Quelle: MEW 26.1 Theorien über den Mehrwert - Erster Teil


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       #237# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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       [12.  Say  über  "immaterielle  Produkte".  Rechtfertigung  eines
       unaufhaltsamen Anwachsens der unproduktiven Arbeit]
       
       Nach Garnier  erschien des faden J.-B. Say "Traité d'économie po-
       litique". Was er dem Smith vorwirft, daß er
       
       "für die Resultate dieser Tätigkeiten den Namen von Produkten ab-
       lehnt. Er  gibt der  Arbeit,  der  sie  sich  widmen,  den  Namen
       u n p r o d u k t i v"  (3e éd.. t. I, p. 117).
       
       #238# Viertes Kapitel
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       Smith  leugnet   durchaus  nicht,  daß  ces  industries  1*)  ein
       "Resultat" produzieren,  ein "produit" quelconque 2*). Er erwähnt
       sogar ausdrücklich
       
       "die Sicherheit,  die Ruhe, den Schutz des Staates" als "Resultat
       der Jahresarbeit"  (der serviteurs  de l'état 3*)) (Smith, t. II,
       l. II, ch. III, p. 313 éd. G[arnier]).
       
       Say seinerseits  hält sich  an die  Nebenbestimmung  Smiths,  daß
       diese "services" und ihr
       
       "Produkt sich  in der  Regel in  dem Moment verflüchtigen, in dem
       sie geleistet  werden, in  dem Moment, in dem sie produziert wer-
       den" (Smith l.c.).
       
       Herr Say nennt diese konsumierten "services" oder deren ouvrages,
       résultats 4*) - kurz ihren Gebrauchswert
       
       "immaterielle Produkte oder Werte, die im Moment ihrer Produktion
       konsumiert werden". [l.c.p. 116.]
       
       Statt sie  "improductifs" 5*)  zu nennen, nennt er sie productifs
       des produits  immatériels" 6*).  Er gibt einen andren Namen. Dann
       aber erklärt er weiter,
       
       "daß sie  nicht dazu dienen, das Kapital der Nation zu vermehren"
       (t. I,  p. 119).  "Eine Nation,  in der  man eine  Menge Musiker,
       Priester, Beamte  findet, kann sehr angenehm unterhalten, gut un-
       terrichtet und  ausgezeichnet verwaltet  sein. Das wäre aber auch
       alles. Kapital erhielte von der ganzen Arbeit dieser betriebsamen
       Leute keinen  direkten Zuwachs, da ihre Produkte in dem Maße, wie
       sie geschaffen, konsumiert werden." (l.c.p. 119.)
       
       Also Herr  Say erklärt diese travaux für improductifs 7*) im bor-
       niertesten Sinn  Smiths. Aber  er  will  sich  zugleich  Garniers
       "Fortschritt" aneignen.  Er erfindet  also einen  neuen Namen für
       die travaux  improductifs. Dies  ist seine Art Originalität, Pro-
       duktivität und Manier der Entdeckung. Dabei, mit seiner gewöhnli-
       chen Logik, hebt er sich selbst wieder auf. Er sagt:
       
       "Es ist  unmöglich, mit der Ansicht des Herrn Garnier einverstan-
       den zu  sein, der aus dem, daß die Arbeit der Ärzte, Juristen und
       anderer derartiger  Personen produktiv  ist, den Schluß zieht, es
       sei für eine Nation ebenso vorteilhaft, sie zu vermehren wie jede
       andere Art Arbeit." (l.c.p. 120.)
       
       Und warum  nicht, wenn  die eine  Arbeit so produktiv ist wie die
       andre und die Vermehrung der produktiven Arbeit überhaupt avanta-
       geux à une nation 8*) ist? Warum ist es nicht ebenso vorteilhaft,
       diese Art  Arbeit zu  vermehren, wie jede andre? Weil - antwortet
       Say mit seinem charakteristischen
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       1*) diese Tätigkeiten - 2*) eine Art von Produkt - 3*) Staatsdie-
       ner -  4*)  Produkte,  Resultate  -    5*)  "unproduktiv"  -  6*)
       "produktiv an  immateriellen Produkten" - 7*) Arbeiten für unpro-
       duktiv - 8*) "für eine Nation vorteilhaft"
       
       #239# Theorien über produktive und unproduktive Arbeit
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       Tiefsinn -,  weil es  überhaupt nicht vorteilhaft ist, produktive
       Arbeit irgendeiner Art über das Bedürfnis dieser Arbeit hinaus zu
       vermehren. Aber  dann hat  ja Garnier  recht. Dann  ist es ebenso
       vorteilhaft -  d.h., ebenso  unvorteilhaft -, die eine dieser Art
       Arbeiten wie die andre über ein gewisses Maß hinaus zu vermehren.
       
       "Es verhält  sich damit", fährt Say fort, wie mit der Handarbeit,
       die man  auf ein  Produkt über das Maß dessen anwenden würde, was
       zu seiner Herstellung nötig ist."
       
       (Um einen  Tisch zu  machen, soll  nicht mehr Tischlerarbeit ver-
       wandt werden,  als zur  Produktion des  Tisches nötig ist. So zum
       Flicken eines  kranken Körpers  nicht mehr, als nötig ist, um ihn
       herzustellen. Also  lawyers 1*)  und Ärzte  sollen nur die nötige
       Arbeit zur Hervorbringung ihres produit immatériel 2*) anwenden.)
       
       "Die produktive  Arbeit, die  immaterielle  Produkte  produziert,
       ist, wie  jede andere  Arbeit, nur solange produktiv, wie sie die
       Nützlichkeit und  daher den  Wert" (i.e.  den Gebrauchswert, aber
       Say verwechselt  die utilité  2*) mit dem Tauschwert) "eines Pro-
       dukts vermehrt;  darüber hinaus  ist sie eine völlig unproduktive
       Arbeit." (l.c.p. 120.)
       
       Die Logik Says also diese:
       Es ist für die Nation  n i c h t  s o  n ü t z l i c h,  die Pro-
       duzenten des  produits immatériels"  zu vermehren, als die Produ-
       zenten materieller  Produkte. Beweis:  Es ist absolut unnütz, die
       Produzenten irgendeines Produkts, sei es materiell oder immateri-
       ell, über  den Bedarf hinaus zu vermehren.  A l s o  ist es nütz-
       licher, die  unnützen Produzenten materieller als die immateriel-
       ler Produkte  zu vermehren.  Es folgt in beiden Fällen nicht, daß
       es unnütz, diese Produzenten zu vermehren, sondern nur die Produ-
       zenten eines bestimmten genre in ihrem respektiven genre.
       Materielle Produkte  können ¦¦400¦  [nach Say]  nie zuviel produ-
       ziert werden,  ebensowenig immaterielle.  Aber variatio  delectat
       4*). Daher muß man verschiedne genres in beiden Fächern produzie-
       ren. Außerdem lehrt ja Herr Say:
       
       "Die Stockung im Absatz mancher Produkte rührt von der Seltenheit
       mancher anderen her." [l.c.p. 438.]
       
       Es können  also nie  zuviel  Tische  produziert  werden,  sondern
       höchstens etwa  zuwenig Schüsseln,  um sie auf den Tisch zu stel-
       len. Werden  die Ärzte zuviel vermehrt, so liegt der Fehler nicht
       darin, daß ihre services im Überfluß
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       1*) Juristen  - 2*)  immateriellen Produkts  - 3*) Nützlichkeit -
       4*) Abwechslung ergötzt
       
       #240# Viertes Kapitel
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       vorhanden sind,  sondern vielleicht, daß die services andrer Pro-
       duzenten  von  immateriellen  Produkten,  z.B.  Kurtisanen  (sieh
       l.c.p. 123,  wo die  industrie des portefaix, des courtisanes 1*)
       etc. zusammengestellt  wird und  wo Say  die Behauptung wagt, daß
       die "apprentissage"  für une  courtisane "se reduise à rien" 2*))
       zu wenig vorhanden sind.
       Endlich  neigt   sich  hiernach   die  Balance   auf  seiten  der
       "unproduktiven Arbeiter".  Man weiß genau, unter gegebnen Produk-
       tionsbedingungen, wieviel  Arbeiter nötig sind, um einen Tisch zu
       machen, wie  groß das  Quantum einer  bestimmten Art  Arbeit sein
       muß, um  ein bestimmtes  Produkt hervor,  zubringen.  Bei  vielen
       "immateriellen Produkten" dies nicht der Fall. Das erheischte Ar-
       beitsquantum, um  ein bestimmtes  Resultat zu  erreichen,  ebenso
       konjektural wie  das Resultat  selbst. Zwanzig Geistliche vereint
       bringen vielleicht  die Bekehrung  hervor, die  einem mißlingt; 6
       Ärzte, die zusammen konsultieren, finden vielleicht das Heilungs-
       mittel, das  einer allein nicht findet. In einem Richterkollegium
       wird vielleicht  mehr Gerechtigkeit produziert als von einem ein-
       zelnen, nur  sich selbst  kontrollierenden Richter. Die Masse der
       Soldaten, die erheischt ist, um das Land zu schützen, der Polizi-
       sten, um  es in  Ordnung zu halten, der Beamten, um es gut zu re-
       gieren. usw., alle diese Dinge sind problematisch und werden z.B.
       sehr oft  in englischen  Parlamenten diskutiert;  obgleich man in
       England sehr genau weiß, wieviel Spinnerarbeit nötig ist, um 1000
       lbs. Twist  zu spinnen.  Andre "produktive"  Arbeiter dieser  Art
       schließen in  ihren Begriff  ein, daß  die Nützlichkeit,  die sie
       hervorbringen, grade bloß von ihrer Zahl abhängt, in ihrer Anzahl
       selbst besteht. Z.B. Lakaien, die Zeugen von dem Reichtum und der
       Vornehmheit ihrer masters 3*) sein sollen, je größer ihr Quantum,
       um so  größer der Effekt, den sie "produzieren" sollen. Es bleibt
       also bei  Herrn Say dabei: "Improduktive Arbeiter" können nie ge-
       nug vermehrt werden. ¦400¦¦
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       1*) Arbeit  der Lastträger,  der Kurtisanen  - 2*) "Lehrzeit" für
       eine Kurtisane "sich auf nichts reduziert" - 3*) Herren

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