Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
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#35# Die Physiokraten
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[6. Die Physiokraten als Anhänger der großen, auf kapitalisti-
scher Grundlage beruhenden Agrikultur]
¦¦239¦ Unter den unmittelbar historischen Umständen, die die Ver-
breitung der Physiokratie und selbst ihr Aufkommen beförderten,
führt A. Blanqui in der vorher zitierten Schrift an:
"Von allen Werten, die in der hitzigen Atmosphäre des
S y s t e m s" (Laws [21]) "aufschossen, blieb nichts übrig als
der Ruin, die Verzweiflung und der Bankrott. Das Grundeigentum
allein war in diesem Sturme nicht untergegangen."
{Darum läßt Herr Proudhon in der "Philosophie de la Misère" auch
das Grundeigentum auf den Kredit folgen.}
"Seine Lage hatte sich sogar verbessert, da es - vielleicht das
e r s t e M a l seit dem Feudalismus - die Hände wechselte und
i n h o h e m M a ß e a u f g e t e i l t w u r d e."
(l.c.p. 138.) Nämlich: "Die unzähligen Besitzwechsel, die unter
dem Einfluß des Systems vor sich gingen, begannen den Grundbesitz
zu zerstückeln... Das Grundeigentum trat zum erstenmal aus jenem
Zustande der Erstarrung heraus, in dem es das Feudalsystem so
lange gehalten hatte. Das war ein wahres Erwachen für die Agri-
kultur... Sie" (la terre 1*)) "gelangte nun aus dem Regime der
toten Hand in das der Zirkulation." (p. 137, 138.)
Turgot so gut wie Quesnay und seine übrigen Anhänger wollen auch
k a p i t a l i s t i s c h e Produktion innerhalb der Agrikul-
tur. So Turgot:
"Pachten oder Mieten von Land... diese letztere Methode" (der
großen, auf dem modernen Pachtwesen beruhenden Agrikultur) "ist
die vorteilhafteste von allen, aber sie setzt ein Land voraus,
das schon reich ist." (Sieh Turgot, l.c.p. 16-21.)
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1*) die Erde
#36# Zweites Kapitel
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Und Quesnay in seinen "Maximes générales du gouvernement économi-
que d'un royaume agricole":
"Der zum Getreidebau verwandte Boden soll soweit wie möglich zu
großen Pachtgütern vereinigt werden, die von reichen Landwirten"
(i.e. Kapitalisten) "ausgebeutet werden; denn bei den großen
landwirtschaftlichen Betrieben sind die Ausgaben für die Erhal-
tung und Reparatur der Gebäude geringer, die Unkosten verhältnis-
mäßig sehr viel kleiner und das Nettoprodukt sehr viel größer als
bei den kleinen." [p. 96, 97.]
Zugleich, an besagtem Ort, gibt Quesnay zu, daß die Steigerung
der Produktivität der Agrikulturarbeit dem "revenu net" 1*), also
zunächst dem propriétaire, i.e. dem Besitzer des Mehrwerts, zu-
kömmt und daß die relative Steigerung des Letztem nicht aus dem
Boden, sondern aus gesellschaftlichen etc. arrangements 2*) zur
Steigerung der Produktivität der Arbeit herstammt. ¦¦240¦ Denn er
sagt am besagten Ort:
"Jede vorteilhafte" {i.e. au profit du produit net 3*)}
"Ersparnis an Arbeiten, die man mit Hilfe von Tieren, Maschinen,
Wasserkräften usw. ausführen kann, kommt der Bevölkerung zugute"
etc. [p. 97.]
Zugleich hat Mercier de la Rivière (l.c., t. II, p. 407) eine Ah-
nung, daß der Mehrwert in der Manufaktur wenigstens (was Turgot
für alle Produktion, wie oben erwähnt, entwickelt) etwas zu tun
hat mit den Manufakturarbeitern selbst. Am zitierten Platz ruft
er aus:
"Mäßigt euren Enthusiasmus, ihr blinden Bewunderer der trügeri-
schen Produkte der Industrie. Ehe ihr ihre Wunder preist, öffnet
die Augen und seht, in weicher Armut oder wenigstens in welcher
Dürftigkeit dieselben Arbeiter leben, die die Kunst verstehen,
zwanzig Sous in den Wert von tausend Talern zu verwandeln; w e r
p r o f i t i e r t d e n n v o n d i e s e r e n o r m e n
V e r m e h r u n g v o n W e r t e n? N u n! J e n e,
d u r c h d e r e n H a n d s i e h e r v o r g e b r a c h t
w e r d e n, k e n n e n n i c h t d e n W o h l s t a n d!
A c h! L a ß t e u c h w a r n e n d u r c h d i e s e n
K o n t r a s t!"
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1*) der "Nettorevenue"- 2*) Maßnahmen - 3*) d.h. für das Netto-
produkt
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