Quelle: MEW 42 Marx: Ökonomische Manuskripte 1857/1858
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KARL MARX
Ökonomische Manuskripte
1857/1858
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[Bastiat und Carey] [1]
¦¦III-1¦ Bastiat. Harmonies Économiques.
2 édit.
Paris. 1851.
Avantpropos 1*)
Die Geschichte der modernen politischen Ökonomie endet mit Ri-
cardo und Sismondi, Gegensätze, von denen der eine englisch, der
andre französisch spricht - ganz wie sie am Ende des 17. Jahrhun-
derts beginnt mit Petty und Boisguillebert. Die spätere poli-
tisch-ökonomische Literatur verläuft sich entweder in eklekti-
sche, synkretistische Kompendien, wie z.B. das Werk von J. St.
Mill, oder in tiefere Ausarbeitung einzelner Zweige, wie z.B.
Tookes "History of Prices" und im allgemeinen die neueren engli-
schen Schriften über Zirkulation - der einzige Zweig, worin wirk-
lich neue Entdeckungen gemacht worden sind, da die Schriften über
Kolonisation, Grundeigentum (in seinen verschiednen Formen), Po-
pulation usw. eigentlich nur durch größere stoffliche Fülle sich
vor den ältern auszeichnen - oder Reproduktion alter ökonomischer
Streitfragen für ein ausgedehnteres Publikum und die praktische
Lösung von Tagesfragen, wie die Schriften über free trade 2*) und
protection 3*) - oder endlich in tendenziöse Zuspitzungen der
klassischen Richtungen, ein Verhältnis, worin z. B. Chalmers zu
Malthus und Gülich 4*) zu Sismondi stehn und in gewisser Hinsicht
MacCulloch und Senior in ihren ältren Schriften zu Ricardo. Es
ist durchaus eine Epigonenliteratur, Reproduktion, größere Aus-
bildung der Form, breitere Aneignung des Stoffs, Pointierung, Po-
pularisierung, Zusammenfassung, Ausarbeitung der Details, Mangel
an springenden und entscheidenden Entwicklungsphasen, Aufnehmen
des Inventariums auf der einen Seite, Zuwachs im einzelnen auf
der andren.
Ausnahme machen scheinbar nur die Schriften von Carey, dem Yan-
kee, und Bastiat, dem Franzosen, von denen der letztre gesteht,
daß er sich auf den erstren stützt. Beide begreifen, daß der Ge-
gensatz gegen die politische Ökonomie - Sozialismus und Kommunis-
mus - seine theoretische Voraussetzung in den Werken der klassi-
schen Ökonomie selbst findet, speziell in
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1*) Vorwort - 2*) Freihandel - 3*) Schutzzoll - 4*) in der Hand-
schrift: Jülich
#4# Bastiat und Carey
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Ricardo, der als ihr vollendetster und letzter Ausdruck betrach-
tet werden muß. Beide finden es daher nötig, den theoretischen
Ausdruck, den die bürgerliche Gesellschaft in der modernen Ökono-
mie geschichtlich gewonnen hat, als Mißverständnis anzugreifen
und die Harmonie der Produktionsverhältnisse da zu beweisen, wo
die klassischen Ökonomen naiv ihren Antagonismus zeichneten. Die
durchaus verschiedne, selbst widersprechende nationale Umgebung,
aus der heraus beide schreiben, treibt sie nichtsdestoweniger zu
denselben Bestrebungen.
Carey ist der einzige originelle Ökonom der Nordamerikaner. Einem
Land gehörig, wo die bürgerliche Gesellschaft nicht auf der
Grundlage des Feudalwesens sich entwickelt, sondern von sich
selbst begonnen hat; wo sie nicht als das überlebende Resultat
einer jahrhundertalten Bewegung erscheint, sondern als der Aus-
gangspunkt einer neuen Bewegung; wo der Staat, im Unterschied von
allen frühren nationalen Gestaltungen, von vornherein der bürger-
lichen Gesellschaft, deren Produktion untergeordnet war und nie
die Prätention eines Selbstzwecks machen konnte; wo endlich die
bürgerliche Gesellschaft selbst, die Produktivkräfte einer alten
Welt mit dem ungeheuren Naturterrain einer neuen verbindend, sich
in bisher unbekannten Dimensionen und unbekannter Freiheit der
Bewegung entwickelt, alle bisherige Arbeit in ¦¦2¦ Überwältigung
der Naturkräfte weit überflügelt hat und wo endlich die Gegen-
sätze der bürgerlichen Gesellschaft selbst nur als verschwindende
Momente erscheinen. Daß die Produktionsverhältnisse, in denen
diese ungeheure neue Welt so rasch, so überraschend und glücklich
sich entwickelt hat, von Carey als die ewigen Normalverhältnisse
gesellschaftlicher Produktion und Verkehrs betrachtet werden, in
Europa, speziell England, was für ihn eigentlich Europa ist, nur
gehemmt und beeinträchtigt durch die übermachten Schranken der
Feudalperiode, daß ihm diese Verhältnisse von den englischen Öko-
nomen nur verzerrt und verfälscht angeschaut, wiedergegeben, oder
verallgemeinert erscheinen, indem sie zufällige Verkehrungen der-
selben mit ihrem immanenten Charakter verwechselten - was natür-
licher? Amerikanische Verhältnisse gegen englische: Darauf redu-
ziert sich seine Kritik der englischen Theorie vom Grundeigentum,
Salair, Population, Klassengegensätzen usw. Die bürgerliche Ge-
sellschaft existiert nicht rein, nicht ihrem Begriff entspre-
chend, nicht sich selbst adäquat in England. Wie sollten die Be-
griffe der englischen Ökonomen von der bürgerlichen Gesellschaft
der wahre, ungetrübte Ausdruck einer Realität sein, die sie nicht
kannten? Die störende Einwirkung traditioneller, nicht aus dem
Schoß der bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgewachsner Ein-
flüsse auf ihre n a t ü r l i c h e n Verhältnisse reduziert
sich in letzter Instanz für Carey im Einfluß des Staats auf die
#5# Bastiat und Carey
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bürgerliche Gesellschaft, in seinen Übergriffen und Eingriffen.
Das Salair z.B. wächst naturgemäß mit der Produktivität der Ar-
beit. Finden wir die Realität diesem Gesetz nicht entsprechend,
so haben wir nur, sei es in Hindostan oder England, die Einflüsse
der Regierung zu abstrahieren, Steuern, Monopole etc. Die bürger-
lichen Verhältnisse an sich selbst betrachtet, d.h. nach Abzug
der Staatseinflüsse, werden in der Tat immer die harmonischen Ge-
setze der bürgerlichen Ökonomie bestätigen. Inwiefern diese
Staatseinflüsse, public debt, 5*) taxes 6*) etc. selbst aus den
bürgerlichen Verhältnissen hervorwachsen - und daher in England
z. B. keineswegs als Resultate des Feudalismus, sondern vielmehr
seiner Auflösung und Überwältigung erscheinen und in Nordamerika
selbst die Macht der Zentralregierung mit der Zentralisation des
Kapitals wächst -, untersucht Carey natürlich nicht. Während so
Carey den englischen Ökonomen gegenüber die höhere Potenz der
bürgerlichen Gesellschaft in Nordamerika geltend macht, macht Ba-
stiat 7*) den französischen Sozialisten gegenüber die niedre Po-
tenz der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich geltend. Ihr
glaubt gegen die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft zu revol-
tieren in einem Lande, wo diesen Gesetzen nie erlaubt war, sich
zu realisieren! Ihr kennt sie nur in der verkümmerten französi-
schen Form und betrachtet als immanente Form derselben, was nur
ihre nationale französische Verzerrung ist. Seht nach England
herüber. Hierzuland gilt es, die bürgerliche Gesellschaft von den
Fesseln, die ihr der Staat anlegt, zu befreien. Ihr wollt diese
Fesseln vermehren. Arbeitet erst die bürgerlichen Verhältnisse
rein heraus, und dann wollen wir uns wieder sprechen. (Bastiat
hat insofern recht, als in Frankreich infolge seiner eigentümli-
chen sozialen Gestaltung manches für Sozialismus gilt, was in
England politische Ökonomie ist.)
Carey indes, dessen Ausgangspunkt die amerikanische Emanzipation
der bürgerlichen Gesellschaft vom Staat, endet mit dem Postulat
der Staatseinmischung, damit die reine Entwicklung der bürgerli-
chen Verhältnisse nicht, wie es in Amerika faktisch geschehn,
durch Einfluß von außen gestört werde. Er ist Protektionist, wäh-
rend Bastiat Freetrader ist. Die Harmonie der ökonomischen Ge-
setze erscheint in der ganzen Welt als Disharmonie, und die An-
fänge dieser Disharmonie frappieren Carey selbst in den Vereinig-
ten Staaten. Woher dieses sonderbare Phänomen? Carey erklärt es
aus der vernichtenden Einwirkung Englands mit seinem Streben nach
industriellem Monopol auf den Weltmarkt. Ursprünglich sind die
englischen Verhältnisse durch die falschen Theorien seiner Ökono-
men verrückt worden, im Innern. Jetzt, nach außen hin, ¦¦3¦ als
die gebietende Macht des Weltmarkts, verrückt
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5*) Staatsschuld - 6*) Steuern - 7*) in der Handschrift: macht
ihnen. Bastiat
#6# Bastiat und Carey
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England die Harmonie der ökonomischen Verhältnisse in allen Län-
dern der Welt. Diese Disharmonie ist eine wirkliche, keine bloß
in der subjektiven Auffassung der Ökonomen gegründete. Was Ruß-
land politisch für Urquhart, ist England ökonomisch für Carey.
Die Harmonie der ökonomischen Verhältnisse basiert nach Carey auf
der harmonischen Kooperation von Stadt und Land, Industrie und
Agrikultur. Diese Grundharmonie, die England in seinem eignen In-
nern aufgelöst hat, zerstört es durch seine Konkurrenz überall
auf dem Weltmarkt und ist so das destruktive Element der allge-
meinen Harmonie. Schutz dagegen können nur die Schutzzölle - die
gewaltsame, nationale Absperrung gegen die Destruktivkraft der
englischen großen Industrie bilden. Die letzte Zuflucht der
"harmonies économiques" ist daher der Staat, der ursprünglich als
der einzige Störenfried dieser Harmonien gebrandmarkt wurde. Ei-
nerseits spricht Carey hier wieder die bestimmte nationale Ent-
wicklung der Vereinigten Staaten aus, ihren Gegensatz zu und ihre
Konkurrenz mit England. Es geschieht dies in der naiven Form, daß
er den Vereinigten Staaten vorschlägt, den von England propagier-
ten Industrialismus dadurch zu zerstören, daß sie ihn bei sich
selbst durch Schutzzölle rascher entwickeln. Von dieser Naivetät
abgesehn, endet bei Carey die Harmonie der bürgerlichen Produkti-
onsverhältnisse mit der vollendetsten Disharmonie dieser Verhält-
nisse, wo sie auf dem großartigsten Terrain, dem Weltmarkt, in
der großartigsten Entwicklung als die Verhältnisse produzierender
Nationen auftreten. Alle jene Verhältnisse, die ihm innerhalb be-
stimmter Landesgrenzen oder auch in der abstrakten Form von all-
gemeinen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft harmonisch
erscheinen - Konzentration des Kapitals, Teilung der Arbeit, Sa-
lariat etc. -, erscheinen ihm als disharmonisch, wo sie in ihrer
entwickeltsten Form - in ihrer Weltmarktsform auftreten - als die
innern Verhältnisse, die die englische Herrschaft auf dem Welt-
markt produzieren und die als destruktive Wirkungen die Folge
dieser Herrschaft sind. Es ist harmonisch, wenn innerhalb eines
Landes die patriarchalische Produktion der industriellen Platz
macht, und der Auflösungsprozeß, der diese Entwicklung begleitet,
wird nur nach seiner positiven Seite aufgefaßt. Aber es wird dis-
harmonisch, wenn die englische große Industrie die patriarchali-
schen oder kleinbürgerlichen oder andre auf niederen Stufen sich
befindenden Formen fremder nationaler Produktion auflöst. Die
Konzentration des Kapitals innerhalb eines Landes und die auflö-
sende Wirkung dieser Konzentration bietet ihm nur positive Seite
dar. Aber das Monopol des konzentrierten englischen Kapitals und
seine auflösenden Wirkungen auf die kleinren nationalen Kapita-
lien andrer Völker ist disharmonisch. Was Carey nicht begriffen
hat, daß diese weltmarktlichen Disharmonien nur die letzten ad-
äquaten Ausdrücke der Disharmonien sind,
#7# Bastiat und Carey
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die in den ökonomischen Kategorien als abstrakte Verhältnisse fi-
xiert [werden] oder in dem kleinsten Umfang eine lokale Existenz
besitzen. Kein Wunder, daß er andrerseits den positiven Gehalt
dieser Auflösungsprozesse - die einzige Seite, die er den ökono-
mischen Kategorien in ihrer abstrakten Form oder den realen Ver-
hältnissen innerhalb bestimmter Länder, wovon sie abstrahiert
sind, ansieht - in ihrer weltmarktlichen, vollen Erscheinung ver-
gißt. Wo ihm die ökonomischen Verhältnisse in ihrer Wahrheit, d.
h. in ihrer universellen Realität gegenübertreten, schlägt er da-
her von seinem prinzipiellen Optimismus um in einen denunzieren-
den und gereizten Pessimismus. Dieser Widerspruch bildet die Ori-
ginalität seiner Schriften und gibt ihnen ihre Bedeutung. Er ist
ebensowohl Amerikaner in seiner Behauptung der Harmonie innerhalb
der bürgerlichen Gesellschaft als in Behauptung der Disharmonie
derselben Verhältnisse in ihrer weltmarktlichen Gestalt. Bei Ba-
stiat nichts von alledem. Die Harmonie dieser Verhältnisse ist
ein Jenseits, das grade da anfängt, wo die französischen Grenzen
aufhören, das in England und Amerika existiert. Es ist bloß die
eingebildete, ideale Form der unfranzösischen englisch-amerika-
nischen Verhältnisse, nicht die wirkliche, wie sie ihm auf seinem
eignen Grund und Boden gegenübertritt. Während daher bei ihm die
Harmonie keineswegs aus der Fülle lebendiger Anschauung hervor-
geht, sondern vielmehr das gespreizte Produkt einer dünnen und
gespannten, gegensätzlichen Reflexion ist, ist das einzige Moment
der Realität bei ihm die Forderung an den französischen Staat,
seine ökonomischen Grenzen aufzugeben. Carey sieht die Widersprü-
che der ökonomischen Verhältnisse, sobald sie als englische Ver-
hältnisse erscheinen, auf dem Weltmarkt. Bastiat, der sich die
Harmonie bloß einbildet, fängt nur da an, ihre Realisation zu
sehn, wo Frankreich aufhört und alle national getrennten Bestand-
teile der bürgerlichen Gesellschaft, von der Oberaufsicht des
Staats befreit, untereinander konkurrieren. Diese seine letzte
Harmonie selbst - und die Voraussetzung aller seiner frühern,
eingebildeten - ist indes selbst wieder ein bloßes Postulat, das
durch die Freihandelsgesetzgebung realisiert werden soll.
¦¦4¦ Wenn Carey daher, ganz abgesehn von dem wissenschaftlichen
Wert seiner Forschungen, wenigstens das Verdienst besitzt, in ab-
strakter Form die großen amerikanischen Verhältnisse auszuspre-
chen, und zwar im Gegensatz zur alten Welt, so wäre der einzig
reale Hintergrund bei Bastiat die Kleinheit der französischen
Verhältnisse, die überall aus seinen Harmonien ihre langen Ohren
herausstrecken. Indes ist das Verdienst überflüssig, weil die
Verhältnisse eines so alten Landes hinlänglich bekannt sind und
am wenigsten nötig haben, auf solch negativem Umweg bekannt zu
werden. Carey ist daher reich an sozusagen Bonafide-Forschungen
in der ökonomischen Wissenschaft, wie
#8# Bastiat und Carey
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über den Kredit, Rente, etc. Bastiat ist nur beschäftigt mit zu-
friedenstellenden Paraphrasen im Kontrast endender Forschungen;
l'hypocrisie du contentement 8*). Careys Allgemeinheit ist Yan-
keesche Universalität. Frankreich und China sind ihm gleich nah.
Allemal der Mann, der am Stillen Ozean und am Atlantik wohnt. Ba-
stiats Allgemeinheit ist Wegsehn von allen Ländern. Als echter
Yankee nimmt Carey den massenhaften Stoff von allen Seiten auf,
den ihm die alte Welt bietet, nicht um die immanente Seele dieses
Stoffs zu erkennen und ihm so sein Recht des eigentümlichen Le-
bens zuzugestehn, sondern um ihn für seine Zwecke, seine von sei-
nem Yankeestandpunkt abstrahierten Sätze als tote Belege, als
gleichgültiges Material zu verarbeiten. Daher sein Herumstreichen
in allen Ländern, massenhafte und unkritische Statistik, katalog-
artige Belesenheit. Bastiat gibt dagegen phantastische Ge-
schichte, seine Abstraktionen einmal in der Form von Räsonnement
und das andremal in der Form von supponierten Ereignissen, die
indes niemals und nirgends passiert sind, so wie der Theolog die
Sünde einmal als Gesetz des menschlichen Wesens, das andremal als
die Geschichte vom Sündenfall behandelt. Beide sind daher gleich
unhistorisch und antihistorisch. Aber das ungeschichtliche Moment
in Carey ist das gegenwärtige geschichtliche Prinzip von Nordame-
rika, während das ungeschichtliche Element in Bastiat bloß Remi-
niszenz der französischen Verallgemeinerungsmanier des 18. Jahr-
hunderts ist. Carey ist daher formlos und diffus, Bastiat affek-
tiert und formell logisch. Das Höchste, wozu er es bringt, sind
Gemeinplätze, paradox ausgedrückt, en facettes geschleift 9*).
Bei Carey ein paar allgemeine Thesen, in lehrsatzartiger Form
vorausgeschickt. Ihnen nachfolgend ein ungestaltiges Material,
Sammelwerk als Beleg - der Stoff seiner Thesen keineswegs verar-
beitet. Bei Bastiat besteht das einzige Material - abstrahiert
von einigen Lokalexempeln oder phantastisch zugestutzten engli-
schen Normalerscheinungen - nur in den allgemeinen Thesen der
Ökonomisten. Careys Hauptgegensatz Ricardo, kurz die modernen
englischen Ökonomisten; Bastiats die französischen Sozialisten.
[2]
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8*) Heuchelei der Befriedigung - 9*) wie die Seiten von Edelstei-
nen geschliffen
#9# Bastiat und Carey
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¦¦5¦ XIV. Des Salaire [3]
Folgendes sind Bastiats Hauptsätze: Die Menschen streben alle
nach Fixität in der Einnahme, fixed revenue 1*). {Echt französi-
sches Beispiel: 1. Jeder Mensch will Beamter sein oder seinen
Sohn zum Beamten machen (Sieh p. 371).} Das Salair ist eine fixe
Form der Remuneration (p. 376) und daher eine sehr vervollkomm-
nete Form der Assoziation, in deren ursprünglicher Form "das
Aleatorische" vorherrscht, sofern "tous les associés à toutes les
chances de l'entreprise" 2*) unterworfen sind. {Wenn das Kapital
das Risiko auf seine Rechnung nimmt, fixiert sich die Remunera-
tion der Arbeit unter dem Namen Salair. Will die Arbeit die guten
und schlechten Folgen auf sich nehmen, so löst sich die Remunera-
tion des Kapitals los und fixiert sich unter dem Namen Zins
(382).} (Sieh über diese Zusammenstellung weiter p. 382, 383.)
Indes wenn ursprünglich in der condition de l'ouvrier 3*) das
Aleatorische vorherrscht, so ist die Stabilität im Salariat noch
nicht hinreichend gesichert. Es ist ein "degré intermédiaire qui
sépare l'aléatoire de la stabilité" 4*). Diese letzte Stufe wird
erreicht durch "épargner, aux jours de travail, de quoi satis-
faire aux besoins des jours de vieillesse et de maladie" 5*) (p.
388). Die letzte Stufe entwickelt sich durch die "sociétés de se-
cours mutuels" 6*) (l.c.) und in letzter Instanz durch "la caisse
de retraite des travailleurs" 7*) (p. 393).[4] (Wie der Mensch
vom Bedürfnis ausging, Beamter zu werden, so endet er mit der Ge-
nugtuung, eine Pension zu beziehn.)
ad 1. Gesetzt, alles was Bastiat über die Fixität des Salairs
sagt, sei richtig. So würden wir den e i g e n t l i c h e n
C h a r a k t e r des Salairs, seine charakteristische Bestimmt-
heit noch nicht damit kennen, daß das Salair unter die fixed re-
venues subsumiert wird. Eine Beziehung desselben - die ihm mit
andren Einnahmequellen gemein ist - wäre betont. Weiter nichts.
Dies wäre allerdings schon etwas für den Advokaten, der die Vor-
züge des Salariats plädieren will. Es wäre noch nichts für den
Ökonomisten, der die Eigentümlichkeit dieses Verhältnisses in
seinem ganzen Umfang verstehn will. Eine einseitige Bestimmung
eines Verhältnisses, einer ökonomischen Form fixieren, sie
panegyrisieren gegenüber der umgekehrten Bestimmung: diese or-
dinäre Advokaten- und Apologistenpraxis zeichnet den Raisonneur
Bastiat aus. Also setze statt Salair:
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1*) festem Einkommen - 2*) "alle Partner allen Zufällen des Un-
ternehmens" - 3*) Stellung des Arbeiters - 4*) "Zwischenstadium,
welches das vom Zufall regierte von der Beständigkeit trennt" -
5*) "in Tagen der Arbeit sparen, wovon im Alter und bei Krankheit
die Bedürfnisse zu befriedigen sind" - 6*) "Gesellschaften der
gegenseitigen Hilfe" - 7*) "die Pensionskasse der Arbeiter"
#10# Bastiat und Carey
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Fixität der Einnahme. Ist Fixität der Einnahme nicht gut? Liebt
nicht jeder, auf Gewisses rechnen zu können? Speziell jeder
spießbürgerliche, kleinfühlende Franzos? l'homme toujours be-
sogneux? 8*) Die Leibeigenschaft ist in derselben Weise, und
vielleicht mit größrem Recht, verteidigt worden. Das Umgekehrte
könnte auch behauptet werden und ist behauptet worden. Setze Sa-
lair gleich Nichtfixität, i.e. Weiterkommen über einen bestimmten
Punkt. Wer liebt nicht voranzukommen statt stehnzubleiben? Ist
also ein Verhältnis schlecht, das die Chancen eines bürgerlichen
progressus in infinitum 9*) möglich macht? Bastiat selbst macht
natürlich an einer andren Stelle das Salariat als Nichtfixität
geltend. Wie anders als durch die Nichtfixität, durch die Schwan-
kungen, könnte es dem Arbeiter möglich werden, aufzuhören zu ar-
beiten, Kapitalist zu werden, wie B. will? Also das Salariat ist
gut, weil es Fixität ist; es ist gut, weil es Nichtfixität ist;
es ist gut, weil es weder das eine noch das andre, aber sowohl
eines wie das andre ist. Welches Verhältnis ist nicht gut, wenn
es auf eine einseitige Bestimmung reduziert wird und diese als
Position, nicht als Negation betrachtet wird? Alles reflektie-
rende Hin- und Herschwatzen, alle Apologetik, alle biedermänni-
sche Sophisterei beruht auf solcher Abstraktion.
Nach dieser allgemeinen Vorbemerkung kommen wir zu Bastiats wirk-
licher Konstruktion. Nebenbei sei nur noch bemerkt, daß sein mé-
tayer" 10*) der Landes [5], der Kerl, der nur Unglück des Lohnar-
beiters mit dem Pech des kleinen Kapitalisten in sich vereinigt,
in der Tat sich glücklich fühlen möchte, wenn er auf fixen Lohn
gesetzt würde. - Proudhons histoire descriptive und philosophique
[6] erreicht kaum die seines Gegners Bastiat. Der ursprünglichen
Form der Assoziation gegenüber, worin alle associés alle Chancen
des Zufalls teilen, folgt als höhere und freiwillig von beiden
Seiten ¦¦6¦ eingegangne Stufe der Assoziation die, worin die Re-
muneration des Arbeiters fixiert ist. Wir wollen hier nicht auf
die Genialität aufmerksam machen, die erst auf der einen Seite
einen Kapitalisten und auf der andren einen Arbeiter voraussetzt,
um dann hinterher durch Verabredung zwischen beiden das Verhält-
nis zwischen Kapital und Lohnarbeit entstehn zu lassen.
Die Form der Assoziation, worin der Arbeiter allen zufälligen
Chancen des Erwerbs ausgesetzt ist - worin alle Produzenten
gleichmäßig diesen Chancen ausgesetzt sind-und die dem Salair,
worin die Remuneration der Arbeit Fixität gewinnt, stabil wird,
unmittelbar vorausgeht, als These der Antithese - ist, wie wir
von B. hören, der Zustand, worin Fischerei, Jagd, Hirtenwesen die
herrschenden Produktions- und Gesellschaftsformen bilden. Erst
der vagabondierende
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8*) der stets bedürftige Mensch? - 9*) unbegrenzten Fortschritts
- 10*) in der Handschrift: metaire
#11# Bastiat und Carey
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Fischer, Jäger, Hirt - und dann der Lohnarbeiter. Wo und wann hat
sich dieser h i s t o r i s c h e Übergang aus dem halbwilden
Zustand in den modernen zugetragen? Höchstens im "Charivari". In
der wirklichen Geschichte geht die Lohnarbeit hervor aus der Auf-
lösung von Sklaverei und Leibeigenschaft - oder dem Verfall des
Gemeineigentums, wie bei orientalischen und slawischen Völkern -
und in ihrer adäquaten epochemachenden, das ganze gesellschaftli-
che Dasein der Arbeit ergreifenden Form, aus [dem] Untergang der
Zunftwirtschaft, des Ständewesens, der Naturalarbeit und des Na-
turaleinkommens, der als ländlichem Nebenzweig betriebnen Indu-
strie, der noch feudalen kleinen Landwirtschaft etc. In allen
diesen wirklich historischen Übergängen erscheint die Lohnarbeit
als Auflösung, als Vernichtung von Verhältnissen, worin die Ar-
beit nach allen Seiten hin fixiert war, ihrem Einkommen, ihrem
Inhalt, ihrer Lokalität, ihrem Umfang etc. nach. A l s o a l s
V e r n e i n u n g d e r F i x i t ä t d e r A r b e i t
u n d i h r e r R e m u n e r a t i o n. Der direkte Übergang
von dem Fetisch des Afrikaners zum être suprême 11*) Voltaires
oder des Jagdgeräts eines nordamerikanischen Wilden zum Kapital
der Bank von England ist nicht so abgeschmackt geschichtswidrig
wie der Übergang von Bastiats Fischer zum Lohnarbeiter. (In allen
diesen Entwicklungen zeigt sich außerdem nichts von freiwilligen,
aus wechselseitiger Übereinkunft hervorgegangnen Verändrungen.)
Dieser historischen Konstruktion - worin B. seine flache Abstrak-
tion in der Form einer Begebenheit sich vorlügt - ganz würdig ist
die Synthese, worin die englischen friendly societies 12*) und
die Sparkassen als das letzte Wort des Salariats und Aufhebung
aller sozialen Antinomien erscheinen.
Also geschichtlich die Nichtfixität Charakter des Salariats: Ge-
genteil von B's Konstruktion. Aber wie kam er überhaupt auf die
Konstruktion der Fixität als der alles kompensierenden Bestimmung
des Salariats? Und wie kam er dazu, das Salariat in dieser Be-
stimmtheit als höhre Form der Remuneration, der Remuneration der
Arbeit in andren Gesellschafts- oder Assoziationsformen, histo-
risch darstellen zu wollen?
Alle Ökonomen, sobald sie das gegebne Verhältnis von Kapital und
Lohnarbeit, von Profit und Salair besprechen und dem Arbeiter be-
weisen, daß er keinen Anspruch habe, an den Chancen des Gewinns
teilzunehmen, ihn überhaupt über seine untergeordnete Rolle ge-
genüber dem Kapitalisten beruhigen wollen, heben ihm hervor, daß
er im Gegensatz zum Kapitalisten eine gewisse Fixität des Einkom-
mens, mehr oder weniger unabhängig von den großen adventures 13*)
des Kapitals, besitzt. Ganz wie Don Quixote den Sancho Pansa
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11*) höchsten Wesen - 12*) Hilfsvereine - 13*) Spekulationen
#12# Bastiat und Carey
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tröstet, daß, wenn er zwar alle Prügel bezieht, er es auch nicht
nötig hat, tapfer zu sein. Eine Bestimmung also, die die Ökonomen
dem Salariat im Gegensatz zum Profit beilegen, verwandelt Bastiat
in eine Bestimmung des Salariats im Gegensatz zu frühren Formen
der Arbeit und als einen Fortschritt zur Remuneration der Arbeit
in diesen früheren Verhältnissen. Ein Gemeinplatz, der sich in
das gegebne Verhältnis stellt, der die eine Seite desselben gegen
die andre vertröstet, wird von dem Herrn B. aus diesem Verhältnis
herausgenommen und zur historischen Grundlage seiner Entstehung
gemacht. In dem Verhältnis von Salair zu Profit, Lohnarbeit zu
Kapital, sagen die Ökonomisten, kömmt dem Salair der Vorzug der
Fixität zu. Die Fixität, sagt Herr Bastiat, d. h. eine der Seiten
im Verhältnis von Salair zu Profit, ist der historische Entste-
hungsgrund des Salariats (oder kömmt dem Salair zu nicht im Ge-
gensatz zum Profit, sondern zu den frühern Remunerationsformen
der Arbeit), also auch des Profits, also des ganzen Verhältnis-
ses. So verwandelt sich ihm unter der Hand ein Gemeinplatz über
eine Seite des Verhältnisses von Salair und Profit in den histo-
rischen Grund dieses ganzen Verhältnisses. Dies geschieht, weil
er beständig mit der Reflexion auf den Sozialismus behaftet ist,
der überall dann als die erste Form der Assoziation geträumt
wird. Dies ein Beispiel, welche wichtige Form die in den ökonomi-
schen Entwicklungen nebenbeilaufenden apologetischen Gemeinplätze
in B's Hand annehmen.
¦¦7¦ Zu den Ökonomen zurückzukehren. Worin besteht diese Fixität
des Salairs? Ist der Lohn unveränderlich fix? Dies würde dem Ge-
setz von Nachfrage und Zufuhr durchaus widersprechen, der Grund-
lage der Lohnbestimmung. Die Schwankungen, Steigen und Fallen des
Lohnes, leugnet kein Ökonom. Oder ist der Lohn unabhängig von
Krisen? Oder von Maschinen, die die Lohnarbeit überflüssig ma-
chen? Oder von Teilungen der Arbeit, die sie deplacieren? Alles
dies wäre heterodox zu behaupten und wird nicht behauptet. Was
gemeint wird, ist, daß in einem gewissen Durchschnitt der Ar-
beitslohn eine ziemliche Durchschnittshöhe realisiert, d. h. das
Bastiat so sehr verhaßte Minimum des Salairs für die ganze
Klasse, und daß eine gewisse Durchschnittskontinuität der Arbeit
stattfindet, z. B. der Lohn fortdauern kann selbst in Fällen, wo
der Profit fällt oder momentan ganz verschwindet. Nun, was heißt
das anders, als daß, vorausgesetzt die Lohnarbeit als die herr-
schende Form der Arbeit, als die Grundlage der Produktion, die
Arbeiterklasse vom Lohn existiert und der einzelne Arbeiter 14*)
im Durchschnitt die Fixität besitzt, für Lohn zu arbeiten? In an-
dren Worten Tautologie. Wo Kapital und Lohnarbeit das herrschende
Produktionsverhältnis ist, existiert durchschnittliche Kontinui-
tät
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14*) in der Handschrift: d. einzelne Arbeit
#13# Bastiat und Carey
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der Lohnarbeit, insofern Fixität des Lohns für den Arbeiter. Wo
die Lohnarbeit existiert, existiert sie. Und dies wird von Ba-
stiat als ihre alles kompensierende Eigenschaft angesehn. Daß
ferner [in] d[em] Gesellschaftszustand, worin das Kapital entwic-
kelt ist, die gesellschaftliche Produktion im ganzen regelmäßi-
ger, kontinuierlicher, allseitiger - also auch die Einnahme für
die in derselben beschäftigten Elemente "fixer" -, als wo sich
das Kapital, d. h. die Produktion, noch nicht auf diese Stufe
entwickelt, ist eine andre Tautologie, die mit dem Begriff des
Kapitals und einer auf ihm ruhenden Produktion selbst gegeben
ist. In andren Worten: daß das allgemeine Dasein der Lohnarbeit
eine höhere Entwicklung der Produktivkräfte voraussetzt, als in
den der Lohnarbeit vorhergehenden Stufen, wer leugnet es? Und wie
fiele es den Sozialisten ein, höhere Forderungen zu machen, wenn
sie nicht diese höhere Entwicklung der durch die Lohnarbeit her-
vorgebrachten gesellschaftlichen Produktivkräfte voraussetzten?
Das letztere ist vielmehr die Voraussetzung ihrer Forderungen.
N o t e. Die erste Form, worin der Arbeitslohn allgemein auf-
tritt - der militärische Sold, der beim Untergehn der National-
heere und Bürgermilizen erscheint. Erst werden die Bürger selbst
besoldet. Dem folgt bald, daß an ihre Stelle Söldlinge treten,
die aufgehört haben, Bürger zu sein.
2. (E s i s t u n m ö g l i c h, d i e s e n N o n s e n s e
w e i t e r z u v e r f o l g e n. W e , t h e r e f o r e ,
d r o p M r . B a s t i a t. 15*))
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15*) Wir trennen uns deshalb von Herrn Bastiat
zurück