Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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#31# Die Physiokraten
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[5. Physiokratische Elemente bei Smith]
In der Agrikultur zuerst von allen Industriezweigen Anwendung der
Naturkräfte für die Produktion im großen. Die Anwendung derselben
in der industrie manufacturière 1*) zeigt sich erst bei einer ho-
hem Entwicklungsstufe der letztern auffällig. Aus dem folgenden
Zitat kann man sehn, wie A. Smith hier noch die Vorperiode der
großen Industrie und daher die physiokratische Anschauung geltend
macht und wie Ricardo ihm antwortet vom Standpunkt der modernen
Industrie aus.
¦¦235¦ Im book II, ch. 5. ["An inquiry into the nature and causes
of the wealth of nations"] sagt A. Smith mit Bezug auf die Boden-
rente:
"Sie ist das Werk der Natur, welches übrigbleibt nach Abzug oder
Ersatz alles dessen, was als Menschenwerk betrachtet werden kann.
Sie ist selten weniger als ein Viertel und oft mehr als ein Drit-
tel des Gesamtprodukts. Keine gleiche Menge produktiver Arbeit,
angewandt in der Manufaktur, kann je eine so große Reproduktion
bewirken. I n d e r M a n u f a k t u r t u t d i e
N a t u r n i c h t s, d e r M e n s c h a l l e s; und die
Reproduktion muß immer proportionell sein der Stärke der Agenten,
die sie durchführen."
Worauf Ricardo bemerkt ["On the principles of political economy,
and taxation"], 2nd edit. 1819, Note zu p. 61, 62:
"Hilft die Natur dem Menschen in der Manufaktur nicht? Sind Wind-
und Wasserkraft, die unsere Maschinen antreiben und der Schif-
fahrt dienen, nichts? Der
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1*) Manufakturindustrie
#32# Zweites Kapitel
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atmosphärische Druck und die Dampfkraft, die es uns ermöglichen,
erstaunliche Maschinen zu benutzen - sind sie keine Naturgaben?
Dabei sprechen wir gar nicht über die Wirkungen der Hitze beim
Entlüften und Schmelzen von Metallen, über die Zersetzung der
Luft beim Färb- und Gärungsprozeß. Es kann keine Manufaktur ge-
nannt werden, in der die Natur nicht dem Menschen großzügig und
unentgeltlich hilft."
Daß die Physiokraten den Profit nur als einen Abzug von der Rente
betrachten:
"Die Physiokraten sagen z.B. vom Preis eines Stückes Spitze, ein
Teil ersetze nur das, was der Arbeiter konsumiert hat, und der
andere Teil werde bloß aus der Tasche eines Mannes" {des
Landlords nämlich} "in die eines anderen übertragen." ("An In-
quiry into those Principles, respecting the Nature of Demand and
the Necessity of Consumption, lately advocated by Mr. Malthus
etc.", London 1821, p. 96.)
Aus der Anschauung der Physiokraten, welche den Profit (Zins ein-
geschlossen) als bloße vom Kapitalisten zu verzehrende Revenue
auffassen, geht auch A. Smiths und seiner Nachfolger Ansicht her-
vor, daß die Akkumulation des Kapitals der persönlichen Abdarbung
und Absparung und Entsagung des Kapitalisten geschuldet sei. Sie
können das sagen, weil sie nur die Grundrente als die eigentli-
che, ökonomische, sozusagen legitime Quelle der Akkumulation be-
trachten.
"Er", sagt Turgot, nämlich le laboureur 1*), "ist der einzige,
dessen Arbeit e t w a s ü b e r d e n A r b e i t s l o h n
h i n a u s produziert." (Turgot, l.c.p. 11.)
Profit ist hier also ganz eingerechnet in das salaire du travail
2*).
¦¦236¦ "Der Bebauer erzeugt über diese Wiedererstattung" (seines
eigenen salaire) "hinaus die Revenue des Grundeigentumers; der
Handwerker dagegen erzeugt überhaupt keine Revenue, weder für
sich noch für andere." (l.c.p. 16.) "Alles, was die Erde hervor-
bringt bis zu dem Betrag der zurückfliegenden Vorschüsse aller
Art und der dabei gemachten Profite, k a n n n i c h t a l s
R e v e n u e b e t r a c h t e t w e r d e n, sondern nur als
z u r ü c k k e h r e n d e B e b a u u n g s k o s t e n."
(l.c.p. 40.)
A. Blanqui, "Histoire de l'éc. pol.", Bruxelles 1839, p. 139:
[Die Physiokraten waren der Ansicht, daß] "die auf die Bebauung
des Bodens verwandte Arbeit nicht bloß soviel produzierte, wie
der Arbeiter für den eigenen Unterhalt während der ganzen Dauer
der Arbeit brauchte, sondern noch einen Ü b e r s c h u ß a n
W e r t" (Mehrwert), "der zur Masse des schon bestehenden Reich-
tums. hinzugefügt werden konnte. Sie nannten diesen Überschuß
N e t t o p r o d u k t" (fassen also den Mehrwert auf in der
Gestalt der Gebrauchswerte, worin er sich darstellt). "Das Net-
toprodukt
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1*) der Landmann; in der Handschrift: le travail du laboureur -
2*) den Arbeitslohn
#33# Die Physiokraten
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mußte notwendigerweise dem Eigentümer des Bodens zufallen und
bildete in seiner Hand eine Revenue, über die er frei vertilgen
konnte. Welches war nun das Nettoprodukt der anderen Gewerbs-
zweige?... Manufakturisten, Handeltreibende, Arbeiter - sie alle
waren die Kommis, die E n t l o h n t e n der Agrikultur, der
souveränen Schöpferin und Verteilerin aller Güter. Die Produkte
der Arbeit dieser Gruppen stellen im System der
Ö k o n o m i s t e n [22] nur das Äquivalent ihrer Konsumtion
während ihrer Arbeit dar, so daß nach Vollendung ihrer Arbeit die
Totalsumme des Reichtums absolut dieselbe blieb wie vorher, es
sei denn, die Arbeiter die Eigentümer hätten, was sie zu konsu-
mieren berechtigt waren, zurückgelegt, das heißt gespart. Die auf
den Boden angewandte Arbeit war so die einzige, die Reichtum pro-
duzierte, und die der anderen Gewerbe wurde als steril angesehen,
weil s i e k e i n e V e r m e h r u n g d e s
a l l g e m e i n e n K a p i t a l s z u r F o l g e hatte."
(Also setzten die Physiokraten das Wesen der kapitalistischen
Produktion in die Produktion des Mehrwerts. Dies Phänomen galt es
ihnen zu erklären. Und es war das Problem, nachdem sie den profit
d'expropriation 1*) des Merkantilsystems beseitigt hatten.
"Um Geld zu erhalten," sagt Mercier de la Rivière, "muß man es
kaufen, und nach diesem Kauf ist man nicht reicher, als man vor-
her war; man hat bloß in Geld denselben Wert erhalten, den man in
Waren hingegeben hat." (Mercier de la Rivière, "Ordre naturel et
essentiel des sociétés politiques", t. II, p. 338.)
Dies gilt sowohl vom ¦¦237¦ Kauf als vom Verkauf, wie es vom Re-
sultat der ganzen Metamorphose der Ware gilt, oder deren Resul-
tat, dem Austausch verschiedner Waren zu ihrem Wert, also dem
Austausch von Äquivalenten. Woher daher der Mehrwert? D.h., woher
das Kapital? Dies das Problem für die Physiokraten. Ihr Irrtum,
daß sie die Vermehrung des Stoffs, der infolge der natürlichen
Vegetation und Generation die Agrikultur und Viehzucht von der
Manufaktur unterscheidet, mit der V e r m e h r u n g d e s
T a u s c h w e r t s verwechselten. Der Gebrauchswert lag ihnen
zugrunde. Und der Gebrauchswert aller Waren auf ein Universale,
wie die Scholastiker sagen, reduziert, war der Naturstoff als
solcher, dessen Vermehrung in gegebner Form nur in der Agrikultur
stattfindet.)
G. Garnier, der Übersetzer A. Smiths und selbst Physiokrat, setzt
richtig ihre E r s p a r u n g s t h e o r i e etc. auseinan-
der. Zuerst sagt er nur, daß die Manufaktur, wie die Merkantili-
sten von aller Produktion behaupteten, n u r einen Mehrwert
schaffen kann durch den profit of expropriation 2*), indem sie
die Waren über ihrem Wert verkauft, also nur a new distribution
of values created, but no new addition to the created values 3*)
stattfindet.
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1*) Entäußerungsprofit - 2*) Entäußerungsprofit - 3*) eine neue
Verteilung erzeugte Werte, aber keine neue Hinzufügung zu den er-
zeugten Werten
#34# Zweites Kapitel
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"Die Arbeit der Handwerker und Manufakturisten, die keine neue
Quelle des Reichtums eröffnet, k a n n n u r p r o f i t a-
b e l w e r d e n d u r c h v o r t e i l h a f t e n
A u s t a u s c h und besitzt nur einen rein relativen Wert,
einen Wert, der sich nicht wiederholt, wenn sich nicht von neuem
die Gelegenheit ergibt, d u r c h A u s t a u s c h
G e w i n n z u b r i n g e n." (Seine Übersetzung "Recherches
sur la nature et les causes de la richesse des nations", t. V,
Paris 1802, P. 266 [23].)
Oder die Ersparungen, die sie machen, die values, die sie sichern
über die hinaus, die sie depensieren, muß ihrer eigenen consomma-
tion abgeknausert werden.
"Zwar kann die Arbeit der Handwerker und Manufakturisten der all-
gemeinen Masse des Reichtums der Gesellschaft nichts hinzufügen
als die Ersparnisse, welche die Lohnarbeiter und die Kapitalisten
machen, aber auf diesem Wege kann sie allerdings zur Bereicherung
der Gesellschaft beitragen." (l.c.p. 266.)
Und ausführlicher:
"Die Arbeiter in der Landwirtschaft bereichern den Staat durch
das Produkt selbst, das ihre Arbeit erzeugt, die Arbeiter der Ma-
nufakturen und des Handels könnten ihn dagegen nur durch die
E r s p a r u n g e n a u f K o s t e n i h r e s e i g e-
n e n K o n s u m s bereichern. Diese Behauptung der
Ökonomisten ist eine Konsequenz der von ihnen eingeführten Unter-
scheidung und erscheint ganz unbestreitbar. In der Tat, die Ar-
beit der Handwerker und Manufakturisten kann dem Wert des Stoffes
nichts anderes hinzufügen als den Wert ihrer eigenen Arbeit, das
heißt den Wert der Arbeitslöhne und der Profite, die diese Arbeit
nach der im Lande jeweils geltenden Rate der einen ¦¦238¦ wie der
anderen einbringen mußte. Diese Löhne nun, wie hoch oder niedrig
sie auch sein mögen, sind das Entgelt für die Arbeit; sie sind
was der Arbeiter zu konsumieren berechtigt ist und was er vermut-
lich auch konsumiert; denn nur in der Konsumtion kann er die
Früchte seiner Arbeit genießen, und dieser Genuß stellt tatsäch-
lich sein ganzes Entgelt dar. G e n a u s o w e r d e n d i e
P r o f i t e, w i e n i e d r i g o d e r h o c h s i e
a u c h s e i n m ö g e n, ebenfalls als die tagtägliche Kon-
sumtion des Kapitalisten angesehen, von dem man natürlicherweise
voraussetzt, daß er seine Genüsse der Revenue anpaßt, die ihm
sein Kapital abwirft. Folglich - wenn der Arbeiter nicht auf
einen gewissen Teil des Wohlstandes verzichtet, auf den er nach
der f ü r s e i n e A r b e i t geltenden Rate des Arbeits-
lohnes ein Recht hat, wenn der Kapitalist nicht einen Teil der
Revenue, die ihm sein Kapital abwirft, erspart - wird der eine
wie der andere in dem Maße, in dem die Arbeit vollendet wird, den
ganzen eben aus dieser Arbeit hervorgehenden Wert konsumieren.
Nach Beendigung ihrer Arbeit wird die Gesamtmasse des Reichtums
der Gesellschaft dieselbe sein, die sie vorher war, w e n n
s i e n i c h t einen Teil dessen, was sie zu konsumieren be-
rechtigt waren, was sie konsumieren konnten, ohne als Verschwen-
der zu gelten, e r s p a r t h ä t t e n. In diesem Falle wäre
die Gesamtmasse des Reichtums der Gesellschaft u m d e n
g a n z e n W e r t d i e s e r E r s p a r n i s s e gewach-
sen. Man darf also mit Recht sagen, daß die in den Manufakturen
und im Handel Tätigen die G e s a m t m a s s e d e s i n
d e r G e s e l l s c h a f t v o r h a n d e n e n R e i c h-
t u m s n u r d u r c h i h r e E n t b e h r u n g e n
v e r m e h r e n können." (l.c.p. 263, 264.)
#35# Die Physiokraten
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Garnier fühlt auch ganz richtig heraus, daß A. Smiths Theorie von
der Akkumulation vermittelst der Ersparung (A. Smith war sehr von
der Physiokratie infiziert, wie er nirgendwo schlagender beweist
als in seiner Kritik der Physiokratie) auf dieser physio-
kratischen Grundlage beruht. Sagt Garnier:
"Wenn endlich die Ökonomisten behauptet haben, Manufaktur und
Handel kannten den nationalen Reichtum nur durch ihre Entbehrun-
gen vermehren, so Smith ganz ebenso, daß man das Gewerbe umsonst
betreibe und daß das Kapital eines Landes niemals vergrößert
würde, wenn die Ökonomie es nicht durch ihre Ersparungen ver-
mehrte." (liv. II, ch. 3.) "Smith ist also mit den Ökonomisten
völlig einer Meinung" etc. (l.c.p. 270.)
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