Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
zurück
#630# Beilagen
-----
Heinrich Marx an Karl Marx
in Berlin
Trier, den 16. September 1837
Lieber Karl!
Dein letztes Schreiben, das wir vor ungefähr 8 Tage erhalten,
läßt mich zwar einen größeren Nachtrag und zwar bald erwarten,
und gerne hätte ich gewartet, bis ich das Ganze übersehe. Doch
möchte es Dir peinlich sein, noch zu lange warten zu müssen, um
so mehr, als es sich von einem Plane handelt, der vielleicht die
nächsten Schritte bedingt.
Du kennst mich, lieber Karl, ich bin weder eigensinnig noch von
Vorurteilen befangen. Ob Du Deine Karriere für dies oder jenes
Fach gestaltest, [ist] mir im Grunde gleich. Nur daß Du das Dei-
nen Geistesgaben am entsprechendsten wählest, liegt mir natürlich
Deinetwegen am Herzen. Von vornherein dachte man an das Gewöhnli-
che. Es schien Dir indessen diese Laufbahn zuwider, und ich ge-
stehe, von Deinen frühreifen Ansichten bestochen, gab ich Dir
Beifall, als Du das Lehrfach zum Ziele nahmst, sei es Jurispru-
denz, sei es Philosophie, und in letzter Analyse glaubte ich die
letzte noch eher. Die Schwierigkeit dieser Laufbahn kannte ich
genug, habe sie besonders letzthin in Ems, wo ich Gelegenheit
hatte, einen Professor von Bonn viel zu sehn, kennenlernen. Da-
hingegen ist eines nicht zu verkennen, nämlich [daß] jemand, der
sich fühlt, als Prof. jur. in Bonn eine große Rolle spielen
könnte, und ist es leichter von Berlin nach Bonn geschickt zu
werden, freilich mit etwas Protektion. Die Protektion müßte die
Poesie Dir verschaffen. Aber es mag dabei noch soviel Glück ob-
walten, mehrere Jahre gehn darauf, und Deine besondere Lage
drängt Dich - -.
Sehn wir die andere Seite (und wichtig ist es, daß bei guten
klassischen Studien die Professur immer ein Endziel verbleiben
kann). Befördert die praktische Laufbahn so schnell? In der Regel
nicht, und die Erfahrung beweist es nur zu sehr. Protektion tut
auch hier sehr viel. Ohne Protektion würdest Du Dich gar nicht
beklagen können, wenn Du einige Jahre nach vollendetem Studium
Assessor ohne Gehalt würdest und dann jahrelang Assessor
[bliebest]. Doch mag es bei der strengsten Moral und der zarte-
sten Delikatesse erlaubt sein, sich durch seinen eigenen Wert
Protektion zu verschaffen, die von der Tüchtigkeit des Schütz-
lings überzeugt, diesen gewissenhaft vorzieht und befördert. Die
Natur hat Dich nun allerdings mit solchen Gaben ausgestattet, die
hierzu sehr geeignet sind. Die beste Anwendung hiervon zu machen,
ist Deine Sache und von einem Dritten schwer zu erwägen, um so
schwerer, als hierbei die Individualität zu sehr in Betracht
kommt. Und Du mußt notwendig, was Du auch immer
#631# Briefe
-----
ergreifst, aus diesem Gesichtspunkt betrachten, d e n Maßstab
anlegen, denn Du hast Eile, das fühlst Du, und das fühle ich.
In gewisser Beziehung ist das nun freilich zu bedauern, doch das
schönste Gemälde hat seine Schattenseiten, und hier muß Resigna-
tion eintreten. Diese Resignation basiert sich übrigens auf so
glänzende Lichtteile, hat ihren Ursprung so ganz im eignen Wil-
len, von Herz und Vernunft geleiteten Willen, daß sie mehr als
Genuß denn als Opfer zu betrachten ist.
Ich komme aber darauf zurück: Was soll ich raten? Und zuvörderst,
was Deinen Plan der Theaterkritik betrifft, so muß ich vor allem
bekennen, daß ich, was die Sache selbst betrifft, nicht besonders
kompetent bin. Eine dramaturgische Kritik erfordert viel Zeit und
große Umsicht. Mit Rücksicht auf die Kunst mag die Arbeit viel-
leicht in unserer Zeit eine der verdienstvollsten sein. Mit Rück-
sicht auf den Ruhm mag sie zu dem Gelehrtendiplom führen.
Wie wird sie aufgenommen werden? Ich glaube mehr feindselig als
günstig, und der gute, gelehrte Lessing wandelte wenig, soviel
ich weiß, auf Rosen, sondern lebte und starb als ein armer Bi-
bliothekar.
Wird sie besondere finanzielle Vorteile abwerfen? Die Frage ver-
schmilzt mit der vorigen, und ich bin nicht imstande, kategorisch
zu antworten. Ich glaube noch immer, daß einzelne ausgezeichnete
Arbeiten, ein tüchtiges Poem, eine gediegene Tragödie oder Komö-
die, seien zu Deinem Zwecke weit mehr geeigneter. - Doch Du hast
Dir Deinen eignen Weg gebahnt, und du magst es fortan tun. Ich
kann nur einen Wunsch zum Himmel schicken, daß Du auf irgendeine
Weise so schnell als möglich zu Deinem eigentlichen Zwecke gelan-
gen möchtest.
Nur das will ich Dir noch sagen. Wenn Du dadurch, daß Du nach
Verlauf der drei Studienjahre von Haus nichts mehr verlangst,
Dich zu sehr in die Notwendigkeit versetzest, tun zu müssen, was
Dir schädlich sein kann, so laß das Schicksal walten, und wenn es
mich auch allerdings Aufopferung kostet, so werde ich doch viel
lieber ein Opfer bringen, als Dir in Deiner Laufbahn Schaden zu-
fügen. Wenn Du es vernünftigerweise und ohne Zurücksetzung Deiner
Karriere fertigbringst, so würdest Du mir allerdings große Er-
leichterung verschaffen, da in der Tat seit der Trennung des Ge-
richts und der Hausiererei der Jungen das Einkommen in dem Grade
sich schmälert, als die Ausgaben schwerer werden. Doch wie ge-
sagt, es darf diese Rücksicht nicht störend eingreifen.
Indem Du indessen auf die praktische Bahn zurückkommst, warum
sprichst Du gar nicht von Kameralia? Ich weiß nicht, ob ich mich
irre, aber es scheint mir, die Dichtkunst und Literatur finde
eher Gönner in der Verwaltung als in der Justiz, und ein singen-
der Regierungsrat scheint mir natürlicher als ein singender Rich-
ter. Und was ist denn im Grunde Kameralia mehr, als Dir schon als
wahrer Jurist nötig ist, außer Naturkunde? Diese darfst Du aber
durchaus nicht vernachlässigen, das wäre unverantwortlich.
#632# Beilagen
-----
[Doc]h 1*) Du bist an der Quelle, wo Du Belehrung finden magst,
und grade die Seite des Gebildes, welche Du wahrscheinlich im
normalen Zustande noch lange nicht würdest gewürdigt haben,
d i e L e b e n s f r a g e i n e i g e n t l i c h e r B e-
d e u t u n g, sie ist Dir aufgedrungen, und Du wirst daher wohl
überlegen, prüfen und handeln. Die Sorge ficht mich nicht an, daß
diese, wenn auch gedrängte Rücksichten, Dich je zu niedrigen,
kriechenden Handlungen führen werden. Mit meinen gebleichten
Haaren, etwas gebeugtem Gemüte und der Sorgen voll würde ich noch
trotzen und das Niedrige verachten. Du mit Deiner ungelähmten
Kraft, von der Natur mit Segen überhäuft, Dir kann so was nicht
möglich dünken. Aber in der Fülle von Lebenskraft mag der stolzen
Jugend wohl manches Erniedrigung scheinen, was Klugheit und
Pflicht gegen sich, und vorzüglich gegen Personen, deren Wohl man
sich zur Pflicht gemacht, gebietend heischt. Es ist zwar viel
gefordert, zu 19 Jahr weltklug zu sein, doch wer zu 19 Jahren ---
------ 2*)
Deinen letzten Brief habe ich Westphalen nicht gezeigt. Diese
sehr guten Leute sind so eigenen Schlages; es wird bei denselben
alles so vielseitig und so unaufhörlich besprochen, daß man wohl
tut, ihnen so wenig Nahrung als möglich zu geben. Da Dein Studium
dieses Jahr dasselbe bleibt, so sehe ich nicht ein, warum ich ih-
nen Stoff zu neuen Phantasien geben soll.
Jenny ist noch nicht hier, soll aber bald kommen; daß sie Dir
nicht schreibt, ist - ich kann es nicht anders nennen - kindisch,
eigensinnig. Denn daß sie Dich mit der aufopferndsten Liebe um-
faßt, läßt sich gar nicht bezweifeln, und sie war nicht weit da-
von, es mit ihrem Tode zu besiegeln.
Sie hat einmal die Idee, es sei unnötig zu schreiben, oder was
sie sonst für eine dunkle Idee darüber haben mag, sie hat auch
etwas Genialisches; und was tut das auch zur Sache? Du kannst si-
cher sein, und ich bin es (und Du weißt es, ich bin nicht leicht-
gläubig), daß ein Fürst nicht imstande, sie Dir abwendig zu ma-
chen. Sie hängt Dir mit Leib und Seele an - und Du darfst es nie
vergessen -, in ihrem Alter bringt sie Dir ein Opfer, wie ge-
wöhnliche Mädchen es gewiß nicht fähig wären. Hat sie nun die
Idee, nicht schreiben zu wollen oder zu können, so laß es in Got-
tes Namen hingehen. Denn es ist doch im Grunde nur ein Zeichen,
und das kann man wenigstens entbehren, wenn man des Wesens sicher
ist. Ich [werde] 1*), wenn die Gelegenheit sich darbietet, mit
ihr darüber sprechen, so ungern ich es tue.
Ich hatte mich das ganze Jahr darauf gefreut, Dich zu sehn, und
so lebt man in ewiger Täuschung. Das einzige, was nicht täuscht,
ist ein gutes Herz, ist der Ausfluß des Herzens, die Liebe, und
hierin kann ich mich nur zu den Reichen zählen; denn ich besitze
die Liebe einer unvergleichlichen Frau, die Liebe guter Kinder.
-----
1*) Papier beschädigt - 2*) sehr langer Gedankenstrich
#633# Briefe
-----
Lasse uns nicht mehr so lange auf Briefe warten. Deine gute Mut-
ter bedarf der Aufmunterung, und Deine Briefe haben eine wunder-
volle Wirkung auf ihr Gemüt. Sie hat diesen Sommer soviel gelit-
ten, daß nur ein Wesen, das sich so ganz vergißt, sich aufrecht
halten konnte, und noch ist es immer dasselbe. Möge Gott uns bald
aus diesem langen Kampfe retten! Schreibe zuweilen einige Zeilen
für Eduard 1*), doch tue, als ob er wieder ganz gesund sei. -
Wenn Du, ohne Dir zu nahe zu treten, mit Herrn J[aehnige]n näher
zusammenkommen kannst, so wirst Du mir einen Gefallen erzeigen,
ich wünsche es sehr. Für Dich vorzüglich wäre der Umgang mit
Herrn Esser sehr vorteilhaft, und wie ich höre, steht er in
Freundschaft mit Meurin. -
Ferner bitte ich, zu Herrn Geh. Justizrat Reinhard zu gehn und
ihn in meinem Namen zu bitten, doch zu machen, daß meine eigene
Sache einmal vom Stapel gehe. Gewonnen oder verloren, ich habe
Sorgen genug und möchte diese Sorge aus dem Kopfe haben.
Nun, mein guter lieber Karl, glaube ich genug geschrieben zu ha-
ben. Ich teile weniges in Portionen und denke, daß gewärmte Por-
tionen nicht den frischen gleichkommen. Lebe wohl, vergesse bei
Deinem alten Vater nicht, daß Du junges Blut hast; und wenn Du
glücklich genug bist, dasselbe vor stürmischen und verheerenden
Leidenschaften zu bewahren, dann erfrische es aber wenigstens
durch jugendliche Heiterkeit und frohen Mut und durch jugendliche
Genüsse, die mit Herz und Vernunft [sich] 2*) paaren. Es umarmt
Dich mit Herz und Seele
Dein treuer Vater
[Nachschrift der Mutter]
Lieber theurer Carl
Das der liebe Himmel dir gesund erhält ist Wohl mein sehnlichster
Wunsch ausser das du in deine Lebensweise mässig bist sey es auch
so viel möglich in deinen wünschen und hoffen da du doch das we-
sentlichste erreicht hast, kan du schon mit mehr Ruhe und beson-
nenheit handeln. Die Frau von W[estphalen] hat heute mit die Kin-
der geschprochen. [Jenny soll] 2*) heute oder morgen kommen, sie
schreibt, sie verlange so sehr nach Trier zurück und sehnt sich
was von dir zu hören, ich glaube das die Jeny Ihr Stilschweigen
gegen dir eine jungfrauliche schäm zur gründe liegt welche ich
schon oft an Ihr bemerkt und welches Ihr gewis nicht zur nacht-
heil dient und Ihre übrige Reitze und gute eigenschaften nur noch
mehr erhöht. - Der Edgar wird wahrscheinlich nach Heidelberg gehn
seine Studien fortsetzen aus [...] 3*) für die gefurchtete - das
dein Wohl ergehen und dein Gedeyen was du auch unternimmst uns
sehr am Herzen liegt bist du überzeugt
-----
1*) Bruder von Karl Marx - 2*) Papier beschädigt - 3*) ein Wort
nicht zu entziffern
#634# Beilagen
-----
lasse der almächtige und algütige nur den Rechten weg anzeigen
was dir am erspriesslichen ist darum wollen wir bitten Habbe nur
festen Muth und über [...] 1*) ausharrt wird gekrönt ich küsse
dir Herzlich im gedanken. [.. .] 1*) dir für den herbst wolle ja-
ken machen die dir für verkaltung schitzen. schreibe recht bald
lieber Carl deine dich ewig liebende Mutter Henriette Marx.
schreibe auch einmahl den Herman 2*) ein paar Zeile schliesse sie
bey uns ein er macht sich sehr gut man ist sehr zufrieden mit
Ihm. -
zurück