Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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Abschweifung
(über produktive Arbeit)
¦¦V-182¦ Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein
Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher
produziert Verbrechen. Betrachtet man näher den Zusammenhang die-
ses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft,
so wird man von vielen Vorurteilen zurückkommen. Der Verbrecher
produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht
und damit auch den Professor, der Vorlesungen über das Kriminal-
recht hält, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser
selbe Professor seine Vorträge als "Ware" auf den allgemeinen
Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des Nationalreichtums ein.
Ganz abgesehn von dem Privatgenuß, den, wie uns ein kompetenter
Zeuge, Prof. Roscher, [sagt,] das Manuskript des Kompendiums sei-
nem Urheber selbst gewährt. 1*)
Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei und Kriminal-
justiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.; und alle
diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien der
gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bilden, entwickeln ver-
schiedne Fähigkeiten des menschlichen Geistes, schaffen neue
Bedürfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein
hat zu den sinnreichsten mechanischen Erfindungen Anlaß gegeben
und in der Produktion ihrer Werkzeuge eine Masse ehrsamer Hand-
werksleute beschäftigt.
Der Verbrecher produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils
tragisch, je nachdem, und leistet so der Bewegung der moralischen
und ästhetischen Gefühle des Publikums einen "Dienst". Er produ-
ziert nicht nur Kompendien über das Kriminalrecht, nicht nur
Strafgesetzbücher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst,
schöne Literatur, Romane und sogar Tragödien, wie nicht nur Müll-
ners "Schuld" und Schillers
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1*) Der vorstehende Satz findet sich in der Handschrift quer am
Rande und ist von Marx zur Einfügung an diese Stelle bezeichnet
#364# Beilagen
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"Räuber", sondern selbst "Ödipus" und "Richard der Dritte" bewei-
sen. Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicher-
heit des bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation
und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne
die selbst der Stachel der Konkurrenz abstumpfen würde. Er gibt
so den produktiven Kräften einen Sporn. Während das Verbrechen
einen Teil der überzähligen Bevölkerung dem Arbeitsmarkt entzieht
und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem
gewissen Punkt den Fall des Arbeitslohns unter das Minimum ver-
hindert, absorbiert der Kampf gegen das Verbrechen einen andern
Teil derselben Bevölkerung. Der Verbrecher tritt so als eine je-
ner natürlichen "Ausgleichungen" ein, die ein richtiges Niveau
herstellen und eine ganze Perspektive "nützlicher" Beschäfti-
gungszweige auftun.
Bis ins Detail können die Einwirkungen des Verbrechers auf die
Entwicklung der Produktivkraft nachgewiesen werden. Wären Schlös-
ser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine
Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwär-
tigen Vollendung gediehn, gäbe es keine ¦¦183¦ Falschmünzer?
Hätte das Mikroskop seinen Weg in die gewöhnliche kommerzielle
Sphäre gefunden (siehe Babbage) ohne Betrug im Handel? Verdankt
die praktische Chemie nicht ebensoviel der Warenfälschung und dem
Bestreben, sie aufzudecken, als dem ehrlichen Produktionseifer?
Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das
Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt
damit ganz so produktiv wie strikes auf Erfindung von Maschinen.
Und verläßt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale
Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Natio-
nen? Und ist der Baum der Sünde nicht zugleich der Baum der Er-
kenntnis seit Adams Zeiten her? Mandeville in seiner "Fable of
the Bees" (1705) hatte schon die Produktivität aller möglichen
Berufsweisen usw. bewiesen und überhaupt die Tendenz dieses gan-
zen Arguments:
"Das, was wir in dieser Welt das Böse nennen, das moralische so
gut wie das natürliche, ist das große Prinzip, das uns zu sozia-
len Geschöpfen macht, die feste Basis, d a s L e b e n u n d
d i e S t ü t z e a l l e r G e w e r b e u n d B e-
s c h ä f t i g u n g e n ohne Ausnahme; hier haben wir den
wahren Ursprung aller Künste und Wissenschaften zu suchen; und in
dem Moment, da das Böse aufhörte, müßte die Gesellschaft verder-
ben, wenn nicht gar gänzlich untergehen."
Nur war Mandeville natürlich unendlich kühner und ehrlicher als
die philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft.
¦V-183¦¦
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