Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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#595# Lateinischer Aufsatz
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Zählt man das Prinzipat des Augustus mit Recht
zu den glücklicheren Zeiten des Römischen Reiches?
[Abiturientenarbeit - Lateinischer Aufsatz]
Demjenigen, der untersucht, wie das Zeitalter des Augustus be-
schaffen gewesen ist, bieten sich mehrere Dinge an, aus denen
dies beurteilt werden kann: zuerst, der Vergleich mit anderen Pe-
rioden der römischen Geschichte; denn wenn man zeigt, daß das
Zeitalter des Augustus den früheren Zeitaltern, die man glücklich
nennt, ähnlich, aber jenen unähnlich ist, in denen nach dem Ur-
teil der Zeitgenossen und der Modernen sich die Sitten gewandelt
und verschlechtert haben, der Staat sich in Parteien spaltete und
im Kriege Niederlagen hingenommen werden mußten, kann man aus
diesen auf das Zeitalter des Augustus schließen; dann muß man un-
tersuchen, was die Alten darüber sagten, was die ausländischen
Völker über das Imperium für Ansichten hatten, ob sie es fürchte-
ten oder verachteten, endlich aber, wie die Künste und Wissen-
schaften beschaffen waren.
Um nicht weitschweifiger zu sein als notwendig, werde ich das
sehr schöne Zeitalter vor Augustus, welches die Einfachheit der
Sitten, das Streben nach Tüchtigkeit, die Uneigennützigkeit der
Beamten und des Volkes glücklich gemacht haben, das Zeitalter, in
dem Unteritalien unterworfen wurde, und das des Nero, das das
schlechteste Zeitalter überhaupt war, mit dem des Augustus ver-
gleichen.
Niemals waren die Römer mehr der Beschäftigung mit den schönen
Künsten abgeneigt als in der Zeit vor den Punischen Kriegen, denn
die Bildung wurde wenig geschätzt, da die bedeutendsten Menschen
jener Zeiten besonders Eifer und Mühe auf den Ackerbau verwand-
ten; die Beredsamkeit war überflüssig, da sie mit wenigen Worten
über das sprachen, was getan werden mußte, und nicht auf die
Feinheit der Rede, sondern mehr auf den Inhalt Wert legten; die
Geschichte aber bedurfte der Beredsamkeit nicht, da sie nur über
Taten berichtete und allein aus der Abfassung von Annalen be-
stand.
Das ganze Zeitalter aber war erfüllt vom Streit zwischen den Pa-
triziern und den Plebejern, denn von der Vertreibung der Könige
bis zum Ersten Punischen Krieg wurde über die beiderseitigen
Rechte gestritten, und ein großer Teil der Geschichte berichtet
nur über Gesetze, die von den miteinander heftig streitenden Tri-
bunen oder Konsuln verfaßt waren.
Was an diesem Zeitalter zu loben ist, sagten wir schon.
#596# Beilagen
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Um das Zeitalter des Nero zu beschreiben, brauchen wir nicht
viele Worte zu machen; wer wird noch fragen, wie dieses Zeitalter
beschaffen gewesen ist, da die besten Bürger getötet wurden, da
schimpfliche Willkür herrschte, da man die Gesetze verletzte, Rom
niederbrannte, da die Feldherren, weil sie fürchteten, durch gut
ausgeführte Taten Verdacht zu erregen und weil nichts da war, was
sie zu großen Taten hätte bewegen können, lieber durch den Frie-
den als durch den Krieg Ruhm zu erwerben suchten.
Daß das Zeitalter des Augustus diesem unähnlich ist, kann keiner
bezweifeln, denn seine Herrschaft ist durch Milde gekennzeichnet;
obgleich jede Freiheit, sogar jeder Schein von Freiheit ver-
schwunden war, obwohl Institutionen und Gesetze auf Befehl des
Prinzeps verändert wurden und die ganze Macht, die früher in den
Händen der Volkstribunen, Zensoren, Konsuln lag, jetzt in der
Hand eines einzigen Mannes war, glaubten die Römer dennoch, sie
herrschten und Imperator sei nur der Name für die Machtbefug-
nisse, die früher die Tribunen oder Konsuln hatten, und bemerkten
nicht, daß ihnen die Freiheit genommen war. Das aber ist ein
triftiger Beweis für die Milde, wenn die Bürger zweifeln können,
wer der Prinzeps ist, ob sie selbst regieren oder regiert werden.
Im Kriege aber waren die Römer niemals glücklicher, denn die Par-
ther wurden unterworfen, die Kantabrer besiegt, die Raeter und
Vindelicier vernichtet; die Germanen aber, die ärgsten Feinde der
Römer, die Cäsar vergeblich bekämpft hatte, besiegten zwar in
einzelnen Kämpfen durch Verrat, Tücke, Tapferkeit und ihre Wälder
die Römer: aber im ganzen wurde durch das römische Bürgerrecht,
das Augustus Einzelnen verlieh, durch die Waffen erfahrener Heer-
führer und durch die Feindschaft, die unter ihnen selbst ausge-
brochen war, die Macht vieler Völker Germaniens zerbrochen.
Man kann also das Zeitalter des Augustus im Krieg und im Frieden
nicht mit dem des Nero und noch schlechterer Herrscher verglei-
chen.
Die Parteien und Streitigkeiten aber, die vor dem Punischen Krieg
bestanden, gab es nicht mehr; denn wir sehen, daß Augustus alle
Parteien, alle Würden und alle Macht in sich vereinigt hatte, und
das Imperium also nicht mit sich selbst uneinig sein konnte, was
jedem Staat höchste Gefahr bringt, weil dadurch nämlich die Auto-
rität bei den fremden Völkern verringert wird und die Staaten we-
niger zum Wohle des Volkes als viel mehr um der Macht des Einzel-
nen willen regiert werden.
Man darf aber das Zeitalter des Augustus nicht so ansehen, als ob
es in jeder Hinsicht besser gewesen ist als jene Zeitalter; denn
wenn die Sitten, die Freiheit, die Tüchtigkeit entweder beein-
trächtigt oder geradezu beseitigt sind, während Habsucht, Ver-
schwendung und Zügellosigkeit herrschen, kann man das Zeitalter
an sich nicht als glücklich bezeichnen. Vielmehr bewirkten die
Größe des Augustus, die Institutionen und Gesetze, die
#597# Lateinischer Aufsatz
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er auswählte, um den zerrütteten Staat in einen besseren Zustand
zu versetzen, daß diese Folgen der Bürgerkriege beseitigt wurden.
So können wir zum Beispiel sehen, daß Augustus den Senat, in den
äußerst korrupte Männer eingedrungen waren, von den Spuren der
Untaten reinigte, indem er viele, deren Sitten ihm verhaßt waren,
entfernte und solche Männer aufnahm, die sich durch Tüchtigkeit
und Klugheit auszeichneten.
Unter dem Prinzipat des Augustus dienten dem Staat stets Männer
von hervorragender Tüchtigkeit und Klugheit, denn wer kann bedeu-
tendere Männer dieser Zeit nennen als Maecenas und Agrippa. Ob-
wohl der Prinzeps zuweilen zur Verstellung griff, hat er anschei-
nend seine Gewalt nicht mißbraucht und die verhaßte Macht in ei-
ner milderen Form ausgeübt. Und wenn der Staat so, wie er vor den
Punischen Kriegen bestand, für jene Zeit der geeignetste war,
weil er zu großen Taten anspornte und in den Feinden Furcht er-
weckte, weil er zwischen den Patriziern und Plebejern einen edlen
Wettstreit - der zwar nicht immer frei war von Mißgunst - hervor-
rief, so erscheint uns der Staat, wie ihn Augustus eingerichtet
hatte, für seine Zeit der geeignetste zu sein, denn wenn die Men-
schen verweichlicht sind, die Einfachheit der Sitten dahin ist,
der Staat sich aber vergrößert hat, dann kann ein Herrscher bes-
ser als eine freie Republik dem Volk Freiheit zukommen lassen.
Wir kommen nun zu dem Urteil der Alten über das Zeitalter des Au-
gustus.
Ihn selbst nennen sie göttlich und halten ihn nicht für einen
Menschen, sondern eher für einen Gott. Das könnte man nicht be-
haupten, wenn man sich nur auf Horaz beriefe, aber auch der her-
vorragende Historiker Tacitus spricht immer von Augustus und sei-
nem Zeitalter mit höchster Ehrfurcht, größter Bewunderung, sogar
Liebe.
Literatur und Künste blühten zu keiner Zeit mehr; denn in dieser
Zeit lebten sehr viele Schriftsteller, aus denen wie aus einer
Quelle alle Völker ihre Bildung schöpften.
Da also der Staat gut eingerichtet erscheint, in dem der Prinzeps
dem Volk Glück bringen wollte und auf seine Veranlassung die be-
sten Männer die Ämter innehatten, da ferner das Zeitalter des Au-
gustus nicht hinter den besten Perioden der römischen Geschichte
zurücksteht, von den schlechten aber verschieden erscheint, da,
wie man sieht, Parteien und Zwistigkeiten verschwunden waren,
Künste und Literatur aber blühten, ist das Prinzipat des Augustus
mit Recht zu den besseren Zeitaltern zu zählen, und man muß den
Mann hochschätzen, der, obwohl ihm alle Möglichkeiten offenstan-
den, dennoch nach der Übernahme der Herrschaft nur das eine im
Auge hatte: dem Staat die Rettung zu bringen.
Marx
Geschrieben zwischen dem 10. und 16. August 1835.
Aus dem Lateinischen.
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