Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844

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       #623# Briefe
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       Heinrich Marx an Karl Marx
       in Berlin
       
       Trier, den 3. Febr. 1837
       Lieber Karl!
       Dein jüngstes Schreiben hat mich ganz vorzüglich gefreut, denn es
       beweist mir,  daß Du  die kleinen  Schwächen, die  mich  übrigens
       beunruhigten, beseitigt,  Deine Stellung  erkennst, und mit Kraft
       und Würde  Deine Zukunft zu befestigen Dich bestrebst. Doch, lie-
       ber Karl, falle in kein entgegengesetztes Extrem.
       Abgesehn davon, daß die Geselligkeit zur Erheitrung, zur Erholung
       und zur  Ausbildung -  des jungen  Mannes besonders  - sehr große
       Vorteile darbietet,  so erfordert  die Klugheit  - und die darfst
       Du, da  Du nicht mehr allein stehst, nicht vernachlässigen -, daß
       man, versteht  sich, auf  eine ehrenvolle und würdige Weise, sich
       einige Stützen verschaffe.  V e r n a c h l ä s s i g u n g,  be-
       sonders da  man nicht  immer geneigt ist, den ehrenvollsten Grund
       aufzusuchen, verzeihen  Vornehme  oder  sich  so  Dünkende  nicht
       leicht, und  vorzüglich dann  nicht, wenn  sie sich  einigermaßen
       herabgelassen haben.  - Die  Herren J[aehnige]n  und E[sse]r sind
       nicht allein  tüchtige Männer,  sondern für  Dich  wahrscheinlich
       wichtige Männer,  und es wäre höchst unklug und wirklich unartig,
       sie zu  vernachlässigen, da sie Dich sehr anständig empfangen. Du
       kannst zu  Deinem Alter und in Deiner Stellung keine Reziprozität
       fordern. -
       Auch der  Körper darf nicht vernachlässigt werden. Gesundheit ist
       das höchste Gut für jeden, für Gelehrte am allermehrsten.
       Übertreibe nichts. Mit Deinen natürlichen Anlagen und Deinem jet-
       zigen Fleiße  wirst Du ein Ziel erreichen, und es kommt dabei auf
       ein Semester nicht an.
       So viele  Erfahrung ich  auch haben mag, ich kann doch nicht ganz
       mit heller  Übersicht aller  Schattierungen Dir  einen Plan  vor-
       zeichnen.
       Allerdings scheint  es mir  außer Zweifel,  daß Dein Vorhaben, in
       Lehrfächern Dich  emporzuheben, ganz gut und Dir angemessen, wenn
       Du noch  die Kleinigkeit  nicht übersehn willst, Dein Organ etwas
       auszubilden.
       Aber freilich  möchte dies etwas lange zugehn, und es wäre aller-
       dings in  der Lage  der Sache  wünschenswert, daß  dem abgeholfen
       werde. In  dieser Beziehung  bliebe also  grade nichts  übrig als
       s c h r i f t s t e l l e r n.   Wie aber auftreten? Das ist eine
       schwierige Frage,  doch dieser Frage selbst geht eine andere vor-
       her: Wird  es Dir  gleich gelingen,  das Zutrauen eines tüchtigen
       Buchhändlers zu  gewinnen? Denn  das mag  wohl  das  Schwierigste
       sein. Gelingt  Dir das  - und  Du bist im ganzen ein Glückskind -
       dann kommt die
       
       #624# Beilagen
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       zweite. Philosophisches  oder Juristisches  oder beides  zusammen
       scheint wohl  vorzüglich, um den Grund zu legen. Gediegene Poesie
       kann wohl  den zweiten  Rang einnehmen,  und sie schadet dem Rufe
       nie, es  wäre denn  in den  Augen einiger  Pedanten. Die leichten
       Plänkler sind die nützlichsten, und mit einigen guten Namen, wenn
       sie original  sind und neuen Zuschnitt haben, kannst Du anständig
       und gesichert  eine Professur  abwarten etc. etc. etc. Doch einen
       festen Entschluß  mußt Du fassen, - wenn auch nicht in dem Augen-
       blicke, doch  in diesem  Jahre, und  wenn er gefaßt ist, ihn fest
       ins Auge  fassen und  unerschütterlich verfolgen. Es ist für Dich
       noch lange  die Schwierigkeit  nicht, wie für Deinen Papa es war,
       Advokat zu werden.
       Du weißt,  lieber Karl,  ich habe  aus Liebe zu Dir mich in etwas
       eingelassen, was  nicht meinem Charakter ganz anpaßt und was mich
       wohl zuweilen  drückt. Aber  mir ist  kein Opfer zu groß, wenn es
       das Wohl  meiner Kinder  erfordert. Ich habe auch das unbegrenzte
       Zutrauen Deiner  J[enn]y erworben.  Aber das gute, liebenswürdige
       Mädchen peinigt  sich unaufhörlich  - fürchtet  Dir zu  schaden -
       Dich zur Überanstrengung zu verleiten etc. etc. etc. Drückend ist
       es für  sie, daß  ihre Eltern nichts wissen oder, wie ich glaube,
       nichts wissen  wollen. Sie  kann sich  selbst nicht erklären, wie
       sie, die  ganz Verstandmensch  zu sein  glaubt, sich so hinreißen
       ließ. Etwas Menschenscheu mag mit unterlaufen.
       Ein Brief  von Dir  - den Du einschlagen darfst -, den aber nicht
       der phantastische Poet diktieren darf, kann Trost bringen. Er muß
       zwar, wie  ich daran  übrigens nicht zweifle, voll zarten, hinge-
       benden Gefühls  und reiner  Liebe sein, aber er muß hell und klar
       das Verhältnis auffassen, die Aussichten erörtern und beleuchten.
       Es müssen die ausgesprochenen Hoffnungen unumwunden, klar und mit
       fester Überzeugung dargelegt werden, damit sie wieder überzeugen.
       Es muß  die Versicherung  fest ausgesprochen  sein, daß dies Ver-
       hältnis, weit  entfernt Schaden Dir zu bringen, die glücklichsten
       Wirkungen für  Dich hätte,  und in  gewisser Beziehung glaube ich
       das selbst. Dahingegen fordere mit Festigkeit, mit dem männlichen
       Übermute, der  das arme  Kind so unverwahrt gefunden, daß sie nun
       nicht schwanke,  nicht zurücksehe, sondern mit Ruhe, Zutrauen und
       festem Blick die Zukunft erwarte.
       Was sagst  Du zu Deinem Vater? Findest Du nicht, daß ich mich zum
       Erstaunen zum  Unterhändler qualifiziere?  Wie schief  möchte ich
       wohl von  manchem beurteilt werden, wenn meine Einwirkung bekannt
       würde? Welche unlautere Beweggründe möchte man mir vielleicht un-
       terlegen? Doch ich mache mir keine Vorwürfe - der Himmel gebe nur
       sein Gedeihen,  und ich  werde mich höchst glücklich dadurch füh-
       len.
       Bei Herrn Eichhorn wäre es schicklich zu gehn, doch überlasse ich
       das Dir. Aber bei den Herren J[aehnige]n und E[sse]r, ich wieder-
       hole es, wünsche ich Dich öfters zu [sehen].
       
       #625# Briefe
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       Nicht weniger  gut möchte  es wohl sein, bei einem wenigstens der
       einflußreichsten Professoren etwas näheren Zugang zu suchen.
       Hast Du  den jungen  Herrn Schriever nicht mehr gesehn? Da wir in
       sehr guten Verhältnissen stehn und Delle Schriever wahrscheinlich
       Deinen Freund  Karl von Westphalen ehelichen wird, so wäre es mir
       lieb, da  er ohnedies bald herkommen soll, daß Du ihn einige Male
       suchest.
       Hast Du  gar nichts Näheres über den Dr. Kleinerz gehört? Es wäre
       mir doch lieb, etwas von ihm zu vernehmen.
       Du erhältst hierbei einen Kreditbrief. Er ist höher gestellt, als
       Du selbst  forderst. Ich  wollte ihn aber deswegen nicht abändern
       lassen, weil  ich jetzt  das Zutrauen  zu Dir  habe, daß Du nicht
       mehr als nötig ist, brauchst.
       Nun Gott  befohlen, lieber  Karl, schreibe  bald, wenn  Du  einen
       äquivalenten Brief,  wie den  geforderten, noch  nicht  geschickt
       hast. - Schreibe auch, was Dein Hausherr macht, der mich sehr in-
       teressiert.
       Herr v.  Notz sagte  mir, Du würdest in den Herbstferien hierher-
       kommen. Ich bin der Meinung durchaus nicht, und wenn Du Dein Ver-
       hältnis und  das Dir  teurer Personen  überlegst, so wirst Du mir
       beitreten müssen.  Aber möglich  wäre es,  daß  ich  nach  Berlin
       reise. Was sagst Du dazu?
       Dein treuer Vater
       Marx
       
       Meinem lieben Freunde Meurin und seiner liebenswürdigen Dame emp-
       fehle ich mich bestens. Sage dem ersteren, daß er wohl tun würde,
       mir einen Augenblick zu schenken.
       P. S.  Es wäre nicht übel, lieber Karl, wenn Du etwas leserlicher
       schreiben wolltest. -
       Jenny sehe  ich selten,  sie kann  nicht, wie sie will. Du kannst
       ruhig sein,  ihre Liebe  ist treu. - Wenn Du, wie ich es wünsche,
       geschrieben, dann werde ich Antwort verlangen.
       

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