Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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#20# Zweites Kapitel
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[2. Widersprüche im System der Physiokratie: seine feudale Hülle
und sein bürgerliches Wesen; Zwieschlächtigkeit in der Erklärung
des Mehrwerts]
Daher die Widersprüche im System der Physiokratie.
Es ist in der Tat das erste System, das die kapitalistische Pro-
duktion analysiert und die Bedingungen, innerhalb deren Kapital
produziert wird und innerhalb deren das Kapital produziert, als
ewige Naturgesetze der Produktion darstellt. Andrerseits er-
scheint es vielmehr als eine bürgerliche Reproduktion des Feudal-
systems, der Herrschaft des Grundeigentums, und die industriellen
Sphären, innerhalb deren das Kapital sich zuerst selbständig ent-
wickelt, erscheinen vielmehr als unproduktive' Arbeitszweige,
bloße Anhängsel der Agrikultur. Die erste Bedingung der Kapi-
talentwicklung ist die Trennung des Grundeigentums von der Ar-
beit, das selbständige Gegenübertreten der Erde - dieser Urbedin-
gung der Arbeit als selbständige Macht, in der Hand einer besond-
ren Klasse befindliche Macht, gegenüber dem freien Arbeiter. In
dieser Darstellung erscheint daher der Grundeigentümer als der
eigentliche Kapitalist, das heißt der Aneigner der Surplusarbeit.
Der Feudalismus wird so sub specie 1*) der bürgerlichen Produk-
tion reproduziert und erklärt wie die Agrikultur als der Produk-
tionszweig, worin sich die kapitalistische Produktion - d.h. die
Produktion des Mehrwerts - ausschließlich darstellt. Indem so der
Feudalismus verbürgerlicht wird, erhält die bürgerliche Gesell-
schaft einen feudalen Schein.
Dieser Schein täuschte die adligen Anhänger des Dr. Quesnay wie
den schrullenhaft patriarchalischen alten Mirabeau. Bei den wei-
teren Köpfen ¦¦227¦ des physiokratischen Systems, namentlich Tur-
got, verschwindet dieser Schein vollständig und stellt sich das
physiokratische System als die innerhalb des Rahmens der feudalen
Gesellschaft durchdringende neue kapitalistische Gesellschaft
dar. Es entspricht dies also der bürgerlichen Gesellschaft in der
Epoche, worin sie aus dem Feudalwesen herausbricht. Der Ausgangs-
punkt ist daher in Frankreich, in einem vorherrschend ackerbauen-
den Land, nicht in England, einem vorherrschend industriellen,
kommerziellen und seefahrenden Land. Hier ist natürlich der Blick
auf die Zirkulation gerichtet, daß das Produkt erst als Ausdruck
der allgemeinen gesellschaftlichen Arbeit - als Geld - Wert er-
hält, Ware wird. Soweit es sich
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1*) in der Gestalt
#21# Die Physiokraten
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daher nicht um die Form des Werts handelt, sondern um die Wert-
größe und die Verwertung, liegt hier der profit upon expropria-
tion 1*), d.h. der von Steuart geschilderte relative Profit zur
Hand. Soll aber das Schaffen des Mehrwerts in der Produktions-
sphäre selbst nachgewiesen werden, so muß zunächst zum Arbeits-
zweig zurückgegangen werden, worin er sich unabhängig von der
Zirkulation darstellt, zur Agrikultur. Diese Initiative ist daher
in einem Land vorherrschender Agrikultur geschehn. Den Physiokra-
ten verwandte Ideen finden sich bruchweis bei ihnen vorhergehen-
den alten Schriftstellern, wie zum Teil in Frankreich selbst bei
Boisguillebert. Bei ihnen erst werden sie epochemachendes System.
Der Agrikulturarbeiter, auf das Minimum des Lohns angewiesen, das
strict nécessaire 2*), reproduziert mehr als dies strict néces-
saire, und dies Mehr ist die Grundrente, der M e h r w e r t,
der von den Eigentümern der Grundbedingung der Arbeit, der Natur,
angeeignet wird. Es wird also nicht gesagt: Der Arbeiter arbeitet
über die für die Reproduktion seines Arbeitsvermögens notwendige
Arbeitszeit hinaus; der Wert, den er schafft, ist daher größer
als der Wert seines Arbeitsvermögens; oder die Arbeit, die er
wiedergibt, ist größer als das Quantum Arbeit, das er in der Form
des Salairs erhält; sondern: Die Summe der Gebrauchswerte, die er
während der Produktion verzehrt, ist kleiner als die Summe der
Gebrauchswerte, die er schafft, und so bleibt ein Surplus von Ge-
brauchswerten übrig. - Arbeitete er nur die Zeit, die zur Repro-
duktion seines eignen Arbeitsvermögens nötig, so bliebe nichts
übrig. Aber es wird nur der Punkt festgehalten, daß die Produkti-
vität der Erde ihn befähigt, in seiner Tagesarbeit, die als gege-
ben vorausgesetzt ist, mehr zu produzieren, als er zu konsumieren
braucht, um fortzuexistieren. Dieser Surpluswert erscheint also
als G a b e d e r N a t u r, durch deren Mitwirkung eine be-
stimmte Masse organischen Stoffs - Samen von Pflanzen, Anzahl
Tiere - die Arbeit befähigt, mehr unorganischen Stoff in organi-
schen zu verwandeln.
Andrerseits ist es als selbstverständlich vorausgesetzt, daß der
Grundeigentümer als Kapitalist dem Arbeiter gegenübertritt. Er
zahlt ihm sein Arbeitsvermögen, das der Arbeiter ihm als Ware an-
bietet, und im Ersatz dafür erhält er nicht nur ein Äquivalent,
sondern eignet sich die Verwertung dieses Arbeitsvermögens an.
Die Entfremdung der gegenständlichen Bedingung der Arbeit und des
Arbeitsvermögens selbst sind bei diesem Austausch vorausgesetzt.
Vom feudalen Grundeigentümer wird ausgegangen, aber er tritt als
Kapitalist auf, als bloßer Warenbesitzer, der die von
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1*) Entäußerungsprofit - 2*) Allernotwendigste
#22# Zweites Kapitel
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ihm gegen Arbeit ausgetauschten Waren verwertet, nicht nur ihr
Äquivalent, sondern ein Surplus über dieses Äquivalent zurücker-
hält, weil er das Arbeitsvermögen nur als Ware zahlt. Als Waren-
besitzer tritt er dem freien Arbeiter gegenüber. Oder dieser
Grundeigentümer ist wesentlich Kapitalist. Auch in dieser Hin-
sicht die Wahrheit des physiokratischen Systems, als die Loslö-
sung des Arbeiters von der Erde und vom Grundeigentum Grundbedin-
gung ¦¦228¦ für die kapitalistische Produktion und die Produktion
des Kapitals ist.
In demselben System daher die Widersprüche: daß ihm 1*), das zu-
erst den M e h r w e r t aus der Aneignung fremder Arbeit er-
klärt und zwar letztre auf Grundlage des Warenaustauschs erklärt,
der Wert überhaupt nicht eine Form der gesellschaftlichen Arbeit
und der Mehrwert nicht Mehrarbeit ist, sondern der Wert bloßer
Gebrauchswert, bloßer Stoff, und der Mehrwert bloße Gabe der Na-
tur, die an die Stelle eines gegebnen Quantums organischen Stof-
fes ein größres Quantum dir Arbeit zurückgibt. Einerseits ist die
Grundrente - also die wirkliche ökonomische Form des Grundeigen-
tums - von seiner feudalen Hülle abgeschält, auf bloßen Mehrwert,
über das Arbeitssalair [hinaus] reduziert. Andrerseits ist wieder
feudalistisch dieser Mehrwert aus der Natur, nicht aus der
Gesellschaft, aus dem Verhältnis zur Erde, nicht aus dem Verkehr
abgeleitet. Der Wert selbst löst sich in bloßen Gebrauchswert,
daher Stoff auf. Andrerseits interessiert an diesem Stoff bloß
die Quantität, der Überschuß der produzierten Gebrauchswerte über
die konsumierten, also das bloß quantitative Verhältnis der Ge-
brauchswerte zueinander, der bloße Tauschwert derselben, der sich
schließlich in Arbeitszeit auflöst.
Es sind dies alles Widersprüche der kapitalistischen Produktion,
die sich aus der feudalen Gesellschaft herausarbeitet und letz-
tere selbst nur mehr bürgerlich interpretiert, ihre eigentümliche
Form aber noch nicht gefunden hat, wie etwa die Philosophie, die
sich erst in der religiösen Form des Bewußtseins herauskonstru-
iert und damit einerseits die Religion als solche vernichtet,
andrerseits positiv sich selbst nur noch in dieser idealisierten,
in Gedanken aufgelösten religiösen Sphäre bewegt.
Daher auch in den Konsequenzen, die die Physiokraten selbst
ziehn, die scheinbare Verherrlichung des Grundeigentums in dessen
ökonomische Verneinung und Bestätigung der kapitalistischen Pro-
duktion umschlägt. Einerseits werden alle Steuern auf die Grund-
rente verlegt, oder das Grundeigentum wird in andren Worten par-
tialiter konfisziert, was die französische
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1*) In der Handschrift: es
#23# Die Physiokraten
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Revolutionsgesetzgebung durchzuführen suchte und das Resultat der
Ricardoschen ausgebildeten modernen Ökonomie [18] ist. Indem die
Steuer ganz auf die Grundrente gewälzt wird, weil sie der einzige
Mehrwert ist - daher jede Besteurung andrer Einkommensformen nur
auf einem Umweg, daher nur auf ökonomisch schädlichem Wege, in
einer die Produktion hemmenden Weise das Grundeigentum besteuert
- wird die Steuer und damit alle Staatsintervention von der Indu-
strie selbst entfernt und diese so von aller Staatsintervention
befreit. Angeblich geschieht dies zum Besten des Grundeigentums,
nicht im Interesse der Industrie, sondern des Grundeigentums. Da-
mit zusammenhängend: Laissez faire, laissez aller [19]; die unge-
hinderte freie Konkurrenz, Beseitigung aller Staatseinmischung,
Monopole etc. von der Industrie. Da die Industrie nichts schafft,
nur verwandelt in andre Form die ihr von der Agrikultur gegebnen
Werte, denen sie keinen neuen Wert zusetzt, sondern als Äquiva-
lent nur in andrer Form die ihr gelieferten Werte zurückgibt, so
ist es natürlich wünschenswert, daß dieser Verwandlungsprozeß
ohne Störungen vor sich geht und in der wohlfeilsten Weise; und
dies wird nur durch die freie Konkurrenz bewirkt, in dem die ka-
pitalistische Produktion sich selbst überlassen wird. Die Emanzi-
pation der bürgerlichen Gesellschaft von der auf den Trümmern der
Feudalgesellschaft errichteten absoluten Monarchie findet also
nur im Interesse des in einen Kapitalisten ¦¦229¦ verwandelten
und auf bloße Bereichrung bedachten feudalen Grundeigentümers
statt. Die Kapitalisten sind nur Kapitalisten im Interesse des
Grundeigentümers, ganz wie die weiter entwickelte Ökonomie sie
nur Kapitalisten im Interesse der arbeitenden Klasse sein läßt.
Man sieht also, wie wenig moderne Ökonomen, [wie] Herr Eugène
Daire, der Herausgeber der Physiokraten samt seiner gekrönten
Preisschrift über dieselben, die Physiokratie verstanden haben,
wenn sie ihre spezifischen Sätze über die ausschließliche Produk-
tivität der Agrikulturarbeit, über die Grundrente als den einzi-
gen Mehrwert, über die hervorragende Stellung der Grundeigentümer
im System der Produktion, ohne Zusammenhang und nur zufällig zu-
sammengebracht mit ihrer Proklamation der freien Konkurrenz, dem
Prinzip der großen Industrie, der kapitalistischen Produktion
finden. Man begreift zugleich, wie der feudale Schein dieses Sy-
stems, ganz wie der aristokratische Ton der Aufklärung, eine
Masse von feudalen Herrn zu Schwärmern für ein System und Ver-
breitern eines Systems machen mußte, das wesentlich das bürgerli-
che Produktionssystem auf den Ruinen des feudalen proklamierte.
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