Quelle: MEW 40 Marx: Schriften/Briefe Nov. 1837 bis Aug. 1844

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       #647# Briefe
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       Jenny Marx an Karl Marx
       in Paris [142]
       
       [Trier, nach dem 20. Juni 1844]
       Du siehst,  mein teures  Herz, daß  ich nicht mit Dir rechte nach
       dem Gesetz und fordre Aug' um Auge, Zahn um Zahn, Brief um Brief;
       ich bin freigebig und großmütig, hoffe aber, daß meine zweimalige
       Erscheinung vor Dir nun auch bald eine goldne Frucht mir einbrin-
       gen wird,  ein paar  Zeilen, nach denen mein Herz sich sehnt, ein
       paar Worte,  die mir Gesundheit und ein bißchen Sehnsucht verkün-
       den. Ich möchte so gern von Dir vermißt werden und Dich ein wenig
       nach mir verlangen hören. Doch nun schnell, ehe wieder die Tages-
       cour beginnt,  ein Bulletin  über unser  Kleinchen 1*); denn dies
       dritte ist doch jetzt die Hauptperson im Bunde, und das, was mein
       und Dein  zugleich ist, ist doch das innigste Band der Liebe. Das
       arme Püppchen  war nach der Reise recht elend und leidend, und es
       stellte sich  außer  einer  Unterleibsverhärtung  eine  förmliche
       Überfutterung heraus.  Das dicke Schwein 2*) mußte zugezogen wer-
       den, und  sein Entschied war dann, eine Amme zu nehmen, da es bei
       der künstlichen Ernährung nicht leicht wieder aufkommen werde. Du
       kannst Dir  meine Angst  denken. Doch  nun ist alles überstanden,
       das liebe  kleine Klugaug saugt prächtig an einer jungen gesunden
       Amme, einem  Mädchen aus  Barbein 3*), der Tochter des Schiffers,
       der Vaterchen  4*) so  oft gefahren. Die Mutter 5*) hat dies Mäd-
       chen als Kind einmal in beßren Zeiten ganz angekleidet, und welch
       ein Zufall  - dies arme Kind, dem Vaterchen täglich einen Kreuzer
       geschenkt, schenkt jetzt unserm Kind Leben und Gesundheit. Es war
       schwer zu  retten und ist jetzt fast aller Gefahr enthoben. Trotz
       seinem Leiden  sieht es  wunderniedlich aus und ist so blütenweiß
       und fein  und durchsichtig  wie ein  Prinzeßchen. In Paris hätten
       wir es  gewiß nicht durchgebracht, und so trägt diese Reise schon
       goldne Zinsen.  Außerdem bin  ich ja  wieder bei der guten, armen
       Mutter, die  sich nun  einmal nur  mit dem größten Kampf in unsre
       Trennung finden kann.
       Bei Wettendorfs hat sie es gar zu schlecht gehabt. [143] Das sind
       zu rohe Menschen. Ach, hätt' ich oft im Winter gewußt, wie es der
       armen Mutter  ging! Doch  ich hab'  oft um sie geweint und gejam-
       mert, und  Du warst immer so nachsichtig und geduldig. Bei dieser
       Amme ist nun noch das Gute, daß sie auch als Mädchen sehr brauch-
       bar ist, gern mitgeht und
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       1*) Marx' Tochter  Jenny - 2*) Schleicher - 3*) Gretchen aus Bar-
       bein - 4*) Ludwig von Westphalen - 5*) Caroline von Westphalen
       
       #648# Beilagen
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       zufällig 3  Jahr in Metz gedient hat, also auch französisch spre-
       chen kann. Meine Rückreise ist also völlig gesichert. Nicht wahr,
       wie glücklich  hat sich  das getroffen?  Die arme  Mutter hat nur
       jetzt gar  zu viel  Kosten und ist doch gar zu arm. Der Edgar 1*)
       plündert sie  aus und  schreibt dann  einen unsinnigen Brief nach
       dem andern,  freut sich  über die  nahenden Revolutionen, den Um-
       sturz aller  Verhältnisse, statt  damit anzufangen,  seine eignen
       Verhältnisse umzustürzen, was denn immer unangenehme Erörterungen
       und Seitenhiebe  auf die  tolle revolutionäre  Jugend hervorruft.
       Überhaupt entsteht  nirgends mehr die Sehnsucht nach dem Umschla-
       gen des  Bestehenden, als wenn man auf so lauter platte, geebnete
       Oberflächen schaut und doch weiß, wie es im Grunde der Menschheit
       wühlt und gärt.
       Doch nun  wieder ab  von der Revolution zu unsrer Amme. Ich werde
       das Monatsgeld  von 4  Talern von dem Rest des Reisegeldes bezah-
       len, so  auch Arznei  und Doktor. Die Mutter will zwar nicht; sie
       hat aber  doch schon  an der  Kost mehr zu tragen, als sie tragen
       kann. Es  ist ärmlich  und doch anständig alles um sie herum. Die
       Trierer sind  wirklich ausgezeichnet  gegen sie, und das versöhnt
       mich auch  wieder etwas.  Übrigens brauche ich niemand die Visite
       zu machen,  denn alles kommt zu mir, und ich empfange von morgens
       bis abends  die Cour.  Ich kann  Dir nicht alle nennen. Heut hab'
       ich noch  den Patrioten Lehmann abgefertigt, der es übrigens see-
       lengut meint  und nur fürchtet, Deine gründlichen wissenschaftli-
       chen Studien  möchten dort leiden. Ich trete übrigens gegen jeden
       üppig auf,  und mein  äußeres Auftreten  rechtfertigt  denn  auch
       vollkommen diese  Üppigkeit. Einmal  bin ich  eleganter als alle,
       und dann hab' ich nie in meinem Leben besser und blühender ausge-
       sehn als  jetzt. Darüber ist nur eine Stimme. Und die Komplimente
       Herweghs "wann ich konformiert worden sei", wiederholen sich hier
       fortwährend. Ich  denke auch in meinem Sinn, was hätte man davon,
       wenn man  klein täte;  es hülfe doch niemand aus der Not, und der
       Mensch ist  so glücklich,  wenn er  bedauern kann.  Trotzdem, daß
       mein ganzes  Sein und  Wesen Zufriedenheit  und   F ü l l e  aus-
       spricht, hofft doch alles, daß Du Dich doch noch zu einem ständi-
       gen Posten  entschließen werdest.  0, ihr  Esel, stündet ihr doch
       auch nur  alle fest.  Ich weiß,  daß wir  nicht grade  auf Felsen
       stehn, aber  wo ist  jetzt fester  Grund und  Boden. Zeigen  sich
       nicht überall  die Spuren  des Erdbebens  und des  unterminierten
       Grundes, auf  dem die Gesellschaft ihre Tempel und Kaufbuden auf-
       geschlagen hat. Der Maulwurf Zeit, glaub' ich, hört bald auf, un-
       terirdisch zu wühlen - in Breslau hat es ja auch wieder gewetter-
       leuchtet. [144]  Wenn wir  uns nur noch eine Zeitlang halten, bis
       unser Kleinchen  ein Großchen  ist. Gelt,  darüber  beruhigst  Du
       mich, Du  lieber süßer  Engel Du.  Du einzig liebes Herz. Was war
       mein Herz Dir nah am 19ten Juni! Wie schlug es Dir voll und innig
       entgegen.
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       1*) Edgar von Westphalen
       
       #649# Briefe
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       Doch wieder  weiter in  der Geschichte.  An unserm  Hochzeitstage
       besserte sich  erst unser  liebes Kinnichen  und sog sich frische
       gesunde Nahrung.  Dann ging  ich den schweren Gang - Du weißt wo-
       hin. Ich  hatte mein  nett Pariser Kleid an und glühte im Gesicht
       vor Angst  und Aufregung. Als ich schellte, schlug mein Herz fast
       hörbar. Es ging mir so alles durch die Seele. Es wird aufgemacht,
       Jettchen 1*)  tritt hervor,  fällt mir  gleich um  den Hals, küßt
       mich und  führt mich in die Stube, wo Deine Mutter 2*) und Sophie
       1*) sitzen.  Beide umarmen mich gleich, die Mutter nennt mich Du,
       und Sophie  zieht mich  zu sich  aufs Sofa.  Sie ist fürchterlich
       zerstört, sieht  aus wie  C x C und  kann sich kaum mehr erholen.
       Und doch  ist Jettchen  fast noch  elender. Nur  Deine Mutter ist
       blühend und  wohl und die Heiterkeit selbst, fast lustig und aus-
       gelassen. Ach,  es ist  so unheimlich diese Lustigkeit. Alle Mäd-
       chen waren  sich gleich  an Herzlichkeit,  besonders  Carolinchen
       1*). Am  andern Morgen war Deine Mutter schon um 9 Uhr da, um das
       Kindchen zu  sehn. Nachmittag kam Sophie, und heut morgen hat Ca-
       rolinchen unser lieb Engelchen besucht. Kannst Du Dir solche Ver-
       änderung denken?  Es ist mir recht lieb und der Mutter auch; aber
       woher so plötzlich? Was doch der Erfolg tut oder bei uns vielmehr
       der   S c h e i n   des Erfolgs  [145], den  ich mit der feinsten
       Taktik zu behaupten weiß.
       Nicht wahr,  das sind  eigne Nachrichten?  Denk Dir, wie die Zeit
       läuft und  selbst die  dicksten Schweine  mit; der Schleicher ist
       auch nicht mehr Politiker, auch Sozialist, d.h. so Schmiriaks von
       Organismus der  Arbeit etc.  Dabei wird es einem denn schon üvel,
       wie der  Frankenthaler sagt.  Eure Clique  hält er  aber halb für
       wahnsinnig, meinte  aber, es wäre hohe Zeit, daß Du den Bauer 3*)
       angriffst. Ach, Karl, was Du tust, das tue bald. Und auch mir gib
       bald ein Zeichen Deines Lebens. Ich werde auf Händen getragen von
       der zartesten  Mutterliebe, mein  Kleinchen wird  gehegt und  ge-
       pflegt, ganz Trier gafft, glotzt, bewundert und becourt, und doch
       sind Herz  und Sinn  Dir zugewandt. Ach, könnt' ich Dich nur dann
       und wann sehen und Dich dann fragen, wozu das? oder Dir vorsingen
       "weißt Du  auch, wann  übermorgen ist?"  Du gutes Herz, und dann,
       wie gern  küßt' ich  Dich mal,  so kalte Küche taugt doch nichts,
       gelt Liebchen?  Lies doch die "Trier'sche Zeitung", sie ist jetzt
       recht gut.  Wie sieht  es denn  bei Dir  aus. Nun bin ich schon 8
       Tage von  Dir. Unser  Kindchen war  ohne Amme selbst hier bei der
       beßren Milch nicht durchzubringen. Sein ganzer Unterleib ist zer-
       stört. Heut  hat mir  Schleicher die Versicherung gegeben, daß es
       nun gerettet  sei. Ach,  hätte doch die arme Mutter nicht zu viel
       Sorgen und  namentlich durch  Edgar, der  alle großen Zeichen der
       Zeit, alle  Leiden der  Gesellschaft, alles nur benutzt, um seine
       eigne Nichtigkeit darunter zu decken und zu beschönigen. Nun kom-
       men wieder  die Ferien,  und dann  wird wieder nichts aus dem Ex-
       amen. Seine Arbeiten sind fertig. Es ist unverzeihlich.
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       1*) Schwester von  Karl Marx  - 2*) Henriette  Marx  -  3*) Bruno
       Bauer
       
       #650# Beilagen
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       Die Mutter muß sich alles abdarben, und er geht in Köln lustig in
       alle Opern,  wie er  selbst schreibt.  Er spricht mit der größten
       Zärtlichkeit von seinem Schwesterchen, seinem Jennychen, ich kann
       aber unmöglich zärtlich gegen den Faselhans sein.
       Lieb Herzchen, ich hab' oft gar zu große Sorgen wegen unserer Zu-
       kunft, in  der Nähe  wie in der Ferne, und ich meine, ich bekomme
       die Strafe  für meinen hiesigen Übermut und meine Üppigkeit. Wenn
       Du es  kannst, so  beruhige mich darüber. Es spricht alles zuviel
       vom   s t ä n d i g e n   Einkommen. Ich  antworte dann  bloß mit
       meinen roten  Backen, meinem weißen Fleisch, meiner Samtmantille,
       Federhut und  Grisikopfputz. Das  schlägt am besten und tiefsten,
       und wenn  ich dafür niedergeschlagen werde, sieht es doch keiner.
       Das Kindchen  ist so blendend weiß, daß jeder sich wundert und so
       fein und zierlich. Schleicher ist sehr sorglich und sehr nett ge-
       gen das Kind. Heut wollte er gar nicht weichen, dann kam der Zorn
       Gottes, dann  Reverchon, dann Lehmann, dann Poppey und so geht es
       in einem  fort. Gestern  war auch  der Laubfrosch  1*) mit seiner
       pergamentnen Ehehälfte  da. Ich  hab sie  nicht gesehn. Eben sind
       die Deinigen  hier vorbeigegangen.  Sophie auch im größten Staat.
       Aber wie  elend!!! -  Grüß doch den Siebenkäs und Heines, wenn Du
       sie siehst.  Nicht wahr, ich bekomme bald Nachricht. Bist Du auch
       tapfer dran, den Postillon von Lonjumeau zu singen?
       Schreib nur nicht zu gallicht und gereizt. Du weißt, wieviel mehr
       Deine andern  Aufsätze gewirkt  haben. Schreib  entweder sachlich
       und fein  oder humoristisch und leicht. Bitte, lieb Herz, laß die
       Feder mal  übers Papier laufen, und wenn sie auch mal stürzen und
       stolpern sollte  und ein  Satz mit  ihr - Deine Gedanken stehn ja
       doch da  wie Grenadiere  der alten Garde, so ehrenfest und tapfer
       und können  auch wie  sie sagen,  eile meurt mais eile ne se rend
       pas 2*).  Was tut's, wenn die Uniform mal lose hängt und nicht so
       prall geschnürt  ist. Wie  ist es doch so hübsch am französischen
       Soldaten, das  lose, leichte Äußre. Dünk Dir da unsre gedrechsel-
       ten Preußen. Schaudert Dir es nicht. - Laß mal das Riemenzeug los
       und lüfte die Krawatte und den Tschako - laß die Partizipien lau-
       fen und  stell die  Wörter, wie  sie es  selber  wollen.  So  ein
       Kriegsvolk muß nicht so regelrecht marschieren. Und Deine Truppen
       ziehn doch  ins Feld?  Glück auf  den Feldherrn, meinen schwarzen
       Herrn. Leb  wohl, teures  Herz, liebes  einziges Leben. Jetzt bin
       ich nun  in meinem kleinen Deutschland und alles so beisammen und
       das Kleinchen und die Mutter, und da wird das Herz so weich, denn
       Du fehlst,  und nach  Dir sehnt  es sich  und hofft  auf Dich und
       Deine schwarzen Boten.
       Leb wohl
       Dein Schipp und Schribb
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       1*) Es folgt  in der Handschrift ein unleserliches Wort - 2*) sie
       stirbt, aber sie ergibt sich nicht
       

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