Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil


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       #363#
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       Abschweifung
       (über produktive Arbeit)
       
       ¦¦V-182¦ Ein  Philosoph produziert  Ideen, ein Poet Gedichte, ein
       Pastor Predigten,  ein Professor  Kompendien usw.  Ein Verbrecher
       produziert Verbrechen. Betrachtet man näher den Zusammenhang die-
       ses letztren  Produktionszweigs mit  dem Ganzen der Gesellschaft,
       so wird  man von  vielen Vorurteilen zurückkommen. Der Verbrecher
       produziert nicht  nur Verbrechen,  sondern auch das Kriminalrecht
       und damit  auch den Professor, der Vorlesungen über das Kriminal-
       recht hält, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser
       selbe Professor  seine Vorträge  als "Ware"  auf den  allgemeinen
       Markt wirft.  Damit tritt  Vermehrung des  Nationalreichtums ein.
       Ganz abgesehn  von dem  Privatgenuß, den, wie uns ein kompetenter
       Zeuge, Prof. Roscher, [sagt,] das Manuskript des Kompendiums sei-
       nem Urheber selbst gewährt. 1*)
       Der Verbrecher  produziert ferner die ganze Polizei und Kriminal-
       justiz, Schergen,  Richter, Henker,  Geschworene usw.;  und  alle
       diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien der
       gesellschaftlichen Teilung  der Arbeit  bilden,  entwickeln  ver-
       schiedne Fähigkeiten  des  menschlichen  Geistes,  schaffen  neue
       Bedürfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein
       hat zu  den sinnreichsten  mechanischen Erfindungen Anlaß gegeben
       und in  der Produktion  ihrer Werkzeuge eine Masse ehrsamer Hand-
       werksleute beschäftigt.
       Der Verbrecher  produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils
       tragisch, je nachdem, und leistet so der Bewegung der moralischen
       und ästhetischen  Gefühle des Publikums einen "Dienst". Er produ-
       ziert nicht  nur Kompendien  über das  Kriminalrecht,  nicht  nur
       Strafgesetzbücher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst,
       schöne Literatur, Romane und sogar Tragödien, wie nicht nur Müll-
       ners "Schuld" und Schillers
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       1*) Der  vorstehende Satz  findet sich in der Handschrift quer am
       Rande und ist von Marx zur Einfügung an diese Stelle bezeichnet
       
       #364# Beilagen
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       "Räuber", sondern selbst "Ödipus" und "Richard der Dritte" bewei-
       sen. Der  Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicher-
       heit des  bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation
       und ruft  jene unruhige  Spannung und  Beweglichkeit hervor, ohne
       die selbst  der Stachel  der Konkurrenz abstumpfen würde. Er gibt
       so den  produktiven Kräften  einen Sporn.  Während das Verbrechen
       einen Teil der überzähligen Bevölkerung dem Arbeitsmarkt entzieht
       und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem
       gewissen Punkt  den Fall  des Arbeitslohns unter das Minimum ver-
       hindert, absorbiert  der Kampf  gegen das Verbrechen einen andern
       Teil derselben  Bevölkerung. Der Verbrecher tritt so als eine je-
       ner natürlichen  "Ausgleichungen" ein,  die ein  richtiges Niveau
       herstellen und  eine ganze  Perspektive  "nützlicher"  Beschäfti-
       gungszweige auftun.
       Bis ins  Detail können  die Einwirkungen  des Verbrechers auf die
       Entwicklung der Produktivkraft nachgewiesen werden. Wären Schlös-
       ser je  zu ihrer  jetzigen Vollkommenheit  gediehn, wenn es keine
       Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwär-
       tigen Vollendung  gediehn, gäbe  es  keine  ¦¦183¦  Falschmünzer?
       Hätte das  Mikroskop seinen  Weg in  die gewöhnliche kommerzielle
       Sphäre gefunden  (siehe Babbage)  ohne Betrug im Handel? Verdankt
       die praktische Chemie nicht ebensoviel der Warenfälschung und dem
       Bestreben, sie  aufzudecken, als  dem ehrlichen Produktionseifer?
       Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das
       Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt
       damit ganz  so produktiv wie strikes auf Erfindung von Maschinen.
       Und verläßt  man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale
       Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Natio-
       nen? Und  ist der  Baum der Sünde nicht zugleich der Baum der Er-
       kenntnis seit  Adams Zeiten  her? Mandeville  in seiner "Fable of
       the Bees"  (1705) hatte  schon die  Produktivität aller möglichen
       Berufsweisen usw.  bewiesen und überhaupt die Tendenz dieses gan-
       zen Arguments:
       
       "Das, was  wir in  dieser Welt das Böse nennen, das moralische so
       gut wie  das natürliche, ist das große Prinzip, das uns zu sozia-
       len Geschöpfen  macht, die  feste Basis,  d a s  L e b e n  u n d
       d i e   S t ü t z e   a l l e r    G e w e r b e    u n d    B e-
       s c h ä f t i g u n g e n   ohne Ausnahme;  hier  haben  wir  den
       wahren Ursprung aller Künste und Wissenschaften zu suchen; und in
       dem Moment,  da das Böse aufhörte, müßte die Gesellschaft verder-
       ben, wenn nicht gar gänzlich untergehen."
       
       Nur war  Mandeville natürlich  unendlich kühner und ehrlicher als
       die philisterhaften  Apologeten  der  bürgerlichen  Gesellschaft.
       ¦V-183¦¦

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