Quelle: MEW 43 Marx: Ökonomisches Manuskript 1861 bis 1863
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#168# 2. Der absolute Mehrwert - Heft III
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b) Verhältnis der Surplusarbeit zur notwendigen Arbeit.
Maß der Mehrarbeit
Das Kapital hat die schrankenlose Tendenz der Selbstbereicherung
mit der Schatzbildung gemein. Da der Mehrwert sich in Mehrarbeit
auflöst, hat es den schrankenlosen Trieb, die Mehrarbeit zu ver-
mehren. Für die in Arbeitslohn verausgabte vergegenständlichte
Arbeit sucht das Kapital ein größtmöglichstes Quantum lebendiger
Arbeitszeit zurückzuerhalten, d.h. einen größtmöglichsten Über-
schuß von Arbeitszeit über die Arbeitszeit hinaus, die zur Repro-
duktion des Salairs, d. h. zur Reproduktion des Werts des tägli-
chen Lebensmittels des Arbeiters selbst, erheischt ist. Von den
schrankenlosen
#169# b) Verhältnis der Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit
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Ausschweifungen des Kapitals in dieser Hinsicht bietet seine
ganze Geschichte den Beweis. Die Tendenz zeigt sich überall un-
verhüllt, und sie wird nur im Schach gehalten teils durch physi-
sche Bedingungen, teils durch soziale Hindernisse (die sie selbst
erst erzeugt), auf die hier nicht näher einzugehn ist. Es gilt
nur, die Tendenz zu konstatieren. In dieser Hinsicht interessant
z. B. das moderne Fabrikwesen in England mit der Fronarbeit, etwa
in den Donaufürstentümern zu vergleichen. In beiden Formen, wovon
die eine entwickelt kapitalistisch ist, die andre der rohsten
Form des Leibeignenwesens angehört - zeigt sich gleich handgreif-
lich die Aneignung fremder Mehrarbeit, Surplusarbeit, als die di-
rekte Quelle der Bereicherung. Die speziellen Umstände, die im
Fabrikwesen, der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise,
hinzukommen, um die Arbeitszeit über ihre natürlichen Schranken
hinaus widernatürlich zu verlängern, können erst im Verlauf die-
ser Untersuchung näher angedeutet werden.
Bei der Vergleichung der walachischen Fronarbeit mit englischer
Lohnarbeit folgender Punkt festzuhalten. Besteht die tägliche Ge-
samtarbeitszeit eines Arbeiter aus 12 oder 14 Stunden und betrüge
die notwendige Arbeitszeit in beiden Fällen nur 10 Stunden, so
würde der Arbeiter im ersten Fall während 6 Wochentagen 6 x 2
oder 12 Stunden, im zweiten Fall 6X4 oder 24 Stunden Mehrarbeit
liefern. Im ersten Falle würde [er] von 6 Tagen einen, im zweiten
2 Tage für den Kapitalisten arbeiten ohne Äquivalent. Die Sache
reduzierte sich im ganzen Jahr, Woche ein und aus, darauf, daß er
1, 2 oder x Tage der Woche für den Kapitalisten arbeitet; die an-
dren Tage der Woche aber für sich selbst. Dies ist die Form,
worin das Verhältnis direkt bei der Fronarbeit, etwa der walachi-
schen, auftritt. Dem Wesen nach ist das allgemeine Verhältnis in
beiden Fällen dasselbe, obgleich die Form - die Vermittlung des
Verhältnisses, verschieden ist.
Es existieren jedoch natürliche Schranken für die Dauer der täg-
lichen Arbeitszeit des einzelnen Individuums. Abgesehn von der
Zeit, die erheischt ist zur Ernährung, bedarf es des Schlafes,
der Erholung, einer Pause, worin das Arbeitsvermögen und das Or-
gan desselben die Ruhe genießen, ohne die sie unfähig sind, das
Werk fortzusetzen oder von neuem zu beginnen. Als natürliches Maß
der Arbeitsdauer kann der T a g selbst bezeichnet werden, wie
in England denn auch der 12stündige Tag der "working day" 1*) ge-
nannt wird. Die Grenzen des Arbeitstags sind jedoch verschwim-
mend, und wir finden ihn von 10 zu 17 (18) Stunden bei verschied-
nen Völkern und in besondren Industriezweigen bei demselben Volke
ausgedehnt. Die Zeit der Arbeit und der
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1*) "Arbeitstag"
#170# 2. Der absolute Mehrwert - Heft III
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Ruhe können verschoben werden, so daß z.B. während der Nacht ge-
arbeitet und bei Tag geruht, geschlafen wird. Oder der Arbeitstag
kann zwischen Tag und Nacht verteilt werden. So finden wir z. B.
bei den russischen Fabriken in Moskau, daß 24 Stunden, Tag und
Nacht, durchgearbeitet wird (wie dies zum großen Teil in den er-
sten Zeiten der englischen Baumwollmanufaktur der Fall war). Es
werden dann aber zwei Gänge (sets) von Arbeitern angewandt. Der
erste Gang arbeitet 6 Stunden im Tag und wird dann vom zweiten
Gang abgelöst. Darauf arbeitet der erste Gang wieder 6 Stunden in
der Nacht und wird für die folgenden 6 Stunden wieder vom zweiten
Gang abgelöst. Oder (wie bei dem Fall der dressmakerin 1*) [65],
der zu zitieren), es kann nun (und d. bakers 2*) [66]) 30 Stunden
nacheinander gearbeitet werden und dann Unterbrechung etc.
¦¦100¦ [67] Die Beispiele (hier beizubringen) über Extraktion von
Arbeitszeit auch nützlich, weil darin schlagend hervortreten, wie
der Wert, d.h. der Reichtum als solcher, sich einfach in Arbeits-
zeit auflöst.
Wir haben geseh'n, daß der Kapitalist das Arbeitsvermögen seinem
Äquivalent nach zahlt und daß die Verwertung des Arbeitsvermögens
über seinen Wert hinaus mit dieser dem Gesetz des Warenaustauschs
gemäß vor sich gehenden Operation - nämlich dem Gesetz, daß die
Waren sich austauschen im Verhältnis der in ihnen enthaltnen Ar-
beitszeit oder im Verhältnis der Arbeitszeit, die zu ihrer Pro-
duktion erheischt ist - nicht in Widerspruch steht, vielmehr aus
der spezifischen Natur des Gebrauchswerts der Ware hervorgeht,
die hier verkauft wird. Es scheint daher völlig gleichgültig, d.
h. nicht durch die Natur des Verhältnisses selbst gegeben zu
sein, in welchem Maße das Arbeitsvermögen vom Kapitalisten ver-
wertet wird oder bis zu welchem Umfang die Dauer der Arbeitszeit
im wirklichen Produktionsprozeß verlängert wird. D.h. in andern
Worten: Die Größe der lebendigen Mehrarbeit, also auch der leben-
digen Gesamtarbeitszeit, die das Kapital eintauscht für ein be-
stimmtes, durch die Produktionskosten des Arbeitsvermögens selbst
bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit, scheinen ebenso-
wenig durch die Natur dieses ökonomischen Verhältnisses selbst
begrenzt zu sein, sowenig als die Art und Weise, wie der Käufer
den Gebrauchswert einer Ware verwertet, durch das Verhältnis von
Kauf und Verkauf überhaupt bestimmt ist. Es ist vielmehr unabhän-
gig davon. Die Schranken, die sich hier entwickeln, z.B. später
ökonomisch aus dem Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr oder auch
aus Staatseinmischung u. dgl., scheinen dagegen im allgemeinen
Verhältnis selbst nicht eingeschlossen zu sein.
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1*) Schneiderin - 2*) Bäcker
#171# b) Verhältnis der Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit
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Indes ist folgendes zu erwägen: Was Verwertung des Arbeitsvermö-
gens (oder wie wir es früher nannten, Konsumtion desselben. Es
ist eben die Natur des Arbeitsvermögens, daß der Konsum desselben
zugleich Verwertungsprozeß, Vergegenständlichung von Arbeit) auf
Seiten des Kapitals, ist auf Seiten des Arbeiters Arbeiten, also
Verausgabung von Lebenskraft. Wird die Arbeit über eine gewisse
Zeitdauer verlängert - oder das Arbeitsvermögen über einen gewis-
sen Grad hinaus verwertet -, so wird das Arbeitsvermögen temporär
oder definitiv zerstört, statt sich zu erhalten. Läßt der Kapita-
list den Arbeiter z.B. heute 20 Stunden arbeiten, so wird er mor-
gen unfähig sein, die normale Arbeitszeit von 12 Stunden oder
vielleicht irgendeine Arbeitszeit zu arbeiten. Erstreckt sich die
Überarbeitung über eine längere Periode, so wird der Arbeiter
sich selbst und daher sein Arbeitsvermögen, das er vielleicht für
20 oder 30 Jahre erhalten hätte, vielleicht nur für 7 Jahre er-
halten. So z.B. ist es bekannt, daß die 2 Stunden Manufakturar-
beiten (Hausarbeit), die die Sklaven in den südlichen Staaten von
Nordamerika vor der Erfindung des cottongin 1*) verrichten mußten
zur Trennung der Baumwolle von ihrem Samen - nachdem sie 12 Stun-
den in Feldarbeit gearbeitet -, ihre durchschnittliche Lebens-
dauer auf 7 Jahre reduzierten. Dasselbe ist noch in diesem Augen-
blick der Fall in Kuba, wo die Neger nach 12stündiger Feldarbeit
noch zwei Stunden mit auf die Zucker- oder Tabaksbereitung bezüg-
licher Manufakturarbeit beschäftigt werden.
Verkauft der Arbeiter aber sein Arbeitsvermögen zu seinem
W e r t - eine Unterstellung, von der wir in unsrer Untersuchung
ausgehn - wie wir überhaupt von der Voraussetzung ausgehn, daß
die Waren zu ihrem Wert verkauft werden -, so ist nur unter-
stellt, daß er täglichen Durchschnittslohn erhält, der ihn befä-
higt, in seiner hergebrachten Weise als Arbeiter fortzuleben,
also daß er den andren Tag (abgesehn von dem Verschleiß, den das
natürliche Alter mit sich bringt oder den die Art und Weise sei-
ner Arbeit an und für sich mitbringt) in demselben normalen Zu-
stand von Gesundheit sich befindet wie den Tag zuvor, daß sein
Arbeitsvermögen reproduziert oder erhalten ist, also in derselben
Weise wieder verwertet werden kann als den Tag zuvor während ei-
ner bestimmten normalen Zeitdauer, z. B. 20 Jahre. Wird also die
Mehrarbeit zu einem Umfang der Überarbeitung ausgedehnt, die die
normale Dauer des Arbeitsvermögens gewaltsam abkürzt, temporell
vernichtet, d. h. beschädigt oder ganz zerstört, so wird diese
Bedingung verletzt. Der Arbeiter stellt den Gebrauch seines Ar-
beitsvermögens - wenn er dasselbe zu seinem Wert verkauft - zur
Disposition, aber nur in dem Umfang, wodurch der Wert des
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1*) Egreniermaschine
#172# 2. Der absolute Mehrwert - Heft III
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Arbeitsvermögens selbst nicht zerstört wird, sondern vielmehr nur
in einem Umfang, worin ihn der Arbeitslohn befähigt, das Arbeits-
vermögen zu reproduzieren, zu erhalten während einer gewissen
normalen Durchschnittszeit. Verwendet der Kapitalist ihn über
diese normale Arbeitszeit hinaus, so zerstört er das Arbeitsver-
mögen und damit seinen Wert. Er hat aber nur den täglichen
Durch¦¦101¦schnittswert desselben gekauft, also keineswegs den
Wert, den es außer diesem Tag noch den andren hat. Oder er hat in
7 Jahren nicht den Wert gekauft, den 1*) es während 20 Jahren
hat.
Wie also aus dem spezifischen Gebrauchswert dieser Ware - des
Arbeitsvermögens - einerseits hervorgeht, daß sein Konsum selbst
Verwertung, Wertschöpfung ist, so geht andrerseits aus der spezi-
fischen Natur dieses Gebrauchswerts hervor, daß der Umfang, worin
es verbraucht werden kann, verwertet wird, innerhalb gewisser
Schranken gebannt werden muß, um seinen Tauschwert selbst nicht
zu zerstören.
Hier, wo wir überhaupt annehmen, daß der Arbeiter sein Arbeits-
vermögen zu seinem Wert verkauft, nehmen wir noch an, daß die Ge-
samtzeit, die Summe der notwendigen Arbeitszeit und der Mehrar-
beitszeit, den Normalarbeitstag nicht übersteigt, setze man ihn
nun zu 12, 13 oder 14 Stunden an, die der Arbeiter arbeitet, [um]
sein Arbeitsvermögen in seinem gewöhnlichen Zustand von Gesund-
heit und Werkfähigkeit in einer gewissen normalen Durchschnitts-
zeit zu erhalten und täglich von neuem zu reproduzieren.
Aus dem Gesagten geht aber hervor, daß hier eine Antinomie in dem
allgemeinen Verhältnis selbst stattfindet, eine Antinomie, die
daraus hervorgeht: Einerseits, abgesehn von der natürlichen
Schranke, die die Ausdehnung der Arbeitszeit über eine gewisse
Zeitdauer absolut verhindert, geht aus dem allgemeinen Verhältnis
zwischen Kapital und Arbeit - dem Verkauf des Arbeitsvermögens -
keine Schranke für die Mehrarbeit hervor. Andrerseits, sofern die
Mehrarbeit den Wert des Arbeitsvermögens selbst zerstört, während
nur sein Gebrauch verkauft ist zu dem Umfang, worin es sich als
Arbeitsvermögen erhält und reproduziert, also auch sein Wert wäh-
rend einer bestimmten normalen Zeitdauer erhalten wird - wider-
spricht die Mehrarbeit über eine gewisse verschwimmende Grenze
hinaus der Natur des Verhältnisses selbst, die mit dem Verkauf
des Arbeitsvermögens durch den Arbeiter gegeben ist.
Wir wissen, daß in der Praxis, ob eine Ware unter oder über ihrem
Wert verkauft wird, von dem relativen Machtverhältnis (das jedes-
mal ökonomisch bestimmt ist), vom Käufer und Verkäufer abhängt.
Ebenso hier, ob der Arbeiter
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1*) In der Handschrift: das
#173# b) Verhältnis der Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit
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die Mehrarbeit über dem normalen Maß liefert oder nicht, wird ab-
hängen von der Widerstandskraft, die er den maßlosen Ansprüchen
des Kapitals entgegensetzen kann. Die Geschichte der modernen In-
dustrie belehrt uns jedoch, daß die maßlosen Ansprüche des Kapi-
tals nie durch die vereinzelten Anstrengungen des Arbeiters im
Zaume gehalten wurden, sondern daß der Kampf erst die Form eines
Klassenkampfes annehmen und dadurch die Einmischung der Staatsge-
walt hervorrufen mußte, bis die tägliche Gesamtarbeitszeit ge-
wisse Schranken fand. (Zuerst bis jetzt meist nur in gewissen
Sphären.)
Man denkt vielleicht, daß, wie der Sklavenbesitzer, wenn er den
Neger in 7 Jahren vernutzt, gezwungen ist, ihn durch neuen Kauf
von Negern zu ersetzen, so das Kapital, da das beständige Dasein
der Arbeiterklasse seine Grundvoraussetzung ist, den raschen Ver-
schleiß der Arbeiter selbst wieder zahlen muß. Der einzelne Kapi-
talist A kann sich bereichert haben durch dies "Killing no Mur-
der" [68], während Kapitalist B vielleicht die Expences 1*) zu
zahlen hat oder die Generation B der Kapitalisten. Indes, der
einzelne Kapitalist rebelliert beständig gegen das Gesamtinter-
esse der Kapitalistenklasse. Andrerseits hat die Geschichte der
modernen Industrie gezeigt, daß eine beständige Übervölkerung
möglich ist, obgleich sie aus schnell hinlebenden, sich rasch
folgenden, sozusagen unreif gepflückten Menschengenerationen ih-
ren Strom bildet. (Sieh die Stelle bei Wakefield. [69])
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