Quelle: MEW 42 Marx: Ökonomische Manuskripte 1857/1858
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Vorwort
Der vorliegende Ergänzungsband der Werke von Karl Marx und Fried-
rich Engels enthält drei ökonomische Manuskripte, die Marx in der
Zeit von Juli 1857 bis Mai 1858 geschrieben hat:
1. "Bastiat und Carey" (Juli 1857),
2. "Einleitung" (August 1857),
3. "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie" (Oktober 1857
bis Mai 1858).
Diese Manuskripte wurden im vollständigen Wortlaut des Originals
erstmalig in den Jahren 1939 bis 1941 in den zwei Teilen der Aus-
gabe Karl Marx, "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie
(Rohentwurf)" vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der
KPdSU veröffentlicht. Ein fotomechanischer Nachdruck dieser Aus-
gabe erschien 1953 im Dietz Verlag Berlin.
Die ökonomischen Manuskripte der Jahre 1857/1858 sind das Ergeb-
nis angespannter Forschungen von Marx auf dem Gebiet der politi-
schen Ökonomie.
Bereits die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren ein wich-
tiger Zeitabschnitt in der Entwicklung der marxistischen ökonomi-
schen Theorie. In dieser Zeit erarbeiteten Marx und Engels in
solchen Werken wie "Ökonomisch-philosophische Manuskripte", "Die
heilige Familie", "Die Lage der arbeitenden Klasse in England",
"Die deutsche Ideologie", "Das Elend der Philosophie",
"Lohnarbeit und Kapital", "Rede über die Frage des Freihandels"
und "Manifest der Kommunistischen Partei" die dialektisch-mate-
rialistische Geschichtsauffassung und dehnten den dialektischen
Materialismus damit auf die Erkenntnis der menschlichen Gesell-
schaft aus. Das ermöglichte es ihnen, schon in den vierziger Jah-
ren mit einer wissenschaftlich begründeten Kritik an der bürger-
lichen Gesellschaft aufzutreten. In enger Zusammenarbeit begrün-
deten Marx und Engels in den genannten Werken die
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Lehre vom Klassenkampf; sie enthüllten das Wesen der Klassenge-
gensätze in der kapitalistischen Gesellschaft und zeigten, daß
der Sozialismus das unvermeidliche Resultat der in der bürgerli-
chen Gesellschaft wirkenden ökonomischen Gesetze ist und daß der
Kapitalismus nicht ewig existieren wird, sondern sich selbst sei-
nen Totengräber in Gestalt der Arbeiterklasse schafft. Marx be-
gann bereits in diesen Werken mit der Ausarbeitung seiner ökono-
mischen Theorie.
1850, bald nach seiner Übersiedlung nach London, nahm Marx seine
während der Revolution 1848/49 unterbrochenen ökonomischen Stu-
dien wieder auf und setzte damit seine wissenschaftlichen Unter-
suchungen der vierziger Jahre fort. Er studierte systematisch Bü-
cher, Broschüren, Pamphlete, Flugschriften und Periodica, vor al-
lem Schriften von bürgerlichen Ökonomen wie William Petty und
François Quesnay bis hin zu den Repräsentanten der klassischen
englischen Ökonomie Adam Smith und David Ricardo. Neben den Wer-
ken zahlreicher bürgerlicher Ökonomen und utopischer Sozialisten
befaßte er sich mit statistischem Material und englischen Parla-
mentsdokumenten, las offizielle Berichte englischer Fabrikinspek-
toren an das Unterhaus, arbeitete historische, technische und na-
turwissenschaftliche Literatur durch und interessierte sich eben-
falls für die Kulturgeschichte, Weltgeschichte und Zeitge-
schichte. London, die seinerzeit größte Stadt der Welt und Metro-
pole des höchstentwickelten kapitalistischen Landes, bot für die
Studien günstige Voraussetzungen. Marx bemerkte selbst dazu: "Das
ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das
im British Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den
London für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt,
endlich das neue Entwicklungsstadium, worin letztere mit der Ent-
deckung des kalifornischen und australischen Goldes einzutreten
schien, bestimmten mich, ganz von vorn wieder anzufangen und mich
durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten." (Siehe Band 13
unserer Ausgabe, S. 10/11.)
Bis Juli 1857 bestand Marx' Arbeit vor allem in der Sammlung und
kritischen Erschließung der verschiedenartigsten Quellen zur öko-
nomischen Theorie und im unmittelbaren Studium aller bedeutenden
Ereignisse und Fakten des kapitalistischen Wirtschaftslebens in
England und anderen Ländern. Vom Umfang seiner Forschungsarbeiten
in den fünfziger Jahren zeugen Tausende Seiten von Exzerpten. Von
1850 bis 1857 füllte er einige Dutzend Hefte mit Auszügen und
Konspekten, die von ihm zum Teil mit römischen Ziffern durchnume-
riert wurden und auf die er in den folgenden Jahren bei der Aus-
arbeitung seiner Theorie immer wieder zurückgriff. Darüber hinaus
legte Marx in diesen Jahren einige Hefte an, in denen er die Zi-
tate zu bestimmten
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Themen, z.B. "Das vollendete Geldsystem", "Geldwesen, Kreditwe-
sen, Krisen", zusammenfaßte und mit kurzen Kommentaren versah.
Das war eine erste Bearbeitung des gesammelten Materials. Außer-
dem schrieb Marx sehr viele Presseartikel über die damalige öko-
nomische Politik und das Wirtschaftsleben der kapitalistischen
Länder, die neue wissenschaftliche Schlußfolgerungen aus seinen
theoretischen Studien enthielten.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Marx in den fünfziger Jahren den
Wirtschaftskrisen in einigen europäischen Ländern. Marx und En-
gels erwarteten in diesem Zusammenhang mit Ungeduld das Eintreten
einer revolutionären Situation. "Es gibt diesmal ein dies irae
[Jüngstes Gericht] wie nie vorher, die ganze europäische Indu-
strie kaputt, alle Märkte überführt [...], alle besitzenden Klas-
sen hereingeritten, kompletter Bankrott der Bourgeoisie, Krieg
und Liederlichkeit im höchsten Grad. Auch ich glaube, daß sich
alles dies Anno 1857 erfüllen wird" (siehe Band 29 unserer Aus-
gabe, S. 78). In einem Brief vom 17. November 1856 schrieb Engels
an Marx: "So schöne tabula rasa wie diesmal findet die Revolution
so leicht nicht wieder vor. Alle sozialistischen dodges
[Schwindeleien] erschöpft, die forcierte Beschäftigung der Arbei-
ter seit 6 Jahren antizipiert und exploded [verworfen], keine
Möglichkeit, neue Experimente und Phrasen zu machen. Auf der an-
dern Seite aber auch die Schwierigkeiten ganz nackt und unver-
hüllt; der Stier muß ganz direkt bei den Hörnern gefaßt werden"
(siehe Band 29 unserer Ausgabe, S. 86).
Als 1857, wie von Marx vorausgesagt, die ökonomische Krise aus-
brach, rechnete er als Folge mit einem neuen revolutionären Auf-
schwung. Er sah es deshalb als seine Pflicht an, sich sofort mit
der unmittelbaren Ausarbeitung seiner ökonomischen Theorie zu be-
fassen, um die Arbeiter so bald wie möglich mit ökonomischen
Kenntnissen auszurüsten, ihr Klassenbewußtsein zu stärken und ih-
nen zu helfen, die neuen historischen Aufgaben ihrer Klasse zu
begreifen. Den Arbeitern mußte die Unüberbrückbarkeit des Klas-
sengegensatzes zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie nach-
gewiesen werden, eines Gegensatzes, der mit Notwendigkeit zur
proletarischen Revolution führt. Marx betrieb deshalb die Zusam-
menfassung der Ergebnisse seiner ökonomischen Forschungen aus den
fünfziger Jahren mit großer Eile. "Ich arbeite wie toll die
Nächte durch an der Zusammenfassung meiner ökonomischen Studien",
schrieb er am 8. Dezember 1857 an Engels, "damit ich wenigstens
die Grundrisse im klaren habe bevor dem déluge [der Sintflut]."
(Siehe Band 29 unserer Ausgabe, S. 225.)
Am selben Tag beschrieb Jenny Marx in ihrem Brief an Conrad
Schramm, einem Freund und Mitstreiter von Marx und Engels, den
Verlauf von Marx' Arbeit folgendermaßen: "Sie können sich doch
wohl denken, wie high up
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[gutgelaunt] der Mohr ist. Seine ganze frühere Arbeitsfähigkeit
und Leichtigkeit ist wiedergekehrt sowie auch die Frische und
Heiterkeit des Geistes [...]. Karl arbeitet am Tage, um fürs täg-
liche Brot zu sorgen, nachts, um seine Ökonomie zur Vollendung zu
bringen." Jetzt ist "diese Arbeit ein Bedürfnis der Zeit, eine
Notwendigkeit geworden" (siehe Band 29 unserer Ausgabe, S. 645).
Im Herbst 1857 brach dann zwar die Wirtschaftskrise aus, sie
führte aber nicht zu der mit solcher Ungeduld erwarteten revolu-
tionären Situation, war jedoch der unmittelbare Anlaß für Marx,
seine ökonomischen Studien zusammenzufassen.
Das wichtigste überlieferte Ergebnis, die schöpferische Verallge-
meinerung und Systematisierung der in den vierziger und besonders
in den fünfziger Jahren gesammelten Materialien sind die
1857/1858 entstandenen drei ökonomischen Manuskripte, die der
vorliegende Band enthält.
Die Skizze "Bastiat und Carey" ist ein Fragment. Marx hat sie im
Juli 1857 niedergeschrieben. Hier steckte er den Rahmen der klas-
sischen politischen Ökonomie ab, deren Grundstein Ende des 17.
Jahrhunderts Petty und Boisguillebert gelegt hatten und die im
ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in den Werken von Ricardo und
Sismondi ihren Abschluß fand.
Diese unvollendete Skizze zeugt davon, wie weit Marx schon zu
dieser Zeit mit seiner Kritik der bürgerlichen Ökonomen vorange-
kommen war und das Wesen der ökonomischen Gesetze des Kapitalis-
mus erkannt hatte. Für die Entstehungsgeschichte der marxisti-
schen politischen Ökonomie ist diese Skizze deshalb interessant,
weil Marx hier zum erstenmal in ausgereifter Form eine Einschät-
zung des Übergangs der klassischen bürgerlichen Ökonomie zur Vul-
gärökonomie vornahm. Während in den vorhergehenden Arbeiten von
Marx die Einteilung der bürgerlichen Ökonomen in zwei Hauptströ-
mungen nur in den Grundzügen angedeutet wird, gibt er hier eine
genaue Charakteristik der klassischen bürgerlichen politischen
Ökonomie im Unterschied zur Vulgärökonomie, die vom Niedergang
der bürgerlichen Ökonomie zeugt.
Bastiat und Carey waren typische Vertreter jener Vulgärökonomen,
die es für nötig hielten, "die Harmonie der Produktionsverhält-
nisse da zu beweisen, wo die klassischen Ökonomen naiv ihren
Antagonismus zeichneten" (siehe vorl. Band, S. 4). Ihre Theorien
stellten eine bestimmte Gefahr für die Arbeiterbewegung dar, denn
sie verschleierten die wirkliche Lage der Arbeiter in der kapita-
listischen Gesellschaftsordnung und dienten als Stütze für ver-
schiedene soziale Illusionen, die der Bourgeoisie genehm waren.
Marx untersuchte die ökonomischen Verhältnisse, die den Auffas-
sungen dieser beiden Ökonomen zugrunde lagen, und zeigte, daß die
"durchaus verschiedne, selbst
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widersprechende nationale Umgebung, aus der heraus beide schrei-
ben, [...] sie nichtsdestoweniger zu denselben Bestrebungen"
treibt. (Siehe vorl. Band, S. 4.)
Diese Ökonomen hielten die kapitalistische Produktion für das
ewige natürliche Ideal einer harmonischen Entwicklung der Gesell-
schaft; die empörenden Übel der bürgerlichen Gesellschaft erklär-
ten sie entweder aus den feudalen Überbleibseln und dem Eingrei-
fen des Staates in das Wirtschaftsleben - wie es Bastiat meinte -
oder "aus der vernichtenden Einwirkung Englands mit seinem Stre-
ben nach industriellem Monopol auf dem Weltmarkt" (siehe vorl.
Band, S. 5), wie es bei Carey der Fall war.
Diesen apologetischen Ansichten trat Marx entgegen mit einer wis-
senschaftlichen Analyse der kapitalistischen Wirtschaft, ihrer
objektiven Gesetzmäßigkeiten und ihrer inneren antagonistischen
Widersprüche.
Marx beabsichtigte ursprünglich, mit der fragmentarischen Skizze
"Bastiat und Carey" eine Besprechung des Buches von Frédéric Ba-
stiat "Harmonie économiques", 2. ed. Paris 1851, vorzunehmen,
aber er gab dieses Vorhaben auf. "Es ist unmöglich, diesen Non-
sense weiter zu verfolgen. We, therefore, drop Mr. Bastiat. [Wir
trennen uns deshalb von Herrn Bastiat.]" (Siehe vorl. Band, S.
13.)
Die andere unvollendete Skizze, die "Einleitung", wurde Ende Au-
gust 1857 geschrieben. Marx verzichtete später darauf, sie zu
veröffentlichen, weil er die "erst zu beweisende[n] Resultate"
(siehe Band 13 unserer Ausgabe, S. 7) nicht vorwegnehmen wollte.
Sie sollten das Ergebnis der gesamten Forschungsarbeit sein. In
der "Einleitung" hat Marx umfassender als sonst irgendwo seine
Auffassung über den Gegenstand und die Methode der politischen
Ökonomie formuliert. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Ökonomen,
die die Verteilung in den Vordergrund stellten, sie zum eigentli-
chen Gegenstand der politischen Ökonomie erklärten und den Kapi-
talismus nicht als eine historisch vergängliche Ordnung betrach-
teten, ging Marx aus vom Primat der gesellschaftlichen Produk-
tion. Die Analyse der dialektischen Wechselwirkung der Produk-
tion, der Verteilung, des Austausches und der Konsumtion brachte
ihn zu der Schlußfolgerung, daß die Produktion nicht nur den Aus-
gangspunkt bildet, sondern auch bestimmendes Moment in dieser
Einheit ist, daß die Verteilungsformen nur ein anderer Ausdruck
der Produktionsformen sind. Marx erkannte die Produktion als ge-
sellschaftlich bestimmt und machte sie zum Gegenstand seiner For-
schung.
In der "Einleitung" hat Marx die wissenschaftlich richtige, die
dialektisch-materialistische Methode des Auf steigens vom
Abstrakten zum Konkreten entwickelt, wobei unter Konkretem die
Einheit des Mannigfaltigen verstanden
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wird, die Zusammenfassung vieler Bestimmungen als Ergebnis des
Denkens im Prozeß dieser Synthese. Dabei widmete Marx dem Problem
des logischen und historischen Herangehens an den Forschungsge-
genstand besondere Aufmerksamkeit. Er zeigte die Notwendigkeit
der logisch folgerichtigen Betrachtung der ökonomischen Katego-
rien unter Berücksichtigung ihrer Rolle in der gegebenen ökonomi-
schen Struktur. Jedoch erscheinen die ökonomischen Kategorien
nicht nur als Knotenpunkte und Mittel der Erkenntnis, sondern
auch als Produkt der geschichtlichen Entwicklung der Gesell-
schaft; darum darf die logische Analyse nicht eine willkürliche,
rein gedankliche Konstruktion sein, die von den realen Prozessen
losgelöst ist. Die wissenschaftlichen Abstraktionen in Marx'
Theorie sind mit der konkreten Wirklichkeit als ihrer Vorausset-
zung untrennbar verbunden, und der Verlauf des abstrakten Denkens
vom Einfachen zum Komplizierten entspricht im allgemeinen dem
wirklichen historischen Prozeß.
Ausgehend von seiner Auffassung vom Gegenstand und der Methode
der politischen Ökonomie, gab Marx in der "Einleitung" einen er-
sten Entwurf vom Aufbau seines ökonomischen Werkes, der alle
wichtigen Seiten der bürgerlichen Gesellschaft umfaßt. Marx
schrieb: "Die Einteilung offenbar so zu machen, daß 1. die allge-
meinen abstrakten Bestimmungen, die daher mehr oder minder allen
Gesellschaftsformen zukommen [...]. 2. Die Kategorien, die die
innre Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen und wo-
rauf die fundamentalen Klassen beruhn. Kapital, Lohnarbeit,
Grundeigentum. Ihre Beziehung zueinander. Stadt und Land. Die
drei großen gesellschaftlichen Klassen. Austausch zwischen den-
selben. Zirkulation. Kreditwesen (private). 3. Zusammenfassung
der bürgerlichen Gesellschaft in der Form des Staats. In Bezie-
hung zu sich selbst betrachtet. Die 'unproduktiven' Klassen.
Steuern. Staatsschuld. Öffentlicher Kredit. Die Bevölkerung. Die
Kolonien. Auswanderung. 4. Internationales Verhältnis der Produk-
tion. Internationale Teilung der Arbeit. Internationaler Aus-
tausch. Aus- und Einfuhr. Wechselkurs. 5. Der Weltmarkt und die
Krisen." (Siehe vorl. Band, S. 42.)
Von Oktober 1857 bis Mai 1858 schrieb Marx ein Manuskript von
mehr als 50 Druckbogen. Es ist bekannt unter dem Titel
"Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie" und stellt die
erste Fassung - den Rohentwurf - seines Hauptwerkes "Das Kapital"
dar.
Dieses Manuskript nimmt einen besonderen Platz in der Entste-
hungsgeschichte des Marxismus ein. Als Marx sich in den vierziger
und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Aufgabe gestellt
hatte, die Ökonomie der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
gründlich und allseitig zu erforschen,
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untersuchte er die Mittel, Kategorien und Methoden sowohl der
Philosophie als auch der politischen Ökonomie. Er setzte sich mit
der bisherigen Philosophie auseinander und entwickelte dabei die
marxistische Philosophie. Die "Grundrisse" legen ebenfalls deut-
lich Zeugnis ab von dieser schöpferischen philosophischen Arbeit.
Sie gehören zu den klassischen Werken der marxistischen Weltan-
schauung und weisen einen großen Reichtum an ökonomischen und
philosophischen Fragestellungen und Antworten auf. Marx hat mit
den "Grundrissen" eine gewaltige theoretische Arbeit zur Entdec-
kung des Entwicklungsgesetzes der modernen kapitalistischen Ge-
sellschaft geleistet. Hier arbeitete Marx zum erstenmal in Grund-
zügen und wesentlichen Details seine Werttheorie und auf ihrer
Grundlage die Mehrwerttheorie aus, diesen "Grundpfeiler der öko-
nomischen Theorie von Marx" (siehe W.I. Lenin, Werke, Band 19, S.
6). Die materialistische Geschichtsauffassung und die Mehrwert-
theorie, das sind die zwei großen Entdeckungen, durch die, wie
Engels sagte, der Sozialismus aus einer Utopie zur Wissenschaft
wurde (siehe Band 19 unserer Ausgabe, S. 209).
Als Marx an den "Grundrissen" zu schreiben begann, war ihm der
Kernpunkt der politischen Ökonomie, das Mehrwertproblem, durchaus
klar, aber im Verlauf der Arbeit drängten sich neue unvorhergese-
hene Details auf, die geklärt werden mußten. Deshalb handelte es
sich bei der Niederschrift des Manuskriptes nicht einfach um die
Fixierung von im voraus Durchdachtem, sondern im Laufe der Arbeit
gelangte Marx zu Schlüssen, die Entdeckungen nicht nur im Hin-
blick auf den damaligen Stand der politischen Ökonomie waren;
seine eigenen ökonomischen Anschauungen wurden bereichert.
Zugleich macht das Manuskript die Forschungsmethode von Marx
sichtbar. Es werden deutlich die verschiedenen Arbeitsstufen
sichtbar, in denen die Theorie entscheidend weiterentwickelt
wurde, und es ist möglich, Schritt für Schritt den Prozeß zu ver-
folgen, in dem er die Grundelemente seiner ökonomischen Lehre
schuf. So werden z.B. viele Formulierungen von Marx im Laufe der
weiteren Arbeit als unzulänglich erkannt und darum präzisiert.
Häufig wird ein Problem nur angedeutet und seine Lösung auf spä-
ter verschoben. Wenn in den späteren Entwürfen seines Hauptwerkes
die systematische Darstellung bereits ausgereifter Teile seiner
ökonomischen Lehre vorherrscht, so kann im Manuskript von
1857/1858 unmittelbar der Weg verfolgt werden, der Marx zu seinen
großen Entdeckungen in der politischen Ökonomie führte.
Wichtig ist es auch, in diesem Zusammenhang zu betonen, wie tat-
kräftig Marx während der Arbeit von Engels unterstützt wurde.
Nicht selten bedurfte er bei der Analyse von Problemen, die in
der kapitalistischen Wirtschaftspraxis
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wurzelten, aber in der Fachliteratur unbeantwortet blieben, der
sachverständigen Ratschläge von Engels. Der Briefwechsel zwischen
ihnen aus dieser Zeit legt ein beredtes Zeugnis dafür ab.
Marx begann die "Grundrisse" mit einer Kritik der ökonomischen
Auffassung des Proudhonisten Alfred Darimon, vor allem der proud-
honistischen Geldtheorie. Die Kritik des Proudhonismus betrach-
tete Marx als eine wichtige Aufgabe des wissenschaftlichen Sozia-
lismus. Er schrieb 1880 in einer Einführung zum Wiederabdruck
seines Werkes "Das Elend der Philosophie", daß es notwendig gewe-
sen sei, "um den Weg zum kritischen und materialistischen Sozia-
lismus zu bahnen, der die reale, historische Entwicklung der ge-
sellschaftlichen Produktion verständlich machen will, mit jener
Ideologie in der Ökonomie brüsk zu brechen, deren letzte Verkör-
perung unwissentlich Proudhon war". (Siehe Band 19 unserer Aus-
gabe, S. 229.)
Die erste eingehende Kritik der kleinbürgerlichen Auffassungen
Proudhons gab Marx bereits 1847 in "Das Elend der Philosophie",
doch damals stützte er sich in bedeutendem Maße auf die ökonomi-
sche Lehre Ricardos. Im Manuskript von 1857/1858 setzte Marx die
Kritik des Proudhonismus von der Position der bereits weitgehend
ausgereiften eigenen ökonomischen Lehre fort. Er widerlegte die
These der Proudhonisten, eine Reform der Banken, die Ausgabe von
sogenanntem "Arbeitsgeld" oder "Stundenzettel", sei ein wirksames
Mittel, das Elend und die Ausbeutung der werktätigen Massen zu
beseitigen. Er legte dar, daß der antagonistische Charakter der
Widersprüche in der kapitalistischen Gesellschaft "nie durch
stille Metamorphose zu sprengen ist" (siehe vorl. Band, S. 93),
daß die Vorschläge der Proudhonisten, einzelne "Mängel" der kapi-
talistischen Gesellschaft zu beseitigen, jedoch ihre ökonomischen
Grundlagen unberührt zu lassen, eine Utopie sind, die die Arbei-
terklasse desorientiert und sie von der Erfüllung ihrer histori-
schen Mission ablenkt.
Im Verlauf der Kritik an den proudhonistischen Auffassungen ar-
beitete Marx in den "Grundrissen" die Grundlagen seiner Werttheo-
rie aus, einschließlich des Doppelcharakters der Arbeit und der
Ware in der bürgerlichen Gesellschaft und der Notwendigkeit der
Verwandlung der Ware in Geld.
Marx hat nicht zufällig die Darlegung seiner Werttheorie mit der
Kritik der proudhonistischen Geldtheorie begonnen. In diesem Vor-
gehen äußert sich ein wesentliches Merkmal der Marxschen For-
schungsmethode. Tatsächlich stellt das Geld eine besonders mar-
kante Erscheinungsform des Warenwerts dar, ist doch das Geld, die
Geldform des Wertes, die entwickeltste, dem Kapitalismus adäquate
Form des Wertes. Demzufolge ist die Geldtheorie die direkte Folge
der Werttheorie. Zu diesen Erkenntnissen konnte Marx gelangen, da
er in
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seiner Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie wie auch in
der gesamten Forschung, was für Marx ein einheitlicher Prozeß
war, von der äußeren Erscheinung zum inneren Wesen vordrang.
Die These vom Doppelcharakter der Arbeit in der kapitalistischen
Warenproduktion, die zum erstenmal in den "Grundrissen" ausgear-
beitet wurde, ist ein hervorragendes Resultat des Marxschen Den-
kens. Sie bildet die Grundlage seiner Werttheorie, und dadurch
vor allem unterscheidet sie sich von der Arbeitswerttheorie der
Klassiker der bürgerlichen politischen Ökonomie. Sie begriffen
nicht den Gegensatz zwischen konkreter und abstrakter Arbeit in
der bürgerlichen Gesellschaft und beschränkten sich auf die ein-
fache Bestimmung der Wertgröße durch die Arbeitszeit. Demgegen-
über betonte Marx, daß auf der Erkenntnis vom Doppelcharakter der
Arbeit "a l l e s Verständnis der facts" beruhe (siehe Band 31
unserer Ausgabe, S. 32.6).
Aus dem Doppelcharakter der Arbeit, daraus, daß die Arbeit unter
den Bedingungen des Privateigentums an den Produktionsmitteln un-
mittelbar private Arbeit ist, während sich ihr gesellschaftlicher
Charakter auf dem Markt erst beweisen muß, folgt der Widerspruch
zwischen Gebrauchswert und Wert der Ware, der Widerspruch, wel-
cher seine äußere Bewegungsform in der Verdoppelung der Ware in
Ware und Geld findet, darin, daß der Warenwert in einer besonde-
ren Ware, dem Geld, ein selbständiges Dasein erlangt. Indem das
Geld den Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert der Ware äu-
ßerlich löst, verschärft es gleichzeitig alle Widersprüche der
auf dem privaten Austausch beruhenden Warenproduktion und stellt
den Kapitalismus unvermeidlich vor Wirtschaftskrisen.
Während der Ausarbeitung seiner Werttheorie in den "Grundrissen"
gelangte Marx bis zur Aufdeckung der Ware als ökonomische Zellen-
form des Kapitalismus. Das aber bedeutete, daß der Ausgangspunkt
für die Analyse der ökonomischen Struktur der Gesellschaft nicht,
wie Ricardo annahm, der Wert und auch nicht das Wertverhältnis
der Waren sein kann, sondern vielmehr die Ware selbst, der
stoffliche Träger dieses Verhältnisses.
Bei der Betrachtung der Kategorien Ware und Geld analysierte Marx
die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Ver-
sachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Knechtung
der Individuen, die beherrscht werden von ihren ökonomischen
Verhältnissen, aus denen sie sich nur auf revolutionärem Wege
befreien können.
Eines der wichtigsten Forschungsergebnisse von Marx im "Kapitel
vom Geld" ist die Feststellung, daß die entwickelte Form der Wa-
renproduktion unter den Bedingungen des Privateigentums an den
Produktionsmitteln notwendig die Verwandlung von Geld in Kapital
voraussetzt. Die Entwicklung
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der Warenproduktion und des Tauschwertes führt unvermeidlich zur
"Trennung von Arbeit und Eigentum; so daß Arbeit = wird fremdes
Eigentum schaffen und Eigentum fremde Arbeit kommandieren" (siehe
vorl. Band, S. 164).
Im "Kapitel vom Kapital" löste Marx das zentrale Problem seiner
Untersuchung - die Erforschung des Wesens und des Mechanismus der
kapitalistischen Ausbeutung.
Die bürgerlichen Ökonomen hatten sich vergeblich bemüht, vom Wert
unmittelbar zum Kapital überzugehen. Sie betrachteten das Kapital
als einfache Summe von Werten und erfaßten das Wesen der Verwand-
lung von Geld in Kapital nicht. Marx stellte fest, "daß die ein-
fache Bewegung der Tauschwerte, wie sie in der reinen Zirkulation
vorhanden ist, nie Kapital realisieren kann" (siehe vorl. Band,
S. 179).
Das Wesen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse wird be-
stimmt durch das Verhältnis zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist,
zwischen Arbeit und Kapital, die einander gegenüberstehen und
zwischen denen ein Austausch stattfindet. Die Schwierigkeit der
Analyse dieses Verhältnisses besteht darin nachzuweisen, daß sich
der Austausch zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist auf der Grund-
lage des Wertgesetzes vollzieht, d.h. auf der Grundlage des Aus-
tausches von Äquivalenten.
Marx' Analyse im "Kapitel vom Kapital" beruht im wesentlichen auf
dem im "Kapitel vom Geld" untersuchten Doppelcharakter der Ware,
auf der Betrachtung der Ware als Einheit von Gegensätzen: von Ge-
brauchswert und Wert.
Im Austausch zwischen Kapital und Arbeit unterschied Marx zwei
qualitativ verschiedene Prozesse: 1. den eigentlichen Austausch
zwischen Arbeiter und Kapitalist, in dessen Ergebnis der Kapita-
list die Produktivkraft eintauscht, "die das Kapital erhält und
vervielfältigt" (siehe vorl. Band, S. 200), 2. den Arbeitsprozeß
selbst, in welchem sich dieses Erhalten und Vervielfältigen des
Kapitals vollzieht. Bei der Analyse des ersten Prozesses formu-
lierte Marx folgende Erkenntnis: Im Verhältnis von Kapital und
Arbeit ist "die eine Seite (das Kapital) [...] zunächst der and-
ren Seite als T a u s c h wert gegenüber und die andre (die Ar-
beit) dem Kapital gegenüber als Gebrauchswert" (siehe vorl. Band,
S. 193). Marx vollzog hier einen wichtigen Schritt, um von der
üblichen Formel der bürgerlichen Ökonomen von der "Ware Arbeit"
und vom "Verkauf der Arbeit" zur Ware Arbeitskraft überzugehen.
Die Arbeit tritt in dieser Betrachtung von Marx bereits nicht
mehr als Ware auf, sondern als Gebrauchswert jener Ware, die der
Arbeiter dem Kapitalisten verkauft. Die Besonderheit dieses Ge-
brauchswertes besteht darin, daß er "nicht materialisiert [ist]
in einem Produkt", überhaupt nicht außer dem Arbeiter existiert,
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"also nicht wirklich, sondern nur der Möglichkeit nach, als seine
Fähigkeit" (siehe vorl. Band, S. 193).
Im ersten Prozeß des Austausches zwischen Arbeit und Kapital ging
auch die Verfügungsgewalt über die lebendige Arbeit des Arbei-
ters, d.h. seine Arbeitskraft, sein Arbeitsvermögen, an den Kapi-
talisten über. Der zweite Prozeß dieses Austausches ist der Ar-
beitsprozeß selbst, welcher zusammenfällt mit dem Prozeß der Er-
haltung und Vervielfältigung des Kapitals.
Marx wies nach, daß der Arbeiter, der nicht Eigentümer der Pro-
duktionsmittel ist, auch nicht Eigentümer der Produkte seiner Ar-
beit sein kann, jenes Wertes, den er im Produktionsprozeß er-
zeugt. Aber einen bestimmten, im voraus festgesetzten Teil dieses
vom Arbeiter erzeugten und dem Kapitalisten gehörenden Wertes muß
der Kapitalist dem Arbeiter in Form des Arbeitslohnes zurücker-
statten, um den Wert der Arbeitskraft zu zahlen, d. h. jenes Ar-
beitsquantums, das für die "Produktion" des Arbeiters selbst ver-
braucht wird. Der Arbeiter schafft größeren Wert als den Wert
seiner Arbeitskraft, und der Kapitalist erhält einen Mehrwert,
der so groß ist wie die Differenz zwischen dem von der lebendigen
Arbeit geschaffenen Wert und dem Wert der Arbeitskraft.
In den "Grundrissen" prägte Marx zum erstenmal die Begriffe kon-
stantes Kapital und variables Kapital und erläuterte ihr Verhält-
nis. Die Unterscheidung dieser beiden Bestandteile des Kapitals
hat große Bedeutung für die politische Ökonomie der Arbeiter-
klasse, weil sie zeigt, daß der Profit im Produktionsprozeß nicht
durch das gesamte Kapital hervorgebracht wird, sondern nur durch
den Teil, der für die Arbeitskraft gezahlt wird. Der Wert des
konstanten Kapitals wächst nicht im Produktionsprozeß, sondern
wird lediglich auf das Produkt übertragen.
Die klassische bürgerliche politische Ökonomie hatte den Mehrwert
nie rein als solchen untersucht, sondern nur in seinen besonderen
Formen wie Profit, Zins und Rente, die an der Oberfläche der bür-
gerlichen Gesellschaft wirken. Die Erforschung des Mehrwerts un-
abhängig von seinen besonderen Formen ist eine der bedeutendsten
Errungenschaften der Marxschen ökonomischen Lehre.
Im "Kapitel vom Kapital" entwickelte Marx erstmalig in allgemei-
nen Zügen seine Lehre von den zwei Arten des Mehrwerts, dem abso-
luten und relativen Mehrwert. Er deckte in diesem Zusammenhang
die zweifache Tendenz des Kapitals auf: Verlängerung des Arbeits-
tages als Mittel zur Vergrößerung des absoluten Mehrwerts und
Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit durch Steigerung der Ar-
beitsproduktivität als Mittel zur Vergrößerung des relativen
Mehrwerts.
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Auf diese Art legte Marx in dem vorliegenden Manuskript zum er-
stenmal in der Geschichte der ökonomischen Wissenschaft den Me-
chanismus der kapitalistischen Ausbeutung dar. Er zeigte, daß die
Aneignung des von den Arbeitern geschaffenen Mehrwerts durch die
Kapitalistenklasse die Grundlage der kapitalistischen Produkti-
onsweise ist. Sie geht in Übereinstimmung mit den ihr innewohnen-
den Gesetzen, vor allem dem Mehrwertgesetz, vor sich. Der Mehr-
wert erscheint in der Theorie von Marx als notwendiges Resultat
der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, seine Produktion
und Aneignung ist das Wesen dieser Verhältnisse, das Hauptziel
der Kapitalisten, er bestimmt die übrigen Kategorien und Verhält-
nisse der bürgerlichen Gesellschaft, er liegt dem Bewegungsgesetz
der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde und bedingt unaus-
weichlich ihren Untergang und ihre Ablösung durch den Kommunis-
mus. Wenn die kapitalistische Ausbeutung, wie Marx nachwies, aus
dem Wesen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse hervor-
geht, so folgt daraus, daß innerhalb der kapitalistischen Gesell-
schaftsordnung die Arbeiterklasse nicht von ihrer Ausbeutung be-
freit werden kann. Gleichzeitig damit werden, wie Marx zeigte,
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft selbst die materiellen
Voraussetzungen für die Vernichtung der kapitalistischen Produk-
tionsweise geschaffen, "erzeugen sich sowohl Verkehrs- als Pro-
duktionsverhältnisse, die ebenso viel Minen sind, um sie zu
sprengen" (siehe vorl. Band, S. 93).
Marx hatte in den "Grundrissen" auch schon begonnen, auf der Ba-
sis seiner Mehrwerttheorie die Erscheinungsformen des Mehrwerts
zu erklären. Er entwickelte erste Gedanken zur Entdeckung des Ge-
setzes vom Durchschnittsprofit und der Definition des Produkti-
onspreises, also zur Erklärung des widersprüchlichen Preisbil-
dungsmechanismus unter den Bedingungen des Kapitalismus. Marx
stellte fest, daß der Profit der gesamten Kapitalistenklasse
nicht größer sein kann als die Summe des gesamten Mehrwerts, und
gelangte dadurch zu dem Schluß, daß die in verschiedenen Produk-
tionszweigen notwendigerweise unterschiedlichen Profitraten sich
im Ergebnis der Konkurrenz zwischen den Produktionszweigen zu ei-
ner allgemeinen Profitrate ausgleichen. Die Bildung der allgemei-
nen Profitrate erfolgt, wie Marx darstellt, durch die Umvertei-
lung der in allen Zweigen der kapitalistischen Produktion erzeug-
ten Gesamtsumme des Mehrwerts entsprechend der Größe des in die-
sem oder jenem Zweige angelegten Kapitals. Dabei werden die Waren
zu einem Produktionspreis verkauft, der von ihrem Wert abweicht.
Er kann in einigen Zweigen höher und in anderen Zweigen niedriger
sein als der Wert.
Während der Arbeit am "Kapitel vom Kapital" ergänzte Marx die
Analyse der kapitalistischen Produktionsweise durch die Untersu-
chung der vorangegangenen
#XVII# Vorwort
-----
Gesellschaftsformen und richtete seinen Blick in die Zukunft, auf
jene Gesellschaftsordnung, die den Kapitalismus notwendigerweise
ablösen wird. Er schrieb: Unsre Methode zeigt "die Punkte, wo die
historische Betrachtung hereintreten muß oder wo die bürgerliche
Ökonomie als bloß historische Gestalt des Produktionsprozesses
über sich hinausweist auf frühre historische Weisen der Produk-
tion [...]. Ebenso führt diese richtige Betrachtung andrerseits
zu Punkten, an denen die Aufhebung der gegenwärtigen Gestalt der
Produktionsverhältnisse - und so foreshadowing [Vorahnung] der
Zukunft, werdende Bewegung sich andeutet. Erscheinen einerseits
die vorbürgerlichen Phasen als n u r h i s t o r i s c h e,
i.e. aufgehobne Voraussetzungen, so die jetzigen Bedingungen der
Produktion als s i c h s e l b s t a u f h e b e n d e und
daher als h i s t o r i s c h e V o r a u s s e t z u n g e n
für einen neuen Gesellschaftszustand setzende." (Siehe vorl.
Band, S. 373.)
In diesem Zusammenhang gab Marx im "Kapitel vom Kapital" einen
historischen Abriß über die Formen, die der kapitalistischen Pro-
duktion vorhergingen. Er untersuchte die Entwicklung des Eigen-
tums von der urgemeinschaftlichen Ordnung bis zur Entstehung der
kapitalistischen Aneignungsweise und vollzog damit einen bedeu-
tenden Schritt in der Ausarbeitung seiner Lehre von den ökonomi-
schen Gesellschaftsformationen. Damit vertiefte er seine Ansich-
ten, die er erstmals in der "Deutschen Ideologie" dargelegt
hatte. Marx gab eine Bestimmung des Eigentums und verfolgte im
Detail die Evolution seiner Formen in Abhängigkeit von den Verän-
derungen der Produktionsbedingungen. Diese Verbindung, die zwi-
schen der Form des Eigentums und den Produktionsbedingungen exi-
stiert, hat Marx später im Vorwort zur Veröffentlichung seiner
Schrift "Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Erstes Heft" formu-
liert, wo von den Eigentumsverhältnissen als dem "juristischen
Ausdruck" der einen oder anderen historisch entstandenen Produk-
tionsverhältnisse die Rede ist (siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.
9).
In den "Grundrissen" charakterisierte Marx auch den Begriff Pro-
duktionsweise, wobei er auf die aktive Rolle der Produktivkräfte
im Prozeß der gesellschaftlichen Entwicklung hinwies, die unver-
meidlich die Ablösung einer Gesellschaftsformation durch die
nächst höhere bewirken.
Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Entwicklung der vorkapi-
talistischen Eigentumsformen erklärte Marx den Prozeß der ur-
sprünglichen Akkumulation des Kapitals und zeigte, daß ihr Wesen
einerseits in der Herausbildung der Klasse der Lohnarbeiter be-
steht, die keine Produktionsmittel besitzt, und andererseits in
der Verwandlung der Produktionsmittel in Kapital, befreit von
traditionellen feudalen und Zunfthemmnissen. Erstmals wurde die
Epoche der ursprünglichen Akkumulation hier als spezielle Über-
gangsperiode der geschichtlichen Entwicklung definiert.
#XVIII# Vorwort
-----
In den "Grundrissen" vertiefte Marx die Grundlagen der wissen-
schaftlichen Periodisierung der Geschichte der kapitalistischen
Gesellschaft, die er schon in den vierziger Jahren angedeutet
hatte. Er begründete die Notwendigkeit, in der Entwicklung des
Kapitalismus zwischen dem Manufaktur- und dem Maschinenstadium zu
unterscheiden. Die Manufaktur bildet noch nicht die materielle
Basis für die allgemeine Verbreitung der kapitalistischen Ver-
hältnisse und für die Verdrängung vorkapitalistischer Formatio-
nen. Erst die maschinelle Großproduktion ist die materielle
Grundlage für die endgültige Herausbildung des kapitalistischen
Systems, erst sie ist der vollständigen Herrschaft des Kapitals
adäquat.
Mit der Erforschung der Genesis des Kapitalismus und der Entdec-
kung der Gesetze seiner Entstehung und Entwicklung hatte Marx den
wirklichen historischen Platz des Kapitalismus bestimmt und sei-
nen unausbleiblichen Untergang, die unvermeidliche Aufhebung der
dem Kapitalismus eigenen Trennung zwischen Arbeit und Eigentum
nachgewiesen. "Damit die Arbeit sich wieder zu ihren objektiven
Bedingungen als ihrem Eigentum verhalte, muß ein andres System an
die Stelle des Systems des Privataustauschs treten" (siehe vorl.
Band, S. 417). Die von Marx in diesem Zusammenhang gegebene Ana-
lyse der neuen, an die Stelle des Kapitalismus tretenden Gesell-
schaftsordnung verdient besonderes Interesse.
Im Manuskript von 1857/1858 bezeichnet Marx die kommunistische
Gesellschaft als eine solche Gesellschaft, wo "freie Individuali-
tät, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und
die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen
Produktivität, als ihres gesellschaftlichen Vermögens" herrscht.
(Siehe vorl. Band, S. 91.) Marx unterstreicht die historische
Notwendigkeit des Übergangs zur kommunistischen Gesellschaft, de-
ren Entstehung eine bestimmte Stufe der Entwicklung der materiel-
len und geistigen Bedingungen voraussetzt.
Die Arbeit in der künftigen kommunistischen Gesellschaft wird von
Marx als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit charakterisiert.
Unter den Bedingungen der gemeinschaftlichen Produktion tritt die
Arbeit des einzelnen von Anfang an als gesellschaftliche Arbeit
auf. Nicht der Austausch gibt der Arbeit den Charakter des Allge-
meinen, sondern das gesellschaftliche Eigentum an den Produkti-
onsmitteln und der gemeinschaftliche Charakter der Produktion ma-
chen von vornherein das Produkt der Arbeit zu einem gesellschaft-
lichen, allgemeinen.
Besonders große Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das von Marx
formulierte Gesetz der Ökonomie der Zeit unter den Bedingungen
der kommunistischen Gesellschaft. Marx schreibt: "Gemeinschaft-
liche Produktion
#XIX# Vorwort
-----
vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je
weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu
produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu andrer Produktion,
materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum
hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ih-
rer Tätigkeit von Zeiteinsparung ab. Ökonomie der Zeit, darin
löst sich schließlich alle Ökonomie auf. Ebenso muß die Gesell-
schaft ihre Zeit zweckmäßig einteilen, um eine ihren Gesamtbe-
dürfnissen gemäße Produktion zu erzielen; wie der einzelne seine
Zeit richtig einteilen muß, um sich Kenntnisse in angemeßnen Pro-
portionen zu erwerben oder um den verschiednen Anforderungen an
seine Tätigkeit Genüge zu leisten. Ökonomie der Zeit sowohl wie
planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiednen Zweige
der Produktion bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf Grund-
lage der gemeinschaftlichen Produktion. Es wird sogar in viel hö-
herem Grade Gesetz." (Siehe vorl. Band, S. 105.) Jede wahre Öko-
nomie äußert sich in der Einsparung von Arbeitszeit, in der Redu-
zierung der Produktionskosten auf ein mögliches Minimum; mit an-
deren Worten, in der Steigerung der Arbeitsproduktivität. Das ist
identisch mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Einsparung von
Arbeitszeit bedeutet Erweiterung der Freizeit, welche ihrerseits
auf die Produktivkraft der Arbeit zurückwirkt. Die Freizeit - als
Zeit der Muße, Zeit für Bildung, künstlerische Betätigung usw. -
gestattet jedem Mitglied der Gesellschaft die vollständige Ent-
faltung seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten.
Im Unterschied zu einigen utopischen Sozialisten, die davon
träumten, daß sich die Arbeit im Kommunismus aus einer verhaßten
Bürde, einem Fluch, der sie im Kapitalismus für die übergroße
Mehrheit der Werktätigen ist, in ein Spiel, ein bloßes Amüsement
verwandeln würde, spricht Marx von der Allgemeinheit der Arbeit
in der kommunistischen Gesellschaft, der Arbeit als erstem Le-
bensbedürfnis, als dem "verdammtesten Ernst" (siehe vorl. Band,
S. 512). Die kommunistische Arbeit hat wissenschaftlichen Charak-
ter, sie ist die praktische Anwendung des Wissens, die "Experi-
mentalwissenschaft, materiell schöpferische und sich vergegen-
ständlichende Wissenschaft" (siehe vorl. Band, S. 607). Die Wis-
senschaft wandelt sich um in eine unmittelbare Produktivkraft.
(Siehe vorl. Band, S. 602.)
Als Marx seine ökonomische Theorie entwickelte, erarbeitete er
sich gleichzeitig auch die Struktur seines ökonomischen Werkes.
Es wurde bereits der erste Planentwurf erwähnt, den Marx Ende Au-
gust 1857 in der unvollendet gebliebenen "Einleitung" angefertigt
hat. Diesem Plan zufolge, den Marx fast in derselben Form am
Schluß des "Kapitels vom Geld" (siehe vorl. Band, S. 154) wieder-
holte, sollte das Werk aus fünf Teilen bestehen, von denen der
#XX# Vorwort
----
erste Teil die allgemein abstrakten Bestimmungen enthalten
sollte, die in dieser oder jener Form allen Gesellschaftsordnun-
gen eigen sind.
Im November 1857 gab Marx am Beginn des "Kapitels vom Kapital"
(siehe vorl. Band, S. 188) bereits viel detailliertere Fassungen
des Plans für jenen Teil seiner Arbeit, dessen unmittelbarer Ge-
genstand das Kapital in all seinen Formen und Aspekten ist, wobei
er im Abschnitt "Allgemeinheit" (dem Marx später die Bezeichnung
"Das Kapital im allgemeinen" gab) eine Dreigliederung des Materi-
als vornahm, die später im Aufbau seines "Kapitals" eine so große
Rolle spielte.
Mit dem vorliegenden Manuskript "Grundrisse der Kritik der poli-
tischen Ökonomie" faßte Marx die Ergebnisse seiner ökonomischen
Studien zusammen. Es wurde nicht in erster Linie für die Veröf-
fentlichung geschrieben, sondern diente Marx zur Selbstverständi-
gung. In der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen und klein-
bürgerlichen Ideologie entwickelte er wichtige Grundgedanken sei-
ner ökonomischen Lehre. Durch seine umfangreichen Studien konnte
Marx den Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung aufdecken
und so einen wichtigen Schritt zur umfassenden ökonomischen Be-
gründung der historischen Mission der Arbeiterklasse vollziehen.
Mit der Fertigstellung dieses Manuskriptes endete die erste große
Etappe bei der Ausarbeitung der ökonomischen Theorie von Marx und
der Herausbildung der Struktur seines künftigen Hauptwerkes "Das
Kapital".
Mit dem Erscheinen der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), die ge-
meinsam vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU
und vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED heraus-
gegeben wird, ist es möglich, die vorliegende Marx-Engels-Werk-
ausgabe auf der Grundlage der MEGA durch weitere Ergänzungsbände
zu komplettieren.
In dem vorliegenden Band finden im Textteil, im Vorwort und im
wissenschaftlichen Apparat die neuen Forschungsergebnisse des
Bandes 1 der Zweiten Abteilung der MEGA sowie des Bandes 46 der
zweiten russischen Ausgabe der Werke von Marx und Engels ihren
Niederschlag.
Der Text folgt der unveränderten Wiedergabe der Marxschen Manu-
skripte in der MEGA. Offensichtliche Schreibfehler werden ohne
Nachweis korrigiert, alle sinnverändernden Texteingriffe in Fuß-
noten nachgewiesen. Zum besseren Verständnis des Textes werden
von der Redaktion an einigen Stellen erklärende oder ergänzende
Worte in eckigen Klammern eingefügt. Die Manuskripte wurden von
Marx selbst nur spärlich durch Überschriften gegliedert. Ein
großer Teil der Überschriften stammt von der Redaktion und ist
durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Dabei wird auf die Über-
schriften des
#XXI Vorwort
-----
MEGA-Bandes zurückgegriffen. Die eckigen Klammern bei Marx sind
durch geschweifte Klammern ersetzt.
Alle längeren Zitate erscheinen im Kleindruck. Fremdsprachige Zi-
tate werden im Text erstmalig ins Deutsche übersetzt; ihr Origi-
nalwortlaut ist im Anhang zu finden. Soweit möglich, werden Über-
setzungen der Zitate gebracht, die Marx oder Engels in den
"Theorien über den Mehrwert", im "Kapital" und in anderen Werken
selbst gegeben haben. Für die Übersetzung von Smith und Ricardo
werden die Neuausgaben ihrer Hauptwerke benutzt (David Ricardo,
"Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteue-
rung". Übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Gerhard
Bondi, Berlin 1959. - Adam Smith, "Eine Untersuchung über das We-
sen und die Ursachen des Reichtums der Nationen". Übersetzt und
eingeleitet von Peter Thal, Band I, Berlin 1963).
Die Fußnoten von Marx sind durch Sternchen gekennzeichnet. Die
von ihm in den Text eingestreuten fremdsprachigen Wörter und
Sätze werden unverändert gebracht und in Fußnoten übersetzt.
Diese sind durch eine durchgehende Linie vom Text getrennt und
durch Ziffern kenntlich gemacht.
Die Nummern der Manuskripthefte von Marx werden durch römische
Zahlen, die Manuskriptseiten durch arabische Zahlen zwischen
senkrechten Strichen gekennzeichnet.
Rechtschreibung und Zeichensetzung sind, soweit vertretbar, mo-
dernisiert. Der Lautstand und die Silbenzahl in den deutschspra-
chigen Texten werden nicht verändert. Im Text vorkommende Unein-
heitlichkeiten bei Währungsbezeichnungen werden vereinheitlicht.
Der vorliegende Band enthält Anmerkungen, auf die im Text durch
hochgestellte Ziffern in eckigen Klammern hingewiesen wird, ein
Literatur- und Personenverzeichnis, ein Verzeichnis der Gewichte,
Maße und Münzen, ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Sachregi-
ster.
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED
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