Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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#626# Beilagen
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Heinrich Marx an Karl Marx
in Berlin
Trier, den 2ten März 1837
Es ist wunderbar, daß ich, von Natur ein fauler Schreiber, ganz
unerschöpflich bin, wenn ich Dir schreiben soll. Ich will und
kann meine Schwäche gegen Dich nicht verbergen. Mein Herz
schwelgt zuweilen in Gedanken an Dich und Deine Zukunft. Und den-
noch zuweilen kann ich mich trauriger, ahnender, Furcht erregen-
der Ideen nicht entschlagen, wenn sich wie ein Blitz der Gedanke
einschleicht: Ob Dein Herz Deinem Kopfe, Deinen Anlagen ent-
spricht? - Ob es Raum hat für die irdischen, aber sanftern Ge-
fühle, die in diesem Jammertale dem fühlenden Menschen so wesent-
lich trostreich sind? Ob, da dasselbe offenbar durch einen nicht
allen Menschen verliehenen Dämon belebt und beherrscht wird, die-
ser Dämon himmlischer oder faustischer Natur ist? Ob Du je - und
das ist für mein Herz nicht der wenigst peinigende Zweifel - je
für wahrhaft menschliches - häusliches Glück - empfänglich sein
wirst? Ob Du je - und dieser Zweifel ist seit kurzer Zeit mir
nicht weniger marternd, seit ich eine gewisse Person wie mein
eignes Kind liebe - das Glück auf die nächste Umgebung zu ver-
breiten imstande sein wirst? -
Was mich auf diesen Ideengang brachte, wirst Du fragen? Schon öf-
ters haben mich dergleichen Grillen befallen, ich verscheuchte
sie leicht, denn es war mir immer Bedürfnis, Dich mit all der
Liebe und Achtung zu umfassen, deren mein Herz fähig ist, und ich
vergesse mich überall gerne. Aber ich sehe eine auffallende Er-
scheinung in J[enn]y. Sie, die sich so ganz mit ihrem kindlichen,
reinen Gemüte Dir hingibt, zeigt zuweilen unwillkürlich und gegen
ihren eignen Willen eine Art von Furcht, von ahnungsschwangerer
Furcht, die mir nicht entgeht, und die ich nicht zu erklären
weiß, und wovon sie jede Spur in meinem Herzen zu tilgen suchte,
sobald ich sie darauf aufmerksam machte. - Was soll, was kann das
sein? Ich kann mir es nicht erklären, aber unglücklicherweise er-
laubt meine Erfahrung nicht, daß ich mich leicht irreführen
lasse.
Dein hohes Emporkommen, die schmeichelnde Hoffnung, Deinen Namen
einst im hohen Rufe zu sehn, sowie Dein irdisches Wohl, liegen
mir gar nicht allein am Herzen, es sind lang genährte Illusionen,
die sich tief eingenistet haben. Doch im Grunde gehören diese Ge-
fühle großenteils dem schwachen Menschen und sind nicht rein von
allen Schlacken, als da sind: Stolz, Eitelkeit, Egoismus etc.
etc. etc. Aber ich kann Dich versichern,
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daß die Verwirklichung dieser Illusionen mich nicht glücklich zu
machen vermöchte. Nur wenn Dein Herz rein bleibt und rein mensch-
lich schlägt und kein dämonisches Genie imstande sein wird, Dein
Herz den besseren Gefühlen zu entfremden - nur alsdann würde ich
das Glück finden, das ich mir seit langen Jahren durch Dich
träume; sonst würde ich das schönste Ziel meines Lebens zertrüm-
mert sehn. Doch warum mich zu sehr erweichen und Dich vielleicht
betrüben? Im Grunde zweifle ich ja nicht an Deiner kindlichen
Liebe zu mir und Deiner guten, lieben Mutter, und Du weißt es
recht gut, wo wir am allerverwundbarsten sind. -
Ich gehe zum Positiven über. J[enn]y hat uns einige Tage, nachdem
sie Deinen Brief, welchen ihr Sophie 1*) brachte, erhalten hatte,
besucht und über Deinen Vorsatz gesprochen. Sie scheint Deine
Gründe zu billigen, fürchtet aber den Schritt selbst, und das
läßt sich sehr begreifen. Ich meinerseits halte ihn gut und löb-
lich. So wie sie andeutet, schreibt sie Dir, daß Du den Brief
nicht direkt schicken sollst - der Meinung kann ich nicht bei-
pflichten. Das kannst Du zu ihrer Beruhigung tun, daß Du uns acht
Tage zuvor sagst, welchen Tag Du den Brief zur Post beförderst. -
Die Gute verdient jede Rücksicht, und ich wiederhole es, ein gan-
zes Leben voll zarter Liebe vermag nur sie für das, was sie schon
gelitten, zu entschädigen, und selbst, was sie noch leiden wird,
denn sie hat es mit wunderbaren Heiligen zu tun.
Rücksicht für sie ist es hauptsächlich, was mich so sehr wünschen
läßt, daß Du einen glücklichen Schritt in die Welt sehr bald tre-
test, weil sie dadurch Ruhe bekommen würde, wenigstens glaube ich
das. Und ich beteure Dir, lieber Karl, daß ohne diese Ursache ich
Dich zur Zeit eher von allem Auftreten zurückzuhalten mich be-
streben würde, als Dich anspornen. Aber Du siehst, die Zauberin
hat auch meinen alten Kopf etwas verrückt, und über alles
wünschte ich sie ruhig und glücklich zu sehn. Das kannst nur Du,
und der Zweck ist Deiner ganzen Aufmerksamkeit wert, und viel-
leicht ist es sehr gut und heilsam, daß Du gleich bei dem Ein-
tritte in die Welt zu menschlicher Rücksicht, ja zur Klugheit,
Vorsicht und reiflicher Überlegung, trotz aller Dämonen gezwungen
bist. Ich danke dem Himmel dafür, denn ich will in Dir ewig den
Menschen lieben, und Du weißt, ich praktischer Mensch bin zwar
nicht so abgeschliffen, daß ich gegen das Hohe und Gute abge-
stumpft wäre, aber nichtsdestoweniger mich nicht gerne von der
Erde, wo ich Grund habe, ganz abziehen und zu luftigen Sphären
ausschließlich hinziehen lasse, wo ich keinen festen Boden fühle.
Dies alles veranlaßt mich natürlich mehr, als ich sonst getan ha-
ben würde, über die Mittel nachzudenken, welche Dir zu Gebote
stehn. Du hast das Drama ergriffen, und allerdings liegt darin
viel Wahres. Aber mit seiner Wichtigkeit, mit seiner großen Of-
fenkundigkeit verbindet sich auch
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1*) Schwester von Karl Marx
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ganz natürlich die Gefahr, darin zu scheitern. Und nicht immer -
besonders in großen Städten, ist es notwendig der innere Wert,
der entscheidet. Intrige, Kabale, Eifersucht - vielleicht unter
denen, welche am mehrsten dazu geraten - überwiegen oft das Gute,
vorzüglich, wenn dasselbe noch nicht durch einen bekannten Namen
gehoben und erhalten wird.
Was wäre also hiernach das Klügste? Zu trachten möglicherweise,
daß dieser großen Probe eine kleinere vorhergehe, die mit weniger
Gefahr verbunden, doch bedeutend genug wäre, um im Falle des Ge-
lingens einen nicht ganz unbedeutenden Namen davonzutragen. Wenn
indessen ein kleiner Gegenstand dieses erzwecken soll, so muß
wohl der Stoff, der Gegenstand, die Umstände etwas Exzeptionelles
haben. Ich grübelte lang über einen solchen Gegenstand, und fol-
gende Idee schien mir passend.
Der Gegenstand soll eine aus der preußischen] Geschichte ausge-
rissene Periode sein - nicht eine so fortgesetzte, wie sie das
Epopee fordert, sondern ein gedrängter Augenblick, wo aber das
Schicksal entscheidend die Waage hält. -
Er muß für Preußen ehrenvoll sein und die Möglichkeit vorhanden,
dem Genius der Monarchie - allenfalls durch den Geist der sehr
edeln Königin Louise - eine Rolle zuzuteilen.
Ein solcher Augenblick ist die große Schlacht bei Belle Alliance-
Waterloo. Die Gefahr ungeheuer - nicht allein für Pr[eußen], sei-
nen Monarchen 1*), für ganz Deutschland etc. etc. etc. Preußen
hat hier in der Tat den großen Ausschlag gegeben - dies könnte
also allenfalls eine Ode im großen Genre oder sonst, was Du bes-
ser wie ich verstehst.
Die Schwierigkeit wäre an und für sich nicht zu groß. Die größte
allenfalls, ein großes Gemälde in einen kleinen Rahmen zu pressen
- und den großen Augenblick glücklich und geschickt zu erfassen.
Aber patriotisch, gefühlvoll und mit deutschem Sinn bearbeitet,
würde eine solche Ode allein hinreichen, einen Ruf zu begründen,
einen Namen zu konsolidieren.
Doch ich kann nur vorschlagen, raten, Du bist mir entwachsen,
bist überhaupt in diesem Punkte mir überlegen, und so muß ich Dir
überlassen, was Du beschließen willst.
Der von mir besprochene Gegenstand hätte den großen Vorzug, daß
er sehr bald mit Apropos ausgeführt werden könnte, da nämlich das
Anniversarium den 18ten Juni ist. Die Kosten sind nicht sehr be-
deutend, und wenn es sein muß, will ich sie tragen. - Ich möchte
gar zu gerne die gute J[enn]y ruhig sehn und imstande, stolz auf-
zublicken. Das gute Kind darf sich nicht aufreiben. Und wenn Dir
dies gelänge - und die Forderung ist nicht über Deine Kräfte -
dann bist Du geborgen und kannst ferner das Treibhausleben etwas
aufgeben.
Es kann auch in der Tat nicht fehlen, für diesen Augenblick Be-
geistrung
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1*) Friedrich Wilhelm III.
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zu fassen, denn das Mißlingen desselben hätte die Menschheit und
besonders den Geist in ewige Ketten gelegt. Nur die heutigen
Zwitterliberalen können einen Napoleon vergöttern. Unter ihm hat
wahrlich kein einziger das laut zu denken gewagt, was in ganz
Deutschland und in Pr[eußen] besonders täglich und ohne Störung
geschrieben wird. Und wer seine Geschichte studiert hat und was
er unter dem tollen Ausdruck von Ideologie verstanden, der darf
mit gutem Gewissen seinen Sturz und den Sieg Pr[eußen]s hoch fei-
ern.
Grüße mir Freund Meurin recht herzlich. Sage ihm, daß ich bis
heute den mir aufgetragenen Gang noch nicht tun konnte. Ich war
acht Tage begrippt, und später wage ich mich doch nicht weiter
als in die Sitzung.
Dein treuer Vater
Marx
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