Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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#620# Beilagen
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Heinrich Marx an Karl Marx
in Bonn
[Anfang des Jahres 1836]
Lieber [Karl!] 1*)
Wenn die Schilderung Deines Zustandes nicht etwas poetisch war -
was ich wünsche - so ist sie sehr geeignet, uns zu beunruhigen.
Ich hoffe wenigstens, daß die traurige Erfahrung Dir die Notwen-
digkeit dartun wird, Dich etwas aufmerksamer auf Deinen Gesund-
heitszustand zu machen. Nach einem guten Gewissen ist dies das
höchste Gut des Menschen, und die Sünden der Jugend in jedem un-
mäßigen oder gar an und für sich schädlichen Genüsse rächen sich
fürchterlich. Ein trauriges Beispiel haben wir hier an Herrn Gün-
ster. Von Laster ist bei ihm zwar keine Rede, aber Rauchen und
Trinken haben seine ohnehin schwache Brust zerrüttet, und schwer-
lich erlebt er den Sommer. Sein Leben selbst ist ein Leiden, und
es geht ein ausgezeichneter Geist an ihm verloren.
Selbst übermäßiges Studieren ist Tollheit in solchem Fall. Dahin-
gegen sind mäßige Beweg[ungen] 1*), als Spazierengehen, selbst
zuweilen reiten, aber nicht toll, sehr zuträglich, heiterer Mut
und Bes[eitigung] aller Grillen noch besser.
Deine Rechnung, lieber Karl, ist à la Carl, ohne Zusammenhang,
ohne Resultat. Kürzer und bündiger und nur die Ziffern regelmäßig
in Kolonnen gesetzt, wäre die Operation sehr einfach gewesen, und
man fordert auch von einem Gelehrten O r d n u n g, besonders
aber von einem praktischen Juristen.
Ich finde im Ganzen nichts einzuwenden, nur glaube ich, daß
Anschaffung von vielen Büchern im Augenblicke zweckwidrig und lä-
stig ist, besonders große Geschichtswerke.
Deine Reise war zweckmäßig, wenn sie Deiner Gesundheit zuträglich
war, nur hättest Du ein paar Worte darüber vorausschicken sollen.
Noch, und trotz Deiner b e i d e n Schreiben (Du siehst, sie
sind zu zählen), kenne ich Deinen Studienplan nicht, was mir doch
allerdings von großem Interesse sein muß. Soviel sehe ich, daß Du
keine naturhistorischen Fächer betreibst, und wenn wirklich Phy-
sik und Chemie so schlecht doziert werden, so tust Du allerdings
besser, solche in Berlin zu hören. Nur die allgemeine Einleitung
in die Kameralistik wäre, scheint mir, zweckmäßig, weil es immer
gut ist, eine Übersicht dessen zu haben, was man einst tun soll.
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1*) Ein Stück Papier abgerissen; sinngemäß ergänzt
#621# Briefe
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À propos! Herr Gratz von hier hat mir eine Empfehlung für Herrn
Walter geschickt. Ich schickte ihm dieselbe mit einem Schreiben -
hast Du etwas davon vernommen? Mir wäre dies deswegen lieb, weil
grade dieser Professor Dir so vorzüglich gefiel.
Dein Kränzchen spricht mich, Du glaubst es, besser an als die
Kneipe. Junge Leute, die an einer solchen Zusammenkunft Vergnügen
finden, sind notwendig gebildete Menschen und fühlen besser ihren
Wert als künftige vorzügliche Staatsbürger denn jene, welche ih-
ren vorz[üglichen] 1*) Wert in vorzüglicher Rohheit finden.
Du tust wohl daran, mit dem Drucken zu warten. Ein Poet, ein Li-
terator, muß jetzt etwas Tüchtiges zu liefern berufen sein, wenn
er öffentlich auftreten will. Sonst mag er zwar den Musen huldi-
gen. Das bleibt immer eine der edelsten Frauenhuldigungen. Aber
wenn überall das erste Eintreten in die Welt großenteils ent-
scheidend ist, so ist das vorzüglich bei diesen Halbgöttern der
Fall. Ihr Übergewicht muß in dem ersten Verse sich darstellen,
damit jedermann gleich den Götterborn erkenne. Ich sage es Dir
unverhohlen, mich freuen innig Deine Anlagen, und ich verspreche
mir viel davon, doch mich würde es jammern, Dich als gemeines
Poetlein auftreten zu sehn, und bliebe Dir noch hinlänglich, um
Deine nächste Umgebung im Familienkreise zu ergötzen. Nur der
Vorzügliche hat das Recht, die Aufmerksamkeit einer verwöhnten
Welt in Anspruch zu nehmen, die einen Schiller hat - poetische
Geister würden wahrscheinlich sagen "Götter".
Ich danke Dir übrigens, lieber Karl, für Deine sehr kindliche
Bemerkung, daß Du Deine erste Arbeit erst meiner Kritik unterwer-
fen würdest. Das ist von Dir um so zarter, als Du weißt, wie we-
nig die Natur mir von Poesie eingeimpft, wie ich sogar in meinem
Leben nicht imstande war, einen nur erträglichen Vers zu machen,
selbst in den süßen Tagen der ersten Liebe. Indessen will ich
daran denken und abwarten, ob es bloß ein Kompliment gewesen.
Wie kömmt es, lieber Karl, daß Deine Reise nicht in Ausgabe figu-
riert? Du hast Dich doch hoffentlich nicht mit Fechten durchge-
schlagen?
Ich lege einen Kassenschein von 50 Talern bei und kann Dir nur
bei dieser Gelegenheit sagen, daß Du für Deine Studien allein
Sorge tragen sollst und, indem Du nicht mehr als nötig brauchst,
Dich jeder weitern Grille zu enthalten. Die Hoffnung, daß Du
einst Deinen Geschwistern eine Stütze sein könntest, ist zu schön
und lächelt ein gutmütiges Herz zu sehr an, als daß ich sie Dir
entziehen wollte.
Ich habe für den Augenblick weiter nichts hinzuzusetzen und emp-
fehle Dir nur wiederholt, Deine Gesundheit zu schonen und zu er-
halten. Es gibt kein beklagenswerteres Wesen als ein siecher Ge-
lehrter, und keine unglücklicheren Eltern als jene, welche einen
hoffnungsvollen und mit Aufopferung erzogenen Sohn dahinschwinden
sehn. Beherzige das. Ich
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kann nur an Dein Herz appellieren, denn ich glaube es gut und
edel. Es umarmt Dich von ganzer Seele
Dein Vater
Marx
[Nachschrift der Mutter]
lieber theurer Carl! Dein unwohlseyn hat uns sehr betrübt, doch
hoffe und wünsche ich das du wieder hergestellt seyn wirst - und
obschon ich seher ängstlich in hinsieht der gesundheit meiner
lieben Kinder bin, so bin ich doch überzeugt das wen du lieber
Carl vernünftig ha[n]delst du ein hohes alter erreichen kanst -
aber dazu must du alles vermeiden was das übel steigeren kan, du
darfst dir nicht zu sehr erhitzen nicht viel Wein noch Cafee
trinken und nichts scharfes viel pfeffer oder sonst gewürts ge-
nießen, darfs kein taback rauchen nicht zu lang aufbleiben abends
und früh aufstehen. Hütte dir auch für erkältung und tanze nicht
lieber Carl bis du wieder ganz hergestellt bist, es wird dir lä-
cherlich scheinen lieber Carl dass ich so den Doctor mache du
weisst nicht wie es den Eltern zu herzen geht wen sie Ihre Kinder
nicht gesund und wie manche trübe Stunde es uns schon verursacht
hat - macht nur das Ihr Kinder moralisch und körperlich gesund
bleibt und für den übrigen seyd unbekümmert, der liebe Vatter
wahr den ganzen wintter der Himmel sey Dank wohl und an arbeit
fehlte auch nicht und alle waren wir noch immer recht wohl - wie
gefällt dir den mein vaterstadt - die Lage ist recht schön und
ich hoffe es möchte dir so begeistert habbe, das es dir Zum ge-
dieht stof geben schreibe bald lieber Carl lieber wenig nur las
es nicht zu lang zu gehen adieu deine dich liebende ich küsse dir
im gedanken lieber Carl
deine mutter
Henriette Marx.
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