h e r Gegenstand sein, also sinnliche Gegenstände außer sich
haben, Gegenstände seiner Sinnlichkeit haben. Sinnlich sein ist
l e i d e n d sein.
Der Mensch als ein gegenständliches sinnliches Wesen ist daher
ein l e i d e n d e s und, weil sein Leiden empfindendes Wesen,
ein l e i d e n s c h a f t l i c h e s Wesen. Die Leiden-
schaft, die Passion ist die nach seinem Gegenstand energisch
strebende Wesenskraft des Menschen.
<Aber der Mensch ist nicht nur Naturwesen, sondern er ist
m e n s c h l i c h e s Naturwesen; d.h. für sich selbst seien-
des Wesen, darum G a t t u n g s w e s e n, als welches er sich
sowohl in seinem Sein als in seinem Wissen bestätigen und betäti-
gen muß. Weder sind also die m e n s c h l i c h e n Gegen-
stände die Naturgegenstände, wie sie sich unmittelbar bieten,
noch ist der m e n s c h l i c h e S i n n, wie er unmittelbar
i s t, gegenständlich ist, m e n s c h l i c h e Sinnlichkeit,
menschliche Gegenständlichkeit. Weder die Natur - objektiv - noch
die Natur subjektiv ist unmittelbar dem m e n s c h l i c h e n
Wesen adäquat vorhanden.> Und wie alles Natürliche e n t-
s t e h n muß, so hat auch der M e n s c h seinen Entstehungs-
akt, die G e s c h i c h t e, die aber für ihn eine gewußte und
darum als Entstehungsakt mit Bewußtsein sich aufhebender
Entstehungsakt ist. Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte
des Menschen. - (Darauf ist zurückzukommen.)
Drittens, weil dies Setzen der Dingheit selbst nur ein Schein,
ein dem Wesen der reinen Tätigkeit widersprechender Akt ist, muß
es auch wieder aufgehoben, die Dingheit geleugnet werden.
ad 3, 4, 5, 6. - 3. Diese Entäußerung des Bewußtseins hat nicht
nur n e g a t i v e, sondern auch p o s i t i v e Bedeutung
und 4. diese positive Bedeutung nicht nur f ü r u n s oder an
sich, sondern für es, das Bewußtsein, selbst. 5. F ü r e s hat
das Negative de§ Gegenstandes oder dessen Sich-Selbst-Aufheben
dadurch die p o s i t i v e Bedeutung, oder es w e i ß diese
Nichtigkeit desselben dadurch, daß es s i c h selbst entäußert,
denn um diese Entäußerung w e i ß es als Gegenstand oder den
Gegenstand um der untrennbaren Einheit des F ü r s i c h-
s e i n s willen als sich selbst. 6. Andrerseits liegt hierin
zugleich das andre Moment, daß es diese Entäußerung und
Gegenständlichkeit ebensosehr auch aufgehoben und in sich zu-
rückgenommen hat, also in seinem A n d e r s s e i n a l s
s o l c h e m b e i s i c h ist.
Wir haben schon gesehn. Die Aneignung des entfremdeten gegen-
ständlichen Wesens oder die Aufhebung der Gegenständlichkeit un-
ter der Bestimmung der E n t f r e m d u n g - die von der
gleichgültigen Fremdheit bis zur
#580# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
-----
wirklichen feindseligen Entfremdung fortgehn muß - hat für Hegel
zugleich oder sogar hauptsächlich die Bedeutung, die G e g e n-
s t ä n d l i c h k e i t aufzuheben, weil nicht der b e-
s t i m m t e Charakter des Gegenstandes, sondern sein g e-
g e n s t ä n d l i c h e r Charakter für das Selbstbewußtsein
das Anstößige und die Entfremdung ist. Der Gegenstand ist daher
ein Negatives, ein sich selbst Aufhebendes, eine N i c h-
t i g k e i t. Diese Nichtigkeit desselben hat für das Be-
wußtsein nicht nur eine negative, sondern eine p o s i t i v e
Bedeutung, denn jene N i c h t i g k e i t des Gegenstandes ist
eben die S e l b s t b e s t ä t i g u n g der Ungegenständ-
lichkeit, der ¦¦XXVIII¦ A b s t r a k t i o n, seiner selbst.
Für das B e w u ß t s e i n s e l b s t hat die Nichtigkeit
des Gegenstands darum eine positive Bedeutung, daß es diese Nich-
tigkeit, das gegenständliche Wesen, als seine S e l b s t e n t-
ä u ß e r u n g w e i ß; daß es weiß, daß sie nur ist durch
seine Selbstentäußerung...
Die Art, wie das Bewußtsein ist, und wie etwas für es ist, ist
das W i s s e n. Das Wissen ist sein einziger Akt. Etwas wird
daher für dasselbe, insofern es dies E t w a s w e i ß. Wissen
ist sein einziges gegenständliches Verhalten. - Es weiß nun die
Nichtigkeit des Gegenstandes, d.h. das Nichtunterschiedensein des
Gegenstandes von ihm, das Nichtsein des Gegenstandes für es -
dadurch, daß es den Gegenstand als seine S e l b s t e n t-
ä u ß e r u n g weiß, d.h. sich - das Wissen als Gegenstand -
dadurch weiß, daß der Gegenstand nur der S c h e i n eines
Gegenstandes, ein vorgemachter Dunst ist, seinem Wesen nach aber
nichts andres als das Wissen selbst, welches sich sich selbst
entgegengestellt und daher sich eine N i c h t i g k e i t, ein
Etwas entgegengestellt hat, was k e i n e Gegenständlichkeit
außer dem Wissen hat; oder das Wissen weiß, daß es, indem es sich
zu einem Gegenstand verhält, nur a u ß e r sich ist, sich ent-
äußert; daß e s s e l b s t sich nur als Gegenstand e r-
s c h e i n t, oder daß das, was ihm als Gegenstand erscheint,
nur es selbst ist.
Andrerseits, sagt Hegel, liegt hierin zugleich dies andre Moment,
daß es diese Entäußerung und Gegenständlichkeit ebensosehr aufge-
hoben und in sich zurückgenommen hat, also in seinem A n-
d e r s s e i n a l s s o l c h e m b e i s i c h ist.
Wir haben in dieser Auseinandersetzung alle Illusionen der Speku-
lation zusammen.
E i n m a l: Das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein ist in
s e i n e m A n d e r s s e i n a l s s o l c h e m b e i
s i c h. Es ist daher - oder wenn wir hier von der Hegelschen
Abstraktion abstrahieren und statt das Selbstbewußtsein das
Selbstbewußtsein des Menschen setzen -, es ist in seinem
A n d e r s s e i n a l s s o l c h e m b e i s i c h. Darin
liegt einmal, daß das Bewußtsein - das Wissen als Wissen - das
Denken als Denken - unmittelbar das a n d r e seiner selbst
[zu] sein, Sinnlichkeit, Wirklichkeit, Leben zu sein vorgibt -
das im Denken sich überbietende
#581# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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Denken. (Feuerbach. [135]) Diese Seite ist hierin enthalten,
insofern das Bewußtsein als nur Bewußtsein nicht an der entfrem-
deten Gegenständlichkeit, sondern an der G e g e n s t ä n d-
l i c h k e i t a l s s o l c h e r seinen Anstoß hat.
Zweitens liegt hierin, daß der selbstbewußte Mensch, insofern er
die geistige Welt - oder das geistige allgemeine Dasein seiner
Welt - als Selbstentäußerung erkannt und aufgehoben hat, er die-
selbe dennoch wieder in dieser entäußerten Gestalt bestätigt und
als sein wahres Dasein ausgibt, sie wiederherstellt, [in
s e i n e m] 1*) A n d e r s s e i n a l s s o l c h e m
b e i s i c h zu sein vorgibt, also nach Aufhebung z. B. der
Religion, nach der Erkennung der Religion als eines Produkts der
Selbstentäußerung, dennoch in der R e l i g i o n als
R e l i g i o n sich bestätigt findet. Hier i s t die Wurzel
d e s f a l s c h e n Positivismus Hegels oder seines nur
s c h e i n b a r e n Kritizismus: was Feuerbach als Setzen,
Negieren und Wiederherstellen der Religion oder Theologie be-
zeichnet - was aber allgemeiner zu fassen ist. Also die Vernunft
ist bei sich in der Unvernunft als Unvernunft. Der Mensch, der in
Recht, Politik etc. ein entäußertes Leben zu führen erkannt hat,
führt in diesem entäußerten Leben als solchem sein wahres men-
schliches Leben 2*). Die Selbstbejahung, Selbstbestätigung im
W i d e r s p r u c h mit sich selbst, sowohl mit dem Wissen als
mit dem Wesen des Gegenstandes, ist also das wahre W i s s e n
und L e b e n.
Von einer Akkommodation Hegels gegen Religion, Staat etc. kann
also keine Rede mehr sein, da diese Lüge die Lüge seines Prinzips
ist.
¦¦XXIX¦ Wenn ich die Religion als e n t ä u ß e r t e s men-
schliches Selbstbewußtsein w e i ß, s o weiß ich also in ihr
als Religion nicht mein Selbstbewußtsein, sondern mein entäußer-
tes Selbstbewußtsein in ihr bestätigt. Mein sich selbst, seinem
Wesen angehöriges Selbstbewußtsein weiß ich also dann nicht in
der R e l i g i o n, sondern vielmehr in der v e r n i c h-
t e t e n, a u f g e h o b n e n Religion bestätigt.
Bei Hegel ist die Negation der Negation daher nicht die Bestäti-
gung des wahren Wesens, eben durch Negation des Scheinwesens,
sondern die Bestätigung des Scheinwesens oder des sich entfremde-
ten Wesens in seiner Verneinung oder die Verneinung dieses
Scheinwesens als eines gegenständlichen, außer dem Menschen
hausenden und von ihm unabhängigen Wesens und seine Verwandlung
in das Subjekt.
Eine eigentümliche Rolle spielt daher das A u f h e b e n,
worin die Verneinung und die Aufbewahrung, die Bejahung verknüpft
sind.
So z.B. ist in Hegels Rechtsphilosophie das aufgehobne P r i-
v a t r e c h t = M o r a l, die aufgehobne Moral = F a m i-
l i e, die aufgehobne Familie =
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1*) Durch einen Tintenfleck verdeckt - 2*) in der Handschrift:
ist
#582# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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b ü r g e r l i c h e r G e s e l l s c h a f t, die aufgehobne
bürgerliche Gesellschaft = S t a a t, der aufgehobne Staat =
W e l t g e s c h i c h t e. In der W i r k l i c h k e i t
bleiben Privatrecht, Moral, Familie, bürgerliche Gesellschaft,
Staat etc. bestehn, nur sind sie zu M o m e n t e n geworden,
zu Existenzen und Daseinsweisen des Menschen, die nicht isoliert
gelten, sich wechselseitig auflösen und erzeugen etc.,
M o m e n t e d e r B e w e g u n g.
In ihrer wirklichen Existenz ist dies ihr b e w e g l i c h e s
Wesenverborgen. Zum Vorschein, zur Offenbarung kömmt es erst im
Denken, in der Philosophie, und darum ist mein wahres religiöses
Dasein mein r e l i g i o n s p h i l o s o p h i s c h e s
Dasein, mein wahres politisches Dasein mein r e c h t s-
p h i l o s o p h i s c h e s Dasein, mein wahres natürliches
Dasein das n a t u r p h i l o s o p h i s c h e Dasein, mein
wahres künstlerisches Dasein das k u n s t p h i l o s o p h i-
s c h e Dasein, mein wahres m e n s c h l i c h e s Dasein
mein p h i l o s o p h i s c h e s D a s e i n. Ebenso ist die
wahre Existenz von Religion, Staat, Natur, Kunst: die Religions-,
Natur-, Staats-, K u n s t p h i l o s o p h i e. Wenn aber nur
die Religionsphilosophie etc. mir das wahre Dasein der Religion
ist, so bin ich auch nur als R e l i g i o n s p h i l o s o p h
wahrhaft religiös, und so verleugne ich die w i r k l i c h e
Religiosität und den wirklich r e l i g i ö s e n Menschen.
Aber zugleich b e s t ä t i g e ich sie, teils innerhalb meines
eignen Daseins oder innerhalb des fremden Daseins, das ich ihnen
entgegensetze, denn dieses i s t nur ihr p h i l o s o p h i-
s c h e r Ausdruck; teils in ihrer eigentümlichen ursprünglichen
Gestalt, denn sie gelten mir als das nur s c h e i n b a r e
Anderssein, als Allegorien, unter sinnlichen Hüllen verborgne
Gestalten ihres eignen wahren, id est meines p h i l o-
s o p h i s c h e n Daseins.
Ebenso ist die aufgehobne Q u a l i t ä t = Q u a n t i t ä t,
die aufgehobne Quantität = M a ß, das aufgehobne Maß = W e-
s e n, das aufgehobne Wesen = E r s c h e i n u n g, die auf-
gehobne Erscheinung = W i r k l i c h k e i t, die aufgehobne
Wirklichkeit = B e g r i f f, der aufgehobne Begriff = O b-
j e k t i v i t ä t, die aufgehobne Objektivität = a b s o-
l u t e r I d e e, die aufgehobne absolute Idee = N a t u r,
die aufgehobne Natur = s u b j e k t i v e m Geist, der auf-
gehobne subjektive Geist = s i t t l i c h e m objektivem
Geist, der aufgehobne sittliche Geist = K u n s t, die auf-
gehobne Kunst = R e l i g i o n, die aufgehobne Religion =
a b s o l u t e m W i s s e n.
Einerseits ist dies Aufheben ein Aufheben des gedachten Wesens,
also das g e d a c h t e Privateigentum hebt sich auf in den
G e d a n k e n der Moral. Und weil das Denken sich einbildet,
unmittelbar das andre seiner selbst zu sein, s i n n l i c h e
W i r k l i c h k e i t, also ihm seine Aktion auch für
s i n n l i c h e w i r k l i c h e Aktion gilt, so glaubt dies
denkende Aufheben, welches seinen Gegenstand in der Wirklichkeit
stehnläßt, ihn wirklich überwunden zu haben und andrerseits, weil
er ihm nun als Gedankenmoment geworden ist, darum
#583# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
-----
gilt er ihm auch in seiner Wirklichkeit als Selbstbestätigung
seiner selbst, des Selbstbewußtseins, der Abstraktion.
¦¦XXX¦ Nach der einen Seite hin ist das Dasein, welches Hegel in
die Philosophie a u f h e b t, daher nicht die w i r k l i-
c h e Religion, Staat, Natur, sondern die Religion selbst schon
als ein Gegenstand des Wissens, die D o g m a t i k, so die
J u r i s p r u d e n z, S t a a t s w i s s e n s c h a f t,
N a t u r w i s s e n s c h a f t. Nach der einen Seite steht er
also im Gegensatz sowohl zu dem w i r k l i c h e n Wesen als
zu der unmittelbaren unphilosophischen W i s s e n s c h a f t
oder zu den unphilosophischen B e g r i f f e n dieses Wesens.
Er widerspricht daher ihren gangbaren Begriffen.
Andrerseits kann sich der religiöse etc. Mensch in Hegel seine
letzte Bestätigung finden.
Es sind nun die p o s i t i v e n Momente der Hegelschen Dia-
lektik - innerhalb der Bestimmung der Entfremdung - zu fassen.
a) Das A u f h e b e n, als gegenständliche, die Entäußerung in
sich z u r ü c k n e h m e n d e Bewegung. - Es ist dies die
innerhalb der Entfremdung ausgedrückte Einsicht von der
A n e i g n u n g des gegenständlichen Wesens durch die Aufhe-
bung seiner Entfremdung, die entfremdete Einsicht in die
w i r k l i c h e V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g des
Menschen, in die wirkliche Aneignung seines gegenständlichen We-
sens durch die Vernichtung der e n t f r e m d e t e n Be-
stimmung der gegenständlichen Welt, durch ihre Aufhebung, in ih-
rem entfremdeten Dasein, wie der Atheismus als Aufhebung Gottes
das Werden des theoretischen Humanismus, der Kommunismus als Auf-
hebung des Privateigentums die Vindikation des wirklichen men-
schlichen Lebens als seines Eigentums ist, das Werden des prakti-
schen Humanismus ist, oder der Atheismus ist der durch Aufhebung
der Religion, der Kommunismus der durch Aufhebung des Privatei-
gentums mit sich vermittelte Humanismus. Erst durch die Aufhebung
dieser Vermittelung - die aber eine notwendige Voraussetzung ist
- wird der positiv von sich selbst beginnende, der p o s i-
t i v e Humanismus.
Aber Atheismus, Kommunismus sind keine Flucht, keine Abstraktion,
kein Verlieren der von dem Menschen erzeugten gegenständlichen
Welt, seiner zur Gegenständlichkeit herausgebornen Wesenskräfte,
keine zur unnatürlichen, unentwickelten Einfachheit zurückkeh-
rende Armut. Sie sind vielmehr erst das wirkliche Werden, die
wirklich für den Menschen gewordne Verwirklichung seines Wesens
und seines Wesens als eines wirklichen.
Hegel faßt also, indem er den p o s i t i v e n Sinn der auf
sich selbst bezognen Negation - wenn auch wieder in entfremdeter
Weise - faßt, die
#584# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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Selbstentfremdung, Wesensentäußerung, Entgegenständlichung und
Entwirklichung des Menschen als Selbstgewinnung, Wesensäußerung,
Vergegenständlichung, Verwirklichung. (Kurz, er faßt - innerhalb
der Abstraktion - die Arbeit als den S e l b s t e r z e u-
g u n g s a k t des Menschen, das Verhalten zu sich als fremdem
Wesen und das Betätigen seiner als eines fremden Wesens als das
werdende G a t t u n g s b e w u ß t s e i n und G a t-
t u n g s l e b e n.>
b) Bei Hegel - abgesehn oder vielmehr als Konsequenz der schon
geschilderten Verkehrtheit - erscheint dieser Akt aber einmal als
ein n u r f o r m e l l e r, weil als ein abstrakter, weil das
menschliche Wesen selbst nur als a b s t r a k t e s d e n-
k e n d e s W e s e n, als Selbstbewußtsein gilt; und zweitens,
weil die Fassung f o r m e l l und a b s t r a k t ist, darum
wird die Aufhebung der Entäußerung zu einer Bestätigung der
Entäußerung, oder für Hegel ist jene Bewegung des S e l b s t-
e r z e u g e n s, des S e l b s t v e r g e g e n s t ä n d-
l i c h e n s als S e l b s t e n t ä u ß e r u n g u n d
S e l b s t e n t f r e m d u n g die a b s o l u t e und
darum die letzte, sich selbst bezweckende und in sich beruhigte,
bei ihrem Wesen angelangte m e n s c h l i c h e L e b e n s-
ä u ß e r u n g.
Diese Bewegung in ihrer abstrakten ¦¦XXXI¦ Form als Dialektik
gilt daher als das w a h r h a f t m e n s c h l i c h e
L e b e n, und weil es doch eine Abstraktion, eine Entfremdung
des menschlichen Lebens ist, gilt es als g ö t t l i c h e r
P r o z e ß, aber als der göttliche Prozeß des Menschen - ein
Prozeß, den sein von ihm unterschiednes abstraktes, reines, abso-
lutes Wesen selbst durchmacht.
D r i t t e n s: Dieser Prozeß muß einen Träger haben, ein Sub-
jekt; aber das Subjekt wird erst als Resultat; dies Resultat, das
sich als absolutes Selbstbewußtsein wissende Subjekt, ist daher
der G o t t, a b s o l u t e r G e i s t, d i e s i c h
w i s s e n d e u n d b e t ä t i g e n d e I d e e. Der
wirkliche Mensch und die wirkliche Natur werden bloß zu Prädika-
ten, zu Symbolen dieses verborgnen unwirklichen Menschen und die-
ser unwirklichen Natur. Subjekt und Prädikat haben daher das Ver-
hältnis einer absoluten Verkehrung zueinander, m y s t i -
s c h e s S u b j e k t - O b j e k t oder über das O b-
j e k t ü b e r g r e i f e n d e S u b j e k t i v i t ä t,
das a b s o l u t e S u b j e k t als ein P r o z e ß, als
sich e n t ä u ß e r n d e s und aus der Entäußerung in sich
zurückkehrendes, aber sie zugleich in sich zurücknehmendes
S u b j e k t und das Subjekt als dieser Prozeß; das reine,
r a s t l o s e Kreisen in sich.
E i n m a l. F o r m e l l e u n d a b s t r a k t e Fassung
des Selbsterzeugungs- oder Selbstvergegenständlichungsakts des
Menschen.
Der entfremdete Gegenstand, die entfremdete Wesenswirklichkeit
des Menschen ist - da Hegel den Menschen = Selbstbewußtsein setzt
- nichts als Bewußtsein, nur der Gedanke der Entfremdung, ihr
a b s t r a k t e r und darum inhaltsloser und unwirklicher Aus-
druck, die N e g a t i o n. Die Aufhebung der Entäußerung ist
daher ebenfalls nichts als eine abstrakte, inhaltslose
#585# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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Aufhebung jener inhaltslosen Abstraktion, die N e g a t i o n
d e r N e g a t i o n. Die inhaltsvolle, lebendige, sinnliche,
konkrete Tätigkeit der Selbstvergegenständlichung wird daher zu
ihrer bloßen Abstraktion, der a b s o l u t e n N e g a t i-
v i t ä t, eine Abstraktion, die wieder als solche fixiert und
als eine selbständige Tätigkeit, als die Tätigkeit schlechthin
gedacht wird. Weil diese sogenannte Negativität nichts andres ist
als die a b s t r a k t e, i n h a l t s l o s e Form jenes
wirklichen lebendigen Aktes, darum kann auch ihr Inhalt bloß ein
f o r m e l l e r, durch die Abstraktion von allem Inhalt
erzeugter Inhalt sein. Es sind daher die allgemeinen, abstrakten,
jedem Inhalt angehörigen, darum auch sowohl gegen allen Inhalt
gleichgültigen, als eben darum für jeden Inhalt gültigen
A b s t r a k t i o n s f o r m e n, die Denkformen, die logi-
schen Kategorien, losgerissen vom w i r k l i c h e n Geist und
von der w i r k l i c h e n Natur. (Wir werden den l o g i-
s c h e n Inhalt der absoluten Negativität weiter unten ent-
wickeln.)
Das Positive, was Hegel hier vollbracht hat - in seiner spekula-
tiven Logik - ist, daß die b e s t i m m t e n B e g r i f f e,
die allgemeinen f i x e n D e n k f o r m e n in ihrer Selb-
ständigkeit gegen Natur und Geist ein notwendiges Resultat der
allgemeinen Entfremdung des menschlichen Wesens, also auch des
menschlichen Denkens sind und daß Hegel sie daher als Momente des
Abstraktionsprozesses dargestellt und zusammengefaßt hat. Z.B.
das aufgehobne Sein ist Wesen, das aufgehobne Wesen Begriff, der
aufgehobne Begriff... absolute Idee. Aber was ist nun die abso-
lute Idee? Sie hebt sich selbst wieder auf, wenn sie nicht wieder
von vorn den ganzen Abstraktionsakt durchmachen und sich damit
begnügen will, eine Totalität von Abstraktionen oder die sich er-
fassende Abstraktion zu sein. Aber die sich als Abstraktion er-
fassende Abstraktion weiß sich als nichts; sie muß sich, die Ab-
straktion, aufgeben, und so kömmt sie bei einem Wesen an, welches
grade ihr Gegenteil ist, bei der N a t u r. Die ganze Logik ist
also der Beweis, daß das abstrakte Denken für sich nichts ist,
daß die absolute Idee für sich nichts ist, daß erst die
N a t u r etwas ist.
¦¦XXXII] Die absolute Idee, die abstrakte Idee, welche
"nach ihrer Einheit mit sich b e t r a c h t e t A n-
s c h a u e n ist" (Hegels "Encyclopädie", 3te Ausgabe, p. 222
[§ 244]), welche (l.c.) "in der absoluten Wahrheit ihrer selbst
sich e n t s c h l i e ß t, das Moment ihrer Besonderheit oder
des ersten Bestimmens und Andersseins, die u n m i t t e l-
b a r e I d e e, als ihren Widerschein, sich als N a t u r
frei a u s s i c h z u e n t l a s s e n" (l.c.),
diese ganze, so sonderbar und barock sich gebarende Idee, welche
den Hegelianern ungeheure Kopfschmerzen verursacht hat, ist
durchaus nichts anders als die A b s t r a k t i o n, i.e. der
abstrakte Denker, die, durch Erfahrung
#586# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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gewitzigt und über ihre Wahrheit aufgeklärt, sich unter mancher-
lei - falschen und selbst noch abstrakten - Bedingungen dazu ent-
schließt, s i c h a u f z u g e b e n und ihr Anderssein, das
Besondere, Bestimmte an die Stelle ihres Beisichseins,
Nichtsseins 1*), ihrer Allgemeinheit und ihrer Unbestimmtheit zu
setzen, die N a t u r, die sie nur als Abstraktion, als Ge-
dankending in sich verbarg, f r e i a u s s i c h z u
e n t l a s s e n, d.h. die Abstraktion zu verlassen und sich
einmal die von ihr f r e i e Natur anzusehn. Die abstrakte
Idee, die unmittelbar A n s c h a u e n wird, ist durchaus
nichts andres als das abstrakte Denken, das sich aufgibt und zur
A n s c h a u u n g entschließt. Dieser ganze Übergang der Logik
in die Naturphilosophie ist nichts andres als der - dem abstrak-
ten Denker so schwer zu bewerkstelligende und daher so
abenteuerlich von ihm beschriebne Übergang aus dem A b s t r a-
h i e r e n in das A n s c h a u e n. Das m y s t i s c h e
Gefühl, was den Philosophen aus dem abstrakten Denken in das
Anschauen treibt, ist die L a n g w e i l e, die Sehnsucht nach
einem Inhalt.
(Der sich selbst entfremdete Mensch ist auch seinem W e s e n,
d.h. dem natürlichen und menschlichen Wesen entfremdeter Denker.
Seine Gedanken sind daher außer der Natur und dem Menschen
hausende fixe Geister. Hegel hat in seiner Logik alle diese fixen
Geister zusammengesperrt, jeden derselben einmal als Negation,
d.h. als E n t ä u ß e r u n g des m e n s c h l i c h e n
Denkens, dann als Negation der Negation, d. h. als Aufhebung die-
ser Entäußerung, als w i r k l i c h e Äußerung des menschli-
chen Denkens gefaßt; aber da - als selbst noch in der Entfremdung
befangen - ist diese Negation der Negation teils das Wiederher-
stellen derselben in ihrer Entfremdung, teils das Stehnbleiben
bei dem letzten Akt, das Sichaufsichbeziehn in der Entäußerung,
als dem wahren Dasein dieser fixen Geister *), teils insofern
diese Abstraktion sich selbst erfaßt und über sich selbst eine
unendliche Langweile empfindet, erscheint bei Hegel das Aufgeben
des
---
*) (d.h. - Hegel setzt den in sich kreisenden Akt der Abstraktion
an die Stelle jener fixen Abstraktionen; damit hat er einmal das
Verdienst, die Geburtsstätte aller dieser ihrem ursprünglichen
Datum nach einzelnen Philosophen zugehörigen ungehörigen Begriffe
nachgewiesen, sie zusammengefaßt und statt einer bestimmten Ab-
straktion die in ihrem ganzen Umkreis erschöpfte Abstraktion als
Gegenstand der Kritik geschaffen zu haben) (warum Hegel das Den-
ken vom Subjekt trennt, werden wir später sehn; es ist aber jetzt
schon klar, daß, wenn der Mensch nicht ist, auch seine Wesensäu-
ßerung nicht menschlich sein kann, also auch das Denken nicht als
Wesensäußerung des Menschen als eines menschlichen und natürli-
chen mit Augen, Ohren etc. in der Gesellschaft und Welt und Natur
lebenden Subjekts gefaßt werden konnte.)
-----
1*) "Nichtsseins" steht in der Handschrift über "Beisichseins"
#587# Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt
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abstrakten, nur im Denken sich bewegenden Denkens, das ohne Aug',
ohn' Zahn, ohn' Ohr, ohn' alles ist, als Entschließung, die
N a t u r als Wesen anzuerkennen und sich auf die Anschauung zu
verlegen.)
¦¦XXXIII¦ Aber auch die N a t u r, abstrakt genommen, für sich,
in der Trennung vom Menschen fixiert, ist für den Menschen
n i c h t s. Daß der abstrakte Denker, der sich zum Anschauen
entschlossen hat, sie abstrakt anschaut, versteht sich von
selbst. Wie die Natur, von dem Denker in seiner ihm selbst ver-
borgnen und rätselhaften Gestalt, als absolute Idee, als Gedan-
kending eingeschlossen lag, so hat er in Wahrheit, indem er sie
aus sich entlassen hat, nur diese a b s t r a k t e N a t u r
- aber nun mit der Bedeutung, daß sie das Anderssein des Gedan-
kens ist, daß sie die wirkliche angeschaute, vom abstrakten Den-
ken unterschiedne Natur ist - nur das G e d a n k e n d i n g
der Natur aus sich entlassen. Oder, um eine menschliche Sprache
zu reden, bei seiner Naturanschauung erfährt der abstrakte Den-
ker, daß die Wesen, welche er in der göttlichen Dialektik als
reine Produkte der in sich selbst webenden und nirgends in die
Wirklichkeit hinausschauender Arbeit des Denkens aus dem Nichts,
aus der puren Abstraktion zu schaffen meinte, nichts andres sind,
als A b s t r a k t i o n e n von N a t u r b e s t i m-
m u n g e n. Die ganze Natur wiederholt ihm also nur in einer
sinnlichen, äußerlichen Form die logischen Abstraktionen. - Er
a n a l y s i e r t sie und diese Abstraktionen wieder. Seine
Naturanschauung ist also nur der Bestätigungsakt seiner
Abstraktion von der Naturanschauung 1*), der von ihm mit Be-
wußtsein wiederholte Zeugungsgang seiner Abstraktion. So ist z.B.
die Zeit = Negativität, die sich auf sich bezieht (p. 238 l.c.).
Dem aufgehobnen Werden als Dasein entspricht - in natürlicher
Form - die aufgehobne Bewegung als Materie. Das Licht ist - die
n a t ü r l i c h e Form- die R e f l e x i o n i n s i c h.
Der Körper als M o n d und K o m e t ist - die n a t ü r-
l i c h e Form - des G e g e n s a t z e s, der nach der Logik
einerseits das a u f s i c h s e l b s t r u h e n d e
P o s i t i v e, andrerseits das auf sich selbst ruhende N e-
g a t i v e ist. Die Erde ist die n a t ü r l i c h e Form des
logischen G r u n d e s, als negative Einheit des Gegensatzes
etc. Die N a t u r a l s N a t u r, d.h. insofern sie sich
sinnlich noch unterscheidet von jenem geheimen, in ihr verborgnen
Sinn, die Natur getrennt, unterschieden von diesen Abstraktionen
ist N i c h t s, ein sich als N i c h t s b e w ä h r e n -
d e s N i c h t s, ist s i n n l o s oder hat nur den Sinn
einer Äußerlichkeit, die aufgehoben werden muß.
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1*) In der Handschrift folgt die gestrichene Stelle: Betrachten
wir einen Augenblick die Hegelsche Naturbestimmung und den Über-
gang aus der Natur in den Geist. Die Natur hat sich als die Idee
in der Form des Andersseins ergeben. Da die Id[ee]
#588# Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)
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"In dem endlich - t e l e o l o g i s c h e n Standpunkt findet
sich die richtige Voraussetzung, daß die Natur den absoluten
Zweck nicht in ihr selbst enthält." p. 225 [§ 245].
Ihr Zweck ist die Bestätigung der Abstraktion.
"Die Natur hat sich als die Idee in der F o r m des
A n d e r s s e i n s ergeben. Da die I d e e so als das Nega-
tive ihrer selbst oder s i c h ä u ß e r l i c h ist, so ist
die Natur nicht äußerlich, nur relativ gegen diese Idee, sondern
die Ä u ß e r l i c h k e i t macht die Bestimmung aus, in wel-
cher sie als Natur ist." p. 227 [§ 247].
Die Ä u ß e r l i c h k e i t ist hier nicht als die sich
ä u ß e r n d e und dem Licht, dem sinnlichen Menschen er-
schloßne S i n n l i c h k e i t zu verstehn. Die Äußerlichkeit
ist hier im Sinne der Entäußerung, eines Fehlers, eines Gebre-
chens, das nicht sein soll, zu nehmen. Denn das Wahre ist immer
noch die Idee. Die Natur ist nur die F o r m ihres
A n d e r s s e i n s. Und da das abstrakte Denken das
W e s e n ist, so ist das, was ihm äußerlich ist, seinem Wesen
nach ein nur Ä u ß e r l i c h e s. Der abstrakte Denker er-
kennt zugleich an, daß die S i n n l i c h k e i t das Wesen
der Natur ist, die Ä u ß e r l i c h k e i t im Gegensatz zu
dem i n s i c h webenden Denken. Aber zugleich spricht er die-
sen Gegensatz so aus, daß diese Ä u ß e r l i c h k e i t d e r
N a t u r ihr G e g e n s a t z zum Denken, ihr M a n g e l,
daß sie, insofern sie sich von der Abstraktion unterscheidet, ein
mangelhaftes Wesen ist. ¦¦XXXIV¦ Ein nicht nur für mich, in mei-
nen Augen mangelhaftes, ein an sich selbst mangelhaftes Wesen hat
etwas außer sich, was ihm mangelt. D. h. sein Wesen ist ein an-
dres als es selbst. Die Natur muß sich daher selbst aufheben für
den abstrakten Denker, weil sie schon von ihm als ein der Potenz
nach a u f g e h o b e n e s Wesen gesetzt ist.
"Der Geist hat f ü r u n s d i e N a t u r zu seiner
V o r a u s s e t z u n g, deren W a h r h e i t und damit de-
ren a b s o l u t e s E r s t e s er ist. In dieser Wahrheit
ist die Natur v e r s c h w u n d e n, und der Geist hat sich
als die zu ihrem Fürsichsein gelangte Idee ergeben, deren
O b j e k t ebensowohl als das S u b j e k t d e r B e-
g r i f f ist. Diese Identität ist a b s o l u t e N e g a-
t i v i t ä t, weil in der Natur der Begriff seine vollkommene
äußerliche Objektivität hat, diese seine Entäußerung aber
aufgehoben, und er in dieser sich identisch mit sich geworden
ist. Er ist diese Identität somit nur als Zurückkommen aus der
Natur." p. 392 [§ 381].
"Das O f f e n b a r e n, welches als die a b s t r a k t e
I d e e unmittelbarer Übergang, W e r d e n der Natur ist, ist
als Offenbaren des Geistes, der frei ist, S e t z e n der Natur
als s e i n e r Welt; ein Setzen, das als Reflexion zugleich
V o r a u s s e t z e n der Welt als selbständiger Natur ist.
Das Offenbaren im Begriffe ist Erschaffen derselben als seines
Seins, in welchem er die A f f i r m a t i o n und W a h r-
h e i t seiner Freiheit sich gibt." "Das A b s o l u t e
i s t d e r G e i s t: dies ist die höchste Definition des
Absoluten." [p. 393, § 384.] ¦XXXI¦¦
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