Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil
zurück
#74# Drittes Kapitel
-----
[9. Say als Vulgarisator der Smithschen Theorie. Says Identifi-
zierung des gesellschaftlichen Bruttoprofits mit der gesell-
schaftlichen Revenue. Versuche zu ihrer Unterscheidung bei Storch
und Ramsay]
Say, der seine fade Oberflächlichkeit darunter zu verstecken
sucht, daß er die Halbheiten und Böcke A. Smiths in absolut-all-
gemeine Phrasen auflöst, sagt:
#75# A. Smith
-----
"Betrachtet man eine Nation in ihrer Gesamtheit, so hat sie kein
Nettoprodukt; denn da der Wert der P r o d u k t e gleich ist
den K o s t e n ihrer Produktion, so zieht man, wenn man diese
K o s t e n abzieht, den ganzen W e r t d e r P r o d u k t e
ab... Die j ä h r l i c h e R e v e n u e ist die B r u t-
t o r e v e n u e." ("Traité d'Écon. Politique", 3e édit., t
II, Paris 1817, p. 469.)
Der Wert der Summe der jährlichen Produkte ist gleich dem Quantum
der in ihnen materialisierten Ar-¦¦270¦beitszeit. Zieht man die-
sen Gesamtwert vorn jährlichen Produkt ab, so bleibt, was den
Wert betrifft, in der Tat kein Wert über, und damit hat sowohl
das revenu net wie das revenu brut sein letztes Absehn und Ende
erreicht. Aber Say meint, die jährlich produzierten 1*) Werte
werden jährlich verzehrt. Daher kein produit net 2*), sondern nur
produit brut 3*) für die ganze Nation. Erstens falsch, daß die
jährlich produzierten 1*) Werte jährlich verzehrt werden. Von ei-
nem großen Teil des capital fixe dies nicht der Fall. Ein großer
Teil der jährlich produzierten Werte geht in den Arbeitsprozeß
ein, ohne in den Verwertungsprozeß einzugehn, d.h., ohne daß der
Gesamtwert jährlich konsumiert wird. Aber zweitens: Die Werte,
die konsumiert werden, nicht um in den fonds de consommation ein-
zugehn, sondern als means of production 4*), die der Produktion,
wie sie aus ihr hervorgegangen sind, entweder selbst oder in
Äquivalenten wiedergegeben werden, bilden einen Teil der jährli-
chen Konsumtion der Werte. Der zweite Teil wird von den Werten
gebildet, die über diesen Teil hinaus in die individuelle Konsum-
tion eingehn können. Sie bilden das produit net.
Storch sagt über diesen Sayschen Dreck:
"Es ist klar, daß der Wert des Jahresprodukts sich einerseits in
Kapital, andererseits in Profit teilt und daß jeder d i e s e r
W e r t t e i l e d e s J a h r e s p r o d u k t s d i e
P r o d u k t e, d i e d i e N a t i o n b e n ö t i g t,
r e g e l m ä ß i g k a u f e n w i r d, sowohl um ihr Kapital
zu erhalten, wie um ihren Konsumtionsvorrat zu erneuern."
(Storch, Cours d'Éc. Pol.". t. V: "Considérations la nature du
revenu national", Paris 1824, p. 134, 135.) "Man frage sich, ob
die Revenue einer Familie, die durch ihre eigene Arbeit alle ihre
Bedürfnisse deckt, wovon viele Beispiele in Rußland..., ob die
Revenue einer solchen Familie gleich ist dem Bruttoprodukt ihres
Bodens, ihres Kapitals und ihrer Industrie? Kann sie in ihren
Scheunen oder ihren Ställen wohnen, ihr Saatkorn und ihr Vichfut-
ter aufessen, sich von ihrem Zugvieh kleiden, sich mit ihren Ac-
kergeräten vergnügen? Nach Says Lehrsatz müßte man alle diese
Fragen bejahen." (l.c.p. 135, 136.) "Say betrachtet das Brutto-
pukt als die Revenue der Gesellschaft; schließt daher, daß die
Gesellschaft
-----
1*) In der Handschrift: consumierten; die darübergeschriebene
Bleisziftkorrektur - produzierten - stammt offenbar von Engels -
2*) Nettoprodukt - 3*) Bruttoprodukt - 4*) Produktionsmittel
#76# Drittes Kapitel
-----
konsumieren kann einen Wert gleich diesem Produkt." (l.c.p. 145.)
"Die (Netto)revenue einer Nation ist nicht der Überschuß der pro-
duzierten Werte über die G e s a m t h e i t d e r k o n-
s u m i e r t e n W e r t e, wie Say es vorstellt, sondern nur
über die f ü r d i e P r o d u k t i o n k o n s u m i e r-
t e n W e r t e." Also, "wenn eine Nation in einem Jahr diesen
ganzen Überschuß konsumiert, verzehrt sie ihre ganze
(Netto)revenue." (l.c.p. 146.) "Wenn man zugibt, daß die Revenue
einer Nation ihrem Bruttoprodukt gleich ist, das heißt, kein
K a p i t a l in Abzug zu bringen ist, so muß man auch zugeben,
daß diese Nation den ganzen Wert ihres jährlichen Produkts
unproduktiv verzehren kann, ohne ihrer künftigen Revenue den ge-
ringsten Abbruch zu tun." (l.c.p. 147.) "D i e
P r o d u k t e, d i e d a s k o n s t a n t e K a p i t a l
e i n e r N a t i o n a u s m a c h e n, s i n d n i c h t
k o n s u m a b e l." (l.c.p. 150.)
Ramsay (George): "An Essay on the Distribution of Wealth",
(Edinburgh 1836) bemerkt über denselben Gegenstand, nämlich die
quatrième partie du prix total 1*) des A. Smith, oder was ich das
capital constant im Unterschied zu dem in Arbeitslohn ausgelegten
Kapital nenne:
¦¦271¦ "Ricardo", sagt er, "vergißt, daß das ganze Produkt nicht
nur zwischen Arbeitslohn und Profit sich teilt, sondern auch ein
Teil nötig ist zum Ersatz des fixen Kapitals" (p. 174, Note).
Unter "fixed capital" versteht Ramsay nämlich nicht nur Produkti-
onsinstrumente etc., sondern auch das Rohmaterial, kurz, was ich
das konstante Kapital innerhalb jeder Produktionssphäre nenne.
Ricardo, wenn er von der Teilung des Produkts in Profit und sa-
laire spricht, unterstellt stets, daß das der Produktion selbst
vorgeschoßne und in ihr aufgezehrte Kapital abgezogen wird. Aber
dennoch hat Ramsay in der Hauptsache recht. Indem Ricardo den
konstanten Teil des Kapitals gar nicht weiter untersucht, ver-
nachlässigt, begeht er grobe Fehler und speziell Verwechslung
zwischen Profit und Mehrwert, ferner in den Untersuchungen über
die Oszillationen in der Rate des Profits etc.
Hören wir nun, was Ramsay selbst sagt:
"Wie vergleichen das Produkt und das darauf verausgabte Kapi-
tal?... In bezug auf eine ganze Nation... ist es klar, daß alle
die verschiedenen Elemente des verausgabten Kapitals in dem einen
oder dem anderen Produktionszweig reproduziert werden müssen, da
sonst die Produktion des Landes nicht wie zuvor betrieben werden
könnte. Das Rohmaterial der Manufakturen, die in ihnen und in der
Agrikultur verwendeten Geräte, die umfangreiche Maschinerie der
ersteren, die zur Produktion oder zur Lagerung der Produkte not-
wendigen Gebäude müssen sämtlich Teile des Gesamtprodukts eines
ndes sein, ebenso wie alle Vorschüsse seiner kapitalistischen Un-
ternehmer. Daher kann die Menge der ersteren mit der der letzte-
ren verglichen werden, indem man sich vorstellt, jeder Artikel
trete gleichsam neben einen solchen von ähnlicher Art." (Ramsay,
l.c.p. 137-139.) Was nun den individuellen Kapitalisten angeht,
da er nicht
-----
1*) vierten Teil des Gesamtpreises
#77# A. Smith
-----
"replaciert in natura" seine Ausgaben, "da er den größten Teil
erhalten muß durch Austausch, wozu ein gewisser Teil des Produkts
für diesen Zweck erforderlich ist, so kommt jeder individuelle
kapitalistische Unternehmer dahin, mehr auf den Tauschwert des
Produkts zu schauen als auf dessen Menge." (l.c.p. 145, 146.) "Je
mehr der W e r t d e s P r o d u k t s den W e r t d e s
vorgeschossenen Kapitals übersteigt, desto größer wird der Profit
sein. Daher wird er ihn berechnen, indem er Wert mit Wert, nicht
Menge mit Menge vergleicht... Der Profit muß genauso steigen oder
fallen wie der Anteil des Bruttoprodukts oder seines
W e r t e s, der zum E r s a t z d e r n o t w e n d i g e n
V o r s c h ü s s e erforderlich ist, fällt oder steigt. Also
von zwei Umständen hängt die Profitrate ab: 1. von dem Anteil des
Gesamtprodukts, der den Arbeitern zufällt; 2. von dem Teil, der
zurückgelegt werden muß, um das fixe Kapital entweder in natura
oder durch Austausch zu ersetzen." (l.c.p. 146-148, passim.)
{Was Ramsay hier über die Rate des Profits sagt, ist in ch. III
über den Profit zu betrachten. [12] Es ist wichtig, daß er dies
Element richtig hervorhebt. Einerseits ist richtig, was Ricardo
sagt, daß die Verwohlfeilerung der Waren, die das capital con-
stant bilden (und das versteht Ramsay unter fixem Kapital), stets
einen Teil des vorhandnen Kapitals depreziieren. Namentlich gilt
dies vom eigentlichen capital fixe, Maschinerie etc. Daß der
Mehrwert, verglichen mit dem Gesamtkapital, steigt, ist für den
einzelnen Kapitalisten kein Vorteil, wenn dies Steigen dieser
Rate dadurch hervorgebracht ist, daß der Gesamtwert seines kon-
stanten Kapitals (des vor der Depreziation schon von ihm beseß-
nen) gefallen ist. Dies gilt indes nur in sehr geringem Maß für
den aus Rohstoff oder fertigen Waren (die nicht in das capital
fixe eingehn) bestehenden Teil des Kapitals. Diese existierende
Masse desselben, die so depreziiert werden kann, immer nur eine
verschwindende Größe, verglichen mit der Gesamtproduktion. Es
gilt bei jedem Kapitalisten nur in geringem Maße für den in zir-
kulierendem Kapital ausgelegten Teil seines Kapitals. Dagegen
klar - da der Profit gleich dem Verhältnis des Mehrwerts zur To-
talität des vorgeschoßnen Kapitals und da die Quantität Arbeit,
die absorbiert werden kann, nicht von dem Wert, sondern von der
Masse des Rohmaterials und der efficiency 1*) der Produktionsmit-
tel abhängt, nicht von ihrem Tauschwert, sondern ihrem Gebrauchs-
wert -, daß, je produktiver die Industrie in den Zweigen, deren
¦¦272¦ Produkt in die Bildung des capital constant eingeht, je
geringer die Auslage des konstanten Kapitals, das nötig ist, um
eine bestimmte Quantität Mehrwert zu produzieren, um so größer
daher die Proportion dieses Mehrwerts zum Ganzen des vorgeschoß-
nen Kapitals; um so größer daher, bei gegebner Masse des Mehr-
werts, die Profitrate.}
-----
1*) Leistungsfähigkeit
#78# Drittes Kapitel
-----
(Was Ramsay doppelt betrachtet, Ersetzen von Produkt durch Pro-
dukt bei der Reproduktion für das ganze Land und von Wert durch
Wert für den einzelnen Kapitalisten, sind 2 Gesichtspunkte, die
beide bei dem Z i r k u l a t i o n s p r o z e ß d e s
K a p i t a l s, d e r z u g l e i c h R e p r o d u k-
t i o n s p r o z e ß ist, für das einzelne Kapital selbst
betrachtet werden müssen.)
Ramsay hat die eigentliche Schwierigkeit, die den A. Smith' be-
schäftigt und in allerlei Widersprüche verwickelt, nicht gelöst.
Um sie dürr hinzustellen, ist sie die: Das ganze Kapital (als
Wert) löst sich in Arbeit auf; ist nichts als ein gewisses Quan-
tum vergegenständlichte Arbeit. Die bezahlte Arbeit aber ist
gleich den Salairen der Arbeiter, die unbezahlte gleich dem Pro-
fit der Kapitalisten. Also muß das ganze Kapital in Salair und
Profit aufgelöst werden können, unmittelbar oder mittelbar. Oder
wird irgendwo Arbeit verrichtet, die weder in Salair noch Profit
sich auflöst und bloß den Zweck hat, die in der Produktion aufge-
zehrten Werte, die aber Bedingungen der Reproduktion sind, zu er-
setzen? Aber wer verrichtet diese Arbeiten, da alle Arbeit des
Arbeiters sich auflöst in zwei Quanta, das eine, das sein eignes
Produktionsvermögen erhält, das andre, das den Profit des Kapi-
tals bildet?
zurück