Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844
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#644# Beilagen
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Jenny von Westphalen an Karl Marx
in Köln
[Kreuznach, im März 1843]
Obgleich bei der letzten Konferenz der beiden Großmächte über
einen gewissen Punkt nichts stipuliert worden, auch kein Vertrag
über die Pflicht der Korrespondenzeröffnung geschlossen war,
folglich kein äußeres Zwangsmittel existiert, so fühlt sich doch
das kleine Schreiverchen mit seinen schienen Locken im Innersten
gedrungen, den Reigen zu eröffnen, und zwar mit den Empfindungen
der tiefsten, innigsten Liebe und Dankbarkeit gegen Dich, mein
lieb, gut, einzig Herzensmännchen. Ich mein, Du wärst noch nie
lieber und süßer und herziger gewesen, und doch war ich jedes Mal
entzückt, als Du schiedest und hätte Dich immer wieder zurückha-
ben mögen, um Dir noch einmal zu sagen, wie lieb, wie ganz lieb
ich Dich hab. Aber das letztemal ist doch Dein Siegesabgang; ich
weiß gar nicht, wie lieb Du mir warst im tiefsten Herzen, als ich
Dich nicht mehr leiblich sah und nur Dein einzig treu Bild mir so
lebendig vor der Seele stand in all seiner Engelsmilde und Güte,
Liebeshoheit und Geistesglanz. Wärst Du doch jetzt hier, mein
lieb Karlchen; wieviel Empfänglichkeit für Glück würdest Du in
Deinem Wackerchen, Deinem Vifchen antreffen, und solltest Du mit
noch so schlechter Tendenz, noch so b ö s willigen Absichten
herausrücken; ich würde doch keine reaktionären Maßregeln ergrei-
fen; ich würde geduldig mein Haupt hinlegen, dem bösen Buben es
preisgebend. "Was", Wie? - Licht, was, wie, Licht. Denkst Du noch
an unsre Zwielichtgespräche, unsre Winkpartien, unsre Schlummer-
stunden? Du lieb Herz, wie gut, wie lieb, wie nachsichtig, wie
froh warst Du!
Wie steht Dein Bild so glänzend, siegesstark vor mir, wie sehnt
sich mein Herz nach Deiner steten Gegenwart, wie bebt es Dir ent-
gegen in Lust und Entzücken, wie folgt es Dir ängstlich auf allen
Deinen Wegen nach. Zum Paßschritier, zum Merten in Gold, zum Papa
Rüge, zum Pansa, überall begleit ich Dich hin und geh Dir vor und
folg Dir nach. Könnt ich Dir doch die Wege all ebnen und glätten
und alles wegräumen, was hindernd Dir entgegentreten sollte. Aber
das ist nun einmal nicht unser Los, daß wir auch mit in des
Schicksals Räder tatkräftig eingreifen sollten. Wir sind vom Sün-
denfall, von Madame Evas Verstoß her, zur Passivität verurteilt,
unser Los ist das Warten, Hoffen, Dulden, Leiden. Höchstens wird
uns der Strickstrumpf, die Nadel, der Schlüssel anvertraut, und
was darüber, ist vom Übel; nur wenn es darauf ankommt, den
Druckort der "Deutschen Jahrbücher" 1*) [139] zu bestimmen, dann
mischt sich ein weiblich Veto mit
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1*) D.h. der "Deutsch-Französischen Jahrbücher
#645# Briefe
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ein und spielt unsichtbar ein Hauptröllchen. Heut nacht hatt' ich
über Straßburg ein klein wenig Gedankensprecher. Sollte es Dir
nicht die Heimkehr verwehren, wenn Du Deutschland so an
Frankreich verrätst, und war es nicht möglich, daß Dir die libe-
rale Souveränität auch mal zum Bescheide gäbe "Wandern Sie doch
aus, oder vielmehr bleiben Sie doch fern, wenn es Ihnen in meinen
Staaten nicht behagt". Doch das alles ist, wie gesagt, Gedanken-
sprecher, und Gevatter Rüge wird wohl wissen, was zu tun ist, be-
sonders wenn so ein Privat-Putchen im Hintergrund lauert und mit
einer Separat-Bittschrift herausrückt. Also die Sache ruhe in Va-
ter Abrahams Schoß.
Heut morgen, als ich aufkramte, das Damenspiel wieder an Ort und
Stelle brachte, die Zigarrenstummel auflas, den Aschenstaub weg-
fegte, die "Althäuschen" zu vernichten suchte, fiel mir beilie-
gendes Blatt in die Hand. Da hast Du den Freund Ludwig 1*) zer-
stückelt und ein Herzblatt hiergelassen. [140] Bist Du im Lesen
schon drüber hinaus, so hätt es noch Zeit gehabt; aber für den
geehrten Herrn Buchbinder, im Fall eines Bandes, ist es doch
dringend nötig. Da wär doch das ganz' Werk verschimpfiert. Du
hast gewiß noch mehr Blätter vertrödelt. Es wär doch Jammer und
schad. Hüt doch die losen Blätter.
Nun muß ich Dir doch erzählen, was ich gleich, als Du weg warst,
für Not und Malheur hatte. Einmal sah ich, daß Du Dein Näschen
nicht versorgt und es Wind und Wetter und Luft und allen Wechsel-
fällen des Geschicks preisgegeben hattest, ohne ein hülfreich
Tuch mitzunehmen. Das machte mir primo arge Bedenken. Secundo kam
der Barbier hereingetrippelt. Ich dachte großen Profit zu machen,
fragte mit seltner Lieblichkeit, wieviel der Herr Doktor ihm
schulde - die Antwort 7 1/2 Sgr. Ich zog also schnell das Fazit
im Kopf und 2 1/2 Gr. waren gerettet. Münze hatt' ich keine; ich
gab ihm also in gutem Glauben, er werde wechseln - 8 Sgr. - Was
tut der Halluck. Er bedankt sich, steckt das Ganze ein, meine 6
Pf. waren fort, und ich hatte das Nachsehn. Immer noch war ich
drauf und dran, ihn zu mahnen und verstand er meinen wehmütigen
Blick nicht oder suchte die Mutter 2*) mich zu beschwichtigen -
kurz und gut - die 6 Pf. waren dahin, dahin wie alles Schöne da-
hingeht. Das war mal eine Täuschung!
Nun noch ein Toilettengegenstand. Ich war heut morgen aus und hab
beim Kaufmann Wolf viele neue Spitzen gesehen. Kannst Du sie
nicht wohlfeil bekommen oder sie durch jemand aussuchen lassen,
so bitt ich Dich, lieb Herzchen, mir diesen Artikel zu überlas-
sen. Überhaupt Herzchen wär's mir w i r k l i c h j e t z t
l i e b e r, wenn Du nichts kauftest, Dein Geld für unterwegs
spartest. Sieh Herzchen, da bin ich bei Dir, und dann kaufen wir
zusammen, und betriegt man uns dann, geschieht's doch in Compa-
gnie - bitte Herzchen, laß das Kaufen jetzt. Auch mit dem Blumen-
girlandchen.
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1*) Feuerbach - 2*) Caroline von Westphalen
#646# Beilagen
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Ich fürcht', Du mußt zuviel geben, und zusammen auszusuchen, war
doch gar zu nett. Gehst Du von den Blumen nicht ab, so nimm sie
in rosa. Das paßt am besten zu meinem grünen Kleid. Doch lieber
war mir's, Du ließest das ganze Geschäft. Gelt Herz, es ist bes-
ser, Du tust das erst, wenn Du mein rechtskräftig altarwürdig
Männchen bist. Und dann noch eins, ehe ich's vergeß. Forsch doch
meinem letzten Brief nach. Es wär mir ärgerlich, wenn der in
fremde Hände geriete. Seine Tendenz ist nicht grade sehr wohlmei-
nend, und seine Absichten sind grundlos böswillig. Haben sie Dich
Ausreißerchen angebellt, als Du eingesprungen? Oder ließen sie
Gnade für Recht ergehen? Ist Oppenheim retour und Claessen noch
ein bißchen bies. Die Laffarge kommt, sobald als ich kann, nach.
[141] Hast Du E[...] 1*) schon den Hiobsbrief überantwortet? Sind
die Paßmänner willig? Lieb Herz, das sind so die dehors Fragen,
nun kommt's ans Herzchen mitten hinein. Hast Du Dich auf dem
Dampfer gut gehalten, oder war wieder eine Madame Hermann an Bord
2*). Du böser Schelm. Ich will Dir das mal vertreiben. Immer auf
den Dampfschiffen. Dergl. Irrfahrten laß ich im contrat social,
in unserm Heiratsakt, gleich mit Interdikt belegen und werden
solche Abnormitäten verbaliter bestraft. Ich laß alle Fälle spe-
zifizieren und mit Bußen belegen und schaff ein zweites hochnot-
peinliches Landrecht ähnliches Eherecht. Ich will Dich schon
kriegen. Gestern abend war ich wieder todmüde, hab aber noch 1 Ei
zugelegt. Also die Eßaktien stehn nicht ganz schlecht und sind
wie die Düsseldorfer Aktien im Steigen begriffen. Wenn Du kommst,
stehn sie hoffentlich al pari, und der Staat garantiert die Zin-
sen. Doch nun ade. Das Scheiden tut weh. Herzensweh. Leb wohl
lieb einzig, schwarz süß Heimelmännchen, "was, wie! Ei du
Schelmengesicht. Talatta, talatta leb wohl, schreib bald talatta,
talatta.
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1*) Der Name ist nicht zu entziffern - 2*) in der Handschrift:
Brede
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